Titelthema Wirtschaft Dezember 2012

Dr. Peter Kulitz: »Der Mangel an Fachkräften ist in Baden-Württemberg unser primäres Problem«

Wir sprachen mit dem IHK-Oberhaupt Baden-Württembergs, Präsident Dr. Peter Kulitz über den Demographischen Wandel, der nun auch unsere Region erreicht, die Suche der Unternehmen nach guten Azubis und über Streber, die es heute auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr so leicht haben.

HANIX: Herr Dr. Kulitz, die baden-württembergischen IHKs haben in Heilbronn die landesbesten Auszubildenden geehrt. Ist das in Zeiten des Fachkräftemangels vielleicht der wichtigste Preis, den der BWIHK zu vergeben hat?

Dr. Kulitz: Aus- und Weiterbildung und die Sicherung des Fachkräfteangebots sind Kernfelder der IHK-Arbeit. Das Duale System, die Ausbildung in Unternehmen und Berufsschule, ist für unsere Unternehmen ein Wettbewerbsvorteil, um den uns viele Länder beneiden. Unsere Jugendarbeitslosigkeit ist im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hervorragend niedrig, was ebenfalls am Dualen System liegt. Und das ist absolut preiswürdig.

HANIX: Bei Ihrer Antrittsrede 2010 schrieben Sie sich auf die Fahne, dass Fachkräftesicherung durch Ausbildung Ihr wichtigstes Handlungsfeld sein wird. Können Sie den von Ihnen angemahnten Mangel an Fachkräften mit Zahlen hinterlegen? Wie viele Fachkräfte fehlen den baden-württembergischen Unternehmen?

Dr. Kulitz: Schauen Sie sich im Netz unseren web-basierten Fachkräftemonitor an, den Sie auf der Homepage jeder IHK im Land finden. Dort finden Sie alle Zahlen. Betriebe, Eltern und Jugendliche bekommen hier klare Informationen, wo in Zukunft die meisten Fachkräfte fehlen. Im kommenden Jahr haben wir rund 39.000 Akademiker zu wenig, aber ebenso 122.000 qualifizierte Facharbeiter. Nicht der Mangel an Ingenieuren, sondern an Fachkräften ist in Baden-Württemberg unser primäres Problem.

HANIX: Wird diese Zahl in den kommenden Jahren noch ansteigen?

Dr. Kulitz: Ja und zwar deutlich, vor allem dann, wenn viele Jugendliche und Eltern meinen, ein Studium sei der bessere und sichere Weg. Wir befürchten, der Ansturm auf die Studienplätze führt dazu, dass diejenigen, die ihr Studium beenden, keine Stelle in der Wirtschaft finden, weil sie etwas studiert haben, das kaum gebraucht wird. Dieses Risiko hat der Weg über eine Berufsausbildung, mit der man später immer noch studieren kann, definitiv nicht.

HANIX: Sorgt der bedeutungsschwangere »demographische Wandel« für Angstschweiß auf Ihrer Stirn? Es gibt schließlich immer weniger junge Menschen.

Dr. Kulitz: Das Thema wird in den Unternehmen sehr ernst genommen und man hat sich dort schon längst darauf eingestellt. Die Sorge, dass der Fachkräftemangel immer größer wird und gravierende Folgen für die Unternehmen haben wird, teile ich uneingeschränkt.

HANIX: Welche Instrumente stehen den Unternehmen in solchen wandlerischen Zeiten zur Verfügung, um gute Mitarbeiter und Auszubildende zu rekrutieren?

