Interview des Monats März 2013

Luigi Calce: »Es gab lukrativere Angebote als das von den Falken«

Luigi Calce ist in Heilbronn sesshaft geworden. Inzwischen spielt der Italo-Kanadier seine achte Saison im Trikot der Heilbronner Falken und unabhängig davon, ob er noch eine Spielzeit dranhängt oder nicht: Calce wird mit seiner Familie in Heilbronn bleiben. Wir sprachen mit dem Profisportler über sein Treffen mit Wayne Gretzky, deutsche Dialekte und die Nachfolge von Falken-Manager Ernst Rupp.

HANIX  Luigi, Du bist Kanadier. Wahrscheinlich hast Du schon im Bauch deiner Mutter als ungeborenes Baby Eishockey gespielt …

LUIGI CALCE—Da meine Familie aus Italien stammt, habe ich früher zunächst Fußball gespielt. Ich habe dann im Alter von acht Jahren mit Eishockey angefangen, was für einen Kanadier ehrlich gesagt sehr spät ist. In Kanada kommt man, bei dem ganzen Hype um diesen Sport, einfach nicht daran vorbei, sich mit diesem Sport zu beschäftigen. Mein Vorteil war, dass ich schnell gut Schlittschuh gelaufen bin.

HANIX — Du hast als Jugendlicher sicherlich auch den Mann mit der Rückennummer »99« angehimmelt. Wir meinen natürlich Wayne Gretzky. Hast du seine Hoch-Zeit miterlebt?

LUIGI CALCE—Natürlich habe ich das mitbekommen. Wayne Gretzky war und ist ein großer Nationalheld und ich hatte sogar die Ehre ihn zweimal live zu erleben. Ich durfte ihm sogar einmal die Hand schütteln, was für mich, als damals 14 jährigen, fantastisch war.

HANIX — War Gretzky auch dein Idol? Oder hattest Du andere Vorbilder?

LUIGI CALCE—Klar zählte auch Wayne zu meinen Idolen, dies ist aber wahrscheinlich bei jedem jungen kanadischen Eishockey-Spieler so gewesen. Ich hatte noch ein weiteres Eishockey-Idol, Doug Gilmour aus Toronto, der aber in Deutschland wahrscheinlich nicht so bekannt ist. Er war auch so klein wie ich jetzt, aber ein großer Beißer und Kämpfer.

HANIX — Wann wurde dir und deinem Umfeld klar, dass es eventuell zu einer Profikarriere reichen könnte? Schließlich warst Du ein talentierter Schlittschuhläufer …

LUIGI CALCE—Als Kind wusste ich natürlich immer, dass ich Eishockey professionell spielen möchte. Als ich dann in meinem ersten Jahr, also als Anfänger, in meinem Verein fast den Rekord der meisten Tore in einer Saison gebrochen habe und danach den neuen Vereinsrekord für die meisten Tore in einer Saison aufstellte, hat man natürlich schon einige Leute gehört, die gesagt haben, dass der Calce mal ein großer werden kann. Jeder redet dann von der NHL, in die ich es leider nicht geschafft habe, obwohl ich immer in den höchsten Junioren-Ligen spielte. Irgendwann bin ich dann, aufgrund meiner italienischen Abstammung, nach Italien in die höchste Liga gewechselt. HANIX — Wie kam der Kontakt nach Italien zustande? Hattest Du einen eishockeybegeisterten Onkel in Mailand sitzen?

LUIGI CALCE—Als ich noch bei den Junioren gespielt habe, waren oft Leute da, die einige Kontakte nach Italien hatten. Diese Menschen haben mir dann geholfen einen italienischen Pass zu bekommen und sie haben mich auch weiter zu anderen Leuten mit noch mehr Kontakten vermittelt. Es war ein gutes Netzwerk, das funktioniert hat. Glücklicherweise waren einige Vereine aus der ersten italienischen Liga, die damals noch recht gut war, an mir interessiert. Die italienische Liga ist leider aus Geldmangel zusammengebrochen und die meisten Spieler sind dann in die Schweiz oder nach Deutschland gegangen.

HANIX — Konntest du überhaupt italienisch sprechen? Du bist zwar italienischer Abstammung aber im englischsprachigen Toronto aufgewachsen.

