Köppels Kurzgeschichten April 2013

Herrenwahl

Nicolai Köppel schreibt zwar schon lange nicht mehr mit der Hand, aber kann sich noch gut an seine ersten tänzerischen Schritte erinnern. Mit seiner Kurzgeschichte »Herrenwahl« verarbeitet Köppel wunderbar schreckliche Engtanzabende.

»Denn das Leben ist ein Durcheinander, in dem man sich von Zeit zu Zeit auf ausgewählte Dinge beschränken und den Rest einfach ausblenden und in ihnen schweben darf. Denn wir alle wollen nur schweben, nicht wahr? Und wie geht das? Mit anderen nicht zusammenrempeln, immer in Bewegung bleiben, lächeln weil’s besser aussieht – und irgendwer guckt immer, egal ob man gerade Zeit hat zu gucken, ob einer guckt, auch wenn’s gequält aussieht, die Absicht zählt auch und die sieht man dann ja, der Rest ist Übung – das Kreuz gerade halten, dem Gegenüber nicht auf die Füße treten, und wenn man der Mann ist, sollte man führen. Ja Sie kichern, aber das ist nicht matscho oder anti-Emanze, oder wie Sie das nennen könnten, meine Damen, weiß ich nicht, der Herr führt eben nun mal, das ist kulturelle Tradition, eine andere haben wir nicht, also ich kenn keine, und Sie wollen ja schließlich die mitteleuropäischen Standardtänze lernen, nicht wahr?«

Großartig dachte ich, unser Tanzlehrer ist ein Philosoph. Es war 1986, ich war eben erst mit Piti und Hella vom Rauchen gekommen und hatte den Beginn der Ansprache verpasst, wir kamen gerade recht, uns mit den anderen 26 Halbwüchsigen in zustimmendes Murmeln einzureihen. Im Ernst, welcher Vierzehnjährige will tanzen lernen? Nein, anders. Welcher 14jährige träumt davon, es zu können? Ich meine nicht die coolen Bewegungen in der Disco, in die wir ab übernächstes Jahr bis 22 Uhr durften, sondern Cha-cha und langsamer Walzer. Die Antwort: Sozialdruck, Hormonstau und ein Mangel an Alternativen. Im Zuge eines vorgetäuschten Tanzenlernversuchs Mädchen in der Hüftgegend berühren zu können, oft minutenlang, oft zum ersten Mal, das zog uns an. Beziehungsweise der Umstand, dass wenn ausgerechnet Piti, Hella und ich, also wenn wir nicht hingingen, würden doch die anderen in der Klasse all das tun. Quasi für uns. Statt uns. Und dann so tun, als hätten sie uns was voraus. Und recht haben.

Piti war der Sohn von Getränke-Bolzmann, ein kleingeratener Derwisch. Sein Vater ließ ihn nach der Schule bis zum Abendessen Leergut stapeln, er durfte sogar schon selber Ware annehmen, wenn Lieferanten kamen, und seit dem Stimmbruch auch den Telefonhörer abnehmen. Irgendwann in unvorstellbar ferner, aber gewisser Zukunft würde Piti selber Getränke-Bolzmann sein. Das machte ihn stolz und gab ihm ungeheure Freiheit, fand ich, deshalb war Piti auch so Verbrecher-scheißegal-das-klappt-schon-mäßig-drauf. Er kam auch gut an Bier ran. Hella war mehr der bullige Typ. Er hieß beziehungsweise heißt eigentlich Jürgen und hatte seinen Spitznamen weg, seit er mal im Sommerkino seine Sonnenbrille vergessen hatte abzunehmen und mehrmals »Machdochmal HELLA!« rufen musste, bis es sich aufklärte. Hella war im Tanzkurs, weil Birgit hier war. Er wollte ihr zeigen, dass es ihm Wurst war, dass sie mit ihm Schluss gemacht hatte. Wenn es nötig war, würde er, um das rüberzubringen, sogar ein anderes Mädchen küssen, wenn sie zusah. Welches Mädchen wusste er noch nicht. Er schwankte überhaupt noch, was diesen Punkt anging. Wir drei hatten uns gesagt, dass wir nur zusammen in den Tanzkurs gehen würden, zu dritt oder gar nicht, aber das war klarer Quatsch, wir wären jeder für sich hingegangen, nur um eine Ausrede ärmer.