Dr. Kulitz: Man muss im Betrieb Lösungen anbieten, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern und insbesondere Frauen Karriereperspektiven und flexible Beschäftigungsmöglichkeiten bieten. Man muss die eigene Belegschaft ständig weiterqualifizieren und altersgerechte Arbeitsmöglichkeiten schaffen. Chancen bietet auch die Beschäftigung ausländischer Mitarbeiter, die aber nur kommen werden, wenn für diese entsprechende Unterstützung bei der Integration in unsere Gesellschaft geboten wird. Und schließlich müssen die Betriebe bei der Einstellung von Azubis sich noch mehr als bisher auch jenen Jugendlichen öffnen, die in der Schule vielleicht nicht so gut waren und vom Elternhaus nicht jene sozialorientierten Eigenschaften mitbekommen haben, die im Betrieb für eine Zusammenarbeit unabdingbar sind. Besonders Familienunternehmen, von denen bekannt ist, dass sie eine gezielte Förderung ihrer Mitarbeiter betreiben und man schnell in verantwortungsvolle Positionen gelangen kann, haben in den letzten Jahren bei jungen Bewerbern deutlich an Attraktivität gewonnen.

HANIX: Schauen sich die baden-württembergischen Unternehmen inzwischen auch schon im Ausland um, wenn es darum geht, motivierte Auszubildende zu finden oder ist der Fachkräftemangel noch nicht ganz so schlimm?

Dr. Kulitz: Da und dort geschieht dies, aber wir stehen hier erst am Anfang einer solchen Entwicklung.

HANIX: Ist es inzwischen tatsächlich so, dass nicht mehr die Bewerber um Ausbildungsplätze in den Unternehmen buhlen, sondern viel mehr, dass sich die Unternehmen um die besten Mitarbeiter in spe zanken?

Dr. Kulitz: Der Markt hat sich in der Tat gedreht, die Unternehmen stehen im Wettbewerb um Azubis und Fachkräfte. Die Betriebe müssen sich umso mehr als attraktive Arbeitgeber präsentieren, sonst verlieren sie den Nachwuchs. Im Hotel- und Gastgewerbe sind die Probleme bereits massiv.

HANIX: Wann hat dieser Wandel stattgefunden und wodurch kann man ihn festmachen?

Dr. Kulitz: Der Wandel war absehbar, denn diejenigen, die uns heute als Azubis fehlen, hätten vor 16 bis 18 Jahre ja bereits geboren sein müssen. Seit 2010 merken wir diesen Effekt am Markt. Man darf aber nicht vergessen, dass auch die gute Konjunktur in Deutschland das Problem schneller und deutlicher zu Tage hat treten lassen.

HANIX: Gerade in Baden-Württemberg gibt es viele mittelständische Unternehmen, die in der ländlichen Provinz verortet sind. Welche Möglichkeiten haben diese Betriebe, um sich gegen Konkurrenz aus Großstädten und Ballungsgebieten durchzusetzen?

Dr. Kulitz: Heimat ist für alle wichtig, auch für die Betriebe. Die Neigung, dort zu arbeiten, wo man aufgewachsen ist, ist bei vielen jungen Menschen groß. Die Unternehmen im ländlichen Raum müssen dem Nachwuchs nur entsprechende Chancen bieten, und dies gelingt ihnen seit vielen Jahren sehr erfolgreich. Viele Betriebe schicken bereits ihre Azubis für eine Station ins Ausland, denn wer international arbeitet, braucht auch Mitarbeiter, die die Welt kennen. Regional verankert sein und international arbeiten ist seit Jahren das Erfolgskonzept der Wirtschaft in Baden-Württemberg und das gilt auch für den eher ländlichen Raum.

HANIX: Wir haben von kostenloser Zahnpflege gelesen, die beispielsweise von Betrieben angeboten wird, um Menschen dazu zu bewegen, sich für ein Unternehmen zu entscheiden. Von welchen Zusatzleistungen für Mitarbeiter, abseits von klassischen Weiter- und Fortbildungsangeboten, können Sie uns noch berichten?

Dr. Kulitz: Da ist der Phantasie sicher keiner Grenze gesetzt. Aber ich glaube nicht, dass Mitarbeiter zu einem Arbeitgeber wegen der angebotenen Zahnpflege wechseln. Die Betriebe haben aber gute Gründe, sich mehr als früher um die Gesundheit ihrer Beschäftigten zu kümmern. Denn wenn man immer mehr auf ältere Arbeitnehmer angewiesen sein wird, ist es von Vorteil, wenn diese nicht nur geistig, sondern auch körperlich fit bleiben.

