Around the World-1 Jahr-März 2013

Bericht von Patrick Ortwein, einem Weltenbummler

Ein Jahr um die Welt

»Materie können wir anfassen, das beweist, dass sie existiert. Die Schwerkraft oder das Sonnenlicht können wir zwar nicht anfassen, aber sie sind dennoch existent, weil sie auf Materie wirken. … Haben Sie sich noch nie gewundert, weshalb die Uhren, die uns die Zeit angeben, nicht auch von der Zeit betrieben werden, sondern von Federn, Zahnrädern oder Batterien?«

Das ist ein kleiner Auszug aus Martin Suter’s Roman »Die Zeit, die Zeit«. Schon der Titel birgt etwas leidvolles das mit dieser Thematik verbunden ist, wie eine Litanei auf ein Schicksalsgefüge das uns überraschend heimgesucht hat. Für Suter eine Hypothese dass man sehr wohl die Existenz der Zeit selbst in Frage stellen kann, ist für jeden von uns die Konfrontation mit einem Phänomen das uns im Alltag nachjagt. Wieviel Zeit bleibt uns im Leben, was vermögen wir in der uns vergönnten Zeit zu unternehmen und viel wichtiger : Was ist ihrer würdig ? Was wäre wenn. Klingt trivial, aber so ist es. Wir kommen nicht immer darum uns zu fragen wo wir wären, hätten wir das ein oder andere anders gemacht. Den Entschluss habe ich lange vorher gefasst, aufgebrochen bin ich im November 2011. Eigentlich nicht auf eine Reise, denn diese hat in der Regel ein Anfang und ein Ende. Ich hab mich auf die Reise begeben, vielleicht trifft es das eher. Und genaugenommen würde ich es auch nicht als EINE Reise beschreiben, vielmehr als mehrere, unabhängige Etappen. Doch darauf kommen wir später. Den Versuch unternommen die Zeit und Suggestionen anderer Menschen die meinen zu wissen was im Leben wichtig ist, zu ignorieren, bin ich dann eben mal losgegangen. Ich sah faktisch, dass mir ein paar Jahre Zeit bleiben um die Welt ein bisschen zu erforschen, hier und da einiges mitzunehmen und zu lernen, und dann war’s das auch schon mit der Sache die wir das Leben nennen. Und es gibt viel zu lernen in der Welt, dabei spielt die zeitliche Abfolge keine Rolle. Wenn man Suter’s These glauben darf, dann existiert die Zeit nicht, sondern lediglich Veränderung. Und wenn nur Veränderung besteht, ist es doch egal in welcher Abfolge ich vom Bankkaufmann, zum Marinero, und am Ende vielleicht zum Familienvater werde (Vaterschaftsklagen bitte bis zu meinem 30. Lebensjahr zurückhalten). Wichtig ist nur sich stets daran zu erinnern dass man eben nicht alles weiss, dass es für jeden überall und von allem etwas zu lernen gibt. Also bin ich aufgebrochen, für einfach mal solange wie ich Lust habe und die einzige Prämisse die ich mir dabei selbst gesetzt habe, war kein Flugzeug zu benutzen. Der ursprüngliche Plan war, so um die Welt zu reisen. Ich kann vorneweg nehmen, dass sich Pläne ändern und ich meinen Plan vielleicht nicht gänzlich verworfen habe, dennoch zurückgestellt. Wenn man reist, ist es zwar durchaus wichtig sich immer ein paar