Titelthema Sex Mai 2012

Morbus Kobold oder Wenn Männer im Haushalt  »helfen«

Als »Michael Alschibaja Theimur«, geboren am 17. Februar 1943 in Paris, im Jahr 1978 an der Urologischen Klinik und Poliklinik rechts der Isar der Technischen Universität München seine Dissertation einreichte, ahnte er wohl nicht, was folgen würde. Für gewöhnlich verstauben solche Arbeiten ja ungelesen in meterlangen Universitätsregalen. Die Dissertation von Dr. Alschibaja jedoch war Auslöser eines Rechtsstreits, Grundlage vieler eher halb- bis viertelwissenschaftlicher Diskurse und nicht zuletzt, ohne dass daran ein Wort verändert worden wäre, der Text eines Comedyprogramms. Mit dem die Autorin Charlotte Roche und der Schauspieler Christoph Maria Herbst 2004 wochenlang auf Tournee waren und ganze Säle voller Frauen, aber auch Männern, zum Toben brachten. Die Dissertation von Michael Alschibaja hat den schlichten Titel »Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern«. Spätestens jetzt wird manchem kichernd klar, was der brave Herr Doktor da unwissentlich angerichtet hat. Alschibaja untersuchte zur Erlangung seines Doktortitels insgesamt 16 Fälle aus den Jahren 1966 bis 1972: acht aus der Urologie des Münchner Klinikums Rechts der Isar, fünf aus dem Städtischen Krankenhaus zu Rosenheim und noch drei weitere aus dem Hamburger Krankenhaus

St. Georg (keine Sorge, wir erzählen Sie nachher alle). Allein die räumliche Konzentration der meisten seiner Fälle auf den oberbayerischen Raum lässt vermuten, dass derlei Verletzungen ziemlich häufig in deutschen urologischen Abteilungen anzutreffen waren. Denn auch der Übeltäter war in sehr, sehr vielen Haushalten zu finden: das Modell »Kobold« der Firma Vorwerk. Was ein wenig an Loriot erinnert, war für die Betroffenen eher unlustig. Denn das Besondere am »Kobold« war, dass hier der Motor unmittelbar hinter der Saugdüse angebracht war. Somit sparte man sich den umständlichen Verbindungsschlauch wie bei herkömmlichen Modellen. Nachteil war nur, dass beim Abnehmen des Aufsatzes nur mehr 11 Zentimeter Platz waren, bis man(n) zu einem heftig rotierenden Propeller gelangte. Und 11 Zentimeter – viele Männer sind ja in der glücklichen Lage –, da bleibt kein Spielraum. Wer sich also durch den Luftstrom eines »Kobold« stimulieren lassen wollte, seinen Penis darob in jenes Ansaugrohr verbrachte und dabei mehr zu bieten hatte als jene 11 Zentimeter – für den wurde es extrem ungemütlich. Und er wurde ein Fall für die Urologie. In Fachkreisen wurde das Verletzungsmuster schon bald als »Morbus Kobold« bekannt und berühmt. Und die Firma Vorwerk aus Wuppertal kämpfte anfänglich noch beherzt gegen ihr neu gewonnenes Image, musste aber schon bald einsehen, dass sie nur verlieren konnte. Im Jahr 1985 veröffentlichte beispielsweise der Chaos Computer Club (CCC) im »Bildschirmtext« (so etwas wie der Urgroßvater des Internets) einen launigen Artikel mit dem Titel »Onanie macht krank«. Der Autor beschrieb darin, basierend auf »Dr. Alschibaj« Dissertation, mit stark ironischem Unterton die Gefahren des Haushaltsgeräts, das die Firma aus dem Bergischen Land bis dato als »seit 1930 Weltspitze durch technischen Vorsprung« und dem Motto »Nur Saugen allein genügt nicht« so solide beworben hatte. Die Klage gegen den Club wurde aber schließlich zurückgezogen, nachdem die Arbeit von Dr. Alschibaja zeigte, dass die beschriebenen Fälle tatsächlich echt und wissenschaftlich belegt waren. In den 1990ern diente die Dissertation für Satiriker und Scherzbolde, aber auch für Journalisten als Beleg für vermeintlich unsinnige oder kuriose Doktorarbeiten an deutschen Universitäten. Wie zum Beispiel im Nachrichtenmagazin Focus, das 1995 schrieb: »Welchen Fortschritt für welche Wissenschaft bringt etwa die Beschäftigung mit Penisverletzungen beim Onanieren unter Zuhilfenahme eines Staubsaugers, die mit akademischen Würden bedacht worden ist?« Dass hier freilich schon der Titel der Doktorarbeit völlig falsch zitiert wurde, scherte die Journaille wenig. Und schließlich diente die Arbeit im Jahr 2004 als veritables Comedyprogramm. Unverändert und nur leicht gekürzt, rezitierte Schauspieler und »Stromberg« Christoph Maria Herbst unter Assistenz von Charlotte Roche und zahlreicher sachdienlicher Dias aus »Dr. Alschibaj« Doktorarbeit. Dabei zeigte sich die ungewollte humoristische Potenz dieser 68 maschinenbeschriebenen Seiten. Herbst begann ganz akkurat mit der Anatomie (»Der Penis ist ein lang gestreckter, zylindrischer Körper, der im Wesentlichen aus erektilem Gewebe aufgebaut ist.«), ging sodann rasch zu einigen statistischen Feinheiten über, wie etwa der Häufigkeit der Masturbation in Abhängigkeit von Alter und Schulbildung. Bereits bei Seite 5 der Arbeit, unter Kapitel »III. Staubsauger«, wurden die ersten Zuschauer unruhig. Als Herbst nämlich erst die Motorleistung des »Kobold 116« vortrug (17.000 Umdrehungen in der Minute) und das Kapitel schließlich im Satz gipfelte: »Entfernt man nun die Saugdüse, so trennt nur noch ein 11 Zentimeter langer Ansaugstutzen« von 3,2 Zentimeter Durchmesser den Propeller von der Staubsaugerspitze. Spätestens jetzt litten die Zuhörer immer stärkere virtuelle Schmerzen, konnten aber wie bei jedem guten Unglücksfall auch nicht mehr anders, als genau hinzuhören. Und es folgte der Hauptteil: der Vortrag der 16 Fälle des Dr. Alschibaja.

