Titelthema Wirtschaft Dezember 2012

Dr. Manfred Wittenstein: Zum Wachstum verpflichtet

Dr.-Ing. E.h. Manfred Wittenstein ist Vorstandsvorsitzender der Igersheimer Wittenstein AG, dem Weltmarktführer für mechatronische Antriebstechnik. Produkte des High-Tech-Unternehmens sind überall dort zu finden, wo äußerst präzise angetrieben, gesteuert und geregelt werden muss.Wittenstein wurde im September 2011 in der Alten Oper in Frankfurt zum Entrepreneur des Jahres in der Kategorie Industrie gewählt und als deutscher Vertreter für den World Entrepreneur of the Year 2012 in Monte Carlo nominiert. Dort wurde er in den Kreis der erfolgreichsten Unternehmer aufgenommen. Matthias Marquart sprach mit ihm.

M. Marquart: Was bedeuten Ihnen diese Auszeichnungen?

Dr. Wittenstein: Auszeichnungen sind natürlich immer schön. In erster Linie aber sind derartige Wettbewerbe eine gute Möglichkeit den eigenen Standort zu bestimmen. Wir wollen schließlich ein in vielen Bereichen exzellent handelndes Unternehmen sein.

M. Marquart: Sie haben aus einem „kleinen Nähmaschinenbetrieb“ den Weltmarktführer für Antriebstechnologie gemacht. Was waren die Meilensteine, welche Hürden und Hindernisse galt es zu überwinden?

Dr. Wittenstein: Meine ersten Erfahrungen habe ich mir mit der Gründung des Unternehmens Teforma angeeignet. Das war lehrreich und wertvoll. Dann habe ich mich entschlossen den Betrieb meines Vaters, der damals auf der Kippe stand, zu übernehmen. Das war ein sehr großes Risiko, doch ich habe eine Chance gesehen das Unternehmen weiterzuführen und neu auszurichten. Nähmaschinen, speziell für Damenhandschuhe, hatten damals keine Zukunft mehr, also musste ich für unsere 50 Mitarbeiter ein neues Produkt suchen. In der Antriebstechnologie sah ich großes Potenzial. 1983 haben wir dann mit der Entwicklung von Präzisions-Planetengetrieben „unseren roten Faden“ gefunden und den Durchbruch geschafft. Seitdem verzeichnen wir Jahr für Jahr in all unseren Geschäftsbereichen, die nach und nach hinzukamen, kontinuierliches Wachstum.

M. Marquart: Die Wittenstein AG ist ein familiengeführtes Unternehmen. Worin liegen bei dieser Unternehmensform die Stärken und Schwächen?

Dr. Wittenstein: Die Herausforderung ist es, sich in einem individualisierten Lebensumfeld langfristig zu positionieren. Da sind die Kinder, Enkel, alle Familienmitglieder, die einen gemeinsamen Geist, eine gemeinsame Grundhaltung entwickeln müssen. Das ist nicht immer einfach, das bekommt man nicht geschenkt. Man muss familieninterne Vereinbarungen treffen – das geht bis hin zur Nachfolgeregelung und dem Testament. Wenn dies aber geschieht, wenn diese Stabilität in der Familie da ist, haben Familienunternehmen große Stärken. Vor allem darin sich langfristig zu positionieren, auf weite Sicht zu agieren und nicht den schnellen kurzfristigen Erfolg zu suchen. Dann ist es auch möglich Traditionen zu pflegen, was natürlich auch gegenseitige Verpflichtungen beinhaltet, denn schließlich soll jeder auch einen Nutzen aus dem Unternehmen ziehen können.Dabei ist es wichtig, dass jeder für sich eine emotionale Bindung zum Unternehmen aufbaut. Ich habe deshalb meine Kinder auch nie unter Druck gesetzt. Jeder muss seine eigene Entscheidung, was die Mitarbeit im Unternehmen anbelangt, selbst treffen, ohne dabei überfordert zu werden. Egal ob im operativen Geschäft oder als Aktionär – Verantwortung trägt jedes Familienmitglied.