Zentrale Figur auf dem Parkett war Manfred Briefle. Seine Tanzschule hatte 1986 gerade 20jähriges Jubiläum, er hatte viele wie uns gesehen. Schon unsere Eltern hätten bei Briefle tanzen lernen können, aber wir wohnten alle im selben Neubaugebiet, von irgendwoher zugezogen. Kann sein, dass wir ungerecht zu ihm waren, wenn er uns spanisch vorkam, kann sein, dass für einen 14jährigen jeder sonnengebräunte Erwachsene mit schwarzgelockter Fönfrisur, der auf Fotos gern seinen weißen Anzug trägt und im Tanzunterricht Dinge sagt wie »drei .. vier .. Wech-sel-schritt!« seltsam rüberkommt. Aber komisch war’s schon: Denn immerhin gab es eine Frau Briefle. Sie war unaussprechlich dick und trug immer einen bauschigen Rock, der so dicht über dem Boden endete, dass man nur selten ihre Füße sah. Auf den im Eingangsbereich gerahmt hängenden alten Abschlussballfotos standen Herr und Frau Briefle stets Arm in Arm. Von unseren Eltern kannten wir derlei Eintracht nicht, und keiner unserer Väter hatte Fönfrisur. Also nicht so jedenfalls. Und keiner sprach so schwungvoll wie Herr Briefle, er tanzte mit der Sprache. Und er führte dabei. Dazu klatschte er immer wieder in die erhobenen Hände, was ihn noch spanischer aussehen ließ.

»Der Ablauf ist festgelegt: Sechs Tänze werden wir erlernen, zwei bis drei abendliche Doppelstunden jedem Einzelnen widmen, angefangen mit den simplen hin zu den anspruchsvolleren. An jedem der 18 Abende werden auch alle bisherigen Tänze wiederholt, damit die Schrittfolgen sich in ihren Gehirnen festsetzen können. Ich werde den Herren assistieren, Frau Briefle den Damen. Tanzen Sie bitte immer weiter, auch wenn sie einen Fehler machen, wir kommen dann zu ihnen. Sollten wir ihre vollständige Verwirrung nicht bemerken, tanzen sie bitte einfach weiter, bis wir sie bemerken, und wenn selbst das nicht mehr möglich sein sollte, lassen sie sich einfach sanft auf den Boden gleiten und fangen an zu heulen. O-kaj? Das war jetzt Ironie. Hier lernt man was! Und eins-zwei-.. eins-zwei.«

Jeden Abend dasselbe: Briefle griff sich ein Pärchen, das heißt er suchte sich einen Jungen und ein Mädchen, die er zusammen tanzen sehen wollte, er paarte also ein Pärchen und zeigte ihnen die Grundschritte, und der Rest musste zuschauen und aufpassen. Frau Briefle ergänzte manchmal mit leiser Stimme etwas, aber er ging nie darauf ein, und ich stand immer zu weit hinten, um sie zu verstehen. Dann ging Frau Briefle die Musik lauter machen, die restlichen Paare fanden sich (es ging nicht ganz auf, dazu aber später), und wir rumpelten los, und ich hatte oft ein Mädchen im Arm, das ich noch nicht kannte. Herr Briefle durchmaß den Saal mit der Ruhe des Zeremonienmeisters, ein kabelloses Mikrofon in der Hand, und korrigierte im Takt, was ihm nicht gefiel. Seine Stimme lag über der Musik aus den Boxen.

