Interview des Monats August 2014

Rüdiger Rehm: »IM MÄRZ 2015 KÖNNT IHR ZUM GRATULIEREN KOMMEN«

Fußballtrainer Rüdiger Rehm geht in seine erste Profisaison als Trainer. Nebenbei absolviert er auch den Fußballlehrer-Lehrgang des DFB in Hennef. Wir sprachen mit dem Ex-Profi über seine Erwartungen, die Doppelbelastung als Trainer und Lehrgangsteilnehmer und Fehler, die er bei den erfolgreichen Aufstiegsspielen gegen den VfL Wolfsburg begangen hat.

HANIX — Rüdiger, Du bist aktuell Teilnehmer des 61. Fußball-Lehrer-Lehrgangs in Hennef. Hast Du die abgelaufene Weltmeisterschaft als Fan oder eher als angehender Fußballlehrer verfolgt?

Rüdiger Rehm — Ich denke als Fußballtrainer ist es ganz normal, dass man Spiele bei der WM auch mit einem analytischen Ansatz verfolgt. Die Zeiten, in denen ich ein Spiel nur als Fan angeschaut habe, sind vorbei. Ich versuche es natürlich, erwische mich aber selbst immer wieder dabei, wie ich taktische Fehler erkenne und darüber nachdenke, wie diese verhindert werden könnten. Das Finale habe ich aber auf dem Fandorf in Heilbronn erlebt, weil ich einfach die Atmosphäre liebe. Ich war zwar nicht mittendrin, sondern bin eher abseits gesessen, es war aber ein Genuss die Stimmung aufzusaugen.

HANIX — War es für dich eine, vor allem bezogen auf das spielerische und taktische Niveau, gute WM?

Rüdiger Rehm — Generell war es einfach eine sehr spannende WM und man hat schnell gemerkt, dass es keine »kleinen« Gegner mehr gibt. Es gab auch keine Mannschaft, wie beispielsweise 2002 Saudi-Arabien, die komplett abgeschossen wurde. Mir ist aufgefallen das, gerade vom taktischen Gesichtspunkt her, auch die kleinen Fußballnationen mittlerweile sehr gut geschult sind, vor allen Dingen im Defensivbereich.

HANIX — Die »Kleinen« haben also aufgeholt. Gibt dir das auch für die kommende Drittliga-Saison mit Großaspach Hoffnung?

Rüdiger Rehm — Es macht uns schon Mut, aber so ganz kann man das natürlich nicht vergleichen. Wir haben sicherlich eine gewisse Außenseiterrolle, wichtig ist für uns aber, dass das Mannschaftstaktische im Vordergrund steht. Bei der WM war zu sehen, dass nicht nur die Teams mit den besten Einzelspielern gewinnen, sondern eher diejenigen, die mannschaftlich geschlossen agieren. In der vergangenen Saison war es mit Großaspach ähnlich. Wir hatten sicherlich nicht die besten Einzelspieler, haben aber als homogene Mannschaft unglaublich gut funktioniert, wodurch man dann hauptsächlich auch die ganz engen Spiele für sich entscheiden kann.

HANIX — Wo seid ihr vom Etat her in der letzten Regionalliga-Saison angesiedelt gewesen?

Rüdiger Rehm — Unser Etat belief sich bei knapp unter einer Million Euro, womit wir, verglichen mit den anderen Mannschaften, im unteren Drittel angesiedelt waren. Dies wird übrigens auch in der 3. Liga der Fall sein, wo wir, gemeinsam mit Unterhaching, den niedrigsten Etat haben.

HANIX — Du hast bisher neben deiner Trainertätigkeit als Leiter der Teamsport-Abteilung für das Sporthaus Saemann gearbeitet. Wirst Du den Job weiter betreiben, oder ihn, jetzt da Du Profitrainer bist, erstmal auf Eis legen und dich auf die kommende Saison und deine Fußballlehrer-Ausbildung konzentrieren?

Rüdiger Rehm — Ganz aufhören möchte ich mit meinem Job bei Saemann nicht, aber klar ist, dass ich mein Engagement dort deutlich zurückschrauben muss. Es sind hier zwei neue Kollegen gekommen, die mich bei der täglichen Arbeit unterstützen werden. Mein Hauptaugenmerk liegt jetzt erstmal ganz klar beim Thema Fußballlehrer und bei der SG Sonnenhof-Großaspach.

HANIX — Vor 18 Jahren hast Du am 14. Juli, also auf den Tag genau als die DFB-Elf den WM-Pokal überreicht bekam, mit der A-Jugend des VfR Heilbronn den DFB-Pokal gewonnen. Hast Du dich an die damalige Pokalübergabe und die Feierlichkeiten zurückerinnert, als Philipp Lahm den WM-Pokal in die Höhe gestemmt hat?

