Titelthema Handarbeit März 2013

Ralf Schnörr: »Unsere Handwerksbetriebe generieren zehn Milliarden Euro Jahresgesamtumsatz«

Ralf Schnörr steht an der Spitze der Handwerkskammer Heilbronn-Franken. Er ist der jüngste Hauptgeschäftsführer einer Handwerkskammer in Deutschland. Wir sprachen mit dem Badener über das Image des Handwerks, sein selbst gebautes Gartenhaus und Schwarzarbeit.

HANIX – Herr Schnörr, Sie sind, obwohl Sie noch recht jung sind, der Geschäftsführer der Handwerkskammer Heilbronn-Franken. Wie kamen sie an den Posten?

Ralf Schnörr – Dies ist eine etwas längere Geschichte. Ursprünglich komme ich aus der öffentlichen Verwaltung, und zwar aus dem Rathaus. Ich habe dann in Kehl Verwaltungswissenschaften studiert und habe danach sechs Jahre bei der Kreishandwerkerschaft in Heilbronn gearbeitet. Da ich mich für Kommunalpolitik interessiere, habe mich 2005 um die Bürgermeisterstelle in Neckargerach, einer kleinen Gemeinde im Neckar-Odenwald-Kreis beworben und bin dort auch gewählt worden. Dann trug es sich zu, dass in der Handwerkskammer Heilbronn die Stelle des Hauptgeschäftsführers vakant wurde, da mein Vorgänger in den Ruhestand gegangen ist. So habe ich mich dann im Oktober 2009 auf dieses Amt beworben und bekleide es seit März 2010.

HANIX – Sie sind also eher ein Zahlenakrobat als jemand der mit Hammer und Nagel durch die Gegend läuft. Sind sie denn zumindest zu Hause selbst ein passionierter Handwerker?

Ralf Schnörr – Ich versuche natürlich schon auch ein wenig handwerklich tätig zu sein, zumal ich aus einer einfachen Arbeiterfamilie stamme und in der Landwirtschaft, in der man viele Handarbeiten erledigen muss, groß geworden bin. Ehrlich gesagt bin ich aber in meinem Verwandtenkreis derjenige, der am wenigsten handwerkliches Geschick aufweisen kann und so hat man schon früh festgestellt und gemutmaßt, dass ich irgendwann in einem Büro landen werde. Nichtsdestotrotz gehe ich zu Hause schon relativ zügig an die handwerklichen Aufgaben ran, komme aber auch schnell an einen Punkt, an dem ich dann Hilfe von Freunden oder Verwandten benötige.

HANIX – Das El Dorado für viele Männer ist der Baumarkt. Sind sie selbst auch gern in Baumärkten unterwegs?

Ralf Schnörr – Ich bin zwar sehr selten in Baumärkten, aber wenn ich dann mal dort bin, gefällt es mir sehr gut und ich verbringe mehr Zeit im Markt, als ich müsste.

HANIX – Weil man unter seinesgleichen ist?

Ralf Schnörr – Ich würde sagen, diese Aussage trifft überhaupt nicht zu. Mir fällt es eher auf, dass, in den Baumärkten in denen ich unterwegs bin, eine gute und ausgeglichene Mischung zwischen Frauen und Männern herrscht. Aber wie schon vorhin erwähnt, so oft bin ich nicht in Baumärkten unterwegs, da es allein meine Zeit nicht erlaubt. Wir haben auch zu Hause eine relativ klare Aufgabenteilung. Meine Frau ist beispielsweise für die Gartenarbeit zuständig und ich darf lediglich den Rasen mähen. Ich möchte aber noch kurz erwähnen, dass ich vor Kurzem ein Gartenhaus selbst aufgebaut habe, welches auch noch steht.

HANIX – Kommen wir zur Handwerkskammer Heilbronn-Franken, der Sie vorstehen. Wie viele Mitarbeiter sind hier tätig?

