Titelthema Sex Mai 2012

Mia: »Es gefällt mir, mich auf einen fremden Menschen einzustellen«

 

Mia ist Prostituierte. Sie arbeitet als Escort-Dame in einer großen deutschen Stadt. An dieser Stelle schildert sie, wie sie ihren Job selbst wahrnimmt.

Es macht mir nichts aus, mit fremden Männern zu schlafen. Warum das so ist, kann ich auch nicht genau sagen. Aber ich denke nicht, dass das irgendwelche anderen Rückschlüsse auf mich als Menschen zulässt. Natürlich bietet man eine sehr spezielle Dienstleistung an: Etwas, das andere Leute als sehr intim empfinden. Zum schlechteren Menschen wird man deswegen noch lange nicht. Es gefällt mir, mich auf einen fremden Menschen einzustellen, ich genieße es überwiegend. Ich empfinde körperliche Nähe und Sexualität als etwas sehr Natürliches, nicht als bedrohlich. Viele Menschen haben Angst vor zu viel Nähe. Für mich hat das eher gesellschaftliche Gründe, als dass es tatsächlich in der Natur des Menschen liege. Für die meisten ist Sex etwas, das man nur mit vertrauten Personen teilt. Ich brauche dieses Vertrauen in der Form nicht, und kann mich in der Hinsicht sehr leicht öffnen.

Ich weiß nicht, ob all diese Dinge, die ich zu beschrieben versuche, für einen Außenstehenden überhaupt nachvollziehbar sind. Es ist eben einfach so, wie ich es schreibe. Natürlich gibt es auch Situationen, wo die gemeinsame Harmonie einfach nicht vorhanden ist, und man keine intimere Ebene findet. Andererseits habe ich bisher sehr viele, sehr intime und sehr emotionale Momente erlebt, die keinesfalls von oberflächlicher Natur waren. Ich kann auch mit einem wildfremden Menschen sehr nahe sein, und berührende Augenblicke teilen. Ich habe es zuvor selbst nicht geglaubt, doch ich habe eben erlebt. Vielleicht ist nicht jeder dazu in der Lage, aber ich kann mich unter bestimmten Voraussetzungen auch einem fremden Menschen vollständig öffnen. Was sagt das nun weiter über mich aus? Dass ich mir selbst nichts wert bin? Dass mir alles gleichgültig ist, und mich wahrscheinlich andere Probleme, wie Drogen oder Schulden, in diese Lage getrieben haben? Oder dass ich einfach nur eine geldgierige, materialistische Schlampe bin?

In meinen Ohren klingt das total bescheuert. Und das sind nur einige Klischees, mit denen ich ständig konfrontiert werde. Es mag sicherlich in dem einen oder anderen Fall zutreffen, aber das tut es für andere Menschen außerhalb des Gewerbes auch. Ich habe eigentlich immer ein relativ „normales” Leben geführt. Meine Kindheit war schön, und ich habe ein sehr enges und gutes Verhältnis zu meiner Familie. Ich liebe sie sehr. Das Gymnasium habe ich nach der elften Klasse verlassen, und danach eine kaufmännische Ausbildung begonnen und ordentlich abgeschlossen. Irgendwie hat mir der Job nie wirklich gefallen, und ich fand es auch wenig kreativ. Ich holte das Abitur nach und begann zu studieren. Ich hatte längere Beziehungen, aber eine Erfüllung waren sie wohl alle nicht so. Klar, gab es zum Teil schöne Momente, aber es hat eben nicht gereicht. Kriminelle Energie habe ich bisher auch nicht verspürt. Meine Adern und Nasenschleimhäute sind unversehrt, und ich fühle mich sehr normal.