Ziele zu stecken, denn es ist sehr leicht einfach in den Tag zu leben und sich dabei ein bisschen in der Welt zu verlieren. Doch man sollte nicht zwanghaft an etwas festhalten das dem eigenen Glück im Weg steht. Woran ich jedoch festhalte, ist ohne Flugzeug weiterzureisen, aus der Prämisse wurde eine Ideologie und ein Flugzeug ist und bleibt für mich rein pragmatischer Natur, etwas womit man eine Etappe überspringt um zu einem Ziel zu gelangen. Ein Exempel unseres Zeitgeist, alles sofort zu haben, keine Grenzen zu kennen und immer mehr zu wollen. Ein Katalysator für die Unzufriedenheit – denn die Adaption an Bequemlichkeit kennt keine Grenzen, und ein potentieller Verlust der Grössendimension unserer Welt. Wenn ich jetzt will kann ich in weniger als 24 Stunden von Trinidad in Singapur sein, um die 20 km nach Venezuela ohne Flugzeug zurückzulegen, muss ich mit den örtlichen Fischern interagieren, Risiken nehmen vor denen Geld nicht schützt und womöglich mehere Tage bis Wochen einplanen bis ich loskomme. Eine Reise ist jeden Meter zu spüren den man zurücklegt, damit verbundene Unbequemlichkeiten einzustecken, aus diesen zu lernen und möglicherweise auf dem Weg kurzerhand den Plan zu verwerfen um woanders rauszukommen als geplant. Nein, »go with the flow« ist nicht nur eine banale Floskel. Ein Flugzeug ist ein Mittel zum Zweck, wenn »die Zeit begrenzt ist«. Doch mal ehrlich, ist sie das? Was weiss ich. Klar denke ich noch in einer europäischen Zeitdenke, alles andere wäre gelogen. Wenn gerade eine da ist, dann schaut man auf die Uhr und sieht nach wieviel Zeit noch zum arbeiten bleibt bevor die Nacht einbricht, oder man fragt in einem Dorf in Gambia wie lange der Fussweg bis zum nächsten Dorf dauert. Ein Grund übrigens für einen 1A Nervenzusammenbruch, denn ob das Ziel 10 min oder 1 Tag weit entfernt ist, als Auskunft bekommt man meistens »eine Stunde«. Hier bekommt die Zeit noch keine allzugrosse Bedeutung zugemessen, und etwas das nicht materieller Natur ist, oder auf Materie wirkt und das man ausser Acht lässt, büsst seine Bedeutung und damit seine Existenz ein. Und ja, ich zähle auch hin und wieder die Monate und stelle fest dass ich schon ziemlich lange, ziemlich weit weg von Freunden und Familie bin. Es ist schwer sich um etwas anderes zu kümmern ausser ums Reisen, wenn man jeden Tag eine Ladung neuer Eindrücke ins Gesicht geschleudert bekommt, hin und wieder arbeiten muss, neue Menschen kennen lernt und dann doch gleichzeitig den Menschen in der alten Heimat treu bleiben will. An dieser Stelle also ein kleiner Nachruf an all meine Freunde: »Leute, Ich denk öfters an euch als dass ich es gebacken bekomm zu schreiben, verzeiht mir!« Und ein weiterer Nachruf für das Finanzamt: »Wenn ich von arbeiten rede, dann meine ich selbstverständlich ehrenamtliche, unbezahlte Arbeit, die keine Versteuerung bedarf« Und noch ein letzter fuer das Hanix Magazin:

