Titelthema Handarbeit März 2013

Meister aus Haberschlacht

Steffen Würtz ist Sattler. Der begabte Handwerksmeister weiß neben Pferdesätteln, auch anderes aus Leder zu zaubern. Voller Begeisterung und mit tief schwäbischem Dialekt, zeigt er Pflegetipps auf und erklärt warum es für ihn keine andere Berufung geben kann.

Während andere an diesem Freitagmittag schon Pläne schmieden, wie sie ihr freies Wochenende gestalten, ist Steffen Würtz auf dem Weg zu seinem nächsten Termin. Heute geht es zur Pferdeinhaberin Regina Kunz nach Ettlingen. Der Reitstall Seehof liegt südlich von Karlsruhe und ist von seiner Werkstatt in Haberschlacht gute 60 Kilometer entfernt. Würtz steigt aus seinem weißen Transporter, hievt einen braunen Sattel aus dem hinteren Abteil und läuft zur Koppel.

Ein aufgewecktes Wiehern gibt es von der Freiberger Stute zwar nicht zur Begrüßung. Dennoch ist sie sichtlich neugierig, was der Mann in der beigen Arbeitsjacke und der braunen Zimmermannshose darbringt. Skeptisch schaut sie ihn an und lenkt ihren Blick immer wieder in seine Richtung, während er den Sattel anpasst. Würtz lässt sich nicht beirren. Er strahlt Ruhe aus und läuft wie ein Pferdeflüsterer um die Stute. Seine Hand berührt dabei stets das Fell. »Auf acht oder neun«, fragt Steffen Würtz auf tiefbreitem, aber sympathischem Schwäbisch, wie er den Sattelgurt einstellen soll. »Acht ist gut«, antwortet Regina Kunz. Mit kritischem Blick prüft der 36-Jährige, wie der Sattel auf dem Pferderücken anliegt. Von allen Seiten begutachtet er den Sitz. Schon fast ein bisschen mürrisch wirkt er dabei, so konzentriert ist Sattler Steffen auf seine Arbeit. Nun ist auch Pferdeinhaberin Regina schon ganz gespannt auf sein Urteil. »Jetzt sitzt er gut«, sagt Würtz und lächelt. Regina Kunz ist erleichtert und atmet auf. Mit Freundin Melanie kümmert sie sich um das Pferd. Viel zu wichtig ist es beiden, dass es ihrer Stute gut geht. »Genau das schätze ich an ihm«, lobt Kunz seine gewissenhafte Arbeitsweise. »Mir ist es lieber, er nimmt den Sattel noch einmal mit und dafür passt er dann perfekt.«

Fieber des Selbermachens

»Ich bilde doch nicht meine eigene Konkurrenz aus.« Diesen Satz hat der damals 16jährige Würtz oft zu hören bekommen. Das ist auch der Grund dafür gewesen, warum der Beruf eine Zeit lang vom Aussterben bedroht war. Aber das legte sich wieder. Die Renaissance des Westernreitens in den vergangenen 15 Jahren war zeitgleiches Aufleben des Sattlerberufes. »Ich wusste, das will ich machen«, sagt Steffen Würtz entschlossen. Bereits als Teenager half er oft seinem Opa bei handwerklichen Arbeiten und war davon begeistert. Vom Fieber des Selbermachens angesteckt, kreierte Steffen Würtz während seiner »Indianerzeit«, wie er sie heute nennt, Mokassins für die damalige Freundin oder baute Tipis, die Zelte der nordamerikanischen Indianer.

Nach über 40 Bewerbungen fand Würtz im Jahr 1999 dann endlich eine Lehrlingsstelle in Schweinfurt. Doch bald schon bekam sein Traum des großen Sattlerhandwerks Risse: »Ich überlegte, ob ich die Ausbildung abbrechen sollte.« So groß war die Sehnsucht zu Familie, Freunden und Pferden im heimischen Haberschlacht, einem Ortsteil von Brackenheim. Doch der Bub einer achtköpfigen Familie hielt durch. 2002 endete seine Ausbildung. Es folgten zwei Gesellenjahre in Schweinfurt. Bereits zu dieser Zeit hatte Würtz sein eigenes Handwerksgewerbe anmeldet und bediente freitags und samstags eigene Kunden. Was anfangs noch zu scheitern drohte, verläuft im Nachhinein umso besser: Im Anschluss seiner Ausbildung besuchte der zielstrebige Sattlergeselle
die Meisterschule von 2002 bis 2004 und legte damit das Fundament seines heutiges Betriebes.

