Titelthema Wohlfühlen April 2013

Hamam Pascha: Im Schaummeer auf Wolke sieben

  Wann haben Sie es sich das letzte Mal so richtig gut gehen lassen? Es liegt schon eine Weile zurück? Das ist schade, denn Heilbronn bietet viele Orte der Erholung. Das „Pascha Hamam“ ist eines davon. Eine versteckte Oase im Herzen der Stadt. Ali Koca ist der Inhaber des Wellness-Tempels. Von ihm erfahren wir die Besonderheit eines Hamams und wie es ihn ins schöne Ländle verschlagen hat.

40 Grad zeigt das Thermometer. Eine unvorstellbare Hitze, wenn man im Hamam arbeitet. „Für mich die optimale Temperatur“, sagt Ali Koca glücklich und stützt sich auf seinen Knien ab. Mit einem langen, weißen Tuch rührt er schnell das aus Zitronenseife, Olivenöl, Honig und Wasser angereicherte Gemisch durch. Dann nimmt er das Tuch aus dem Eimer, faltet es auseinander, dreht es wieder zusammen und streift den entstandenen Schaum über den Körper seines Badegastes. In einer riesigen Schaumwolke eingebettet liegt Lena Jadidi. Ihr Gesichtsausdruck ist entspannt und auf ihren Lippen ein leichtes Lächeln zu sehen.

Das arabische Wort „Hamam“ bedeutet frei übersetzt „wärmen“, wobei es ein Ort der Geselligkeit ist, ebenso wie der Stille. Besonders in den islamischen Ländern, wie dem Iran, der Türkei und im arabischen Raum, ist das Hamam ein selbstverständlicher Bestandteil der Badekultur. Ursprünglich wurde das türkische Bad als Reinigungszeremonie vor dem eigentlichen Gebet vollzogen. Heute ist es für viele Menschen in östlichen, wie auch westlichen Ländern mehr als das: Die ganzheitliche Entspannung steht im Vordergrund. Das heißt Erholung von Körper, Geist und Seele sollen zu einem ausgeglichenen Wohlbefinden führen.

In Berlin geboren, mit zwölf Jahren in die Türkei gegangen, kam Ali Koca der Liebe wegen wieder nach Deutschland. Als ausgebildeter Tellak, also Masseur und Hamam-Meister, arbeitete Koca zunächst in verschiedenen Hamams in der Türkei, bis er 2002 endgültig nach Deutschland zog. „Meine Frau lebte im Allgäu und hatte eine gute Stelle“, sagt der 41-Jährige. Doch bereits nach einem Jahr stand der nächste Umzug an. „Die Berge sind wirklich schön“, beschreibt der Hamam-Meister aus Antalya, „aber die Kälte ist nicht jedermanns Sache.“ Nach einem Besuch bei Freunden und Verwandten in Heilbronn kam Koca auf eine Idee: „Die Menschen sind so fleißig“, dachte er über die Heilbronner, „sie brauchen unbedingt Erholung.“

Gesagt, getan. Und so eröffnete er im Februar 2005 sein eigenes Hamam in der Karlstraße. Doch es ist ziemlich gut versteckt. Von der Hauptstraße führt der Weg in einen Hinterhof. Noch ein paar Stufen die Treppe hinauf und es ist geschafft. „Das hatte ich nicht erwartet“, spricht Hamam-Gast Lena Jadidi offen über ihren ersten Eindruck. Es ist sehr sauber und orientalisch eingerichtet und der Duft von Lemongras und Rosmarin streichen einem um die Nase. „Ich habe mich gleich wohlgefühlt“, beschreibt sie die angenehme Atmosphäre im Pascha Hamam. Die 31-Jährige hat sich sehr auf ihren heutigen Wellness-Tag gefreut. Vor fünf Monaten ist sie zum ersten Mal Mutter geworden und hatte wenig Zeit für sich. Selbst vor der Geburt ihrer Tochter hat sie zehn Jahre lang in einer anspruchsvollen Führungsposition gearbeitet. 50 bis 60 Arbeitsstunden die Woche waren selbstverständlich. „Der Alltagstrott hält uns oft davon ab, uns auch mal etwas Gutes tun.“ Deswegen findet sie es sehr wichtig, sich auch kleine Auszeiten zu gönnen. Mit sich im Einklang zu sein und sich wohl zu fühlen ist essenziell. „Davon hängt alles ab.“

Mit drei bis zehn Kilogramm Gewicht ist die Haut das größte Organ des Menschen. Vielen Umwelteinflüssen muss sie standhalten. Seien es Abgase, Staub, UV-Licht oder Stress. Daher bietet die Erholung und Reinigung nach orientalischer Art eine gelungene Alternative zur Sauna. Im Gegensatz zum heißen Schwitzbad mit bis zu 100 Grad, ist das Hamam etwa 30 bis 40 Grad warm. Weitere Annehmlichkeiten sind neben den Waschungen, auch Peelings und Massagen. Ein ausgiebiger Hamam-Besuch kann daher bis zu drei Stunden dauern. Bei angenehmer Wärme und gedimmten Licht wird der Alltagsstress mit viel Wasser und Seifenschaum regelrecht davon gespült. Außerdem werden abgestorbene Hautzellen durch den Peeling-Handschuh entfernt, das Bindegewebe der Haut besser durchblutet und der Muskeltonus positiv beeinflusst. Vorgewärmte Pflegeöle versorgen die Haut mit Nährstoffen und die Spannkraft und Elastizität des Gewebes verbessern sich.