LUIGI CALCE—Ja konnte ich, da wir glücklicherweise zu Hause italienisch gesprochen haben. Allerdings was er anfangs in Italien trotzdem schwierig, da ich die Sprache als Erwachsener in Kanada kaum noch gesprochen habe und mich erst einmal wieder rein finden musste.

HANIX — Nach dem Kollaps der italienischen Liga hat es dich nach Deutschland verschlagen. Wie kam dann der Kontakt nach Deutschland zustande und wohin bist du zuerst gewechselt?

LUIGI CALCE—Meine erste Station in Deutschland war Adendorf bei Lüneburg, wo ich auch meine Frau kennengelernt habe. Eigentlich war gar nicht geplant nach Deutschland zu gehen und ehrlich gesagt wollte ich mit Eishockey aufhören. Irgendwann hat mich dann ein Agent zu Hause in Kanada angerufen und gefragt, ob ich denn noch spielen möchte. Ich habe gezögert aber mein Vater hat mir gesagt, dass ich es versuchen soll. Also ging ich nach Adendorf. Dort habe ich meine Frau Tanja kennengelernt, die mich dann nach Saisonende in Kanada besucht hat. Anschließend sind wir für ein Jahr nach Amberg gegangen und wollten einfach sehen ob es funktioniert mit uns. Glücklicherweise hat es das und sie ist dann auch für einen Sommer mit mir nach Kanada gegangen. Nach dem Sommer sind wir dann wieder zurück nach Deutschland und ziemlich umher gezogen.

HANIX — Ihr musstet teilweise im Jahresrhythmus die Stadt wechseln? Das klingt furchtbar anstrengend …

LUIGI CALCE—Es ist natürlich nicht so schlimm, wenn man nur zu zweit, ohne Kinder, ist. Wir haben auch überlegt, ob wir nicht lieber in Adendorf geblieben wären, da die Zeit in Amberg nicht so schön war. Als wir dann aber nach Braunschweig gezogen sind, haben wir uns sehr wohl gefühlt. Die Stadt ist zwar eher klein, hat aber eine tolle Lebensqualität. Anschließend sind wir nach Ratingen bei Düsseldorf gezogen und hatten dort tolle drei Jahre, bis der Verein, wie so oft im Eishockey, pleitegegangen ist. Nach einigen weiteren Stationen, wie zum Beispiel Dresden und Essen, sind wir dann in Heilbronn in der Oberliga gelandet. Ehrlich gesagt hat mich Tanja dazu überredet, weil ich nicht in der Oberliga spielen wollte. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar, denn mittlerweile sind wir seit 8 Jahren hier und fühlen uns sehr wohl.

HANIX — Stichwort Vereinspleiten: Scheinbar ein größeres Problem im deutschen Eishockey. Oder hattest Du einfach diesbezüglich viel Pech gehabt?

LUIGI CALCE—Leider muss man sagen, dass es tatsächlich manchmal so ist, dass sich Vereine verkalkulieren. Das kam auch schon in der DEL vor. Man muss aber sagen, dass es jetzt deutlich stabiler ist, als noch vor ein paar Jahren. Ich möchte noch erwähnen, dass ich niemals zwecks finanzieller Dinge gegen einen Verein vor Gericht gezogen bin, sondern eher in solchen Fällen auf Geld verzichtet habe. Im Laufe meiner Karriere habe ich dadurch auf eine ordentliche Summe verzichtet.

HANIX — Wieso bist Du mit deiner Familie letztendlich in Heilbronn sesshaft geworden, nachdem Du zunächst zu diesem Wechsel von deiner Frau überredet werden musstest?

LUIGI CALCE—Das Ganze ging natürlich gut los, da wir gleich in meinem ersten Jahr aufgestiegen sind und somit waren meine Bedenken zwecks der Oberliga, in der ich eigentlich nicht spielen wollte, weg. Ich habe dann immer wieder neue Verträge bekommen und auch das Umfeld, in allererster Linie meine ich Trainer Rico Rossi, hat eben gestimmt. Es gab in all den Jahren zwar immer wieder andere Angebote, die lukrativer waren als die der Heilbronner Falken, aber für mich war Geld nicht immer das Allerwichtigste. Ich habe zwei Kinder, die irgendwann in den Kindergarten und in die Schule gegangen sind. Uns war es einfach nicht wert, das Alles für ein bisschen mehr Geld wieder umzuschmeißen.

HANIX —  Wie empfindest du die schwäbische Mentalität? Für viele zugezogene ist es kein Zuckerschlecken mit den Schwaben, die ja sehr eigen sind.