Rüdiger Rehm — Wir hatten ja zwei Wochen davor ein Treffen der damaligen Mannschaft und da haben wir eher noch darüber nachgedacht, wie das damals alles war. Beim WM-Finale war es dann aber nicht so und ehrlich gesagt kann ich mich auch gar nicht mehr richtig daran erinnern, wie das damals bei der A-Jugend genau war. Ich kann aber sehr wohl noch nachvollziehen, wie so ein Erfolg gefeiert und verarbeitet wird. Dies war ja erst vor fünf Wochen mit meiner Mannschaft so.

HANIX — Aktuell bereitest Du dich auf deine erste Profisaison als Trainer vor, nachdem Du mit
Großaspach den Aufstieg in die 3. Liga geschafft hast. Zum Abschluss des Trainingslagers in Österreich gab es einen Sieg gegen den Zweitligisten RB Leipzig mit deinem »Lehrmeister« Alex Zorniger auf der Trainerbank. Klingt nach einer guten Vorbereitung …

Rüdiger Rehm — Die letzte Vorbereitungswoche war richtig gut. Anfangs gab es einige Probleme, was hauptsächlich daran lag, dass wir nur zweieinhalb Wochen Pause hatten. Das ist aber ganz normal, denn nach so einem Erfolg muss die Mannschaft auch erst langsam wieder hochfahren. Dementsprechend waren auch die ersten Vorbereitungsspiele nicht das, was wir uns versprochen und vorgestellt hatten. In der letzten Woche im Trainingslager haben wir hart an uns gearbeitet und auch alles sehr kritisch hinterfragt und aufgearbeitet. Den Jungs ist jetzt klar, dass die nächste Saison nur mit permanentem Vollgas erfolgreich gestaltet werden kann. Durch das Spiel gegen RB Leipzig wissen wir jetzt auch, dass wir in der dritten Liga bestehen können.

HANIX — Spürst Du nun vor der ersten Profisaison mehr Druck, der auf dir und dem Team lastet?

Rüdiger Rehm — Wir hatten letztes Jahr den Druck unbedingt aufzusteigen nicht, vor allen Dingen nicht von Vereinsseite aus. Klar ist, dass niemand absteigen will. Der Druck ist also gewissermassen da, ich habe aber den Eindruck, dass die Freude auf die neue Saison deutlich überwiegt. Die Liga ist mit den vielen Traditionsvereinen, vielen Zuschauern und großen Stadien eben sehr attraktiv.HANIX — Wie entwickelt man denn so eine Vorfreude auf eine neue Saison und wie nimmt man dem ein oder anderem die Angst vor neuen Aufgaben?

Rüdiger Rehm — Ich denke wir haben das mit den Spielen gegen Wolfsburg schon sehr gespürt. Im Hinspiel haben wir den Fehler gemacht uns am Spiel des Gegners zu orientieren und dementsprechend das ein oder andere zu ändern. Im Rückspiel war dann die klare Marschroute ausschliesslich unser Spiel durchzuziehen, was ja bekanntermassen gut funktioniert hat. Ich glaube genau darin liegt das Geheimnis. Wenn man von etwas überzeugt ist, hat man auch keine Angst vor neuen Aufgaben. Der Trainerstab versucht einfach, die Jungs auf höchstem Niveau vorzubereiten und auf alle Eventualitäten einzustellen.

HANIX — War es dann im Hinspiel ein Fehler vom Trainerteam die Strategie zu ändern und wenn ja, warum lässt man sich dazu verleiten? Selbiges ist ja Jogi Löw bei der EM 2012 im Halbfinale gegen Italien auch schon passiert!

Rüdiger Rehm — Vielleicht denkt man als Trainer zu viel darüber nach, was man vielleicht noch besser machen kann. Wir haben ja auch nicht gesagt wir ändern jetzt irgendwas komplett. Es ging nur um eine Kleinigkeit im Spielaufbau, weil wir Wolfsburg als Pressingmannschaft erwartet haben. Doch Wolfsburg hat dies in dem Spiel gegen uns eben nicht praktiziert. Das heisst also, dass der Gegner auch etwas an seiner Strategie geändert hat, wovon wir überrascht waren. Wichtig für einen Trainer ist aber auch Fehler einzugestehen und aus Fehlern zu lernen. Und vor allen Dingen dies auch der Mannschaft gegenüber zu kommunizieren.

HANIX — Du bist seit 2008 in Großaspach. Zunächst als Spieler, dann als Co-Trainer und seit zwei Jahren als Cheftrainer. Wann hast Du begonnen konkrete Trainerambitionen zu entwickeln?

