Titelthema Wohlfühlen April 2013

 PD Dr. med Peter Ruef: »Der Erhalt der Kinderonkologie in Heilbronn macht Sinn« 

 Die Kinderkrebsstation am Heilbronner Gesundbrunnen muß dringend an den Standard vergleichbarer Zentren angepaßt werden. Hierfür wurde das Projekt »Leuchtturm Kinderonkologie« ins Leben gerufen. Bis Sommer will die Stiftung »Große Hilfe für kleine Helden« eine halbe Million Euro an Spendengeldern sammeln, um die notwendigen Umbaumaßnahmen realisieren zu können und den Kinderonkologie-Standort Heilbronn zu erhalten. Wir sprachen mit dem Direktor der Kinderklinik, PD Dr. med Peter Ruef, über Standards in der Behandlung von jungen Krebspatienten, wieso ein »Marktplatz der Station« so wichtig ist und über das geschnürte »Marketingpaket« für das Projekt »Leuchtturm Kinderonkologie«.

HANIX — Herr Dr. Ruef, Sie als Direktor der Kinderklinik in Heilbronn müssen es genau wissen: Wieso ist die Kinderonkologie ihr aktuelles »Leuchtturmprojekt« und weshalb ist die nun dafür initiierte Spendenaktion so wichtig?

Dr. Peter Ruef — Hier an der Kinderklinik in Heilbronn wird die Kinderonkologie schon die ganze Zeit betrieben. Unser großer Wunsch und unser Interesse ist es, dass dies auch weiterhin in einer sehr guten Qualität weiterbetrieben werden kann. In den letzten zehn Jahren hat sich in der Kinderonkologie vieles verändert und bewegt, so dass die Tendenz sich dahin entwickelt, die Kinderonkologie nur noch an sehr großen, wenn möglich universitären Standorten, abzubilden.

HANIX — Worin liegt der Grund für diese Entwicklung, junge Krebspatienten nur noch an großen Standorten zu behandeln?

Dr. Peter Ruef — Zum einen liegt es daran, dass wirklich sehr viele Leistungen vorgehalten werden müssen, um Kinderonkologie überhaupt betreiben zu können. Hier sehen wir die Bedingungen in den SLK-Kliniken in der Region mit den vielen Abteilungen als hervorragend an, da wir zum Beispiel eine sehr gute Radiologie mit der angeschlossenen Strahlenklinik betreiben. Zum anderen hat sich in der Kinderonkologie aber über die Jahre sehr viel verändert, da man hin zum optimalen Behandlungsablauf strebt. Die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten ist wirklich bemerkenswert, ob es nun beispielsweise das Outcome oder die Prognose betrifft. Es werden alle kinderonkologisch behandelten Patienten in sogenannten Therapieoptimierungsstudien behandelt. Wir können und dürfen hierfür kein eigenes Konzept entwickeln, was auch gut ist. Denn es bedeutet, dass alle Patienten von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen in gleicher Weise behandelt werden.

HANIX — Es gibt also einen bundeseinheitlichen Behandlungsplan für an Krebs erkrankte Kinder?

Dr. Peter Ruef — Richtig. Es wird auch kontrolliert, ob dieser Standard eingehalten wird. Einmal über die Studienzentren aber auch über die Referenzzentren und -labors der Radiologien und Pathologien. Das heisst, dass wenn Knochenmark- oder Tumormaterial aber auch Bildgebungen erhoben werden, diese an die Referenzzentren weitergereicht werden, um eine zweite und dritte Meinung für die Diagnose einzuholen. So kann die Therapie für die Patienten optimal ausgerichtet werden.

HANIX — Bei einer Behandlung von kinderonkologischen Erkrankungen geht es aber nicht nur um die reine, harte medizinische Behandlung.

