Die Vaterkolumne Dezember 2013

Bückware

Hätte der Zentralrat der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Vorfeld von meiner Zeugung erfahren, er wäre vermutlich dagegen gewesen. Und zwar aus Prinzip – und ganz ohne mich zu kennen. So war er, der Sozialismus im kalten Krieg. Einen Sozialismus ohne kalten Krieg haben wir in Deutschland nicht erlebt (noch nicht) – urteilen wir also nicht vorschnell. Ich weiß nicht, wieso ich vor einiger Zeit auf meine Mutter so lange einteufelte, bis sie mir die nun folgende Geschichte erzählte. Im Nachhinein könnte ich auch ohne die Wahrheit leben. Mache ich ja so auch oft genug.

Der Westberliner Winter 1971 war, wie Berliner Winter angeblich immer sind, schweinekalt. In Berlin kann es nicht einfach nur Winter sein, Berlin war schon immer das verzogene Einzelkind unter den deutschen Großstädten, Berlin gibt sich nicht mit Morgenfrost und ein paar verschneiten Tagen Anfang Januar zufrieden. Hier muss es was Besonderes sein, klirrende, schneidende, messerscharf pfeifende Kälte, und meterhohe Schneematschwehen müssen alle Straßen und Gassen in ein weltmetropolenwürdiges weißes Chaos verwandeln, so dass jeder, der in der 1971er West-Tagesschau die Bilder aus Berlin sah, auch bei 25 Grad Zentralheizung schaudernd die Schultern hochzog und sich wahnsinnig darüber freute, in Augsburg, Kiel oder sogar Braunschweig zu wohnen. Oder selbst in Jena oder Erfurt, wenn man dem Ostfernsehen glaubte, denn laut der Aktuellen Kamera vom Kanal DDR1 war es im kuscheligen Sozialismus Ostberlins immer einen brüderlichen Tick wärmer als im Westen der Stadt. Heute würde man mit solcher Propaganda niemanden mehr hinter dem Ofen vorlocken. A propos Propaganda: Farbfernsehen gab es zwar schon, es kam aber erst im darauffolgenden Sommer meiner Geburt rechtzeitig zur Olympiade in Mode. So lange wollte meine Mutter nicht warten, und ein Farbgerät kostete soviel wie ein halbes Auto. Also saß meine Mutter am 5. Dezember 1971 in Westberlin vor dem ehelichen Schwarzweißfernseher und wollte weder Auto noch Farbfernsehen. Aber was wollte sie? Dazu gleich mehr. Mein damals noch zukünftiger Vater, Choreographie jetzt, stand im Unterhemd in der gutgeheizten Wilmersdorfer Altbauwohnung, also wenn man den Grundriss von damals zur Hand hat, nicht nur klar im Westen der Stadt, sondern auch im Westzipfel der ebenfalls ehelichen Wohnung, und er mühte sich zugekniffenen Auges, ebenfalls die Blusenfarbe der Ansagerin auf dem schwarzweißen Fernseherbild zu erkennen. Meine Mutter hatte soeben behauptet, die Bluse sei eindeutig grün.

»Wie willsten dit sehen?«, fragte mein Vater kopfschüttelnd.

»An den Reflexen und am Licht natürlich«, sagte meine Mutter. »Grün schimmert doch ganz anders als rot oder blau.«

Mein Vater hatte einen ganz anderen Reflex angesichts einer Gattin, bei der es im Kopf schimmerte. Er verließ den Raum und kehrte mit einer frisch entkronenkorkten Flasche Schultheiß-Bier zurück, die er ins Blickfeld meiner Mutter hob. »So höre, Blume meines Herzens, wusstest du, dass Schultheiß eigentlich lila ist? Nicht dass ichs je gesehen hätte, denn ich trinke ja mit geschlossenen Augen direkt aus der braungetönten Flasche. Ich nehme das aber wohlwollend an. Prost.«

»Mach dich nur lustig«, sagte meine Mutter.