M. Marquart: Wie hat sich die Globalisierung auf das Unternehmen ausgewirkt, wann fand diese bei Wittenstein statt?

Dr. Wittenstein: Die Entscheidung, in die Welt hinaus zu gehen, kam Ende der 80er Jahre. 1989 haben wir dann gleich die größte Herausforderung angenommen und sind nach Japan. Man lernt am meisten, wenn man sich den schwierigsten Herausforderungen stellt und auch eine blutige Nase riskiert. Die haben wir uns in Japan dann auch erst mal geholt, doch das hat den Blick enorm erweitert. Es war quasi der erste Schritt, die Wurzel. Globalisierung ist für mich weit mehr als Internationalisierung. Wir müssen begreifen, dass wir nur ein Teil eines Ganzen sind und sich die Gewichte verschieben. Wir stehen in Europa nicht im Mittelpunkt. Ich bin deshalb ein großer Verfechter für die Globalisierung, obwohl in Deutschland immer wieder deren negative Aspekte in den Vordergrund gerückt werden. Dabei wird oft vergessen, dass gerade Deutschland ein großer Gewinner im Zuge der Globalisierung ist. Wir haben das Potenzial, weltweit ganz vorne mitzuspielen.

M. Marquart: Wie wichtig ist es für Sie als Dipl. Ing., dass ein Unternehmen von einem Vorstand geführt wird, der auch noch etwas von seinen Produkten versteht?

Dr. Wittenstein: Die Verbundenheit zum Produkt ist für mich eine absolute Notwendigkeit. Sicher ist es etwas anderes, am Produkt selbst mitzuarbeiten oder das Unternehmen zu führen. Doch wer ein Unternehmen führt, muss das Produkt, die Technologie und die technischen Möglichkeiten verstehen. Ich sehe meine Rolle da als strategischen Berater, weil es mir als Familienunternehmer, anders als manchem Manager, möglich und gestattet ist, zehn Jahre vorauszudenken und das Unternehmen langfristig auszurichten.

M. Marquart: Die Wittenstein AG kümmert sich enorm um ihre Mitarbeiter und deren Familien. Welchen Stellenwert besitzt dies für Sie im Unternehmen?

Dr. Wittenstein: Ich könnte jetzt mit dem Schlagwort „Die Mitarbeiter sind unser wichtigstes Kapital“ antworten. Das stimmt auch, ist mir aber zu wenig. Wichtig ist doch wie man das seinen Mitarbeitern vermittelt. Unser Ziel ist es die vielfältigen Potenziale unserer Mitarbeiter zu entfalten. Und diese ändern sich im Verlaufe eines Berufslebens ständig. Daher wird bei uns jeder gefördert. Das beginnt in der Ausbildung und endet im Alter. Mich freut es ungemein, dass 80 Prozent unserer Mitarbeiter an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen. Wir schicken zum Beispiel unsere Studenten und Azubis seit diesem Jahr nach Abschluss ihrer Ausbildung für zwei bis drei Monate „auf die Walz“, das heißt ins Ausland. Sie sollen raus aus der heimischen „comfort-zone“, sich ein Projekt suchen und sich bewähren. Wir schubsen sie quasi aus dem Nest. Die jungen Mitarbeiter lernen dabei sehr viel über sich selbst, finden sich selbst. Aber auch während des gesamten Arbeitslebens fördern wir unsere Mitarbeiter über Weiterbildungen bis hin zur Promotion. Dabei hoffe ich, dass Facharbeiterabschlüsse bald mit dem Abitur gleichgestellt werden, um deren Bedeutung in der Gesellschaft ins Bewusstsein zu rücken. Hier auch mein Vorwurf an die Hochschulen und die Politik. Die sitzen auf Pfründen, reden vom lebenslangen Lernen und Weiterbildung aber tun, tun sie nichts. Da werden keine Konzepte entwickelt, die umsetzbar wären. Das kann man nicht alles den Unternehmen überlassen. Vielleicht braucht es ja neue Hochschulen zur Weiterbildung der Gesellschaft mit neuen Konzepten. Die Politik muss sich dem stellen und Anreize schaffen. Ich denke da zum Beispiel an die Möglichkeit demjenigen, der sich weiterbildet, Steuerkredits zu gewähren. Es braucht dringend Strukturinvestitionen und diese Lenkungsaufgabe zu übernehmen ist die Aufgabe des Staates.

M. Marquart: Sie engagieren sich in vielfältiger Weise ehrenamtlich. Welche Engagements sind das und wie lässt sich das mit Ihrer Arbeit vereinbaren?

