Die Vaterkolumne Juni-Juli 2014

Das Hin und Her mit dem Wegsein

Stehen Väter eigentlich permanent vor schwierigen Entscheidungen? Vor dieser einfachen Entscheidung steht diesmal auch unser Vaterkolumnist.

und mit dem Dasein auch. Die Vaterkolumne macht diesmal Urlaub und ist also hier: An der Seite eines Kindes zu leben, heißt, die Welt immer aufs neue mit anderen Augen sehen zu dürfen. Naja. Sprichwort eben. In den ersten Monaten mit unserem Kleinen waren wir nach so mancher Nacht froh, wenn wir die Augen gegen die Morgensonne überhaupt so weit aufkriegten, dass die Welt einigermaßen sichtbar war.

Jetzt ist er schon älter. Er geht in den Kindergarten. Manchmal nicht so gern. Ehrlich gesagt, hasst er es, morgens das Haus zu verlassen. Sagen wir besser, er ist im Kindergarten. Dort geht’s dann angeblich immer einigermaßen gut bis superklasse. Sitzt Junior also morgens auf der Bettkante und heult, weil wir ihn schon wieder wegschicken zu den ganzen anderen Kindern und den Spielsachen und der hübschen jungen Erzieherin, die nie die Nerven verliert, ja, dann nehmen wir ihn von der Bettkante hoch, drücken ihn ganz feste und erklären ihm, dass er das jetzt so fühlt, dass er es aber gar nicht so meint. Manche Dinge ändern sich nie: wie oft bin ich auf der Bettkante gesessen und war entschlossen, heute nicht zur Arbeit zu gehen. Und ich hab das nicht nur gefühlt, ich hab das auch so gemeint. Das durfte auch keiner infrage stellen. Dem hätte ich einen reingedrückt!

Gefährlich wird es auch bereits, wenn man die Emotionen des Kindes infrage stellt. Beispiel:

»Morgen besuchen wir Ralf und Andrea, ja?«

»NEEEIN ICH WILL DAS GAR NICHT!«

»Es gibt Popcorn und Ananas dort!«

»NEEEIN ICH WILL KEIN POPCORN UND GAR KEINE ANANAS DAS IST VOLL EKLIG!!«

»Aber du magst doch Ananas.«

»NEEIN DU DARFST DAS NICHT SAGEN, DASS ICH ANANAS MAG. ICH MAG DAS NICHT ICH WILL NICHT!«

Strenger Blick. Deutliche Worte.

»Stell dich nicht so an, du Spacken. Wir gehen, ob du willst oder nicht.«

Klar? So geht’s nicht. Das schlägt Wunden. Das zerstört Vertrauen, von dem man manchmal gar nicht merkt, dass es da ist. Bis es weg ist. Es gibt keine irrtümlichen Emotionen. Was man hat, das hat man. Das ist alles ein Prozess. Und als Eltern sitzt du früher oder später auf der Anklagebank, wenn du nicht höllisch aufpasst. Oder dein Kind eben ernst nimmst. Aber nicht zu ernst. Immer locker bleiben mit dem Ernstnehmen. Aber nicht schludern! Es kehrt ja auch immer wieder Ruhe ein. Und wenn nicht, muss man eben mal für ein paar Tage raus. Alle zusammen natürlich. Man nennt es Urlaub. Das kann man sich leisten, wenn man morgens nicht auf der Bettkante sitzen bleibt. Nur so als Tipp.

Ich hole also die beiden großen Rollkoffer vom Dachboden. Er staunt.

»Fährst du weg?«

»Wir fahren alle weg, in Urlaub.«

»Nimmst du das Auto mit?«

»Äh … was?«

»Wenn du das Auto mitnimmst, können Mama und ich nicht auf den Spielplatz.«

»Stimmt ja gar nicht, um die Ecke ist doch ein Spielplatz.«

Er sieht mich an. Er kann noch nicht formulieren »ich hatte das jetzt eher so kategorisch und auf alle Spielplätze der Welt bezogen verstanden wissen wollen«, also helfe ich ihm:

»Wir fahren alle zusammen an einen ganz schönen Ort, da ist sicher auch ein großer ganz toller Spielplatz!«

»NEEIN DU DARFST NICHT DIE MAMA MITNEHMEN!«

Ein Themawechsel wäre jetzt gut, aber das kann man nicht machen. Da fühlt sich jedes noch so kleine Gegenüber nicht ausreichend ernst genommen.