Dr. Peter Ruef — Eine weitere Entwicklung der letzten Jahre ist, dass neben der rein medizinischen Therapie, wie beispielsweise der Chemotherapie, ein ganzheitlicher Ansatz notwendig ist, um eine optimale Behandlung zu gewährleisten. Die Kinder, wie auch deren Familienmitglieder müssen ganzheitlich sozialmedizinisch betreut werden. Für diese Entwicklungen sind hauptsächlich die Elternvereinigungen verantwortlich. Aufgrund deren harter Erfahrungen, da die Behandlungen meist lange dauern und damit natürlich auch Sorgen und Ängste einhergehen, wurde der sozialmedizinische Betreuungsbedarf verlautbart.

HANIX — Einen solchen Standard mit Leben zu füllen und umzusetzen, fällt den kleinen und mittleren Kliniken sicher nicht ganz so einfach, wie den Großstadt- und Universitätskliniken?

Dr. Peter Ruef — Vieles davon haben wir hier in Heilbronn schon umgesetzt. Das wäre allerdings nicht ohne die Hilfe der Stiftung »Große Hilfe für kleine Helden« möglich. Beispiele hierfür sind unter anderem die Klinikclowns oder Kunst- und Musiktherapien. Wichtig ist auch die Geschwisterkindbetreuung, da viele Geschwisterkinder während der Erkrankung ihres Bruders oder der Schwester untergehen, da der Fokus der Eltern natürlich beim erkrankten Kind liegt. Es gibt viele Projekte, die zum Teil auch außergewöhnlich in Heilbronn laufen. In einigen Bereichen entsprechen unsere Angebote aber noch nicht ganz dem angestrebten Standard und Optimum. Hier möchte ich zum Beispiel die Aufenthaltsbereiche mit Begegnungsmöglichkeiten für Eltern der erkrankten Kinder nennen. Diese Aufenthaltsbereiche sollen keinen Wartezimmercharme verbreiten, sondern eine Wohnraumatmosphäre vermitteln. Auch eine Küche für die Eltern gehört dazu, damit gemeinsam gekocht werden kann. Ebenso gehört ein Spielbereich für Kinder zum absoluten Standard. Ein großer Wunsch der Patienten und von deren Familien ist die Möglichkeit des gegenseitigen Kennenlernens und des Austausches. Der angesprochene »Wohnraumbereich« wird an Kliniken, die über solche Räumlichkeiten verfügen, als »Marktplatz der Station« bezeichnet. Dort finden kleinere Events, wie Aufführungen der Klinikclowns, für die Patienten statt und es besteht die Möglichkeit, dass auch Kinder, die ans Bett oder einen Rollstuhl gebunden sind, sich dort aufhalten können, da die Räume dementsprechend großzügig gestaltet sind.

HANIX — Gibt es auch Bereiche, in denen die kleineren Kliniken Vorteile gegenüber den großen Zentren haben?

Dr. Peter Ruef — Es hat sich gezeigt, dass es von Vorteil ist, wenn die Patienten möglichst auch bei der ambulanten Versorgung vom selben medizinischen Team betreut und behandelt werden, damit nicht ständig neues Vertrauen aufgebaut und geschaffen werden muss. Hier sind kleinere Kliniken natürlich im Vorteil, da dort keine große Personalfluktuation vorherrscht.

HANIX — Mit dem Projekt »Leuchtturm Kinderonkologie« wird also angestrebt, durch das Einsammeln von Spendengeldern an den gelebten und gewünschten Standard heranzukommen, richtig?

Dr. Peter Ruef — Das Klinikum selbst kann den Betrieb der Kinderonkologie, so wie er aktuell betrieben wird, aufrechterhalten. Allerdings können die notwendigen Erweiterungen, um dem aktuellen Standard gerecht zu werden, nicht durch Klinikmittel erreicht werden. Das kann nur über Initiativen, wie den »Leuchtturm Kinderonkologie« erreicht werden.