Eigentlich wurde ich gebeten einen kleinen Rückblick für die Jahresendausgabe des Hanix über meine Reise zu verfassen. Eigentlich wäre ich zu der Zeit auch noch auf den Kap Verden gewesen, hätte eigentlich auch einen Computer und mit etwas Glück auch Internet gehabt. Aber eigentlich hätte da auch die Welt untergehen sollen, was zeigt dass nichts ist wie es eigentlich sein sollte… und dass das Wort »eigentlich« eine Plage ist. Ich war nicht mehr auf den Kap Verden, hatte keinen Computer, und alles andere als festen Boden unter den Füssen. Naja, und die Welt, soweit ich das beurteilen kann, steht noch. Vermutlich sehr zum bedauern des durchgeknallten Engländers Roger, der sein Boot auf Grenada an ein ausserst liebenswürdiges, junges Pärchen aus Südafrika verschenkt hat, und sich mit den Worten verabschiedete: »Nehmt das Boot, nehmt es und wenn die Illuminati zur Apokalypse auf die Erde kommen, dann geht! SEGELT SOWEIT IN DEN PAZIFIK WIE IHR NUR KÖNNT! Ich fliege nach England um meine Tochter zu retten…!« … Armer Irrer, noch viel ärmere Tochter und glückliches Pärchen. Katy und Stephan werden übrigens tatsächlich in den Pazifik segeln, auch ohne Weltuntergangszenario, jedoch um Kokosnüsse zu schlürfen und um Inseln anzusegeln, deren Namen man nicht aussprechen kann, wo die indigene Bevölkerung immernoch versucht Flugzeuge mit Speeren vom Himmel zu holen. Aber das ist eine andere Geschichte. Meine Geschichte hat mich zu der Zeit ungefähr hierhin verschlagen: 14 Grad, 10 min, Nord ; 57 Grad 41 min West. Wer sich jetzt tatsächlich die Mühe gemacht hat zu schauen wo das sein soll, wird gemerkt haben dass es wohl zu dem Zeitpunkt kein Mensch interessiert hat. Mitten auf dem Atlantik, noch ca 187 Nautikmeilen vor der Küste von Martinique, bereits 20 Tage auf See und habe noch nicht ein Schiff in all den Tagen gesehen. Eigentlich war es nur ein einziger langer, langer Tag. Essen, schlafen, rauchen, schlafen, Kaffee trinken und hin und wieder ein Ausruf des Kapitän: »oh puton une tempête!« (»Oh scheisse ein Sturm!«). Ja das und die Geschichten meines Kapitän, waren das einzige was vermochte die Monotonie zu durchbrechen. Eine angenehme ambivalente Form der Monotonie. Wir haben zu zweit eine 8-Meter Yacht von den Kap Verden nach Martinique übergesetzt. Kirk, ein 68-jähriger 68er, ursprünglich aus Frankreich, lebte im Alter von 18 über einen Zeitraum von 2 Jahren mit seiner Frau bei einem Nomadenstamm in der West-Sahara und ist seitdem sein Leben lang auf Reisen. Er lebte über 30 Jahre in der Karibik und hat mit seinem Boot Charter gefahren. Sein Sohn wurde auf einem Boot geboren und hat nie an Land gelebt. Er hatte zwei eigene Boote, eines davon hat er versenkt weil er mit einer brenndenen »Gute-Nacht-Zigarette« eingeschlafen ist, und kurz darauf vom Wasser aus einem Feuerball beim Sinken zusah. Das gibt zu denken. Kirk selbst kehrte erst vor einem Jahr, aufgrund seines dritten Herzinfarktes, nach Frankreich zurück um, wie er sagt, »nach einem coolen Leben mal so langsam den Löffel abzugeben«. »Weisst du ich hab wenigstens gelebt, eure Jugend ist doch »une tristesse«. Wir waren richtig frei damals, da kam die Pille und all die abgefahrenen Drogen und das beste: es gab noch kein Aids. Klar, die Siphillis gab´s schon, aber dann haust du eben ein bisschen Penicillin drauf und schon ist´s weg! Und ihr müsst diese scheiss Verhütungsmittel benutzen und euch das Gerede über die Spätfolgen von LSD anhören…« Dann zündet er sich eine »Gute-Nach-Zigarette« an und legt sich schlafen. Ungeachtet der Untiefen die uns vor der Küste der Insel Fogo erwarteten. Wie komm ich also zu diesem Paradiesvogel, der auf jede lebensgefährliche Situation mit einem »Insha Allah« kontert.