Ralf Schnörr – Für uns sind circa 95 Mitarbeiter in der Spur, die allerdings nicht alle im Gebäude auf der Allee ansässig sind, sondern auch im Bildungszentrum in den Böllinger Höfen, in der Außenstelle Tauberbischofsheim und in der Außenstelle Schwäbisch Hall. Der Handwerkskammerbezirk geht über die gesamte Region Heilbronn-Franken und somit vertreten wir circa 12 000 Handwerksbetriebe mit ungefähr 120 000 Mitarbeitern und 5 000 Auszubildenden. Die Betriebe machen einen Jahresgesamtumsatz von circa zehn Milliarden Euro.

HANIX – Das sind imposante Zahlen. Worin liegen denn die genauen Aufgaben einer Handwerkskammer? 

Ralf Schnörr – Die Aufgaben der Kammer kann man unterteilen in hoheitliche und freiwillige beziehungsweise dienstleistende Aufgaben. Zu den hoheitlichen Aufgaben gehören unter anderem die Abnahme von Gesellen- und Meisterprüfungen aber auch die Bekämpfung von Schwarzarbeit und gewisse Rechtsberatungen für unsere Betriebe. Im Dienstleistungsbereich möchte ich Themen wie Unternehmensberatung in Form von beispielsweise Nachfolgeregelungen aber auch Beratungen von Existenzgründern nennen. Es finden aber auch Informationsveranstaltungen zu neuen oder geänderten Gesetzen statt. Wir sind natürlich ständig dabei diesen sehr wichtigen Bereich der Dienstleistungen auszubauen und möchten unser Angebot weiterhin erhöhen.

HANIX – Ist Schwarzarbeit im Bereich Handwerk tatsächlich ein so großes Thema oder wird es ihrer Meinung nach in der öffentlichen Meinung überschätzt?

Ralf Schnörr – Ich würde schon sagen, dass es ein großes aber gleichzeitig auch ein sehr schwieriges Thema ist. Wir erhalten sowohl von Handwerkern als auch von Kunden sehr viele, zum Teil anonyme, Hinweise zu diesem Thema. In solchen anonymen Hinweisfällen wird es natürlich schwierig den Zoll mit ins Boot zu holen, da wir viele Informationen benötigen, um tätig werden zu können. Wir hatten erst vor Kurzem einen sehr großen Fall in der Gerüstbauerbranche, bei dem ein hoher sechsstelliger Bußgeldbescheid erlassen wurde. Diese Beträge nimmt natürlich nicht die Handwerkskammer, sondern die örtliche Polizeibehörde ein. Obwohl der Kammer in solchen großen Fällen auch hohe Kosten entstehen. So mussten wir in dem eben erwähnten Fall aufgrund der Komplexität auch Sachverständige zu Rate ziehen und dementsprechend bezahlen.

HANIX – Sie haben erwähnt, dass sie über 120 000 Mitarbeiter hier in der Region betreuen. Welcher ist denn der in dieser Kammerregion am häufigsten und welcher der am seltensten ausgeübte Handwerksberuf?

RalF Schnörr – Zu den Spitzenreitern in unserer Region gehören natürlich neben den Friseuren die KFZ-Betriebe, die Elektrotechnik und das Installateur- und Heizungsbauer-Handwerk. Betriebe wie Metzgereien oder Bäckereien haben es im Gegensatz dazu momentan sehr schwer. Dies hängt mit Sicherheit mit der Attraktivität der Arbeitszeiten und der Konkurrenz der großen Ketten zusammen. Insbesondere ist es in diesen Branchen sehr schwierig Nachwuchs auszubilden und das Angebot in diesen Bereichen ist deutlich höher als die Nachfrage. So existieren momentan noch einige Hundert Ausbildungsstellen, die nicht besetzt sind. Allerdings ist dies kein spezielles Problem unserer Region, diese Problematik existiert bundesweit. Ich glaube allerdings nicht, dass diese Berufe aussterben, man kann eher sagen dass sich der Markt verschärft und die Betriebe neue Wege gehen müssen.

HANIX – Unserer Erfahrung nach kämpfen momentan fast alle Betriebe mit dem Mangel an Auszubildenden. Haben es Handwerksbetriebe noch schwerer, vielleicht weil auch das Image eines Handwerkers nicht auf demselben Level eines kaufmännischen Angestellten ist?

