Interview Marc Schnatterer HANIX No.33

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Ich freue mich auf Hells Bells am Millerntor

Der gebürtige Heilbronner Marc Schnatterer mischt mit dem 1. FC Heidenheim aktuell die 2. Bundesliga auf. Der Offensivspieler führt die Scorerliste der Liga an und hat noch vieles vor in Heidenheim, wo er kürzlich seinen Vertrag bis 2020 verlängert hat. Wir sprachen mit dem Fußballprofi über seinen Status als Star und Identifikationsfigur sowie den Traum von Bundesligafußball.

Marc Schnatter, 1.FC Heidenheim

HANIX – Marc, hast du dir die 2. Bundesliga so einfach vorgestellt?

Marc Schnatterer — Was heisst einfach? Ich denke, wenn man noch nie in Bundesliga oder der 2. Liga gespielt hat, geht man da mit Vorfreude aber auch mit dem nötigen Respekt ran. Das Gute ist vielleicht, dass sowohl wir als Spieler als auch der Verein ins kalte Wasser geschmissen wurden, was wir alle recht gut angenommen haben. Natürlich ist, bis jetzt, alles gut gelaufen für uns, die 2. Liga ist aber vom Anspruch her eine ganz klare Steigerung im Vergleich zur 3. Liga.

HANIX – Merkt man den Unterschied tatsächlich so extrem? Alle drei Aufsteiger – Leipzig, Darmstadt und Heidenheim – stehen recht gut da.

Marc Schnatterer — Klar stehen alle drei Aufsteiger extrem gut da, das kommt aber natürlich auch auf die Qualität an. Darmstadt, Leipzig und wir hatten ja im letzten Jahr schon über die ganze Saison eine hohe Konstanz an guten Leistungen gezeigt, was es in der dritten Liga bis dato nicht oft gab. Die drei genannten Vereine sind einfach über die letzten Jahre gesund gewachsen und die Mannschaften sind sehr gut eingespielt.

HANIX – In der Geschichte der 2. Liga feierte nur ein Akteur, der zuvor maximal drittklassig spielte, einen besseren Einstand als du. Du bist aktuell zweitbester Feldspieler nach Noten und führst die Scorerliste der Liga an, dazu belegst du Platz zwei bei den Torjägern. Klingt nicht gerade danach, als würde dir die Liga schwerfallen.

Marc Schnatterer — Es ist immer ein bisschen schwierig zu beurteilen. Die von dir angesprochenen Statistiken habe ich auch erst am Montag im Kicker gelesen. Ich denke, wenn man an seine eigenen Stärken glaubt, diese versucht kontinuierlich zu verbessern und das dann auch auf den Platz bringt, wird man früher oder später auch die Ernte einfahren. Schwieriger wird es, wenn man zuviel mit dem hadert, was nicht klappt. Dann macht der Kopf irgendwann auch nicht mehr so mit, wie er es sollte. All dies klappt bei mir persönlich auch nur, wenn es in der Mannschaft stimmt. Meine guten Statistiken kommen auch daher, dass ich von meinen Mitspielern gut in Szene gesetzt werde. Dies sollte man nie vergessen. Natürlich wird es auch mal eine Phase geben, in der nicht alles so läuft, wie momentan. Aber auch dann darf man nicht verzweifeln und mit sich hadern, sondern man sollte versuchen sich das Selbstvertrauen und den Spass im Training zurück zu erarbeiten.

HANIX – Auf welches Stadion freust du dich in der 2. Bundesliga am meisten? Sicherlich nicht auf das Sandhausener Hardtwaldstadion oder auf das Volksbankstadion des FSV Frankfurt.

Marc Schnatterer — Ich war schon immer ein Fußball-Fan und, sagen wir mal, Sympathisant vom FC Bayern München und meinem Vorbild Mehmet Scholl. Wir hatten jetzt beispielsweise schon in Düsseldorf gespielt: Ich muss schon sagen, dass es ein richtig geiles Stadion mit fantastischer Stimmung ist. Auf St. Pauli freue ich mich zum Beispiel auch sehr. Alle erzählen immer, dass dieses Gefühl, bei Hells Bells einzulaufen, einfach unbeschreiblich ist. Wir sind jetzt dabei und dürfen das genießen. Zu nennen sind hier aber auch der Betzenberg in Kaiserslautern und die Allianz-Arena, in der wir gegen 1860 München spielen.

HANIX – Vor einem Jahr hast du mit dem Bundesligisten FC Augsburg geflirtet und dich dann doch für die 3. Liga in Heidenheim entschieden. Stand auf deiner »To do«-Liste nicht »Bundesliga spielen«?