»sie-ben, acht! Das Kreuz durch. Eins, zwo, nicht so schnell, drei, vier, heb die Hand hoch, fünf, sechs, sehr schön, sie-ben, acht, gleich weiter und!« – das konnte so eine gute Viertelstunde am Stück gehen, ohne dass er sich nennenswert wiederholte, denn wenn er einen Tänzer korrigierte, erging die Meldung an alle, und alle folgten seiner Anweisung, bevor er ihren Rundrücken überhaupt gesehen hatte. Ein engmaschiges sozial zweckgebundenes Kommandonetz, halbwegs militärisch, mit Foxtrotbegleitung und geputzten Schuhen. Wie ein Soldat im Smoking, wie Alfred Biolek, der sich von Freddie Mercury das Rhythmusgefühl und von Freddy Quinn die Solariumsdauerkarte geborgt hat. Frau Briefle bewegte sich auch durch die tanzenden Paare und machte Bemerkungen, aber sie hatte kein Mikrofon. Es war wohl Konsens, dass den Mädchen die Anmut quasi angeboren war und sie nicht so viele Fehler machten. Oder stimmt es vielmehr, dass Männer auf öffentliche Zurechtweisung mit gesteigerter Ambition, Frauen aber eher verletzt reagieren? War die Tanzstunde aus dem Hause Briefle ein gruppendynamisches Meisterwerk? Möglich, aber das Beste waren die Pausen. Herr Briefle rauchte SlimLine-Zigaretten, die er zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, und er hatte nichts dagegen, wenn wir in der Pause Cola für eine Mark an seiner Getränkebar kauften und dabei auch rauchten, denn in der Pause wurde sowieso gelüftet. Tanzschuldunst lag im Raum, ein Gemisch aus Parfüm und süßem Schweiß. Briefle stand neben uns an der Bar oder dahinter, aber man sprach nicht mit ihm, und er sprach nicht mit uns. Man sprach jedoch, sobald er außer Sicht war, über ihn.

»Möchte mal wissen, wo er die Getränke kauft. Also ganz sicher nicht bei uns«, bemerkte Piti, »selber schuld, wir sind die besten, Getränke-Bolzmann, guten Tag!«

»Jaja«, sagte Hella, »ihr habt die beste Cola, du Depp. Die schmeckt doch überall gleich.«

»Warst du schon mal im Sommer bei Rewe? Da stehen die Paletten stundenlang in der Sonne, bevor sie ins Lager kommen.«

»Und so was schmeckst du?«

»Ich? Ich trink doch keine Cola vom Rewe! Getränke Bolzmann, immer dazusagen, wenn‘s schmeckt!«

Ich unterbrach die beiden. »Schaut mal, ich glaub, Katja Stähle trägt keinen BH.«

»Ich weiß«, sagte Hella, »aber ich schau da nicht hin, wenn die Birgit das sieht, denkt sie noch, ich will was von der.«

»Jaja, die Katja, die hat ja«, raunte Piti, »das sind ein paar gute Handvoll, aber ich bin ja schwere Arbeit gewöhnt. Bei der Herrenwahl hol ich sie mir gleich mal für den Tango. Die leg ich so in die Kurve, die macht gleich mit mir Abschlussball!«

Walzer, Tango und Polka konnten wir schon. Rumba, Disco-Fox, langsamer Walzer und Cha-Cha-Cha fehlten noch. Der Zwischenball näherte sich, und keiner konnte mehr der Frage ausweichen, mit wem man denn Zwischen- und infolgedessen auch Abschlussball machen wollte. Wer einen fragte, wen man fragen sollte, bei wem man eine Chance hatte, wer bei einem nicht. Den sogenannten Herren wurde traditionell zugemutet, sich um eine Dame zu bemühen. Ein Gutes hatte die Ausgangslage in unserem Kurs: es gab zu wenig Herren, und wer von den Damen übrig blieb, musste mit einem Gastherren vorlieb nehmen. Das waren Jungs, die Herr Briefle dann auftrieb, die den Abschlussball schon hinter sich hatten, die hatten schon F-Kurs oder sogar Bronze, Silber gar, und waren älter, aber nix von wegen Mädchenschwarm und schon ein eigenes Moped und so. Ein allzu stolzes Mädchen, das drei Zwischenballanträge vermeintlich unwürdiger Buben ablehnte, konnte sich am Tag der Abschlussballs unter Beobachtung ihrer Verwandten in den Armen eines Briefmarken sammelnden Physik-LKlers mit Überbiss wiederfinden, wenn sie Pech hatte. Und für immer mit ihm auf dem Abschlussballfoto sein.

Wen traute man sich zu fragen? Man musste geschickt vorgehen. Nicht zu hoch pokern, nicht zu tief stapeln. Richtig liegen bei den Vermutungen und dem aufs Hörensagen-Hören, welche Deals in der Gruppe schon gemacht waren und wie viele überhaupt, quasi prozentual. Den richtigen Zeitpunkt wählen. Es durfte nicht so wirken, als sei die angefragte Dame zweite Wahl, auch wenn sie dritte oder vierte war, man durfte aber auch nicht zu früh fragen, denn auflösen ließ sich eine durch Zusage einmal geschlossene Verbindung nur schwer. Nur: Längst hatte man noch nicht alle Mädels durchgetanzt. Wer konnte ahnen, ob sich nicht beim ständigen Wechsel der Übungspartnerinnen, der von den Briefles gefordert wurde, nicht doch noch eine finden ließ, die sich besser anfühlte, die besser tanzte, nicht so viel Quatsch redete und die man vielleicht sogar zum Lachen bringen konnte? Wusste man nicht. Aber man kann auch nicht ewig suchen.