Ralf Schnörr – Genau das ist das Problem. Das Image des Handwerks ist leider immer noch ausbaufähig. Da man beispielsweise kein Abitur benötigt herrscht immer noch die Meinung, dass, wenn man es als Kaufmann nicht schafft, man immer noch Handwerker werden kann. Diesbezüglich versuchen wir als Handwerkskammer massiv gegenzusteuern. Denn das Handwerk ist zum Beispiel sehr vielfältig in seinen Angeboten. Es gibt Unmengen an Chancen sich mit einem Handwerk selbstständig zu machen. Man kann nach der Ausbildung den Meister machen oder sogar ein Studium beginnen. Die allgemeine Meinung, dass man im Handwerk auch mit schlechten Noten zu Recht kommt, ist schon lange nicht mehr gültig. Die Anforderungen an den Auszubildenden sind in den letzten Jahren gestiegen, wie in allen anderen Berufen auch. Die Konkurrenz zu den großen Industriebetrieben wie zum Beispiel Audi ist einerseits ein Segen, zugleich aber auch ein Fluch, um es mal überspitzt zu formulieren. Auf der einen Seite sind die Weltkonzerne auch für die zuliefernden Handwerksbetriebe gut, andererseits wird natürlich die Masse an in Frage kommendem Fachpersonal immer kleiner und somit der Konkurrenzkampf um gute Auszubildende größer. Im Handwerk können unsere Betriebe mit monetären Mitteln nur sehr schwer dagegen ankämpfen. Man muss dann versuchen andere Aspekte in die Waagschale zu werfen, wie die sehr abwechslungsreiche Tätigkeit, das in aller Regel familiäre Verhältnis in den Betrieben und das man jeden Tag sieht, was man mit den eigenen Händen erschaffen hat.

HANIX – Muss man, um genau diese von ihnen eben erwähnten Sachverhalte zu schätzen, ein besonderer Schlag Mensch sein, um Handwerker zu werden?

Ralf Schnörr – Ich stelle immer wieder fest, dass es viele erst zu schätzen wissen, was sie am Handwerk hatten, wenn sie den Schritt weg vom Handwerk gemacht haben. Und ja, ich persönlich glaube schon, dass man ein besonderer Schlag Mensch sein muss, wenn man Handwerker oder Handwerkerin werden will.

HANIX – Ist in den letzten 20 Jahren der Anteil an Abiturienten in handwerklichen Berufen gestiegen?

Ralf Schnörr – Das müsste man natürlich genauer recherchieren. Grundsätzlich vermute ich aber, dass, wenn sich etwas Grundlegendes verändert hätte, es auch aufgefallen wäre und somit liegt es nahe zu sagen, dass sich hier nicht viel verschoben hat.

HANIX – Nochmals kurz zurück zum Imageproblem des Handwerks. Ist das soziale Ansehen von Handwerkern in den letzten Jahren angestiegen oder hinkt es ihrer Meinung nach weiterhin stark hinterher im Vergleich zu anderen Berufen? 

Ralf Schnörr – Das ist ganz klar mit Ja zu beantworten, das Ansehen von Handwerkern ist angestiegen. Und ich möchte ihnen auch gleich einen wichtigen Grund dafür mitteilen, nämlich unsere Imagekampagne, die mittlerweile im vierten Jahr läuft. In einer früheren Forsa-Umfrage hat man festgestellt, dass die Vielfältigkeit und Innovationskraft des Handwerks in der Bevölkerung kaum präsent war. Daher hat man diese Kampagne mit viel Geld deutschlandweit ins Leben gerufen, um in allererster Linie das Image des Handwerks aufzupolieren und somit auch Nachwuchs zu generieren. Die Kampagne läuft seitdem sehr erfolgreich und es gibt viele Branchen in Deutschland, die das Handwerk um diese Kampagne beneiden.

HANIX – In Deutschland gibt es zig Handwerkskammern. Um eine bundesweite Kampagne umzusetzen bedarf es demnach eines kammerübergreifenden Konsens. Wer beschließt, dass so eine Kampagne in Auftrag gegeben wird?