LUIGI CALCE—Lass es mich so sagen, bei meinen Stationen im Norden fand ich es sehr gemütlich und ich habe die Leute sehr gemocht. Im Westen waren die Menschen für mich am einfachsten, weil sie sehr locker waren. Im bayerischen Amberg hat es mir am wenigsten gefallen, was aber nicht nur an den Leuten dort lag. Im Schwabenland war es anfangs so, dass ich dachte, dass sich viele Menschen für etwas Besseres halten und damit muss man erst mal klarkommen, auch wenn es die Menschen gar nicht so meinen. Mittlerweile habe ich mich mit vielen Leuten und auch der Mentalität angefreundet und ich kann es im schwäbischen sehr gut aushalten. Hier kann ich auch dem Verein mal ein großes Dankeschön aussprechen, denn die Leute haben sich immer darum gekümmert, dass bei mir alles passt. Ich finde auch, dass Heilbronn eine schöne Stadt ist. Die Umgebung mit den Weinbergen und Wäldern mag ich sehr.

HANIX — Du bist durch das Eishockey sehr viel in Deutschland herumgekommen. Welcher Dialekt war für dich am einfachsten und welcher am schwierigsten zu verstehen?

LUIGI CALCE—Da es fast jedes Jahr ein anderes Bundesland und ein anderer Dialekt war, war es auch jedes Jahr wieder von Neuem schwer. Meine Zeit im Norden mal ausgeschlossen, da ich damals fast gar kein Deutsch konnte, was ich mir mit der Zeit selbst durch Zeitunglesen und Fernsehen beigebracht habe. Am schwierigsten war aber tatsächlich sächsisch zu verstehen. Wenn sich ein Sachse Mühe gegeben hat, habe ich ihn auch recht gut verstanden. Wir hatten damals in Dresden einen Betreuer aus dem tiefsten Wald, der breitestes Sächsisch gesprochen hat und den habe ich wirklich überhaupt nicht verstanden. Das Problem hatten aber meine damaligen deutschen Kollegen auch.

HANIX — Ernst Rupp ist der Macher des Eishockeys in Heilbronn. Er ist so etwas wie der Franz Beckenbauer des Heilbronner Eishockeys. Allerdings soll er kein einfacher Mensch sein.

LUIGI CALCE—Den damaligen Kontakt zu mir hat zunächst Rico Rossi aufgenommen. Den ersten Kontakt mit Herrn Rupp hatte ich, als ich das erste Mal nach Heilbronn gekommen bin. Mich haben viele Leute vor ihm gewarnt und gesagt, dass er etwas schwierig ist. Ich habe aber grundsätzlich keine Probleme mit ihm, obwohl er eine Persönlichkeit ist, die man zu nehmen wissen muss. Er ist einfach jemand, der viele Ideen hat und alles leiten möchte und auch unheimlich viel für das Heilbronner Eishockey opfert. Aber wie bei allen anderen Menschen auch muss man eben wissen, wie man mit ihm umgeht. Wenn er zum Beispiel keinen guten Tag hat, geht man ihm eben aus dem Weg, wenn das möglich ist. Ich bin Ernst Rupp sehr dankbar, denn im Eishockey ist es nicht normal, dass jemand acht Jahre im selben Verein spielt und das liegt nicht nur an Rico Rossi, sondern auch an Herrn Rupp.

HANIX — Was passiert mit dem Eishockey in Heilbronn, wenn Ernst Rupp nicht mehr Manager ist?

LUIGI CALCE—Das kann ich natürlich schwer beantworten und dies wäre wohl eher eine Frage an Ernst Rupp. Klar ist nur, dass es irgendwann einen richtig guten Nachfolger geben muss, aber das hat alles auch noch Zeit. Eines ist klar, Ernst Rupp hat das Heilbronner Eishockey, auch als es schon totgesagt war, am Leben gehalten und gut durch die letzten Jahre gebracht.

HANIX — Du sitzt mit deinen Teamkollegen ziemlich viel und lange im Bus. Ihr müsst zum Beispiel nach Bremerhaven fahren, wenn es gegen die Fischtown Pinguins geht. Was macht ihr während der Fahrt?

LUIGI CALCE—Vieles. Viel schlafen, Zeitung lesen, manchmal spielen wir Karten, schauen Filme oder TV-Serien auf unseren iPads oder Laptops und manchmal wird auch auf den Tablets gespielt.