»Mach ick doch, wat willste denn?«

»Ich will ein Kind.«

Mein Vater lehnte sich in den Türrahmen und betrachtete sein im Fernsehsessel sitzendes Weib.

»Auf die Entfernung wird das knifflig. Soll ick rüberkommen?«

An dieser Stelle wechselte meine Mutter das Thema. Aber »rüber« war schon richtig. Meine Mutter erklärte. Erst kürzlich, im Frühling 1971, hatte Erich Honecker den Vorsitz der SED von Walter Ulbricht übernommen. Prompt war im September das sogenannte Viermächteabkommen erarbeitet worden, das unter anderem den Personenverkehr zwischen Westteil und Ostteil der geteilten Stadt neu regeln sollte. Sobald es in Kraft war, würde es sicher nicht einfacher werden. Wann also, wenn nicht jetzt?

»Morgen ist Nikolaustag«, bemerkte meine Mutter. »Wir könnten uns in einem Ostberliner Süßigkeitenladen die leckere Leipziger Schokolade besorgen.«

Mein poetisch veranlagter Vater formulierte sein Erstaunen: »Dich zieht’s in die Zone zwecks Zuckerzeugs?«, und meine Mutter führte mit einer Mehrdeutigkeit in der Stimme, die meinem Vater höchstwahrscheinlich entging, jegliche vielleicht von Gattenseite geplante Diskussion zu einem abrupten Ende, indem sie sagte: »Ich will was Süßes!«

Mehrdeutigkeit? Dazu kommen wir gleich. Jetzt galt erst einmal: gesagt, gereist. Die edelsten Kakaobohnen kamen gerüchtehalber aus südamerikanisch-sozialistischen Brüderländern der Deutschen Demokratischen Republik, und ein Tagesvisum nach Ostberlin bekam man noch denkbar unbürokratisch morgens an einem der acht Grenzübergänge der Stadt. Meine Mutter hatte ihren freien Tag, und meinem Vater fiel nicht schnell genug etwas ein, das er sich hätte vornehmen können.

Am nächsten Spätvormittag betraten die beiden plangemäß einen Schokoladeladen am Ostkreuz, in dessen Regalen sicher massenhaft Marzipan, Dominosteine und stanniolumhüllte sogenannte Schokoladenhohlkörper gestapelt waren. Nikoläuse und Weihnachtsmänner im rotweißen Coca-Cola-Sinne waren ja vermutlich als westliche Attribute verpönt. Ich habe das nicht extra recherchiert, haben sie bitte die Güte, derartige Schlampigkeiten als Zeichen besonderer Authentizität zu würdigen. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass die Geschichte sowieso immer von Siegern geschrieben wird. Meine Nochnichtganzeltern hatten vom Zwangsumtausch die Geldbörsen voller Ostgeld und wurden im Schokoladeladen freundlich begrüßt. Meine Mutter verfiel nunmehr aufs Schauspielern und benahm sich, als müsse sie mal dringend für kleine Imperialistinnen. Sie fragte die etwa fünfzigjährige Verkäuferin des Ladens nach einer Möglichkeit, auszutreten, und wurde in einen Nebenflur gewiesen. Meinen Papa zog sie hinter sich her. Er hatte immer noch keine Ahnung. Scheue Blicke, ob jemand folgte. Hier wusste man nie so genau. Meine Mutter bugsierte ihren ahnungslosen Mann durch die Tür der Damentoilette, schubste ihn direkt in die Kabine, folgte ihm und schloss die Tür.

»Snhier los?«, fragte er. Endlich kam ihm was komisch vor. Aber nun war es längst zu spät. Sie sah ihn ernst an und flüsterte: »Mach. Mir. Ein. Kind. Jetzt und hier.«

Mein Vater wurde nervös. »Bist du irre? Wenn die uns erwischen!«

»Ich mach keinen Mucks«, versprach sie.