Alors, nachdem ich meinen Wohnort auf den Kap Verden von einem Schiff in Santiago, auf die Berge und später die Hauptstadt der Nachbarinsel gewechselt habe, wo ich mich bereits ziemlich heimisch gefühlt habe, bekam ich eines Tages einen Anruf von einem Freund in Tarrafal, auf dessen Boot ich gelebt, gearbeitet und auch navigiert habe. Ein kurzer Anruf, der ziemlich schnelle Handlungen mit sich zog. »Hey, nächste Woche muss ein Segelboot nach Martinique übergesetzt werden, in die Karibik, Verpflegung und alle Kosten werden übernommen, du segelst mit einem Kumpel von mir, bist du dabei?« Und so schnell hab ich also alles hinter mir gelassen. Zugleich wurde mir bewusst wie weit ich schon gereist bin und dass die Kap Verden nicht nur mein Ruhepol nach einer anstrengenden Reise durch Afrika war, sondern ein bisschen zu meinem Zuhause wurde. Anstrengend, da es sich zwar idyllisch anhört zwischen zwei Welten, dem Meer und Sanddühnen durch die Sahara zu trampen und die Nächte im Zelt zu verbringen, die Realität jedoch hier und da anders aussieht. Da kommen dann eben auch mal wilde Hunde die das Zelt nachts umkreisen, deren Gebell dich schon eine halbe Stunde vor ihrer Ankunft aus dem Schlaf holt, während ich mich zurücksehne in mein WG Zimmer wo ich mit meinen Mitbewohnern gemütlich abends ein Bier trinke und keine Hunde auf »Mein Zuhause« urinieren. Ja, Reisen ist eben kein Urlaub, Reisen ist anstrengend, und bildet. So hab ich wohl am meisten von den einfachsten Familien gelernt, von denen ich eingeladen wurde, bei den tausenden von Kilometern die ich mittlerweile bereits gehitchhiked bin (ausser Booten, Autos und Motorrädern ist es mir sogar gelungen ein Pferd und einen Esel inmitten der Metropole Dakar zu hitchhiken). Ich habe Eindrücke gesammelt, gelernt die Diversität der Kulturen immer aufs Neue mit objektivem Blick zu betrachten und auch mal harte Erfahrungen einstecken müssen. Ein Motorradunfall in Guinea, der mich ins Krankenhaus nach Bamako, Mali, brachte, wo zu der Zeit gerade der »Coup d’Etat« ausbrach und mich inmitten eines Chaosgebiet befinden liess. Ja, das war wohl eher eine beschissene Situation, doch da waren auch andere, interessante, witzige Erfahrungen. Wir erinnern uns an Suter und seine These bezüglich der Zeit. Ich frage also einen Fahrer wie lange es noch dauert bevor wir den Mercedes 5-Sitzer zu 9. besteigen und eine 36 Stunden Fahrt über die Grenze von Senegal nach Guinea starten. »Gleich«, antwortet er, »es fehlt nur eine Person, wir starten gleich«. 3 Tage und 3 Naechte haben wir auf diese verdammte Person gewartet. Nächte die Ich auf einer schmutzigen Strasse neben dem Auto zubringen musste, der Geruch dieser Strasse traf auf meine Müdigkeit und forcierte sie zu… nichts! Mein Kopf war leer, eine absolute Nonchalance war alles was zurückblieb, zu müde um an irgendetwas zu denken und die Situation angemessen zu beurteilen. Die erste Nacht habe ich kein Auge zugebracht. Ein bisschen besorgt über die forschenden Blicke der Menschen um mich herum. Während des zweiten Tages bin ich immer wieder eingenickt, hab die ersten Bekanntschaften geschlossen, meinen Rucksack unter meinen Kopf gelegt und einfach geschlafen. In der zweiten Nacht fand ich mich inmitten der ganzen Leute wieder, wir tranken Kaffee, assen alle zusammen aus seiner grossen Schüssel Reis mit Fisch und die ganzen Zweifel die mir zuvor durch den Kopf gingen waren verflogen. Meinen Rucksack liess ich auch mal unbeaufsichtigt liegen. Vertrauen ist das Wichtigste. Zu wenig ist eine Barriere, zuviel eine Erfahrung. Als ich in den Nächten auf der Strasse lag wurden mir einige Dinge bewusst. Zum einen, dass ich das sicherlich nicht mein ganzes Leben lang tun kann, schon gar nicht mit 68 wenn ich möglicherweise meine Rente ausbezahlt bekomme, vielleicht auch nicht. Zum anderen hab ich mir Gedanken über den Wert des Selbstwertgefühls gemacht und beschlossen dass es gar nicht existiert, sondern lediglich die Angst vor der Beurteilung durch andere. Es ist alles andere als einfach sich damit abzufinden einige Zeit auf der Strasse zu schlafen, über Wochen hinweg gibt einem das zu denken und man hinterfragt ehrlich ob es das wert ist. Ist es. Ich war damals so glücklich wie gerade im Moment, auch wenn ich etwas dekadenter auf einem Boot im Hafen vor Chaguaramas, in Trinidad und Tobago hause. Gut, wir haben kein Gas und meistens auch kein Licht, aber dafür einen abgefahrenen Jungle um uns wenn wir morgens aufwachen, eine Kabine die Privatssphäre gewährt, was mir wichtig ist, und einen Job der ein bisschen Regel in den Tagesablauf bringt (ehrenamtlich, versteht sich!). Ich arbeite gerade an einem Holzmast zweier Franzosen, kämpfe mit der Ausbesserung des beschädigten Holzes in der vertikalen und werde ihn anschliessend streichen. Im Prinzip arbeite ich an dem Boot bis es wieder im Wasser ist, werde dann meinen Klettergurt nicht mehr für den Mast des Segelboots benutzen sondern wieder meinen Rucksack aufsetzen und mich zum Klettern nach Venezuela begeben. Thomas und ich suchen derweil nach einem Ruderboot um die Strecke zu überwinden, die aus diversen Gründen von den meisten Seglern gemieden wird. Wir sind uns einig, dass wenn wir einmal auf dem Kontinent sind, eine neue Etappe, eine andere Reise beginnt und wir haben wohl beide genug vom Inselleben fürs Erste. Auch wenn man hier wohl Jahre zubringen könnte.