HANIX —  Die weiteste Fahrt ist, wie erwähnt, nach Bremerhaven. Fahrt ihr hierfür auch erst am Spieltag los und nach dem Spiel direkt zurück?

LUIGI CALCE—Auch bei dieser Fahrt bleibt der Ablauf gleich. Wir fahren sehr früh los, halten einmal lange an, um zu essen und uns etwas die Beine zu vertreten und kommen in der Regel zwei Stunden vor Spielbeginn in der Eishalle an. Dann folgt das normale Aufwärmprogramm für die Mannschaft mit etwas Jogging, Gymnastik und Stretching. Kurz vor dem Spiel haben wir nochmal 20 Minuten auf dem Eis, um das Blut endgültig in Wallung zu bringen. Manche Vereine fahren meines Wissens auch mal einen Tag früher, das haben wir aber noch nie gemacht.

HANIX — Neulich erst hast Du versucht den Puck mit deinem Gesicht zu fangen. Wer Eishockey spielt, bleibt von Verletzungen nicht verschont, richtig?

LUIGI CALCE—Da gibt es einige Verletzungen, die ich mir zugezogen habe und alle kann ich gar nicht aufzählen. Von Nasenbeinbrüchen, über Schläge an die Schläfe, verlorenen Zähnen, lädierten Schultern bis hin zu allen möglichen Bänderverletzungen war so ziemlich alles dabei, aber auch das gehört zum Eishockey dazu, da es nun mal ein harter Sport ist. Aber ich muss schon sagen, dass es kaum eine Saison gab, in der ich nicht verletzt war. Wobei die meisten Verletzungen eher glimpflich abgelaufen sind. Meine Frau sagt natürlich schon seit Jahren, dass ich aufhören soll, aber ich liebe diesen Sport, und solange es noch geht, ist es natürlich schwer, damit aufzuhören.

HANIX — Wovon hängt ab, ob Du nach dieser Saison aufhörst oder weitermachst? Den Verein wechseln wirst Du wohl nicht mehr, oder?

LUIGI CALCE—In allererster Linie wird mein Körper, der nach so langer Zeit schon einiges mitgemacht hat, entscheiden, wie es weitergeht. Ein Wechsel zu einem anderen Verein kommt absolut nicht mehr infrage, soviel ist klar. Entweder spiele ich noch ein Jahr hier in Heilbronn oder ich werde versuchen als Trainer, wenn möglich im Falken-Nachwuchs, tätig zu sein. Später ist natürlich auch ein Trainerposten in einer anderen Stadt denkbar. Den C-Trainerschein habe ich schon, im Sommer mache ich die B-Lizenz und natürlich möchte ich auch den A-Trainerschein machen.

HANIX —  Wieso willst Du Trainer und nicht Manager werden? Du hast es selbst gesagt, irgendwann muss ein richtig guter Nachfolger für Ernst Rupp gefunden werden …

LUIGI CALCE—Na ja, sag niemals nie. Sollte sich jemals die Möglichkeit ergeben auch in den Managementbereich zu gehen, werde ich auch das in Erwägung ziehen. Ich glaube zwar nicht, dass ich der neue Ernst Rupp werde, wenn er aber kommt und mich fragt und mir die Möglichkeit gibt, von ihm noch ein paar Jahre zu lernen, bin ich durchaus gesprächsbereit. Im Eishockey ist es immer schwierig zu sagen, was nach der aktiven Laufbahn kommt. Ich habe nur Eishockey spielen gelernt und mit knapp 40 Jahren einen neuen Beruf anzufangen ist natürlich schwer. Auf der anderen Seite reicht das verdiente Geld, im Gegensatz zum Fußballgeschäft, natürlich auch nicht, um gar nichts mehr zu machen. Ich lasse mich einfach überraschen.

HANIX — Und Du bleibst mit deiner Familie erst mal in Heilbronn. Deine Frau hat ja ein Restaurant eröffnet und somit steht ein Umzug wohl nicht an?

LUIGI CALCE—Nein, ein Umzug kommt nicht in Frage. Selbst wenn ich einen Job als Trainer bekommen sollte, möchte ich unbedingt in dieser Region bleiben. Außerdem haben wir jetzt ein Restaurant in der Heilbronner Innenstadt, das ganz gut angelaufen ist.

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