Der Hamam-Meister lacht: „Meine Frau ist wieder da.“ Sein Blick verläuft in ihre Richtung. Eine 1,60 Meter große Dame, modern gekleidet, elegant geschminkt und mit frechem Kurzhaarschnitt kommt gerade zur Tür herein. Sofort legt sie los und macht Ordnung, obwohl schon alles perfekt erscheint. Flink läuft sie von einem Ende des Ruheraumes, zum anderen. Sie schiebt ein Teelicht und ein Schälchen mit süßen Kichererbsen zueinander. Die danebenliegende Anleitung, was „Hamam“ eigentlich ist, dreht sie in die Blickrichtung zum Gast. Dann ist auch schon alles fertig. „Gefällt es Ihnen“, fragt Ehefrau Reziye Aktas-Kocas und drapiert noch ein paar blau-weiß und rot-weiß karierte Tücher auf der Sultans-Couch. „Ich liebe Dekoration“, sagt sie voller Begeisterung und zupft die Tücher noch etwas zu recht. Mit viel Liebe zum Detail hat sie den Erholungsraum ausgestattet, ebenso wie den Eingangs- und Massagebereich.

Dunkelrote Samtschäle mit glitzernden Applikationen hängen über den Sitzpolstern, der Boden ist gefliest und mit kleinen Perser-Teppichen ausgelegt. Rot- und goldschimmernde Kissen mit orientalischen Mustern zieren die Riesencouch. Nebendran Palmen, gedimmte Lichter und ein Brunnen, der lieblich vor sich hin plätschert. „Es soll gemütlich sein“, sagt Ehefrau Reziye Aktas-Kocas. Die 49-Jährige kümmert sich hauptsächlich um die Inneneinrichtung sowie die Sauberkeit im Haus. Das Ehepaar bemüht sich sehr, ihren Kunden den Wünschen von den Augen abzulesen. „Sie sollen sich völlig erholen“, sagt die gute Seele des Hauses und erinnert sich an eine Situation, als ein Gast eingeschlafen ist und laut zu Schnarchen begonnen hat, so entspannt war er. Viel mehr gibt sie aber nicht preis, aus Respekt gegenüber ihren Kunden.

Seit neun Jahren führen die Kocas ihr Hamam-Paradies. Es hat lange gedauert, bis sich der Erholungstempel in der Karlstraße herumgesprochen hat. „Die ersten Jahre waren hart“, beschreibt sie die Anfangszeit. „Wir waren fremd und nicht akzeptiert.“ Heute sind sie in Heilbronn nicht nur akzeptiert, sondern auch etabliert. Der Großteil ihrer Kunden sind Deutsche und wissen die Anwendungen zu schätzen. Diese sind mit unterschiedlichen Namensbändern gekennzeichnet, wie „Sultan“, „Orient“ oder „Pascha“. Je nach dem welche Anwendung ein Gast gebucht hat, erhält er oder sie am Empfang das jeweilige Armband mit der entsprechenden Bezeichnung. Auf diese Weise können sich die Gäste frei in der Oase bewegen und werden der Reihe nach behandelt.

Das Pascha Hamam kann bei Bedarf auch gemietet werden. Bis zu 20 Personen haben Platz im warmen Gewölbekeller, der zu einem orientalischen Bad umgebaut wurde. Eine drei mal zwei Meter große Steinfläche bildet das Zentrum des Kellers. Hier ruhen sich die Gäste aus, bevor sie auf den weißen Marmorsteinen hinter einem weißen Vorhang behandelt werden. Der direkte Hautkontakt mit den warmen Steinem ist ideal zur Entspannung, aber keine Bedingung. „Die Gäste müssen nicht nackt sein“, erklärt Ali Koca weiter. Ein Hamam-Besuch ist ähnlich, wie der einer Sauna. Nach Belieben können sich Gäste mit oder ohne Tuch bedecken.

Im gesellschaftlichen Leben spielte das türkische Dampfbad eine besondere Rolle. Gattin Aktas-Kocas erinnert sich an Erzählungen ihrer Mutter und Großmutter: Wenn eine Mutter für ihre Tochter auf der Suche nach einem Ehemann war, hat sie anderen Müttern diskret davon erzählt. Sobald sie fündig wurden, trafen sich die Mütter mit der potenziellen Schwiegertochter im Hamam, um sie auf Herz und Nieren zu prüfen. Sie haben Seife fallen lassen, um zu beobachten, wie sich die junge Frau bewegt. Oder man habe sie Nüsse essen lassen, um zu prüfen, wie intakt ihre Zähne sind. „Endlich Hamam-Tag, sagten wir immer“, erinnert sich Reziye Aktas-Kocas. Dieser Tag, meistens ein Sonntag, war nur den Frauen bestimmt. Sie sind mit den Kindern ins Hamam gegangen und brauchten weder waschen, noch putzen oder aufräumen.

Noch ein Tipp vom Experten:

Die reinigende Wirkung der Hamam-Anwendung kann durch Seifen, Crèmes oder Duschgel beeinträchtigt werden. Daher ist es empfehlenswert, sich mit jenen Kosmetika zwei Tage vor einem Hamam-Besuch nicht mehr einzucremen.

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