Interview W47, HANIX No.34, Dez. 2014

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»Vorrücken bis zur Schlossallee«

Bezahlbares Wohnen in deutschen Innenstädten wird immer mehr zur Utopie. Auch Heilbronn bietet hier keine Ausnahme. Wohnraum wird als Investitionsprojekt betrachtet und weniger gut betuchte Menschen bleiben auf der Strecke. Gerade Studenten haben deshalb oftmals große Schwierigkeiten, eine bezahlbare Unterkunft zu finden. Deshalb wollten einige Heilbronner dafür sorgen, dass trotz steigender Mietpreise Menschen in der Käthchenstadt eine attraktive Wohnung in zentraler Lage finden können. Wir haben das soziale Zentrum »Käthe« und das nebenan liegende Wohnprojekt »W 47« in der Wollhausstraße besucht und sprachen mit Lena, Lukas und Joshua über den Immobilienmarkt, ihre Wohnphilosophie und veganen Kuchen.

W47, Wohnprojekt Käthe

HANIX – Fangen wir ganz klassisch mit Fragen zu eurer Person an: Wer seid ihr und was macht ihr beruflich?

Joshua – Ich studiere Soziale Arbeit in Ludwigsburg und komme ursprünglich aus dem Badischen. Im Frühjahr zog ich nach Ludwigsburg und habe gemerkt, dass da politisch nicht viel geht. So bin ich regelmäßig hier nach Heilbronn zu antifaschistischen Treffen gefahren, wo ich schon einige Leute kannte und habe recht schnell Anschluss gefunden. Dann wurde das Haus in der Wollhausstraße 47 verkauft und dort bin ich nun mit zwei Freunden in eine WG eingezogen.

Lukas – Ich bin Maschinenbautechniker und wohne hier im sozialen Zentrum »Käthe«. Ich mache seit 2009 Politik und über diesen Kreis haben wir das Projekt gegründet. Angefangen hat das mit einem sozialen Zentrum in der Dammstraße. Wir haben jedoch schnell festgestellt, dass die Räumlichkeiten für unsere Tätigkeiten zu klein waren und dass es sinnvoll für unsere politische Arbeit ist, wenn man auch zusammenwohnt. Das Haus haben wir sozusagen dem Markt entrissen. Das ist unser politischer Anspruch.

Lena – Lukas hat uns beim Bau tatkräftig unterstützt und das Baumanagement übernommen. Ich komme eigentlich aus Ludwigsburg und habe hier Politik gemacht. Dann bin ich nach Heilbronn gezogen und habe die anderen getroffen und gemerkt, dass wir zusammen Politik machen wollen.

HANIX – Wie kam es zu eurer Idee, die beiden Häuser in der Wollhausstraße zu kaufen? Wie kam die ganze Sache ins Rollen?

Lukas – Die Idee hatten wir 2009.

Lena – Genau. Zuerst haben wir einen Verein gegründet und Räumlichkeiten in der Dammstraße gemietet. Wie Lukas schon erwähnte, war uns das zu klein und so wollten wir zuerst privat etwas kaufen. Als wir uns Gedanken wegen der Finanzierung machten, stießen wir auf das Mietshäuser-Syndikat. Dessen Regionalkoordination ist in Tübingen und dort haben wir uns informiert und einen Berater gefunden. Dann sind wir auf Objektsuche gegangen und hier in der Wollhausstraße fündig geworden. Uns war nämlich wichtig, dass wir etwas im Stadtzentrum finden, was für alle gut erreichbar ist und als politisches Zentrum dienen kann.

HANIX – Hattet ihr am Anfang Zweifel, ob das Projekt einfach durchzuführen wäre? Gab es Probleme oder besondere Hürden, die es zu meistern galt?

Lukas – Zweifel von unserer Seite gab es weniger. Die kamen eher von den Menschen, die länger in Heilbronn leben und sich gefragt haben, ob es hier überhaupt möglich sein würde, linke Politik zu verankern. Und diesen Leuten wollten wir eben das Gegenteil beweisen.

Lena – Für Heilbronn ist das auf jeden Fall ein Pionierprojekt. Ansonsten gibt es solche Syndikatsprojekte ja nur in größeren Unistädten. Wir haben uns gesagt, dass wir das jetzt einfach auch für Heilbronn wagen wollen. Wichtig war, dass wir von Anfang an eine bunte Truppe verschiedener Menschen unterschiedlicher Altersklassen waren. Es sind Personen aus den unterschiedlichsten Spektren: aus Gewerkschaften sowie antifaschistischer und antimilitaristischer Arbeit. Wir haben eine Vertrauensbasis untereinander geschaffen und gemerkt, dass wir gemeinsam die Kraft entwickeln können, hier etwas zu reißen. Und dann haben wir das einfach getan.

HANIX – Sicherlich kostet der Kauf und die Sanierung eines Hauses eine Menge Geld. Wie sah es also mit der Finanzierung der Projekte aus? Habt ihr reich geerbt oder mussten traditionellere Methoden herhalten?