Thomas hab ich übrigens in Martinique kennengelernt, er ist so alt wie ich, aus Frankreich und hat den Atlantik von La Rochelle mit einem Katamaran traversiert. Wir lernten uns kennen als ich nach den ersten 3 Tagen in Martinique von Board ging, mit einer riesigen Tüte Essen versorgt wurde und mich an den Strand »plage du surf« in Tartane begab. In Begleitung meiner neuen Freundin, 6.5 Fuss gross, wenig volumös und äusserst geschmeidig zu handhaben wenn ich sie mit der richtigen Technik mit Füssen trete…. Nein, ich rede nicht von postkolonialer Sklaverei, sondern von meinem Surfbrett. Mit diesem und meinem Zelt hab ich 10 Tage am Strand von Tartane in Martinique zugebracht, da diese Insel viel zu teuer für meinen Geschmack ist. Dort habe ich beim Surfen Thomas kennengelernt der bereits 2 Monate auf der Insel festhing und dessen Finanzen darunter stark litten. Er ging so ziemlich pleite kann man wohl sagen. Als ich eines morgens beim Bäcker Broot kaufte bin ich in einen Segler gelaufen der eine Crew suchte, Thomas angerufen und mich am Tag drauf auf einem Katamaran wiedergefunden. So kamen wir über Barbados nach Trinidad. Auch wenn nicht alles glatt ging. To keep a long story short … Ich habe gelernt dass man besser genau nachfragt bevor man bei irgendjemand aufs Boot geht und ich lerne immer wieder dass es verdammt viele Freaks in der Welt der Segler gibt. In Trinidad lernten wir Ricardo kennen, einen Spanier mit einem 50 Fuss grossen Boot mit welchem wir nach Grenada und zurück segelten und auf dem wir jetzt mit Hali, einer Engländerin und Garance, einer Franzosin alle zusammen wohnen. Ja, ich denke wir hatten Glück, das hat man nicht immer, aber meistens läuft man am besten wenn man wie ein Kind das seine ersten Gehschritte unternimmt, ganz naiv immer wieder aufsteht und weiterwackelt bis man wieder auf die Schnauze fällt. Das Weinen kann man sich jedoch sparen, in den meisten Teilen der Welt gibt es da wenig Erbarmen. Trinidad ist einer dieser Orte. Reisende die seit Jahren hier sind, seit Jahrzenten unterwegs, eindrucksvolle Persönlichkeiten und so richtige Mistkerle. Jeder versucht ein bisschen Geld zu machen und manche scheuen vor keiner Gelegenheit zurück einen anderen auszunehmen. Da werden Boote gestohlen, weiterverkauft, der Diebstahl bei der Polizei gemeldet und doppelt abkassiert, usw… Ich geb euch ein Beispiel: Thomas ging mit einem vermeindlichen Freund zu den Fischern, in einer eher bizarren Ecke des Hafens um ein bisschen … Tee für den Abend zu kaufen. José, der venezuelanische Fischer, meinte am Tag drauf zu mir »wär ich in Venezuela mit ihm alleine gelaufen, hätte ich ihn bis aufs letzte ausgenommen«. Ich hab ihn gefragt was er getan hätte wenn Thomas ihm kein Geld gegeben hätte. José mimte mit seiner Hand eine Pistole nach die er zweimal abdrückte… »pewpew«. Und lächelte zwiespältig. Man kann das für einen schlechten Scherz nehmen, da José’s Geschichte allerdings allseits bekannt ist, und jeder weiss dass er sich nicht aus Freude am Fischen beteiligt, sondern diverse Probleme mit ein paar Jungs in Venezuela hatte, die von seinem Cousin »aus der Welt geschafft« werden mussten, ehe er zurück konnte, hatten wir wenig Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit. Die Welt ist keinesfalls schlecht, nur gäbe es ohne schlecht ja auch kein gut. Beide Seiten muss man akzeptieren, mit der einen geht man nur besser nicht nachts spazieren. Dann herrscht in diesem Hafen gleichzeitig eine gemütliche Stimmung unter den Seglern, wenn die Sonne einen roten Schleier über dem Meer zurücklässt, wir die Umrisse vom venezuelanischen Festland in nicht allzuweiter Ferne erahnen und Menschen aus aller Welt sich am Pier auf ein Bier treffen, dann zeigt der Hafen sein Potential als Tor zur Welt. Wenn die grossen Pläne offenbart werden, von manchen tatsächlich umgesetzt, von anderen nur Luftschlösser die am Leben erhalten werden um dem Dasein seinen Sinn zu erhalten. Wenn man nicht reist, dann macht man eben Träume, wenn man reist lebt man sie.

