Die Vaterkolumne August 2014

»Entropie und Erziehung – Fluch oder Gegensatz?«

Unser Vaterkolumnist macht wieder ein knappes Dutzend Klammern auf … aber er macht sie auch wieder zu.

Kinder sind unordentlich! Am Anfang herrscht noch ein einfaches Prinzip (»Alles zu mir!«, wobei »alles« zuerst die Nahrung in oder außer Reichweite bezeichnet und sich bald auf simple Holzspielzeuge, Kleiderfalten oder Brillen erweitert), aber bald wird es dann verzwickter: der kleine braune Bär wohnt auf dem grünen Kissen (das ist Montags, Donnerstags und tlw. am Wochenende so – wobei diese Vorschrift für gerade Kalenderwochen gilt, wenn der Monat mehr als ein ‚e‘ im Namen trägt, für andere mögliche Regeln schreitet die kindliche Entwicklung und die launenhafte Festsetzung neuer Regeln zu rapide voran), der große braune Bär muss hingegen unbedingt im Puppenwagen liegen und darf keinesfalls aufs grüne Kissen, sonst gibt’s Gemäkel. Schwierig daran ist nur, dass beide Bären einfach »Bär« heißen. Aber das geht vorbei.

Noch schwieriger wird es, wenn der Nachwuchs einem (also quasi: mir) einen Socken hinterherträgt und fragt »Wo ist der andere?«

»Ich weiß nicht. Wo hast du denn den einen her?«

»Auf dem Boden!«

»Und lag da der andere auch?«

»Ich weiß nicht.«

»In welchem Zimmer war das?«

Er sieht sich suchend um. Das Zimmer hat er vermutlich am Socken erkannt, und jetzt, da der nicht mehr dort ist, scheint es unmöglich, die Ereignisse noch zu rekonstruieren. Zum Glück ist es ein Riesenspaß, Sachen durch die Gegend zu werfen. Wir werfen den Socken in den Wäschekorb, lachen uns kaputt darüber (und wiederholen den Vorgang beliebig da capo al Mittagessen) und hoffen, dass es dereinst im Trockner (oder in der »Ein-Socken-Schachtel«) zu einem glücklichen Wiedersehen à la Johann Peter Hebel kommt.

Das Kinderzimmer ist eine Welt für sich. Als Junggeselle auf dem Weg, die Welt gehörig zu erobern, dachte man vielleicht »Es ist ein Dschungel da draußen!« (Welcher Film? Na? Na?) – sobald man ein Kinderzimmer im Haus hat, weiß man, dass nicht nur niemand eine Insel, sondern der Dschungel in Wirklichkeit da drinnen ist. Und welche Regeln gelten im Dschungel? Richtig: irgendwas mit Fressen.

Meine Fresse, man kommt wirklich durcheinander: liegt die Kasperlefigur jetzt als Kunde oder als Konsumartikel im Kaufladenregal? Sind die Playmobilmännchen gewissermaßen Wechselgeld oder kann man die nur im Paket erwerben oder warten die auf den Bus, der derzeit in der Werkstatt ist, weil ein Wesen mit plumpen Riesenfüßen (wiederum ich) in der Nacht darüber gestolpert ist?

Es stellt sich heraus, dass das Kasperle sich im Kaufladen versteckt, weil es Angst vor dem Zähneputzen hat (heute abend muss also wieder die Gretchen-Handpuppe zur spielerischen Zahnhygiene antreten, hoffentlich spielt die Vorgauklung derartiger Bereitschaften dem Kleinen nicht später einen bösen Streich bei der Partnerinnenwahl). Die an der Bushaltestelle Wartenden haben es sich im Socken bequem gemacht (ich folgere, damit sie es warm haben und vor nächtlichen Stolpermonstern wenigstens ein bisschen geschützt sind – ohne jetzt meinem Sohn Fantasie und/oder Humor zu unterstellen. Mit Ironie muss man vor der Einschulung ohnehin höllisch aufpassen, die verstehen das angeblich nicht), und natürlich kann man mit leeren Schneckenhäusern aus dem Garten genauso wie mit Stofferdbeeren kaufen. Aber nicht dass jetzt einer kommt und mir erklärt, das sei das tief im sozialen Gemüt verankerte psychologische Tauschregelwerk der Menschheit, das hier zur Anwendung kommt! Man kann nämlich sogar Stoffbananen mit Stoffbananen bezahlen! Erklärt mir das mal jemand?

In meiner Kindheit, ich weiß es noch genau, haben nicht nur Pelikan-Füller-Schreiber die Geha-Fraktion argwöhnisch beäugt, sondern nicht mal Lego und Playmobil waren kompatibel. Noch nicht mal Playmobil und BIG. Kennt das noch jemand oder bin ich zu alt? Naja, das war eben meine Welt, diese ganzen Welten. Dass diese Art von Territorialdenken aber erst im Kindergarten begonnen hat und vorher alles eins, nämlich »meins« war (oder etzt eben, im Falle meines Sohnes, »seins«), das kommt mir jetzt erst wieder in den Sinn.

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral! Und erst kommt die Ordnung, dann das Chaos! Und aus dem Chaos entsteht eine Ordnung, die kompliziert und völlig egal ist, wenn sie nicht aktuell gebraucht wird! Und nach dem Brauchen kommt sozialentwicklungsmäßig ratzfatz das Gebrauchtwerden! (»Ich brauch, dass du mal aufhörst, in die Holztrompete zu tröten!«) Und genauso, wie die Kinder kommen, so gehen sie eines Tages auch wieder. Zum Beispiel in den Kindergarten, und dann zu Rock am Ring und dann sind sie weg und machen Praxissemester im Ausland. Bis das soweit ist, genieße ich doch am besten mit stellenweise gar nicht mal so gut unterdrückter Hektik und einem Erlebnisdrang, der mir alle Risikosportwünsche abnimmt, aus vollen Zügen (und mit Playmobilbusladungen voller Stofferbsen) die Unordnung, hinter der der Glaube an ein Ruhe verbreitendes Prinzip so felsenfest steht wie ein nächtliches Stolpermonster vor dem nächsten encounter mit dem völlig korrekt mitten im Weg geparkten Legomotorrad (denn zuerst war das Legomotorrad und dann erst kam der Weg): und so wie einst alle Socken wieder vereint sein werden, so schweben wir frei im Raum zwischen Ordnung oder Eben-Nicht-Ordnung … wobei ich ganz froh bin, dass die Schwerkraft alles Spielzeug, das im Kinderzimmer seine Reise durch Wohnung und Welt begonnen hat, auf den Boden zwingt. Denn das ist das letzte Argument, das einem noch bleibt: »Es ist kein Platz mehr auf dem Boden! Man tritt schon überall irgendwo drauf! Und ohne Socken tut das manchmal sogar weh!«

Außer es ist der braune Bär, ob klein oder groß. Wenn man nur immer wüßte, wo der gerade liegt!

 

 

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