HANIX: Ist es tatsächlich so, dass Bewerber um Ausbildungsplätze – trotz wirtschaftlich turbulenter Zeiten – immer wählerischer werden und zur Not auch auf einen sicheren Ausbildungsplatz verzichten, wenn ihnen beispielsweise die Unternehmensphilosophie und das Weiterbildungsangebot nicht zusagen? Oder anders gefragt: Sind junge Arbeitssuchende Menschen inzwischen gegenüber den Unternehmen in der besseren Verhandlungsposition?

Dr. Kulitz: Das ist der Trend. Man darf davon eben nicht überrascht sein, dass derjenige, der die Wahl hat, am Ende dann auch auswählt.

HANIX: Wenn man sich mit dem Thema Fachkräftemangel auseinandersetzt, bekommt man den Eindruck, dass sich bei den Unternehmen die »Denke« ändert. Es werden keine Zeugnisse mehr eingestellt, sondern es wird viel mehr darauf geachtet, ob ein junger Mensch zum Unternehmen passt. Schwere Zeiten also für Streber, die, so unsere Erinnerung an die Schulzeit, gerne mal einen Mangel an sozialer Kompetenz an den Tag legten, aber einen »Einser« nach dem anderen einfuhren?

Dr. Kulitz: Ich habe es schon immer für einen Fehler gehalten, nur nach Noten und Zeugnissen zu schauen. Die individuellen und persönlichen Eigenschaften spielen eine herausragende Rolle. Ob die Zusammenarbeit im Betrieb klappt und man soziale Kompetenz hat, ist entscheidend. Wenn sich allerdings 500 Bewerber um eine Stelle bemühen, liegt es bei der Auswahl der ersten 50 nahe, sich zunächst am Notendurchschnitt und einem generellen Profil zu orientieren. In Zukunft werden weniger Bewerbungen eingehen und diese wird man sich alle sehr viel näher anschauen. Eine gute und gut ausgestattete Personalabteilung ist und bleibt ein strategischer Vorteil für jedes Unternehmen. Wer es schafft, vor allem leistungsbereite, sozial kompetente, freundliche, hilfs- und veränderungsbereite Mitarbeiter einzustellen, hat von vorn herein gegenüber anderen Unternehmen einen substanziellen Wettbewerbsvorteil.

HANIX: Zurück zur Landesbestenehrung: Hier werden aber schon die strebsamsten Auszubildenden geehrt und nicht die sozial kompetentesten oder welche Kriterien geben den Ausschlag, dass man als Auszubildender von der IHK geehrt wird?

Dr. Kulitz: Ich würde Sie hier gerne von einem Vorurteil befreien. Streber gibt es sicher überall, aber in der dualen beruflichen Ausbildung sind sie äußerst selten. Wer in einem Unternehmen als Azubi lernt, kann sich vor den anderen nicht verstecken und sich in den Elfenbeinturm zurückziehen. Wer in einer Gruppe von Menschen, die zusammen arbeiten, nicht zurechtkommt, hat in seiner Ausbildung selten Erfolg, da kann er pauken und büffeln soviel er will. Das ist eben der Vorteil der Dualen Ausbildung: hier kümmern sich Ausbilder und Kollegen um die jungen Leute und keiner wird allein gelassen. Und in den Prüfungen, die die Praktiker aus unseren Mitgliedsbetrieben abnehmen, ist die Betrachtung sozialer Kompetenz integriert. Bei einer betrieblichen Ausbildung ist das Risiko, aus der Spur zu geraten, verschroben zu bleiben oder gar erst verschroben zu werden, aufgrund des täglichen Miteinanders sehr viel geringer. Das kann man für rein schulische Ausbildungen oder für das Studium weitaus weniger konstatieren.

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