HANIX — Es besteht also die reale Gefahr, dass die Kinderonkologie in Heilbronn aufgegeben werden müsste, wenn nicht genügend Geldmittel aktiviert werden könnten, um die von Ihnen skizzierten Standards durch Umbaumaßnahmen und Erweiterungen zu erreichen?

Dr. Peter Ruef — Leider würde diese Gefahr bestehen,.

HANIX — Um welchen Geldbetrag handelt es sich, der zusammengesammelt werden muss, damit der Kinderonkologie-Standort Heilbronn gehalten werden kann?

Dr. Peter Ruef — Der Betrag ist hoch. Wir benötigen 500 000 Euro, um die aufwendigen Umbaumaßnahmen und Umstrukturierungen mit den dafür notwendigen Umplanungen umsetzen zu können. Nicht nur die Wege für das medizinische Personal wären nach den Umbauten kürzer und effizienter, da beispielsweise der Ambulanzraum auf die Station gelegt würde, sondern auch Hygiene- und Sicherheitsaspekte wären natürlich berücksichtigt. Zum Beispiel durch neue, separate Eingänge, die für die infektanfälligen Krebspatienten geschaffen würden. Der diagnostische Eingriffsraum auf der Station würde deutlich vergrößert werden und auch der Pflegestützpunkt würde erweitert werden. Dazu könnte der so wichtige und bereits angesprochene »Marktplatz der Station«, sprich der Wohn-Küchen-Spielraum, gestaltet und realisiert werden.

HANIX — Sicher haben Sie Ideen und Maßnahmen, um die Bürgerschaft der Region dazu zu animieren, für die Kinderonkologie und den Erhalt des Standortes in Heilbron zu spenden?

Dr. Peter Ruef — Natürlich versuchen wir, in den kommenden Monaten medial präsent zu sein. Deshalb spreche ich beispielsweise mit ihnen. Es gibt eine groß angelegte Medienpartnerschaft mit der Heilbronner Stimme. Als Auftaktveranstaltung gab es ein großes Konzert im Audi Forum in Neckarsulm. Darüber hinaus sind beispielsweise Sportevents geplant und viele weitere Veranstaltungen, bei denen wir den Menschen vor Ort erklären, wieso es sich lohnt, zu spenden und was hinter dem Projekt steht. Das Projekt »Leuchtturm Kinderonkologie« wird von Kundenmagazinen aufgegriffen, dazu startet in Kürze eine Plakataktion. Ich würde behaupten, wir haben ein schönes Marketingpaket zusammengeschnürt, um unser Ziel, den benötigten Betrag bis zum Sommer dieses Jahres zusammenzusammeln, zu erreichen.

HANIX — Sollte es ihnen gelingen, die Kinderonkologie in Heilbronn zu halten, ist das nicht nur für das Prestige der Klinik gut. Auch für die Betroffenen Kinder und deren Familien wäre es eine erhebliche Erleichterung.

Dr. Peter Ruef — Es würde den Betroffenen natürlich weite Wege ersparen. Denn man muss wissen, dass ein Behandlungsplan für zum Beispiel die akute lymphatische Leukämie 104 Wochen umfasst. Das bedeutet nicht einen konstanten zweijährigen Klinikaufenthalt, aber es bedeutet, dass über einen Zeitraum von zwei Jahren behandelt werden muss. Nach dieser Zeit folgen mehrere Jahre ambulante Kontrollen. Die Patienten sind dann bis zu zehn Jahren in ambulanter Kontrolle – natürlich immer in der Sorge, dass ein Rezidiv entstehen kann. Das wäre für die Betroffenen ein riesen Aufwand, wenn sie über diesen Zeitraum nach Heidelberg, Stuttgart oder Tübingen fahren müssten. Durch das große Heilbronner Einzugsgebiet und die behandelten Zahlen an Patienten ist es wichtig und macht es Sinn, den Standort der Kinderonkologie in Heilbronn zu erhalten.

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