»Ouh, heute mal mit Ansage? Ick schwöre, dit wär mar ja nicht uffjefalln.«

Glaubt man den Erzählungen meiner Mutter, begann sie nun, langsam und wortlos ihren Rocksaum anzuheben, bis der Anblick meinen Vater bewegte, seinerseits den Gürtel seiner Hose zu lockern. Aber just in diesem Moment klopfte es von außen an die Kabinentür.

»Ja nee wirklich also machense mal die Tür auf!«

Die Schokoladeladenfrau war ihnen nachgeschlichen und hatte gelauscht.

»Gibt’s denn bei euch keine Privatsphäre?«, tönte mein Vater zurück. Meine Mutter war schon dabei, sich die Bluse aufzuknöpfen. Das Stöhnen kam allerdings von der anderen Seite der Tür.

»Ouh, ihr Westler immer. Hopp los jetzt, aufmachen. Männer haben da drin ohnehin nüscht zu suchen. Dis ne Dahmtoilette.«

»Er hilft mir nur«, warf meine Mutter ein, »ich krieg den Reißverschluss nicht auf!«

»Junge Dame, sie ham gar nichts mit Reißverschluss an, wenn ich das richtig gesehen habe«, fuhr die Schokoladeladenfrau fort, »und alle andere Reißverschlüsse lassen sie mal schön zu und kommse beide wieder raus.«

»Mit erhobenen Händen oder was?«, tönte mein Vater.

»Ohne irgendwas Erhobenes, wenns möglich ist.«

Es war möglich. Es wäre vielleicht sogar schlauer gewesen. Aber wenn meine Mutter sich was in den Kopf gesetzt hatte, hielt sie weder Ochs noch Esel auf.

»Hören sie«, sagte sie, » wir sind glühende Verehrer der sozialistischen Idee.«

»Is ja nisch verbodn«, kam es von draußen, »aber auf dem Klo wird nisch geglüht.«

Meine Mutter insistierte. »Jawohl«, räumte sie nun ein, »wir wollen hier ein Kind zeugen. Aber kein gewöhnliches Kind. Ein süßes Kind, ein wunderbares … und vor allem: ein sozialistisches Kind.«

Die Schokoladeladenfrau rüttelte an der Tür: »Des wird ja imma dolla. Uffmachen aba hoppla. Da kann ja jeder kommen.«

»Also ich kann so nicht!«, protestierte mein Vater, »und überhaupt«, flüsterte er meiner Mutter zu, »was soll denn dit sein, ein sozialistisches Kind?«

»Also kommse jetzt raus oder nüsch? Ich kann gern mal nen Vopo holen, dann hamse ihrn Westen aber für die nächsten paar Tage gesehn.«

»Aber wir haben doch gar nichts gemacht!«, wehrte sich meine Mutter.

»Da bleimse notfalls neun Monate hier, das sehmer ja dann«, sagte die Schokoladeladenfrau lakonisch, »hier könnse jenfalls nüsch so ohne weiteres geschleschtlisch verkehrn, blöß weilsihn Spaß macht.«

»Aber hier liegt ein Missverständnis vor«, rief meine Mutter nun. »Wir machen das hier doch nicht aus Jux und Dollerei. Wir wollen unser Kind auf dem Grund und Boden der Deutschen Demokratischen Republik zeugen, weil wir denken, dass es so mit den richtigen Werten empfangen wird und quasi als Klassenkämpfer die Bühne der Welt, in unsrem Falle der BRD betritt.«

Eine Pause entstand, in der mein Vater sich zu meiner Mutter beugte und ihr ins Ohr flüsterte. »Was denk ich?« Aber meine Mutter hatte nur Ohren für die Stille auf der anderen Seite der Damentoilettentür, denn sie verriet ihr, dass die Schokoladeladenfrau zuhörte. »Unser Kind«, so sprach meine Mutter in sanftem Erklärton, »wird den Umsturz des kapitalistisch-kolonialistischen Westens vorbereiten, die kulturelle und finanzielle Vormachtstellung der Vereinigten Staaten von Amerika unterminieren und quasi von innen heraus das imperialistische System umkrempeln, auf dass wir alle ein einig Volk von Brüdern werden und der Kapitalismus im Rückblick der Weltgeschichte quasi nur wenige Momente gedauert haben wird.«