Braunes Gold

Spezialisiert hat sich der Sattler auf den Bereich des Reitsports. Das heißt, Würtz fertigt überwiegend Pferdesättel, Trensen und Zaumzeug an. Doch für ihn ist das noch lange kein Grund, sich ausschließlich darauf zu beschränken. »Leder bietet viele Gestaltungsmöglichkeiten«, schwärmt Steffen Würtz. Zudem ist es sehr strapazierfähig und je nach Dicke, auch atmungsaktiv. Und so lässt er sich seine kreativen Ideen mit dem brauen Gold nicht nehmen. Neben seinem Hauptgeschäft, dem Sattelmachen, stellt er auch Gürtel, Taschen, Armbänder, Portemonnaies, Babyschuhe und andere Waren aus Leder her. Diese sind im Nebenzimmer der Werkstatt liebevoll sortiert und ausgelegt. Sein Einfallsreichtum ist ebenso vielfältig, wie seine Produkte. Dabei steht ihm Nina Reimold (30) nicht nur zur Seite, sie packt auch selbst mit an. Manchmal schneidet sie Ledermuster, ein anderes Mal flickt sie sie. Die offene Art und das Können schätzt die Lebensgefährtin sehr an ihm: »Seine Gabe ist sein Handwerk, damit kann er anderen eine Freude bereiten.«

Legende von Haberschlacht 

Plötzlich ist Besuch da. Michael Fender (44) ist mit Tochter Linda (13) in die Werkstatt gekommen, um seine kaputte Lederhose abzuholen. »Wir helfen uns gegenseitig«, so der Abteilungsleiter vom Sportverein Meimsheim. Steffen Würtz nickt zufrieden. Nächsten Samstag findet die Winterfeier statt und dafür benötigt er unbedingt seine Lederhose. Die Männer des Vereins geben dann eine Choreografie zum Besten. Seit Tagen sind sie dafür am Proben. Würtz und Fender erinnern sich an alte Zeiten. Sie erzählen von Gustav Schütz, dessen Werkstatt Steffen Würtz 2004 übernommen hat, bis er 2007 in seine heutige Werkstatt wechselte. Gustav Schütz ist eine Legende von Haberschlacht. »Mit ihm ist ein Stück Brackenheim verloren gegangen«, findet Michael Fender. Noch heute sprechen die Menschen vom Meistersattler Schütz.

Es ist gut um das Geschäft von Steffen Würtz bestellt. Sein Handwerk ist gefragt. Zumal es im Umkreis von 40 Kilometern nur vier weitere Sattler gibt, die sich auf den Reitsport spezialisiert haben. »Wir kommen uns nicht in die Quere«, so Würtz und ist nicht unbedingt abgeneigt von dem Oligopol. Derweil läuft der kleine Luis immer wieder zwischen Papa Steffens Füße und will spielen. »Na komm‘ her, Zwetschke«, nennt Würtz seinen dreijährigen Sohn liebevoll und nimmt ihn auf den Arm. Dabei erzählt er von einem alten, aber wirkungsvollen Pflegetipp für Glattleder: »Handwarmes Wasser, etwas Essig und dazu neutrale Schmierseife.« Das Gemisch vermengen und das Leder mit dem darin zuvor eingetunkten Lappen feucht abwischen. »Das ist die ideale Grundpflege«, so der Fachmann.

Ein Wiedersehen

Wieder klingelt die messingfarbige Glocke an der Tür. Annette Riexinger tritt herein und staunt. »Wie sich alles verändert hat«, sagt die 41-Jährige und schaut sich um. Vor sechs Jahren hat sie in dem ehemaligen Gasthof »Zur Traube« noch bedient. Sie möchte etwas für Nina Reimold abgeben und fragt Steffen Würtz bei der Gelegenheit, ob er ihren Ledergürtel anpassen könnte. Dieser ist ihr zu groß geworden und weitere Löcher wären gut, damit sie ihn wieder tragen kann.

Der Sattler nimmt den Gürtel der Frau entgegen. »Kein Problem«, sagt er und geht zur anderen Seite der rund 70 Quadratmeter großen Werkstatt. Während sie ihm ihr Leid klagt, sind von Steffen Würtz nur zwei wuchtige Schläge zu hören. Mit einem Locheisen hat er rasch zwei neue Löcher in den Gürtel geschlagen. »Jetzt müsst es gehen«, sagt er und überreicht ihr den Gürtel. Die Nordheimerin strahlt vor Freude und zieht den Geldbeutel aus ihrer Tasche. »Was bekommen Sie«, fragt Riexinger bereitwillig, fast jeden Betrag zu zahlen. »Ein Wiedersehen«, sagt der Sattler bescheiden und lächelt sich an. Ganz überrascht schaut sie drein. »Wenn sich meine Kunden freuen«, sagt Würtz nachdem sie fort ist, »bedeutet es mir mehr, als das Geld, das ich dafür bekomme.«

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