Bei mir war’s simpel: Ich kriegte Steffi, wie immer. Wir waren alte Kindergartenkumpels, unsere Väter waren zusammen im SPD-Gesangverein. Wenn wir zusammen Abschlussball machten, interessierte das keinen besonders, nicht mal unsere Eltern. Und wenn wir eines Tages heirateten, würden sie nur kurz hochschauen und vermutlich wortlos Sekt aus dem Keller holen. Steffi war nur ihrer Freundinnen wegen hier, das sagte sie ganz offen, ich zwar auch, aber das Rattenrennen um die Abschlussballmädels wollte ich nicht mitmachen. Es war perfekt mit Steffi. Und Fotos mit uns beiden drauf gab es schon mehr als genug. Also alles ganz zwanglos. Super.

Piti hatte das Feld bald abgesteckt: Alle kamen infrage außer Katja, die ihm eine gescheuert hatte, als er sie beim Tango gefragt hatte, ob sie sich vorstellen könnte, zu Tangomusik und Kerzenschein auch Sex mit ihm zu haben, Getränke aller Art wären frei. Und Birgit fiel auch aus. Denn wer Birgit fragte, ob sie mit ihm Abschlussball machte, bekam es mit Hella zu tun. Das wusste Piti, das wusste bald sogar Birgit. Und Hella sorgte außerdem irgendwie dafür, dass es alle Jungs im Tanzkurs wussten und keiner Birgit fragte.

Piti damals unterzukriegen war nicht leicht, er war einen Kopf kleiner als die allermeisten und hatte kein Talent im mitteleuropäischen Paartanz. Auch die, die ihn nur oberflächlich kannten, und das waren die meisten, denn Piti war und ist oberflächlich, wussten zwei Dinge von ihm: Er erzählte von jeher dreckige Witze auf eine Art, die seinen Zuhörern bis heute peinlich ist, und er war der Sohn von Getränke Bolzmann bzw. ist heute selber Getränke Bolzmann. Das reichte nicht. Das reichte nur für Svenja Pietsch, die ein bisschen blöd war und selber nicht tanzen konnte. Heike hatte Svenja angeblich vor Piti gewarnt: Pass auf, der will nur fummeln, aber Svenja hatte nur gelacht. Angeblich. Und zwar nicht so Das-soll-der-Drecksack-mal-bei-mir-versuchen-mäßig, sondern eher so: hömhöm.

»Fest-an-den-Hän-den-hal-ten, drei, vier und-Seit-Vor-Wech-sel-schritt!«

Der Zwischenball nahte. Hella tanzte wahllos mit allen Damen und bekam für den Abend eine Dame zugeteilt, die mit Birgit in der Klasse war. Piti und Svenja kamen gut miteinander aus.

»Die ist reif«, sagte er, »die Svenja schnapp ich mir. Vorgestern waren wir in ‚Jenseits von Afrika‘, und sie hat mir im Dunkeln wohin gefasst. Am Zwischenball ist die fällig. Ich sag nur: Quietsch die Pietsch, hehehe.«