Irgendwie schaffen es andere Menschen trotzdem immer wieder, in mir in erster Linie eine Prostituierte zu sehen. Das ist für mich vollkommen okay. Ich bin sogar stolz darauf. Aber leider verbinden andere Leute gewisse Attribute mit mir, die eben den genannten Klischees entsprechen. Diese Attribute scheinen mir auf die Stirn geschrieben zu sein. Sobald jemand von meinem Beruf erfährt, ist es so, als würde in leuchtenden Buchstaben ein Warnhinweis über mir auftauchen. Das widerum macht jede bisher noch angemessene Einschätzung meiner Person sofort zunichte. Ich kann im Endeffekt nicht objektiv beurteilen, ob ich „anders” bin als andere. Aber bestimmt führe ich kein asoziales Dasein, oder schade oder verletze andere Menschen bewusst. Daher kann ich auch nicht verstehen, was der Beruf sonst über mich aussagen soll – außer, dass ich dafür bezahlt werde, mich Männern zu öffnen, mich ihnen zu nähern, und mit ihnen zu schlafen.

Mir ist durchaus bewusst, dass nicht alle Frauen in dem Gewerbe so über ihren Beruf denken wie ich. Ich will auf gar keinen Fall leugnen, dass es auch viele Prostituierte gibt, die aus finanzieller Not oder Zwang heraus in diesem Gewerbe arbeiten. Das mag ein Aspekt des Gewerbes sein. In Deutschland sind die der Zuhälterei ähnlichen Verhältnisse verboten, und leider werden häufig Frauen aus dem Ausland auf diese Art ausgenutzt. Es mag auch noch den Teil des Milieus geben, wo sich kriminelle Aktivitäten abspielen, rigide Führungsmethoden herrschen, und Drogen zur Tagesordnung gehören. Ich möchte kein unrealistisches Bild einer immer fröhlichen, unproblematischen Branche zeichnen.

Diese Erfahrungen habe ich in dem Gewerbe nur nie gemacht. Im Gegenteil, ich habe es immer als etwas sehr Positives erlebt. Gerade die Nähe zu uns Mädchen untereinander, und der offene Umgang, sind für mich Gründe, warum ich diesen Beruf als so schön empfinde. Natürlich habe ich inzwischen auch schon Mädchen getroffen, die Schulden hatten oder Drogen nahmen. Viele von ihnen hatten wenig Bildung, und dementsprechend auch keine guten Abschlüsse. Sie haben diesen Weg vielleicht aus Mangel an Alternativen gewählt. Mir sind die Beweggründe durchaus bekannt, warum sich viele Frauen für die Prostitution entscheiden. Das möchte ich auch nicht unerwähnt lassen. Es gibt aber auch genauso andere junge Frauen, wie ich, die den Beruf völlig freiwillig nachgehen, und sogar gerne machen. Ganz ohne Not oder Zwang. Ich habe Prostitution eben ganz anders erlebt. All die negativen Beispiele, die selbst in meinem Kopf rumschwirrten, und mich jahrelang davon abhielten, habe ich nicht erfahren. Ich würde sogar behaupten, dass sie selten geworden sind.

Eine Prostituierte hat keine gute Position in der Gesellschaft, und erst recht nicht in den Köpfen der Menschen. Und weil ich niemanden verletzen oder durch meine Arbeit bloßstellen möchte, lüge ich meine Familie und andere Menschen an. Das ist sehr schwer für mich, und tut mir selber sehr weh. Ich wünsche mir, dass mehr Frauen zu dem Beruf in der Öffentlichkeit stehen, wenn sie ihn gerne ausüben. Dann können andere Leute auch mal eine andere Realität dieses Gewerbes kennen lernen. Ich hoffe, dass die Menschen in meinem Umfeld, die von meinem Beruf mittlerweile wissen, immer noch den Menschen in mir sehen können, der ich auch vorher war, der ich als Prostituierte bin, und unabhängig davon, immer sein werde. Ich habe mich durch die Prostitution niemals entwürdigt oder minderwertig gefühlt. Ganz im Gegenteil: Ich habe dadurch eine große Wertschätzung erfahren, weil ich vielen Menschen etwas geben konnte. Für viele Menschen bin ich sogar zur Bezugsperson geworden, und das nicht nur auf sexueller Ebene.

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