Rüdiger Rehm — Als ich 2008 nach Großaspach gekommen bin, war mir schon klar, dass ich irgendwie auch die Trainerschiene befahren will. Ich habe schon während meiner Spielerkarriere begonnen alle Trainingseinheiten, die ich gut fand, in meinem Computer zu speichern. Großaspach hat mir die Möglichkeit gegeben, als spielender Co-Trainer zu fungieren. Das hat dann alles ziemlich gut funktioniert und im Erfolgsfall ist es dementsprechend leichter, sein Ziel weiter zu verfolgen. Dann habe ich hier in Großaspach einige Wochen interimsmäßig die Cheftrainerrolle übernehmen dürfen, was mir letztendlich sehr viel Freude bereitet hat.

HANIX — Nachdem Alexander Zorniger nach Leipzig gewechselt ist, hast Du übernommen. Warst Du über das Vertrauen Großaspachs überrascht oder wurden die Weichen schon früh so gestellt, dass Du die Nachfolge als Chefcoach übernimmst?

Rüdiger Rehm — Letztendlich hat man schon darauf hingearbeitet und es war keine Riesensensation. Nachdem Alex Zorniger den Fußballlehrer absolviert hat, er war übrigens Jahrgangsbester, war klar, dass daraufhin auch Angebote folgen werden und ich hatte in dem Jahr seiner Ausbildung viele Trainingseinheiten geleitet. Es war aber nicht so, dass ich einen Cheftrainerposten zur Bedingung gemacht habe. Natürlich habe ich aber geäußert, dass ich irgendwann hier gern Cheftrainer wäre. Der Schritt von Vereinsseite aus mir das Vertrauen auszusprechen, war dann natürlich sehr mutig. Damals war ich 33 Jahre alt, hatte noch keinen Cheftrainerposten ausgeübt und war, da ich auch noch Spieler war, eben sehr nah an den Jungs dran, was ja nicht zwangsläufig hilfreich sein muss. Die ersten Wochen als Cheftrainer waren auch nicht unbedingt von Erfolg geprägt, aber der Verein ist ruhig geblieben und hat mich unglaublich gut unterstützt.

HANIX — Von welchem Trainer deiner aktiven Laufbahn hast Du denn die meisten Trainingseinheiten auf deinem Computer abgespeichert?

Rüdiger Rehm — Da meine längste Station als aktiver Spieler bei Waldhof Mannheim unter Uwe Rappolder war, kann man ihn sicherlich ganz vorne nennen. Zumal seine Philosophie sehr deckungsgleich mit meiner ist, obwohl auch klar ist, dass sich der Fußball in den vergangenen Jahren sehr verändert hat. Uwe Rappolder war damals aber schon weiter als manch anderer Trainer.

HANIX — Es heisst, dass man als Trainer mehr Verantwortung trägt als die Spieler. Und da Fußball ein Ergebnissport ist, lastet großer Druck auf den Trainer. Was ist, bei all den Strapazen, das Beste am Trainerjob?

Rüdiger Rehm — Wenn man Fußball liebt, selbst gespielt hat und das dann aber nicht mehr kann, muss man schauen, was man weiter in diesem Bereich machen kann und will. Das alles Entscheidende und somit auch das Schönste am Trainerjob ist für mich die akribische Trainingsarbeit mit den Jungs und darauf folgend das Umsetzen auf dem Platz. Des weiteren ist es das Fördern und auch das Formen von jungen Spielern, sie vielleicht auch charakterlich positiv zu beeinflussen. Ziel eines jeden Trainers sollte es sein, dass man mit allen Spielern auch klarkommt, wenn es mal auseinandergeht.

HANIX — Wohin soll deine Reise als Trainer von Großaspach gehen?

Rüdiger Rehm — Darüber konnte ich mir noch gar keine großartigen Gedanken machen, weil ich ja relativ schnell in die ganze Geschichte reingerutscht bin. Ich will natürlich immer an das Maximum gehen, was letztendlich dann mein Maximum auch in Bezug zu meiner Qualität als Trainer ist, wird sich im Laufe der Zeit zeigen. Als Fußballer hat es eben nur zur zweiten Liga gereicht, weil einfach mehr Qualität nicht da war. Vielleicht kann ich ja als Trainer da noch einen draufsetzen, aber wie eben erwähnt: die Zeit wird es zeigen. Momentan möchte ich hier in Grßoaspach noch einige Jahre etwas aufbauen.

HANIX — Es wird einige Male Kulturschocks im Dorf geben, wenn zum Beispiel ein großer Dresdener Dynamo-Mob einfällt. Oft werden wahrscheinlich auch mehr Auswärtsfans als Heimfans da sein. Wie bereitet sich der Verein auf das Unbekannte vor?

