Titelthema Sex Mai 2012

Hans schießt ins Glück

Er ist ein ziemlich taffer Typ. Reihenweise scharren sich die Mädels um ihn. Immer wenn Hans vorbeiläuft, liegt ein Knistern in der Luft. Sein Gang ist lässig, seine schwarzen Haare rassig, und der silberne Bullenring in seiner Nase, zeigt ihn von seiner wilden Seite. Wie ein leidenschaftlicher Rebell sieht er aus. Hans ist sich seiner Wirkung auf seine weibliche Anhängerschaft durchaus bewusst, und spielt gerne damit. Der Kerl lässt einfach nichts anbrennen, und gibt sich gerne jeder Gelegenheit hin. Wie viele kleine Hansi Juniors dabei schon entstanden sind, kann er mit Sicherheit nicht einmal mehr an einer Hand abzählen. Zu gern „liebt“ er in den Tag hinein. Übrigens: Hans ist nicht irgendwer. Er ist Zuchtbulle, und muss gewissermaßen berufsbedingt täglich aufs Neue seinen Mann stehen.

Hans im Glück

Als einziger Bulle lebt er mit rund 100 Mutterkühen und Kälbern zusammen in einem großräumigen Stall auf dem Ferienhof Michaelsberg in Gundelsheim. Seine Aufgabe ist es für Nachwuchs zu sorgen. Und damit hat der sportliche Zuchtbulle alle Hufen voll zu tun. Gerade schmeißt sich eine braune Kuh an ihn. Sie blökt ihn an, und versucht ihn zu besteigen. Hans ist schon ganz verwirrt. „Das ist normal“, erklärt Landwirt Michael Schäfer. Wenn Kühe „rindern“, also voller Liebeslust sind, kann es sogar passieren, dass sie andere Kühe oder den Bullen besteigen. Das hat keineswegs etwas mit einem Machtgehabe zu tun: Die Kühe sind einfach brünstig, und zeigen Zuchtbulle Hans auf diese Weise, dass sie bereit zur Paarung sind. „Da kann er einem manchmal schon leidtun“, sagt Rinderzüchter Schäfer, und kann sich das Grinsen nicht verkneifen. Je nach dem, wie die Kuh-Damen in Stimmung sind, muss Hans zwischen zwei und fünf Kühe decken – mehrmals am Tag. Da ist Konzentration gefragt. Wenn eine Kuh bereits trächtig ist, hat sie keinen Bedarf mehr, vom glücklichen Hans beglückt zu werden. Nach etwa neun Monaten bringt sie dann ihr Kalb zur Welt. Weitere neun bis zehn Monate säuft es von der Muttermilch. Damit die Färse weiterhin, beziehungsweise wieder Milch gibt, muss sie wieder trächtig werden. Ein Kreislauf, der sich von ganz allein schließt. Denn sind die Rinder wieder bereit, geht das große Brüllen von vorne los.

Hauruck

Mit einer fast ohrenbetäubenden Lautstärke brüllen einige Kühe den armen Hans an. Verdutzt schaut er aus der Wäsche. Denn das ist wieder ein Zeichen dafür, dass sie besonders gut gelaunt sind. Dann lässt Hans nicht lange auf sich warten. Eine Kuh-Lady hat er im Visier und folgt ihr. Er läuft direkt neben ihr, doch sie weicht ihm immer wieder aus, und geht in eine andere Richtung. „Hm, keine Lust?“, denkt sich Hans vielleicht. Aber tapfer wie ein Pionier bleibt er dran, nimmt Anlauf und springt auf sie drauf. Bei einem stattlichen Körpergewicht von rund 700 Kilo, sind die hauruckartigen Leibesübungen vom Zuchtbullen Hans ganz schön anstrengend. Fertig! So, jetzt erst mal ausruhen, und Grünes fressen. Normalerweise gibt es in einer Rinderherde immer zwei bis drei Bullen, die sich den Job teilen. Doch momentan muss Hans allein aushelfen. So ein Zuchtbulle kann bis zu 15 Jahre alt werden. Mit seinen vier Jahren hat er also noch viele glückliche Momente vor sich.

Zärtlichkeiten

Eine Lieblingskuh hat Hans nicht. Da ist er sehr einfach gestrickt, und lässt sich von seinen Instinkten leiten. Was aber nicht bedeutet, dass Hans nicht einfühlsam genug ist. Auch zwischen ihm und manchen weiblichen Mitbewohnern können Romanzen entstehen. „Das kann man gut auf der Weide beobachten“, sagt Hofherr Schäfer. Dort haben sie viel Freiraum, und manchmal sieht man, wie eine Kuh den Bullen schleckt, und anders herum. Dieser Austausch von Zärtlichkeiten ist Hans aber nur selten möglich. Zu anstrengend ist sein Job als einziger Erzeuger.

Frauenquote

Wer jedoch denkt, dass Hans der Chef ist, irrt. Nur weil er in jedem beglückenden Moment gute 200 Milliliter von sich gibt, heißt das noch lange nicht, dass er auch das Sagen hat. Das Gegenteil ist nämlich der Fall. Bei den Angus-Rindern wird „Frauenquote“ großgeschrieben: Mutterkühe führen die Herde. „Hans trottelt quasi hinterher“, so der Landwirt. Die ursprünglich aus Schottland stammenden Angus-Rinder sind mit knapp 140 Zentimeter Körperhöhe kleiner, als deutsche Färsen. Dafür sind sie in der Gruppe sehr stark. Sie haben einen sehr ausgeprägten Mutterinstinkt, und beschützen ihre Kälbchen und sich gegenseitig. Wenn es sein muss, auch den Bullen Hans. Würde eine Kuh zum Beispiel von einem Fuchs angegriffen werden, eilen die anderen schnell zur Hilfe. Rasch würden die hornlosen Kühe den Fuchs einkreisen, und schließlich mit ihren Hufen zertrampeln. Da sollte es sich Hans mit seinen Powerrindern nicht verscherzen, und stets treu seinen Dienst tun. Doch er ist auch nur ein Bulle und kann gelegentlich mal Schwierigkeiten im Stehvermögen haben. „Erektionsprobleme können vorkommen“, sagt Züchter Michael Schäfer. „Schlimmer ist es, wenn das beste Stück platzt.“ Vor Jahren sei das einem seiner Bullen passiert, erinnert er sich. Das war’s dann mit der aktiven Karriere. „Aber das kommt eher selten vor“, fügt der Landwirt hinzu.

Seit 1977 betreiben Michael und Ehefrau Gerda Schäfer die Zucht mit deutschen Angus-Rindern. Auch Oma Theresia Schäfer und die Kinder Michael, Stephanie und Martina helfen fleißig mit, egal ob auf dem Hof, im eigenen Bio-Laden oder im Restaurant. „Landwirtschaft muss man eben leben“, sagt Michael Schäfer, und strahlt übers ganze Gesicht. Da kann sich auch Hans noch weitere Jahre des Glücks erfreuen.

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