Doch Träume zu leben bedeutet auch dass diese unweigerlich mit der Realität konfrontiert werden, zu Träumen schützt vor Enttäuschung und überbrückt die Leere. Ist das vielleicht der Grund warum manche Menschen nie aufbrechen um sich in ihre grossen Abenteuer zu stürzen? Oder ist es die Angst vor dem Unbekannten, das zumal so gross wirken kann, vor allem wenn man alleine aufbricht. Für sich selbst kann man so am meisten profitieren, es bringt mit sich, dass man zwar viele schöne Erfahrungen, Naturschauspiele die sich offenbaren, ganz für sich alleine hat und frei ist nur für sich alleine zu entscheiden. Entscheidungen zu treffen die in einer Gruppe vielleicht nicht möglich wären. Jedoch auch die Verantwortung für solche alleine trägt und keine Entscheidung zu treffen, ist bekanntlich auch eine Entscheidung. Alleine reisen macht stark, es formt den Charakter. Schiller schrieb »der Starke ist am mächtigsten alleine«. Und dann gibt es Momente, da will man sich herumdrehen und sich mit jemand über das was man sieht austauschen, und da tut es gut gemeinsam zu reisen. Hier war Afrika für mich eine Schule, selten traf ich andere Reisende und war oft auf mich selbst gestellt. Doch glücklich sein, das muss man auch alleine vermögen, und wer mit sich alleine nicht glücklich ist, wird es auch nie mit anderen in Gemeinschaft sein. Ich denke ich bin kein Einzelgänger, ich geniesse es mit anderen zu reisen und abgefahrene Dinge zu erleben an die man sich gemeinsam erinnert. Aber ich kann es wenn ich will, wenn es darauf ankommt, sein. Eine Freundin schrieb mir neulich eine Nachricht. Eine dieser schönen, seltenen Nachrichten die von Empathie zeugen und Interesse daran was mir zurzeit wohl im Kopf rumgeht. Sie schrieb »Auch wenn ich traurig bin wegen irgendetwas- man kann sich doch immer auch zu einem gewissen Grad aussuchen, ob man lacht oder nicht. Meistens lache ich dann. Du auch? …Denkst du dein Zuhause ist in deinem Kopf? Oder überall? Oder nirgendwo und hast du das Bedürfnis verloren so etwas zu haben?