Dr. Wittenstein: Es ist wichtig delegieren zu können und anderen Menschen eine Chance zu geben. Zuerst kommt natürlich das Unternehmen, doch es gibt immer Möglichkeiten darüber hinauszublicken. Um ein Umfeld zu schaffen in dem sich ein Unternehmen wohlfühlt ist, wenn man langfristig überleben will, auch Engagement nötig. Insofern engagiere ich mich vielfältig im Ehrenamt, klebe aber nicht an den Dingen, sondern gebe Geschaffenes gerne ab und freue mich dann auf Neues. Ehrenamtliches Engagement ist meines Erachtens nach der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.

M. Marquart: Wie wichtig ist Ihnen Ihr Engagement bei der IHK und was sind die Gründe hierfür?

Dr. Wittenstein: Ich engagiere mich schon seit meiner Zeit bei den Wirtschaftsjunioren, als wir wirklich tolle Arbeit geleistet haben, bei der IHK. Vieles wäre ohne diese Netzwerke nicht entstanden und weiterentwickelt worden. Wir haben da einige tolle Ideen verwirklicht. Die Kammer war für mich dabei früher eine eher geschlossene Gesellschaft, die nach mir unbekannten Regeln gespielt hat. Doch das hat sich schon lange geändert. Heute ist das ein Miteinander, eine Vernetzung, die enorm wichtig ist, um für gemeinsame Interessen stark aufzutreten. Ich denke da beispielsweise an Infrastruktur wie Straße, Wasser, Schiene, an Bildung und vieles mehr. All dies ist für unsere reiche und lebendige Region enorm wichtig und gemeinsam dafür einzutreten, dass das so bleibt, halte ich für essentiell. Da sollte man auch ruhig trommeln und die Attraktivität der Region auch nach außen tragen. Schließlich wollen wir die Unternehmen und Menschen nicht nur hier halten, sondern auch neue hinzugewinnen. Die IHK ist dabei ein wichtiges Gremium und es freut mich sehr, dass in jüngster Zeit eine Diskussionskultur geschaffen wurde, die sich jetzt neu- und weiterentwickeln kann.

M. Marquart: Wieviel Zeit bleibt Ihnen für die Familie und wie entspannen Sie sich?

Dr. Wittenstein: Ich achte darauf sauber zu trennen und das Unternehmen nicht ins Privatleben mitzunehmen. Wenn ich abends hier rausgehe, schließe ich auch wirklich die Tür hinter mir zu. Auch das Wochenende gehört der Familie. Zum Entspannen gehe ich gerne mit unserem Golden Retriever „Chip“ spazieren oder fahre Rad. Generell beschäftige ich mich auch in der Freizeit sehr vielfältig. Ich versuche möglichst alle Sinne anzusprechen, da sich dadurch die Möglichkeit ergibt, die Welt auch auf eine andere Art und Weise zu erleben und zu entdecken. Ich bilde sozusagen auch neuronale Netzwerke.

M. Marquart: Was sind Ihre Visionen, Wünsche und Ziele für die Zukunft aus privater und unternehmerischer Sicht?

Dr. Wittenstein: In zwei Jahren möchte ich mich aus dem operativen und strategischen Geschäft zurückziehen. Ich hoffe, dass die Visionen, Ideen und Wünsche, die wir auf den Weg gebracht haben, dann weiterhin Früchte tragen und der Geist des Unternehmens erhalten bleibt. Es wird mir sicherlich eine große Befriedigung sein, diesen Prozess zu begleiten. Und sicher, wir wollen weiter wachsen. Es wäre töricht dies nicht zu wollen. Unsere  Unternehmensstrategie verpflichtet uns geradezu zum Wachstum. Auch die Menschheit wächst, Ressourcen und Umwelt verändern sich – da kommen noch große Herausforderungen auf uns zu.

Zitate:

„Man lernt am meisten, wenn man sich den schwierigsten Herausforderungen stellt und auch eine blutige Nase riskiert.“

„Ehrenamtliches Engagement ist meines Erachtens nach der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.“

„Vielleicht braucht es ja neue Hochschulen zur Weiterbildung der Gesellschaft mit neuen Konzepten.“

„Wir wollen weiter wachsen. Es wäre töricht dies nicht zu wollen.“

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