Marc Schnatterer — Vor einem Jahr stand schon auf der Liste Bundesliga zu spielen, aber die 2.Liga gehört eben auch dazu. Natürlich ist ein Verein wie Augsburg interessant und attraktiv, allein schon, was die Entwicklung in den letzten Jahren angeht. Ich muss aber dazu sagen, dass immer viel von außen gesagt und geschrieben wird, und soviel wie die Öffentlichkeit vermutete, ist in der Zeit gar nicht passiert.

HANIX – Nach der Absage an Augsburg diktiertest du dem Kicker: »Heidenheim passt zu mir und ich passe nach Heidenheim.« Beschreibe doch mal für uns Heilbronner das Städtchen und den Verein Heidenheim und warum du so gut hier zur Stadt und zum Klub passt.

Marc Schnatterer — Ich bin generell ein Familienmensch. Ich kann mein Bestes geben, wenn ich mich wohlfühle und gegenseitiges Vertrauen da ist. Das gilt für den Fußball dann natürlich für den Verein, die Stadt und unsere Fans. Der Verein und die Stadt entsprechen diesem Typus. Beide sind nicht zu groß, man kennt sich eben. Ein weiterer Punkt ist die ehrliche Arbeit des Vereins und der ehrliche, direkte Umgang mit den Spielern. Ich bin ein Typ, der sagt, was er denkt. Das ist hier gern gesehen.

HANIX – Resultierte die Entscheidung, hier zu bleiben auch aus schwäbischem Sicherheitsdenken heraus? Eben für den Traum »Bundesliga zu spielen« nicht den erarbeiteten Status und die damit verbundenen Annehmlichkeiten über Bord werfen zu müssen?

Marc Schnatterer — Es ist wahrscheinlich eine Mischung aus vielem. Natürlich spielt im Kopf immer eine Rolle, dass ein gewisser Reiz für Abenteuer vorhanden ist. Als Sportler will ich Erfolg haben, nach vorne kommen und eine gewisse Entwicklung mitmachen. Das habe ich immer gesagt. Hier in Heidenheim ist in Zukunft noch sehr viel möglich und ich fände es toll, ein Teil davon zu sein. Es ist natürlich so, dass ich als Kapitän, der schon lange im Verein ist, höhere Einflussmöglichkeiten habe, als es bei einem ganz neuen Verein wäre. Ich werde hier durchaus um Rat gefragt. Grundsätzlich bin ich sehr froh hier zu sein. Aber in erster Linie nicht wegen der Sicherheit, sondern wegen meiner Überzeugung, dass in Heidenheim in den nächsten Jahren noch sehr viel bewegt werden kann. Aber eine gewisse Abenteuerlust ist auch da. Wenn man als Spieler in der 2.Liga angekommen ist und dann nicht auch in der Bundesliga spielen will, hätte man wohl seinen Job verfehlt.

HANIX – Bis du 2008 nach Heidenheim in die Regionalliga kamst, lief deine Karriere eher durchwachsen. Viele Trainer empfanden deine Statur als zu schmächtig. Nirgends, ob beim VfB Stuttgart in der Jugend, oder beim KSC II in der Regionalliga gelang dir der Durchbruch. Und auch in Heidenheim lief es anfangs eher schleppend. Du wolltest schnell wieder weg von der Ostalb. Wieso hast du dann doch die Kurve bekommen und bist vom Mitläufer zum Leistungsträger, zum Führungsspieler, zum Publikumsliebling und zur Identifikationsfigur geworden?

Marc Schnatterer — Eine ganz wichtige Rolle spielt hier natürlich der Trainer. Dies ist vielleicht auch der Unterschied zwischen Karlsruhe und Heidenheim gewesen. Wenn man Vertrauen genießt und auch gefördert wird, ist es immer ein bisschen leichter. Bevor ich damals nach Karlsruhe in die Regionalliga ging, wo es dann sportlich nicht so gut lief, sprach ich schon mit Heidenheim. Dann kam Heidenheim erneut auf mich zu. Letztendlich hätte ich mich vielleicht auch nicht für Heidenheim entschieden, wenn ich nicht schon damals gesehen hätte, was hier entstehen kann. Dann war ich hier und alles, sowohl das Stadion, der Verein als auch das Städtchen war ein bisschen kleiner als ich es aus Karlsruhe kannte. Da habe ich mir als 22-jähriger schon meine Gedanken gemacht, ob dies der richtige Weg ist, den ich eingeschlagen habe. Es kamen dann Überlegungen auf, ob ich tatsächlich hier meine Karriere machen kann oder vielleicht doch ein Studium beginnen sollte, um eine gewisse Sicherheit zu haben. Ich wollte meine Zelte hier schon abreissen. Unser Trainer gab mir ein Wochenende frei. In der Zeit bin ich dann nach Hause gefahren und habe alles mit meinen Eltern besprochen, die mich dann total gestärkt haben, es hier zu versuchen. Außerdem gab es noch ein etwas härteres Gespräch mit unserem Geschäftsführer Holger Sanwald, welches mich unheimlich motiviert hat. Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass meine Überlegungen nie etwas mit der Mannschaft zu tun hatten, die mich super aufnahm. Irgendwann habe ich dann den Schalter umgelegt bekommen und das hat ja dann auch ganz gut funktioniert. Ich kann mich noch sehr gut an die Worte von Holger Sanwald erinnern. Er sagte mir nach meinen ersten sechs Monaten hier in Heidenheim, dass die besten Ehen meistens die sind, die etwas holprig beginnen. Er hat recht behalten.