Sprach’s und ging sich ne Cola holen. Ich schätze, Hella und ich sahen ihm nach, ganz ohne Neid: Sollte er unseretwegen ruhig die Fälligkeit von Svenja Pietsch einlösen, aber warum war bei Piti immer alles so einfach? Steffi wollte nicht, dass ich ihr Kleid vor dem Abend des Zwischenballs sah. Und dass sie sich ne Dauerwelle machen lassen würde, erzählte sie auch nicht. Es kann schon sein, dass man sich gewisse Dinge nicht mehr sagen muss, wenn man sich lange kennt, aber dass ich an dem bewussten Abend vor der Mehrzweckhalle zuerst an ihr vorbeiging, ohne sie zu erkennen, passte ihr dann auch nicht. Hella und Birgit tanzten mit welchen, die sie extra doof fanden, nur um es dem anderen zu zeigen. Piti und Svenja Pietsch waren die meiste Zeit verschwunden und tauchten nur zu einigen Tänzen auf, sie mit geröteten Bäckchen, was mir gar nicht aufgefallen wäre, aber Piti wies mich extra darauf hin: »Hast du gesehen, wie rot die im Gesicht ist?«, fragte er mich, als Svenja sich gerade mit Steffi über das Kleid von Franka lustig machte, »Ich sag dir, ich versteh die Erwachsenen nicht. Die können das die ganze Zeit machen und sind trotzdem immer so schlecht drauf. Geht nicht in meinen Kopf. Ist doch nicht verboten!« Wenn er überhaupt da war, viel Zeit zum Reden hatte er nicht. Immer wieder piekte ihn Svenja in die Seite und zog ihn kichernd irgendwohin, auch auf die Tanzfläche, wenn gerade Polka oder Chacha dran waren. Oder einer der Gastherren sprach ihn an. Piti war bekannt.

Verboten war nämlich das Mitbringen eigener Getränke. Trotzdem hatte Piti eine Flasche Wodka dabei, an der er uns nippen ließ, und eine Zweite, die er einem der Gastherren für dreißig Mark verkaufte, Tankstellenpreis nannte er das, und dass einer was dabei hatte, machte schnell die Runde. Hella nippte einmal zuviel und saß den Rest des Abends in der Ecke. Er beobachtete Birgit, wenn sie nicht guckte, und umgekehrt. Steffi und ich saßen beieinander, aber zu reden gab es nichts. Was sie bewegte, waren Dinge wie ihre Bionoten, und die kannte ich ja, weil wir in derselben Klasse waren. Wenn es da noch was anderes gab, hatte ich keine Ahnung davon, und wenn nicht, auch nicht. Sie kam mir in ihrem gestreiften Tüllkleid vor wie ein aufwendig verpacktes Geschenk, das offenkundig nicht für mich bestimmt war, und geschminkt hatte ich sie auch noch nie gesehen. Sie sog am Strohhalm ihres Maracujasafts und holte sich einen neuen, wenn er leer war. Sie sah aus wie die Teilnehmerin einer Mini-Playback-Show, die überlegt, wie sie ihre Nummer aufziehen soll.

In der Woche danach ging es los. Die Fassade der Tanzschule wurde in der Nacht des Zwischenballs beschmiert, wie das damals hieß, vollgesprayt. >Schwule Sau< hieß es dort jetzt. Ein paar Tage später dann das Haus der Briefles. Jemand erzählte davon, wir kriegten so erstmals mit, wo Briefles überhaupt wohnten, fuhren auf den Fahrrädern hin. Tatsächlich, da stand, quer über beide Seiten, die man von der Straße einsehen konnte, »Freddi Briefle lutscht Schw- hier war die der Straße zugewandte Hausecke – änze und lässt sich ficken«, stand da, und wir dachten: Boah, echt jetzt? Bildlich vorgestellt hatten wir uns so was noch nie, Hella und ich. Wer weiß, was Piti dachte.

Piti hatte andere Probleme, aber das vordergründigste erledigte sich von selbst: Svenja kam nicht mehr in den Tanzschulunterricht und in die Schule auch nicht. Piti hatte also keine Abschlussballpartnerin mehr, und weil nicht sie, sondern immer ihre Eltern ans Telefon gingen, wenn er anrief (dreimal hat er’s probiert und mir danach davon erzählt, das dürfte also Minimum sein), und die immer auflegten, hatte er wohl auch keine Freundin mehr.

»Miststück«, sagte er schließlich, »die vögelt bestimmt mit nem anderen rum.«

Er trank eine Weile lang mehr als das eine abendliche Bier, das wir von ihm gewohnt waren. Als diese Weile vorbei war, waren wir älter und tranken mit. Svenja kam gar nicht mehr zurück in die Schule, sie wiederholte die Klasse, nachdem sie drei Monate lang gefehlt hatte und wechselte auf die Realschule. Piti ging nach der zehnten Klasse vom Gymnasium ab. Wozu brauchte Getränke Bolzmann Abitur?