In einem Interview erzählte Christoph Maria Herbst später vom typischen Verlauf einer solchen Lesung: »Wir hatten immer ein bis sechs Männer, die in Ohnmacht gefallen sind. Sie merken, dass es ihnen ein bisschen mulmig wird, stehen auch auf, aber schaff en es nicht mehr. Andere können beobachtet werden, wie sie rausgehen und zitternd an einer Zigarette ziehen. Es ist ein sehr verstörender Abend.« Zwei Fälle zitieren wir – wie die Vortragenden – wörtlich mit nur leichten Kürzungen aus »Dr. Alschibaj« Dissertation aus dem Jahr 1978. Zwei weitere Fälle erzählen wir kurz und griffig nach.

Vorweg die Erklärung der lateinischen Begriffe und Fremdwörter:

Präputium: Vorhaut

Frenulum: Vorhautbändchen

Glans penis: Eichel

Zirkumzision: Beschneidung

Sulcus coronarius: Kranzfurche

Cerclage: Verschluss des Gebärmutterhalses

Urethra: männliche Harnröhre

Nekrose: Absterben

Corona glandis: Eichelrand

Orifi cium externum: Harnröhrenöffnung

Hypospadia penis: Hypospadie; Entwicklungsstörung der Harnröhre

Fall 1

Schu., 66 Jahre, röm.-kath., verheiratet,

Beruf: Rentner (Grafiker)

Vorgeschichte: Der 66-jährige Patient hatte mit 30 Jahren geheiratet. Nach 26 Jahren wurde er wieder geschieden und lebte, nachdem er sieben Jahre allein war, mit einer 54-jährigen Witwe zusammen. Er war mit starken sexuellen Tabus behaftet, sodass er nur zögernd Auskunft über sein Sexualleben gab. Dennoch liess sich Folgendes explorieren: Den ersten Geschlechtsverkehr hatte er mit 23 Jahren. Auf Fragen nach Masturbationsgewohnheiten und Häufi gkeit gab er nur ausweichend Antwort. Selten sei er mit Prostituierten verkehrt. Während seiner Ehe habe er bis auf den Anfang nur ein Mal pro Woche Geschlechtsverkehr mit seiner Frau gehabt. Die Abstände seien mit wachsendem Alter grösser geworden. Mit seiner jetzigen Lebensgefährtin sei er seit 1,5 Jahren nur noch alle ein bis drei Monate sexuell verkehrt. Er bestritt sehr heftig, jemals pornografi sche Literatur gelesen zu haben. Onanie hielt er für ungesund, konnte aber nicht angeben, warum.