»Wir fah-ren al-le zu-sam-men«, sage ich gütig und gehe auf die Knie dazu. Damit wir auf Augenhöhe sind. Nicht in die Knie, auf die Knie. Bei Kindern. Naja. Könnte mal ein Sprichwort daraus werden. Was macht er? Er guckt. Seine Augen leuchten.

»Ein großer Spielplatz?«

»Ja.«

Seine Augen leuchten. Best Dad ever ist soeben mein zweiter Vorname geworden.

»Ich will da sein«, sagt er, und ich schmelze. Aber die Realität zwingt mich zu sagen:

»Wir fahren erst hin.«

Er schüttelt den Kopf und erklärt mir, was hier läuft. »Ich will jetzt schon da sein.«

»Das geht nicht, nicht jetzt, aber morgen früh fahren wir.«

Er sieht zur Seite. Jetzt nicht schwach werden. Kinder brauchen Wurzeln und Flügel. Jetzt ist ein kurzer Wurzelabschnitt angesagt. Er greift sich Doffo, den Plüschaffen und zeigt ihn mir.

»Guck mal, Doffo!«

Themawechsel geht also doch. Wenn man nur immer wüsste, wann.

Wir fahren also alle drei (NEEEIN ICH WILL NICHT INS AUTO/AN DER TANKSTELLE IST ES SCHÖN DA KANN DER PAPA EINEN LOLLI KAUFEN) und fahren ein paar Stunden (DER PAPA SOLL SCHNELLER FAHREN – Vor uns sind gerade ganz viele Autos, das ist ein Stau. Wenn Stau ist, müssen alle anhalten. – FAHR SCHNELLER! – Geht nicht. – WENN DU DICH ANSTRENGST DANN SCHAFFST DU ES PAPA) und sind schließlich am Ziel (ICH BIN ÜBERHAUPT NICHT MÜDE) und genießen einen angenehmen Abend zu zweit im Hotelzimmer neben dem schnarchenden Kind.

Am Morgen werden wir geweckt. Junior hat einen Stuhl vom Esstisch ins Schlafzimmer gezogen, ist draufgestiegen und zu uns ins Bett gesprungen. Wir freuen uns mit ihm über den tollen Hops. Genauer gesagt treiben wir es so weit, bis wir alle vor Vergnügen quietschen. Sodann wird es still. Meine bezaubernde Gattin kichert noch ein bisschen, ich starre an die Decke und grinse und freue mich, dass sie den Brückentag genommen hat und heute erst Freitagmorgen ist. Herrlich.

»Ich will nach Hause«, höre ich da.

»Wir fahren nicht nach Hause, hier ist es schön«, sagt meine bezaubernde Gattin, »wir bleiben noch ein paar Tage hier.«

»NEEIN HIER IST ES GAR NICHT SCHÖN!!«

»Wo sollen wir hingehen?«, frage ich, »auf den Spielplatz?«

Auf dem Spielplatz ist es nach dem Frühstück (DAS IST VOLL EKLIG KANN ICH NOCH MEHR DAVON HABEN?) dreimal hintereinander abwechselnd unerträglich und herrlich, das Schwimmbad ist zu nass und ich bin böse, wenn ich nach drei Stunden schon gehen will. Am Abend will er wieder nach Hause, weil da angeblich noch nicht Schlafenszeit ist. Wir sitzen auf dem Balkon und suchen den Mond. Und finden ihn.

»Ist es hier schön, was meinst du?«

»Ja, hier ist es schön, weil hier auch ein Mond ist.«

Ich schätze, das mit dem »die Welt immer aufs Neue mit anderen Augen sehen« ist so eine Phase. Das sieht morgen schon wieder ganz anders aus.

 

 

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