Der Abschlussball fiel aus, weil sieben Elternpaare ihre Kinder nach den Schmierereien aus dem briefleschen Unterricht nahmen. Und elf Wochen nach dem Zwischenball schloss die Tanzschule ganz, um nie wieder aufzumachen, zwei Wochen, nachdem sich der Schmierer gestellt hatte. Ein junger Mann von einundzwanzig Jahren, einer der Gastherren bei unserem Zwischenball, und erst ab da ging es richtig bergab. Plötzlich hatten so manche schon immer was gewusst, aber nie was gesagt, und es kam zu unschönen Szenen, etwa als Frau Briefle beim Bäcker einfach überhaupt nicht mehr dran kam und der Ortsfriseur das Porträtbild von Herrn Briefle mit seiner frischen Dauerwelle aus dem Schaukasten nahm. Die meisten jedoch nahmen es ihm übel, dass er ein Geheimnis gehabt hatte. Nicht was für eins, das kam in der Beurteilung später, vielleicht auch mal früher, wenn man ein spezielles Problem damit hatte, aber sonst war das erst mal egal. Auch wenn es was Großes war. Gerade wenn es was Großes war, und man machte ein Geheimnis aus etwas Großem. Dann war ja der ganze Mensch nicht wahr, sondern gespielt. Über gut gespielt gab es nichts Schlechtes zu sagen. Aber wer schaut einem Tänzer zu, der immer gelacht hat und plötzlich nicht mehr, das macht ja schlechte Laune, das braucht kein Mensch, und Brot kann man ja auch woanders kaufen, wo man die Menschen nicht in ihrem Vertrauen gekränkt hat.

Beim letzten Tanzschultermin leitete uns Frau Briefle über das Mikrofon durch den langsamsten Walzer, an den ich mich erinnern kann. Birgit fasste sich ein Herz und fragte Hella, ob sie mit ihm Abschlussball machen wolle. Er sagte Nein. Dann fingen sie beiden an zu heulen und gingen. Seitdem sind sie zusammen und haben heute drei Kinder, die aus dem Tanzschulalter alle schon raus sind.

Am Tag darauf war die Tanzschule geschlossen, und da sie nie wieder geöffnet wurde, kann das als Erklärung herhalten, warum ich nicht tanzen kann. Die folgenden Jahrgänge mussten in die nächstgrößere Stadt, um die Rumba zu erlernen. Steffi und einer der Gastherren vom Zwischenball feierten beispielsweise im darauffolgenden Jahr zusammen dort Abschlussball. Keine Ahnung, was sie heute macht. Also überhaupt, meine ich. Dafür hab ich Svenja letztes Jahr getroffen, als wir unsere Väter von einem SPD-Fest abholten. War witzig, wir beide zufällig in der Stadt, standen mit den Autos nachts vor dem alten Schützenhaus und warteten auf sozialdemokratisch alkoholisierte Erzeuger. Ob ich noch Kontakt zu Peter hätte? Zu wem? fragte ich erst, weil ich wirklich nicht verstand, kein einziges Mal hatte ich Piti Peter genannt, und sie winkte ab, ich solle es vergessen, es sei nicht so wichtig, und in diesem Moment sah ich sie wieder vor mir, die Svenja von damals, erleichtert, aber auch enttäuscht. Da kam der erste Vater angewackelt, zufällig ihrer, wir warfen unsere Kippen weg und gaben uns die frei gewordenen Hände, und sie fragte mich, was ich denn eigentlich so mache jetzt. Ich antwortete so gut es ging und fragte selbst.

»Ich hab nen Kindergarten«, sagte sie, »macht Spaß, das hält jung im Kopf. Zu jung manchmal«, und kicherte fast wie früher.

»Eigene auch?«

»Nein, geht nicht«, sagte sie, drehte sich zu ihrem Vater um. Der hatte gerade nochmal meinen getroffen und jetzt redeten die auch. Svenja steckte sich nochmal eine Kippe an und fuhr fort: »Da ist was schiefgelaufen, bei ner Operation, als ich noch jung war. Wenn der Arsch«, sie nickte zu unseren Vätern und meinte ihren, »sich nicht durchgesetzt hätte, könnte er sich heute von seinem Enkel heimfahren lassen. Und von Amsterdam hab ich damals auch nichts gesehen.«

Ich sah sie ernst an, aber sie winkte ab. »Sag ihm nichts, dem Piti, der reimt sich das sonst zusammen.«

Ich versicherte ihr, wenn es einen Menschen auf Erden oder auch nur in dieser kleinen Stadt gäbe, der sich mit beinahe schon religiösem Eifer nichts, aber auch gar nichts im Leben zusammenreimte, dann sei das Piti, und sie lachte, weil sie wusste, dass ich es nicht böse meinte, denn es stimmte ja. Sie stieg ins Auto ein und wartete darauf, dass ihr Vater den Griff der Beifahrertür von selbst fand.