Unfallhergang: Dazu gab der Patient zuerst folgende Darstellung: Er sei gestolpert und mit dem Penis auf ein Glas gefallen. Als ihm aber gesagt wurde, dass die Art der Verletzungen unmöglich durch ein Glas verursacht werden konnte, sondern vielmehr alles auf einen Masturbationsversuch mit einem Staubsauger hindeute, widersprach er nicht und bestätigte sogar, dass er einen Staubsauger »Kobold« der Marke Vorwerk benutzt hätte. Zu dem Patienten war kein richtiges Vertrauensverhältnis herzustellen, sodass nicht weiter in ihn eingedrungen wurde.

Lokalbefund: Die Glans penis zeigte multiple tiefe Schnittverletzungen, teils mit erheblichen Gewebsdefekten auf. Die Haut war an der Corona glandis vollkommen abgerissen, die Glans mit dem Schaft nur mehr auf einer Breite von einem Zentimeter verbunden. Die Harnröhre fehlte bis 1 Zentimeter proximal vom Frenulumansatz-Bereich.

Erstversorgung: Zunächst sparsamste Wundexzision. Dann Versorgung der Harnröhre, wobei die Schleimhaut mit der äusseren Haut im Sinne einer vorderen Hypospadie vernäht wurde. Ein Ballonkatheter wurde in die Blase eingeführt. Dann Versorgung der Glans, wobei eine gute Wiederherstellung gelang. Druckverband mit Fettgaze.

Verlauf: Unter antibiotischem Schutz kam es zu einer komplikationslosen Abheilung, wobei sich allerdings eine etwa fi ngerkuppengrosse Nekrose an der Ventralseite der Glans penis ausbildete. Am 36. Tag wurde der Patient aus der stationären Behandlung entlassen.

Nachuntersuchung: Nach vier Jahren wurde der Patient zur Nachuntersuchung bestellt. Der Penisbefund zeigte den Zustand nach Zirkumzision; es bestand eine Hypospadia penis mit einer frei durchgängigen Öffnung an der Ventralseite des Penis unmittelbar proximal des Sulcus

coronarius. Das ursprüngliche Orifi cium externum war narbig verzogen, verwachsen und nur 4 Millimeter sondierbar. Narbige Einziehung im Sulcus coronarius, die auf die Glans übergeht. Varizenartige Erweiterung der Venen im Bereich der Glans penis. Es zeigte sich ferner eine

Deviation des Penis nach ventral und dextral. Sensibilitätsverlust im gesamten Narbenbereich. Miktion mehrstrahlig, ansonsten unauffällig. Beschwerden beim Geschlechtsverkehr bestanden noch im Sinne einer verminderten Erektion und einer Deviation des Penis. Bei der Ejakulation würde das Sperma nur heraustropfen.

Fall 2

Be., 48 Jahre, röm.-kath., ledig,

Beruf: Lagerarbeiter

Vorgeschichte: Der debile 48-jährige Patient war ledig. Seinen ersten Geschlechtsverkehr hatte er mit 36 Jahren. Seitdem verkehrte er nur dreimal mit einer Partnerin. Nach eigenen Angaben onanierte er regelmäßig während seiner Jugend sechs- bis achtmal die Woche, jetzt zwei- bis dreimal die Woche. Der Patient war völlig ungehemmt und gab bereitwillig und off en Antwort über sein Sexualleben.

Unfallhergang: Der Patient habe sich schon den ganzen Abend mit erotischen Gedanken beschäftigt, er sei sexuell sehr stimuliert gewesen. Da sei ihm die Idee gekommen, den Staubsauger als eine Art Vagina-Ersatz zu benutzen. Der Effekt sei enttäuschend gewesen und so habe er den Apparat angestellt. Im selben Augenblick sei der Staubsauger an seinen Körper herangezogen worden und sein Penis sei im Ansaugstutzen verschwunden. Es habe einen fürchterlichen Lärm gegeben, er habe einen stechenden Schmerz im Glied empfunden und es habe Blut gespritzt. Sein Penis sei dann so klein gewesen, dass er zuerst befürchtete, er sei amputiert worden. Nach dem ersten Schreck sei er dann in das Krankenhaus gefahren.

Lokalbefund: Erhebliche Penisverletzung mit multiplen quer und winkelig verlaufenden Riss- und Schnittwunden. Die Glans war teilweise zerfetzt. Tiefe quer verlaufende Wunde im Frenulumansatz-Bereich, auf die rechte Seite der Glans penis übergreifend, mit Durchtrennung der Harnröhre. Teilabriss des inneren Präputialblattes.