Ralf Schnörr – Hierzu muss ich zuerst einmal sagen, dass das Handwerk etwas anders aufgebaut ist als beispielsweise die Industrie. Zum einen haben wir das freiwillig organisierte Handwerk, wie zum Beispiel die Innungen und die Fachverbände. Zum anderen gibt es die gesetzlich organisierten Handwerkskammern, wovon es allein in Baden Württemberg acht gibt. Diese sind dann wiederum über den baden-württembergischen Handwerkstag organisiert. So ist das in jedem Bundesland. Als höchste Instanzen gibt es dann auf Bundesebene den deutschen Handwerkskammertag und den Zentralverband des deutschen Handwerks. In diesen Gremien finden dann regelmäßig Sitzungen statt, in denen deutschlandweite Themen wie zum Beispiel die genannte Imagekampagne, besprochen werden. Hierbei ist jede Kammer dementsprechend stimmberechtigt.

HANIX – Können sie uns etwas darüber erzählen, wie die oberste Instanz der Handwerkskammern darauf kam, die Kräfte zu bündeln und eine gemeinsame Imagekampagne ins Leben zu rufen?

Ralf Schnörr – Der Hauptgrund dieser Kampagne war zuerst einmal ein Forsa-Umfrage, die vom Zentralverband in Auftrag gegeben wurde. Nach dem die Umfrage ausgewertet wurde, hat man sich über alle Kammern hinweg dazu entschieden eine groß angelegte Imagekampagne ins Leben zu rufen, an der sich alle Kammern, nach einem bestimmten Verteilerschlüssel, finanziell beteiligt haben. Der Auftrag wurde ausgeschrieben und die renommierte Agentur »Scholz and Friends« hat das am besten geeignete Konzept vorgestellt und somit den Zuschlag erhalten. Ehrlich gesagt wundert es mich heute noch, dass wir so eine selbstbewusste und freche Kampagne fahren durften, da die Altersstruktur in den Kammern nicht unbedingt der Zielgruppe entspricht. Ich bin mit knapp 40 Jahren in Deutschland der jüngste Hautgeschäftsführer, der in den Kammern tätig ist. Somit war es damals sehr mutig von den Entscheidern eine solche Kampagne zu befürworten.

HANIX – Was macht speziell die Handwerkskammer Heilbronn-Franken um junge Leute für das Handwerk zu begeistern?

Ralf Schnörr – Wir versuchen die Kampagne auf unserer Ebene und in unserem Einflussbereich zu unterstützen. So haben wir ein Projekt ins Leben gerufen. Mit Auszubildenden aus der Region renovieren wir in einem Zeitraum von drei Jahren die »Heilbronner Hütte« in den Alpen. Eine wunderbare Sache, die allen Beteiligten viel Spaß macht. Die Imagekampagne muss zukünftig allgegenwärtig sein. Sei es auf den betriebseigenen Fahrzeugen, auf Internetseiten aber auch in Begleitung bestimmter Aktionen der Betriebe. Wir als Kammer sind dafür zuständig dies immer wieder anzustoßen, zu begleiten und zu unterstützen.

HANIX – Und die Betriebe machen gut mit?

Ralf Schnörr – Man kann schon sagen, dass wir mit der Mitmach-Bereitschaft der Betriebe noch nicht ganz zufrieden sind. Es ist aber auch klar, dass so etwas viel Zeit benötigt und man auch nie wirklich zufrieden sein sollte. Die Kampagne hat zwar eingeschlagen, das Handwerk ist in der Wahrnehmung der Bevölkerung viel präsenter und es wird, wie erwähnt, auch deutlich positiver wahrgenommen. Der nächste Schritt muss nun sein, dass Betriebe die vorhandenen Werbematerialien bestellen und über die betriebseigenen Kanäle streuen. Das war anfangs sehr überschaubar. Allerdings kann man jetzt, im vierten Jahr, schon davon sprechen, dass das ganze Projekt und auch die Bereitschaft der Betriebe mitzumachen langsam in Fahrt kommt, was aber mit Sicherheit noch gesteigert werden muss und kann.

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