Drei Jahre lang blieb Herr Briefle damals verschwunden, die Tanzschule wurde nicht verkauft und unter anderem Namen wiedereröffnet oder so was, das ganze Gebäude blieb einfach leer, eine Schande, mitten in der Innenstadt, meinte mein Vater am Frühstückstisch, der nicht nur am Frühstückstisch, sondern auch im Stadtrat saß. Frau Briefle zog angeblich nach Norddeutschland, jedenfalls war sie weg, und auch Herr Briefle verschwand kurz danach, war dann aber nach drei Jahren plötzlich wieder da. Ich sah ihn am Tag meiner Führerscheinprüfung, als Piti und ich einen Sixpack frisch vom Lkw des Lieferanten knackten und meine neu erworbene Mobilität feiern wollten. Herr Briefle stand am Stehausschank vor Getränke Bolzmann, ich erkannte ihn kaum, weil er seine Haare nicht mehr färbte, und weil er schlampig angezogen, unrasiert und betrunken war. Ich sprach Piti auf den einsamen Kunden an.

»Klar«, sagte Piti, »der kommt seit ein paar Tagen am frühen Nachmittag, säuft sich einen an und zieht ab, solange es noch geht. Keine Ahnung, was das für ’n Typ ist«

»Das ist Herr Briefle!«, klärte ich auf, »unser alter Tanzschullehrer.«

»Echt?«, fragte Piti ungläubig, »hab ich nicht erkannt. Weiß ich nicht mehr. So was blende ich aus.«

»Wie geht’s dem, was glaubst du?«

Piti wedelte mit einer Hand vor seinem Gesicht herum. »Meschugge. Quatscht meistens mit sich selbst, der hat sogar schon ein paar normale Kunden verjagt, weil er so superschlau rumpalavert. Gestern sagt er zu einem, dass das Leben ein Durcheinander ist. Original so. Kann man ja mal denken, aber bevor ich mir den Satz zum Sagen ausdenk, trink ich doch lieber noch ’n Bier und halt mein Maul. Dafür gibt’s das doch, das Bier.«

»Das mein ich nicht«, sagte ich, »bekloppt sind viele.«

»Die meisten«, grinste Piti, »hab ich Glück gehabt, da kann ich behaupten, ich pass mich nur an.«

Wir kletterten auf die obersten Kästen der Leergutpyramide, setzten uns in die brutzelnde Sonne und schwiegen.

»Ich meine, wie geht’s ihm?«, sagte ich endlich und nickte Richtung Stehausschank.

»Da drüben steht er«, Piti zuckte die Schultern, »frag ihn.«

»Nee«, sagte ich.

Wir schwiegen wieder. Briefle stand in einiger Entfernung im Schatten des Stehausschanks. Wir sahen, dass er halblaut mit jemandem redete, es war nur keiner da. Piti fand das nicht so spannend, er beaufsichtigte lieber den Kundenparkplatz.

»Hast du Hella in letzter Zeit mal gesehen?«, fragte er plötzlich.

»Nee«, sagte ich noch mal.

»Dann guck nach links«, sagte Piti. Und tatsächlich, gerade setzte Hella eine leere Mineralwasserkiste aus dem Kofferraum, ließ die Heckklappe zufallen und kam winkend auf uns zu. Hella hatte den Führerschein schon über ein Jahr, er war ja auch älter wegen Sitzenbleiben. Sitzenbleiben machte älter.