Erstversorgung: Abtragen der zerfetzten Haut, sparsamste Wundrevision und Vernähen mit Catgut. Versorgen des Präputiums im Sinne einer Zirkumzision. Einführen eines Ballonkatheters zur Harnröhrenschienung und End-zu-End-Vereinigung der Urethra. Druckverband mit Fettgaze.

Verlauf: Unter antibiotischem Schutz heilten die Wunden gut ab. Im Verlauf der stationären Behandlung stiessen sich jedoch Nekrosen ab und es bildete sich eine Fistel im Frenulumbereich aus. Ein Harnwegsinfekt wurde von zwei Stämmen des Bacterium proteus verursacht, die eine gemeinsame Empfi ndlichkeit gegen Nitrofurantoin, Gentamycin und Nalidixinsäure besassen. Der Patient zeigte sich bei der Behandlung unkooperativ. Nachdem er einmal entlaufen war, verliess er die Klinik nach 13 Tagen stationärer Behandlung auf eigenen Wunsch und gegen ärztlichen Rat. Allerdings kam er einen Monat später mit Miktionsbeschwerden wieder zur stationären Aufnahme, da sich durch Vernarbung eine vordere Harnröhrenstruktur gebildet hatte.

3. Fall:

Obwohl der 31-jährige Schweisser seit zwei Jahren glücklich verheiratet war, lief es sexuell in seiner Ehe eher bescheiden. Der Mann war von seinen Eltern sehr streng erzogen und nie aufgeklärt worden. Seine Frau, die katholisch erzogen worden war, war in Sachen Sexualität ebenfalls sehr zurückhaltend. Einen Tag bevor seine Frau von einer zweiwöchigen Reise zurückkehrte, wollte der Mann noch staubsaugen. Dabei habe er zwischendurch in Illustrierten gelesen und sei dadurch stimuliert worden. In seiner Fantasie verband er dann »saugen« mit »Staubsauger« und hielt seinen halb erigierten Penis in das Gerät. Dann habe er nur einen fürchterlich lauten Knall gehört und viel Blut gesehen. Anfangs merkte er gar nicht, was er seinem Penis da angetan hatte, denn die Schmerzen traten erst später ein. Erst als er beim Wasserlassen ein Brennen bemerkte, das sich bis ins Mark zog, ging der junge Mann zum Arzt. Sehr starke Verletzungen hatte er nicht, doch zwei Wochen im Krankenhaus blieben ihm trotzdem nicht erspart. Die Folgen waren eine traumatisierte Eichel und auf die doppelte Länge ausgedehnter Geschlechtsverkehr, bei dem das Sperma nur tropfenweise austrat.

Damit aber nicht genug …

4. Fall:

… denn der Vater des Mannes aus dem vorigen Fall stellte seinen Sohn am Tag seiner Entlassung zur Rede. Er beschuldigte ihn, seine Ehefrau während ihrer Reise mit einer anderen betrogen zu haben, und behauptete, dass die Verletzungen in Wirklichkeit auf einen Biss zurückzuführen sei, den ihm die fremde Frau zugefügt habe. Als Mann der Tat beschloss der Vater selbst zu überprüfen, was es mit diesem ominösen Staubsauger auf sich hatte. Er lieh sich den Staubsauger seines Sohnes, steckte seinen Penis in den Saugstutzen und der wurde auch sofort hinein gesogen. Ein stechender Schmerz war die Folge. Der Vater stieß das Elektrogerät zwar sofort weg, sein Penis jedoch sei ganz klein geworden und habe sich regelrecht in den Bauch zurückgezogen. Um diese Verletzung zu versorgen, bedurfte es einer Vollnarkose. Mit mehreren Einzelknopfnähten wurden die Hautlappen wieder zusammengeführt.

EPILOG:

Der »Kobold« ist in dieser Form heute längst nicht mehr erhältlich. Mittlerweile trennt auch bei ihm ein etwa ein Meter langer Schlauch Düse und Motor, sodass zwar der Saugeffekt stattfindet, aber ohne jede negative Nebenwirkung bei Zweckentfremdung. Allerdings blüht ein regelrechter Schwarzmarkt, und im Internet sind immer noch einzelne Modelle zu bekommen. Dr. Michael Alschibaja betreibt mit seinem Sohn eine urologische Praxis im Stadtzentrum von München.

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