»A-ha!«, sagte die Schokoladeladenfrau, »und wenn’s ein Mädchen wird, was dann?«

Peinliches Schweigen. Aber nur kurz. Denn auf einmal stieß mein Vater trotzig hervor: »Dann auch!«

Meine Mutter griff zärtlich seine Hand. Von der ehelichen Liebkosung agitiert erhob nun mein Vater die Stimme und donnerte:

»Gerade wenn’s ein Mädchen wird! Ein Mädchen aus dem Osten wird es sein, die einst die Regierung eines vereinigten Deutschlands führt!«

Stille auf der anderen Seite der Damentoilettentür. Dann konnte sich die Schokoladeladenfrau nicht mehr halten und prustete los.

»Höhöhöhö, jetzt habtreusch verrodn«, sagte sie, »wollt ihr misch doch bloß veräppeln nä escht, ihr seid zu komisch. nMädschn. Raus da ihr Spassfeeschel! Aber isch muschosochn, beinoh hädded ihr misch gehabt.«

Was soll ich weiter erzählen? Mit einem Scheibchen Ostgeld entriegelte die Schokoladeladenfrau kurzerhand die Damentoilettentür von außen und scheuchte meine zukünftigen Eltern unverrichteter Dinge zurück in den Laden. Vor dem Laden patrouillierte tatsächlich ein Volkspolizist, und so kam es zu folgendem Deal: die zweimal fünf Ostmark Zwangsumtausch sowie alles weitere Geld, das meine Eltern bei sich hatten, sollte komplett und augenblicklich in Süßwaren angelegt werden, anderenfalls die Schokoladeladenfrau meine Möchtegern-Erzeuger der sozialistischen Staatsgewalt übergeben würde. Seufzend willigten die beiden ein und verließen das Fachgeschäft wenige Minuten später mit vier großen Kisten von unter der Ladentheke, in denen sich je drei Lagen von je sechs mal acht stanniolumhüllten Leipziger sogenannten Weihnachtsschokoladehohlkörpern befanden. Bevor sie ins Rechnen kommen und so Gefahr laufen, die gleich folgende Pointe zu verpassen, es waren demnach 576 Weihnachtsschokoladehohlkörper. Falls sie je von dem mysteriösen 1971er Weihnachtsschokoladehohlkörperengpass in Ostberlin gehört haben, wäre hiermit auch das geklärt.

Der Zeugungsakt, dessen Resultat ich nun tatsächlich bin, fand am darauffolgenden Abend auf dem Wilmersdorfer Küchentisch im Westteil der Stadt, wennschon im Ostteil der elterlichen 2-Zimmer-Wohnung statt. Wenn man meiner Mutter glauben kann, war dank meines Vaters auch dieser Vorgang im Rückblick der Weltgeschichte in wenigen Momenten vorbei. Der auf Veranlassung meiner ungezeugten Schwester stattfindende Systemwechsel hin zu einer brüderlichen Wertegemeinschaft ist logischerweise unterblieben, ich kann da gar nichts dafür. Von der ganzen Aktion habe ich nur diese Erzählung und ein paar Schwarzweißfotos meiner schwangeren Mutter mit schokoverschmiertem Mund. Aber trotzdem es nur Schwarzweißfotos sind, erkennt man doch ganz genau, dass es sich um schokobraune Verschmierungen handelt. Das schimmert nämlich anders als grün oder blau. Außerdem hilft’s, wenn mans weiß – und den Vornamen, den Mama mir gegeben hat, Nicolai, die russische Form von »Nikolaus«. Aus Trotz, weil man im Osten nicht an den Weihnachtsmann glaubte.

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