HANIX – Dein Trainer Frank Schmidt ist ein Baum von einem Mann. Du hast eher eine schmächtige Figur. Die beiden sportlichen Hauptfiguren in Heidenheim könnten äußerlich also kaum unterschiedlicher sein. Bezogen auf den Fußball scheinen sie aber ganz ähnlich zu ticken. Nun hast du und auch Trainer Schmidt bis 2020 verlängert. Das klingt nach purer Fußballromantik. Sprecht ihr beiden auch manchmal darüber?

Marc Schnatterer — Über dieses Thema sprechen wir eher weniger. Klar kommunizieren wir viel Miteinander, wobei es dann hauptsächlich um die nächsten Gegner und ums Fußballerische geht. Optisch gesehen sind wir zum Glück zwei grundverschiedene Typen. Er war auch ein ganz anderer Spieler, eher im defensiven Bereich angesiedelt, als ich es bin.

HANIX – Zweifelsfrei ist Schmidt maßgeblich für deine sportliche und persönliche Entwicklung verantwortlich. Wie hat er es angestellt aus dem schmächtigen Mitläufer den aktuell besten und gefährlichsten Spieler der 2. Bundesliga zu formen?

Marc Schnatterer — Da ich immer noch schmächtig bin, hat er mich auf jeden Fall nicht in den Kraftraum geschickt. Er hat wohl sehr früh erkannt was in und mit mir möglich ist, so wie ich erkannt habe, was mit Heidenheim möglich ist. Er hat einfach das Gespür dafür wie er mit mir umgehen, und wie er mich anpacken muss, sei es im Training oder im Spiel. Ich habe schon manchmal meinen eigenen Kopf und bin wohl auch etwas stur. Der Trainer weiß, dass er mir auch im Spiel meine gewissen Freiräume lassen muss, was ich natürlich versuche positiv zu nutzen, ohne Egotrips fahren zu wollen. Diese Unterstützung war vor einigen Jahren viel wichtiger für mich als heute, da auch ich, als mittlerweile gestandener Spieler, reifer und ruhiger geworden bin.

HANIX – Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft. Hier in Heidenheim schert man sich darum wenig, so der Eindruck. Liegt das auch daran, dass die Vereins-DNA viele Jahrzehnte im Amateurbereich programmiert wurde, wo einfach vieles gemütlicher und familiärer zugeht? Man hat aus der Ferne das Gefühl, dass hier noch alte Werte gelten. Zumindest mehr als anderswo im Profifußball.

Marc Schnatterer — Ich würde nicht behaupten wollen, dass Traditionsvereine oder größere Vereine nicht auch familiär sind. Eher sind aber die Erwartungshaltungen höher, was bei uns in den letzten zwei Jahren aber auch der Fall war. Wir schaffen es immer ganz gut, den Druck von außen von uns fernzuhalten und die wichtigen Dinge intern zu besprechen. Klar ist aber das stetige Wachstum, welches hier vollzogen wurde, ein großer Vorteil für uns und die Stadt. Aber man muss klar feststellen, dass der Verein sich zum echten Profiverein mausert. Anders wären die Herausforderungen nicht zu bewältigen. Wichtig bei all der positiven Entwicklung und dem Erfolg ist, dass wir uns noch selbst im Spiegel anschauen können und wissen, wo wir herkommen. Es ist wie überall: Wenn man alles für den Verein gibt, honorieren dies auch die Fans, selbst wenn es mal nicht so gut läuft.

HANIX – Die alten Werte besagen, dass eine Fußballmannschaft eine Stadt, einen Stadtteil oder ein Dorf repräsentiert. Mit Spielern aus dieser Stadt, dem Stadtteil oder dem Dorf. Zumindest aber aus der Region. Damit sich die Zuschauer, die Fans mit dieser Mannschaft identifizieren können. Hier in Heidenheim, mit der 13000 Mann fassenden Voith-Arena, kennt der Fan den Profi noch persönlich, richtig? Und man schwäbelt miteinander. Immerhin stehen inklusive Coach Frank Schmidt elf gebürtige Schwaben im Kader.