»Warte mal«, Piti stand auf und stieg die Leergutpyramide herunter, so behände, wie es nur der Sohn des Getränkemarktbesitzers kann, »bleib sitzen. Ich hab ne Idee.«

Er war schon unten und boxte Hella in die Schulter, flüsterte mit ihm und stellte seine Kiste in die Pyramide. Ich verstand nicht, was sie redeten. Dann drehten sie sich beide mir zu, Piti trat einen Schritt vor und brüllte mit der Grandezza des Hausherrn in spe über den ganzen Parkplatz hinweg:

»Zur Feier des Tages und in Erinnerung an alte Tage präsentieren Jürgen Amslinger und Peter Christian Bolzmann die nun folgende Darbietung.«

Und sie nahmen Aufstellung. Ich wusste irgendwie sofort, was sie da taten. Hella fasste Piti um die Hüfte, der legte seinen Arm auf Hellas Oberarm, die andere Hand in Hellas Hand. Eine weihevolle Pause entstand, und obwohl ich unmöglich hören konnte, was Piti sagte, wenn er dort unten etwas sagte und nicht brüllte, sah ich ihn doch sich zu Hella beugen und glaubte deutlich zu hören, wie er einzählte, eins-zwei-drei, und daraufhin setzten sie sich in Bewegung. Hella und Piti tanzten. Langsamen Walzer, wenn ich richtig sah, oder besser: richtigen, den einfacheren Walzer, aber eben sehr langsam. Hella führte, der schmächtigere Piti stolperte anfangs eher nach rückwärts, aber Hella hielt ihn fest und hob ihn sogar etwas vom Boden an. Ich sah von oben zu. Der Kreis ihrer Tanzspur führte vom Leergut weg und direkt in Briefles Sichtfeld, der sich von Pitis Gebrülle nicht hatte aufschrecken lassen. Aber jetzt kriegte er mit, was da um ihn herum vorging, und reagierte prompt. Als wäre seine Stimme immer mit einer Soundanlage verbunden, hörte ich ihn laut wie damals, ein paar Jahre zuvor.

»Mehr Gefühl! Die Arme locker, lo-cker! Vor, seit, ran, vor, seit, ran – das muss noch flüssiger werden. Flüssiger!«

Briefle folgte Piti und Hella mit dem Kopf, malte Kreise in die Luft vor sich. Aber plötzlich verstummte er, hielt inne und drehte sich weg. Er nahm seine Flasche so locker am Hals, dass klar war, dass sie leer war, so schräg, wie er sie hielt. Er ging auf das Hauptgebäude von Getränke Bolzmann zu. Ich konnte unmöglich hören, was er vor sich hinmurmelte, aber vielleicht sagte er ja: »Apropos flüssig.«

Piti und Hella tanzten weiter, sie brachen ihre Darbietung nicht ab. Sie tanzten schließlich für mich. Sie tanzten immer noch, als Briefle wenige Sekunden später wieder aus dem Laden kam und direkt zum anderen Ausgang des Parkplatzes ging, eine volle Flasche in der Hand, die er um den Bauch fasste. Er drehte sich um und rief uns zu »Haltung! Wenn die Haltung stimmt, könnt ihr machen, was ihr wollt!«

Eigentlich hätte ich klatschen müssen, als Hella und Piti jetzt anhielten. Aber wie hätte sich das angehört, so ein einzelnes Klatschen von einem Einmannpublikum? Denn Herr Briefle hätte weder mitgeklatscht noch war er überhaupt noch da. Piti erzählte später, er sei nie wieder gekommen, und meine Mutter setzte mir nach ein paar Wochen den Klatsch zusammen. Herr Briefle war in der Stadt gewesen, weil seine Schwester in Norddeutschland gestorben war. Frau Briefle war nicht seine Frau, sondern seine Schwester gewesen. Das war nie rausgekommen. Das nahm man nicht übel. Jetzt war sie tot und vorbei auch der offenbar lange Streit, was mit der Tanzschule geschehen sollte. Das Haus hatte beiden zu gleichen Teilen gehört. Kinder hatten sie keine.

Das Haus wurde jetzt, erzählte mein Vater, endlich und endlich verkauft, an eine Unternehmensberatung, die in den Hauptsaal der ehemaligen Tanzschule Wände einziehen ließ. Aber das hielt auch nicht lang. Als die Unternehmensberatung pleiteging, wurde der nur zweistöckige Bau ganz eingerissen und an der Stelle ein sechsstöckiges Haus gebaut. Erst da habe ich gemerkt, dass man über dem niedrigen Dach die Bäume des Parks hatte sehen können, sodass gegenüber der Tanzschule früher oft ein dicker Streifen Sonne an der Wand schwebte.

Facebook Posts

This message is only visible to admins.

Problem displaying Facebook posts.
Click to show error

Error: Server configuration issue