Rüdiger Rehm — Wir müssen einfach mal abwarten, wie das Ganze bei uns in der Region angenommen wird. Wir von Vereinsseite aus sehen das alles sehr positiv. Wir freuen uns auf Vereine wie Dynamo Dresden, Energie Cottbus und den VfL Osnabrück, denn für den Ort Aspach sind das eben große Spiele. Klar ist uns aber auch, dass die Sicherheitsvorkehrungen erhöht werden müssen. Aber ich denke wir sind auf alles gut vorbereitet. Alle Fans, die darauf aus sind ihre Mannschaft fair anzufeuern und das Spiel zu feiern, sind herzlich eingeladen. Alle anderen, und hier meine ich natürlich ausschliesslich die Radau-Brüder, sollten meiner Meinung nach in gar kein Fußballstadion mehr gehen.

HANIX — Aktuell absolvierst Du die höchste Ausbildung, die es im Fußball gibt. Du bist Teilnehmer des Fußball-Lehrer-Lehrganges, unter anderem mit Ex-Nationalspieler Thorsten Frings. Was hat dich dazu bewogen, den letzten noch fehlenden Schein zu erwerben.

Rüdiger Rehm — Hier gibt es mehrere Gründe. Der erste Grund ist natürlich unser Aufstieg in die 3. Liga, was gleichzeitig heisst, dass ich den Fußballlehrer machen muss. Ich habe mich aber schon vor unserem Aufstieg beworben und bin angenommen worden, weil ich jetzt einfach eine Grenze erreicht habe, an der es ohne den Schein nicht mehr weitergeht. Wenn ich mein Maximum erreichen möchte, muss ich diesen Lehrgang einfach absolvieren und bestehen.

HANIX — Durch den Lehrgang bist Du bis zum Frühjahr im kommenden Jahr jeweils nur eine halbe Woche bei deiner Mannschaft. Wie ist die Strategie von dir und deinem Trainerteam, diese strapaziöse Zeit zu überstehen?

Rüdiger Rehm — Wir haben den Trainerstab erweitert und konnten glücklicherweise den Trainerstab der letzten Saison komplett zusammenhalten. Somit kann die im letzten Jahr angefangene Philosophie weiter vorangetrieben werden. Hätten wir das nicht geschafft wäre es mit Sicherheit mit neuen Leuten sehr schwierig geworden den Trainerlehrgang zu absolvieren in dem Wissen, dass zu Hause jemand ist, der einfach erst mal hineinwachsen muss. Ich bin mir sicher, dass die Jungs einen Super-Job machen werden, was sich in den letzten Wochen schon gezeigt hat.

HANIX — Hast Du dir für diese Zeit auch Tipps von Alex Zorniger geholt, der eine ähnliche Situation bewältigen musste?

Rüdiger Rehm — Hier gibt es zwei Faktoren. Erstens war ich damals die Person, die die Trainingseinheiten geleitet hat, während Alex im Lehrgang war, was für mich im Nachhinein ein großer Vorteil war, weil ich extrem viel mitbekommen und dokumentiert habe. Wir waren damals in ständigem Kontakt und wichtig hierbei ist auch, dass die Anweisungen des Cheftrainers zu 100 Prozent durchgeführt werden. Die Spieler sollten nicht in die Gefahr kommen sich darauf auszuruhen, dass der Cheftrainer mehrere Tage pro Woche nicht da war. Das Wichtigste an dieser Situation ist also der ständige Kontakt und der ständige Informationsaustausch.

HANIX — Im Kicker stand, dass Du ein akribischer Arbeiter bist. Worin zeichnet sich denn diese Akribie aus?

Rüdiger Rehm — Ich denke das akribische Arbeiten ist vor allen Dingen sich nicht jede Woche den gleichen Trainingsplan aus dem Ärmel zu schütteln, sondern auf die besonderen Situationen, Umstände und das zurückliegende Spiel zu reagieren. Man muss einfach versuchen die einzelnen Mosaikstückchen zusammenzufügen und an den Details zu arbeiten und diese müssen vorher selbstverständlich sehr genau analysiert werden.

HANIX — Wie lange schaust Du, wenn Du ein Spiel per Video analysierst, dieses Spiel oder einzelne Szenen an?

Rüdiger Rehm — Man kann ungefähr sagen, dass ein komplettes Spiel, sprich 90 Minuten circa vier Stunden Analysezeit benötigen.

HANIX — Wann werden die Strapazen mit dem Fußballlehrer-Diplom vorüber sein?

Rüdiger Rehm — Im März 2015 sollte das alles erledigt sein und hoffentlich könnt ihr dann zum Gratulieren vorbei kommen.

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