Marc Schnatterer — Ich glaube schon, dass es einen positiven Aspekt haben kann, wenn es viele Beteiligte gibt, die aus derselben Region kommen. Es kann zumindest nicht schaden. In erster Linie ist es aber wichtig, dass die Leute sehen wollen, dass, sobald ein Spieler das Trikot des Vereins trägt, er auch alles für den Verein gibt. Dann ist es nicht mehr entscheidend, aus welcher Region der Spieler kommt. Ich persönlich finde es natürlich gut, dass ein Verein wie Heidenheim auch viele Talente und Spieler aus der Region fördert.

HANIX – Wenn du und Trainer Schmidt die aktuell verlängerten Verträge erfüllen sollten, würdet ihr am Ende zwölf Jahre miteinander arbeiten. Das erinnert dann fast an die Beziehung und Zusammenarbeit zwischen Sir Alex Ferguson und Ryan Giggs bei Manchester United. Witzelst du manchmal mit deinem Chef über eure Beziehung und euren gemeinsamen Weg? Inzwischen müsset ihr euch gegenseitig besser kennen als manche Ehepaare.

Marc Schnatterer — Wirklich bewusst ist uns das nicht. Als Spieler und als Trainer muss man wissen, dass viel vom Erfolg abhängig ist. Wenn wir tatsächlich bis 2020 in diesem Verein sind, war es zumindest so erfolgreich, dass wir eine gute Rolle in der 2. Liga gespielt haben.

HANIX – Du bist jetzt seit sechs Jahren im Verein. Wo gibt es das noch? So lange Jahre in einem Verein? Schon vor Jahrzehnten haben solche Leute Kosenamen bekommen wie »Uns Uwe« oder »der treue Charly«. Hier in Heidenheim muss man dir langsam auch einen identifikationsstiftenden Spitznamen geben. Oder gibt es den bereits?

Marc Schnatterer — Nicht, dass ich wüsste. Zu mir sagt jeder »Schnatti«. Das ist aber schon vom ersten Tag an so.

HANIX – Geboren wurdest du in Heilbronn, deine Fußballsozialisation hat aber kaum im Unterland stattgefunden. Interessierst du dich für den Fußball im Unterland oder schaust du eher in den Ludwigsburger Landkreis. Du hast in deiner Jugend lange für den SGV Freiberg gespielt, dein Heimatverein ist der TSV Bönnigheim.

Marc Schnatterer — Fußballerisch hatte ich schon immer eher den Bezug in den Ludwigsburger Bereich. Ich wäre aber in der B-Jugend fast einmal beim VfR Heilbronn gelandet. Rückblickend bin ich aber froh, dass es damals nicht geklappt hat. Klar habe ich den Fußball in Heilbronn schon auch immer ein wenig verfolgt. Man bekommt ja gewisse Informationen ganz automatisch mit. Leider ist die Situation in Heilbronn eher schwierig. Die Stadt an sich hätte, auch in Bezug auf die Wirtschaftskraft, natürlich schon das Potential in höhere Bereiche vorzustoßen.

HANIX – Vor Kurzem hast du ein Sportmanagement-Fernstudium angefangen. Wird man dich nach deiner Karriere eher nicht als Trainer, sondern als Manager sehen?

Marc Schnatterer — Den ersten Teil habe ich schon in Form einer Weiterbildung, die anderthalb Jahre ging, abgeschlossen. Jetzt möchte ich aber weitermachen, um den Abschluss zum Sportfachwirt zu erreichen, was dann auch staatlich anerkannt wäre.

HANIX – Du könntest dann Chef von deinem Cheftrainer werden. Ein letztes großes Ziel für dich hier in Heidenheim?

Marc Schnatterer — Nach heutigem Stand hätte ich wahrscheinlich mehr Lust als Trainer zu arbeiten, da mir das tägliche Arbeiten mit der Mannschaft mit Sicherheit liegen würde. Wenn ich irgendwann mit Fußballspielen aufhöre, muss ich, nach einigem Abstand, sehen was passiert. Vielleicht wird es auch was ganz anderes, ich habe ja noch einige Jahre Zeit mir dazu Gedanken zu machen. Grundsätzlich habe ich aber große Lust in irgendeiner Funktion in einem Fußballverein tätig zu sein, weil das einfach schon immer mein Ding war. Für Frank Schmid hoffe ich natürlich, dass er selbst seinen Weg in die Bundesliga findet. Aber das alles ist Zukunftsmusik und hängt von unglaublich vielen Faktoren ab.

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