Titelthema Kunst und Kultur Dezember 2013

Liebe Kunst, erzähl‘ mir was

Gibt es in Heilbronn eine alternative Kunstszene? Die gibt es, darüber sind sich Cosima Greeven und Christian Marten-Molnãr einig. Der Regisseur und die Schauspielerin haben sich mit fünf weiteren Künstlern aus der Region zusammengeschlossen, weil sie eine Idee haben. Es stellt sich vor: der Kulturelle Zwischenraum.

Kalt ist es im Proberaum, im Apparat34 in Heilbronn. Dennoch gibt Schauspielerin Cosima Greeven eine kleine Kostprobe zum Besten: »Da hat er mir anjefasst, dit war nich‘ schön«, sagt Mechthild. Sie sitzt auf einem Stuhl und überlegt. Das Kinn ist auf ihre Hände gestützt und die Ellenbogen auf ihren Knien. »Aber ick‘ hab mir zur Wehr jesetzt«, sagt sie mit ihrer derben ruhrpöttschen Art. Bisher hatte Mechthild nicht besonders viel Glück gehabt. Mit Dieter war sie verheiratet. Gesoffen hat er und Prügel gab es auch. Doch ihren unverwüstlichen Humor hat sie sich immer bewahren können. »Nuja, Dieter is nich‘ mehr«, sagt sie salopp, »da hab ick ‘n bisschen nachjeholfen.«

»Wir bewerten nicht,

sondern wir zeigen einfach, wie die Dinge sind«

»Nichts Schöneres« heißt der Monolog von Oliver Bukowski, den die Schauspielerin derzeit als Mechthild Huschke im Kaffeehaus Hagen aufführt. Mit einer kurzen Verbeugung schlüpft Greeven wieder aus der Rolle der Mechthild heraus und schiebt den Stuhl zur Seite. Sie ist fasziniert von der Figur: »Sie inspiriert mich, weil sie Autoritäten infrage stellt.« Aber auch ihre unerschütterliche, ehrliche Art beeindrucke Greeven. Genau darum geht es: Durch Kunst Situationen darzustellen. »Wir bewerten nicht, sondern wir zeigen einfach, wie die Dinge sind«, so die 44-Jährige. Die Zuschauer können sich dazu ihre eigenen Gedanken machen, oder es auch sein lassen. Die Regie in dem Werk übernimmt Christian Marten-Molnãr (53). Der Dramaturg und Regisseur hat sich mit Cosima Greeven, Emad Korkis, Freia Marten, Jusuf Naoum, Nikolaus Porz und Patrycja Przybilla zusammengeschlossen, um unterschiedliche Theaterprojekte zu realisieren. Diese Arbeit bedeutet ihm viel, das ist ihm anzusehen. Enthusiastisch und mit großen Gesten erzählt er, wie ihn dieser »schöpferische Prozess« begeistere. Wie eine Vision im Kopf plötzlich Realität wird. Persönlichkeitsentwicklung spielt dabei eine große Rolle, weil sich Schauspieler wie Regisseure, intensiv mit dem Ursache-Wirkung-Zusammenhang auseinandersetzen.

»Menschlichkeit beschäftigt uns und hat uns alle zusammengebracht«

Doch was die Künstler wirklich eint, ist der klassische Humanismus in der Jetztzeit – also der Mensch in der modernen Welt. Und das ist ihre Idee: All ihre Fragen in ihre Projekte zu verarbeiten und zum Nachdenken anzuregen. »Talib und das Windfahrrad« ist eines davon. Das Figuren- und Objekttheater erzählt die wahre Geschichte von einem Jungen aus einem kleinen Dorf in Malawi, Südostafrika. Elektrischer Strom ist dort nicht immer verfügbar. Doch dem Jungen und seinen Freunden gelingt es, ein Windfahrrad zu bauen und das Dorf mit Strom zu versorgen. Cosima Greeven, Birte Werner und Heiki Ikkola entwickelten aus der Geschichte, ein energiegeladenes Schauspiel und konnten die Erlebniswelt »Experimenta« in Heilbronn für eine Kooperation gewinnen. »Menschlichkeit beschäftigt uns und hat uns alle zusammengebracht«, beschreibt Christian Marten-Molnãr die Triebkraft ihres Handelns. Dabei beschäftigen sie sich besonders mit Themen, wie Integration, politische Wahrheit oder Homosexualität. »Das können auch mal unbequeme Themen sein«, gibt Marten-Molnãr zu. Die Künstler vom Kulturellen Zwischenraum wollen ein Angebot schaffen, das mehr kulturelle Vielfalt und Freiheit bietet. Ein Angebot, das die Themen der Gesellschaft anspricht und nicht nur von »heiler Welt« erzählt. Doch dafür braucht es einen Ort, der offen ist, für all mögliche Arten von Kunst. Einen Ort, an dem jeder Künstler sein Werk oder seine Interpretation – unbewertet und uneingeschränkt – präsentieren kann. »Diesen Ort gibt es in Heilbronn leider noch nicht richtig«, so der Regisseur. Umso mehr motiviert es ihn und seine Kollegen, den Kulturellen Zwischenraum bekannt zu machen. »Das Interesse für unsere Projekte ist da«, sagt Marten-Molnãr und weist auf die Internet-Statistik ihrer Website hin. Etwa 100 Zugriffe pro Tag sind auf ihrer Internetpräsenz zu verzeichnen. Trotzdem stehen sie noch ganz am Anfang, denn den Verbund gibt es erst seit dem 23. März dieses Jahres. »Wir arbeiten sehr gerne mit dem Kulturellen Zwischenraum zusammen«, sagt Roswitha Keicher, Integrationsbeauftragte der Stadt Heilbronn, »weil sie gute Ideen haben und wirklich hinter ihren Inhalten stehen.« Das merke sie daher, weil die Künstler oft in Vorleistung gehen müssen, um ihre Projekte umzusetzen. Seien es die Miete für den Proberaum, die Requisiten oder die Internetpräsenz. Kosten, die sich die Künstler teilen. Roswitha Keicher ist vom Figurentheater besonders angetan. Das kleine Format ist flexibel und kann in Wohnzimmern ebenso stattfinden, wie in auf Kleinkunstbühnen. »Dadurch können wir unterschiedliche Zielgruppen ansprechen«, so die Leiterin der Stabstelle für Integration. Kunst erzählt, Kunst ist ein Sprachrohr. Wirklich einzigartig ist, das gemeinsame Erarbeiten eines Stückes, ohne den Fokus auf Heilbronn zu verlieren. Ein Projekt ist deshalb auch wieder in Planung: ein Figurentheater, das die Geschichten von Flüchtlingen in Heilbronn erzählt. »Wir möchten damit einen Raum bieten, um das Verständnis für Flüchtlinge in der Bevölkerung zu erweitern«, sagt Roswitha Keicher.

»Kunst erzählt, man muss nur hinhören«

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