Manchmal belächle ich mich damit und denke an dich. Aber im Moment tut es mir gut.«

Da hast du mich ganz schön zum Nachdenken gebracht. Ich denke, dass man ein Zuhause überall haben kann. Das Paradies existiert ohnehin nicht, es ist ein Gemütszustand in uns der durch die Umwelt lediglich beeinflusst wird. Ein Zuhause braucht jeder Mensch, ich trage meins mit mir herum, und ja, ich kann meistens lächeln, weil ich das tue was ich will und am besten kann. Reisen.

Ich wurde auch des Öfteren gefragt ob ich vor etwas weglaufe. Und eigentlich könnte man eine solche Aussage abtun, aber sie interessiert mich doch zu sehr als dass ich sie ignorieren könnte. Gehen, sich bewegen bedeutet nicht gleich dass man wegrennt. Ich bin glücklich wenn ich spüre dass ich mich, im metaphorischen Sinne, bewege und nicht stillstehe. Ich könnte dem was ich tue nicht den Wert etwas Absoluten zuschreiben. Es gibt unendlich viele Wege ein Leben zuzubringen, und was ich tue muss nicht für jeden das Richtige sein. Ich erinner hier an die Stelle mit den Hunden die auf mein Zelt urinierten. Das gehört eben dazu. Aber ich kann behaupten, dass ich für mich einen sinnvolen Weg ausgesucht hab. Wissen kann ich es nicht, meistens muss man sich eben mit einer Ahnung zufrieden geben.

Auf dem Boot mit dem wir wir den Atlantik traversierten fiel mir das Gedichtband »les fleurs du mal« von Baudelaire in die Hände. Und damit als erstes sein Gedicht
»Le Voyage«:

Amer savoir, celui qu’on tire du voyage! Le monde, monotone et petit, aujourd’hui, Hier, demain, toujours, nous fait voir notre image: Une oasis d’horreur dans un désert d’ennui! Faut-il partir? rester? Si tu peux rester, reste; Pars, s’il le faut. L’un court, et l’autre se tapit Pour tromper l’ennemi vigilant et funeste, Le Temps! Il est, hélas! des coureurs sans répit,

Baudelaire schreibt in diesem Auzug über die bittere Weisheit die wir aus der Reise ziehen, die Welt, monoton und klein, die uns stets ein Spiegel ist, gleicht einer »Oase des Horror in einer Wüste der Langeweile«.

»Soll man gehen? Bleiben? Wenn du kannst bleib, geh wenn du musst.« Der eine rennt, der andere verkriecht sich um die unheilvolle Feindin, die Zeit zu täuschen.

Reichlich melancholisch, und auch wenn ich die Welt weder als klein, noch als monoton, noch die Zeit als Feindin betrachte, sie kann wenn sie will. Wenn man es soweit kommen lässt ist das eigenes Verschulden. Wenn mir also wieder mal jemand vorhalten sollte dass ich vor etwas davonrenne, werde ich dem Jemand zustimmen. Ja, ich fliehe vor der Monotonie, »cette salope«, und sie wird mich nicht kriegen!

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