Lukas – Das Schöne und raffinierte des Mietshäuser-Syndikats ist dessen Motto: »Lieber 100 Freunde im Rücken, als eine Bank im Nacken.« Im Voraus haben wir also Direkt- bzw. Kleinkredite gesammelt. Anstatt bei einer Bank, können die Leute ihr Geld bei uns anlegen und sehen sofort, was damit geschieht. Darüber finanzieren wir uns. Natürlich brauchen wir da eine Bank dazu, das ist bei uns die GLS-Bank, die ihr Geld transparent investiert. Was andere Banken so mit deinem Geld machen, ist keine Politik, die wir verfolgen und unterstützen wollen.

Lena – Ich erläutere das Konzept des Mietshäuser-Syndikats. Ich mache gerade meinen Master in Sozialwirtschaft und da sind alle total erstaunt, wie das funktioniert. Wir mussten uns auch erst mal einarbeiten, da man zuerst eine GmbH gründen muss. Die hat dann zwei Gesellschafter: Ein Teil besteht aus dem Hausverein, in dem alle Bewohner/innen sind und der andere ist das Mietshäuser-Syndikat. Beide Gesellschafter haben ein gleichberechtigtes Stimmrecht. Das Syndikat wird allerdings immer dagegen stimmen, dass dieses Haus wieder auf den »normalen« Markt kommen kann. Unser Haus ist also für immer vom Markt. Selbst wenn uns Millionen geboten würden, könnten wir nicht verkaufen. Das Syndikat wird immer sagen, dass das Haus zum Zweck des solidarischen und günstigen, kollektiven Wohnens gekauft wurde und ein Veto einlegen. Das ist gut durchdacht und so ist das ganze Projekt abgesichert.

Lukas – Das Haus gehört immer den Menschen, die hier wohnen. Wenn man auszieht, dann ist man kein Besitzer mehr.

LENA – Und genau das hat uns Sicherheit gegeben. Das Haus wurde also nicht von Lukas mit dem Geld seines Opas gekauft und er könnte uns dann irgendwann einfach rausschmeißen. Die Finanzierung des ersten Hauses lief allerdings echt schleppend. Diese Idee nach Heilbronn zu bringen, war nicht einfach, und bis wir den Grundstock zusammenhatten, lief es zäh. Zuerst bekamen wir Geld aus anderen Projekten oder von der Familie. Zum Glück haben da Leute an uns geglaubt. Wenn man den Grundstock zusammenhat, dann bekommt man den Rest von der Bank als Kapital. Nebenan in der W 47 lief es allerdings fast umgekehrt: Wir haben in einem Nebensatz bei unserem Berater erwähnt, dass das Haus zum Verkauf steht und der sagte sofort: »Wir kaufen!« Ich dachte, der macht Witze, da wir doch gerade erst gekauft hatten. Aber er war sich sicher und meinte, dass finanziell alles gut aussieht. Man muss nämlich einen Liquiditätsplan beim Syndikat abliefern und wird ständig überprüft, dass da nichts schiefgehen kann. Diese Kontrolle gibt uns jedoch die nötige Sicherheit und ist wichtig, damit man keinen Kamikaze-Akt begeht. Und das Geldsammeln lief perfekt: Innerhalb von vier Wochen hatten wir 90 000 Euro zusammen!

Lukas – Wir konnten schließlich schon einen Erfolg mit dem ersten Haus vorweisen und die Leute wussten genau, wie unsere Philosophie ist, und haben uns vertraut. So haben viele Leute, die unsere Idee teilen, ihr Geld lieber bei uns als bei der Bank angelegt.

LENA – Das Syndikat ist hochprofessionell. Die Kreditgeber bekommen regelmäßig Infos und teilweise auch eine bessere Verzinsung als bei der Bank. Man kann seinen Zinssatz bis zur Obergrenze von 3 % selber festschreiben. Ein Großteil legt sein Geld jedoch für 0 % oder 1 % an, da sie unsere Idee gut finden und uns einfach helfen wollen. So haben wir sehr schnell das Geld zusammenbekommen und sofort zugeschlagen. Das mussten wir auch tun, da es große Konkurrenz beim Kauf gab und wir unter Druck standen. Durch die Erfahrung vom ersten Projekt und das bestehende Grundkonstrukt lief das alles auch relativ reibungslos ab. Jetzt haben wir den ganzen Häuserblock!

HANIX – So ein Projekt ist nichts Alltägliches. Wie war die Reaktion der Nachbarn? Wurdet ihr mit offenen Armen empfangen oder eher misstrauisch beäugt?

LUkas – Also der Kontakt mit den Nachbarn funktioniert ziemlich gut, da wir ja das angrenzende Gebäude dazugekauft haben! (lacht) Die Leute, die dort wohnen, waren aber auch schon vor dem Kauf unsere Nachbarn. Mit denen haben wir uns gut verstanden und gemeinsam gefeiert. Zu den anderen Nachbarn pflegen wir auch gute Kontakte und die nehmen uns alle ernst. Wir betreiben schließlich eine ernsthafte Politik und sind offen und ehrlich zu ihnen. Wir haben immer ein offenes Ohr und gehen gerne auf deren Probleme ein.

LENA – Am Anfang, wie das bei jedem Haus, das gekauft wird, ist, mussten zuerst die Anwohner durch das Bauamt befragt werden, da hier eine Nutzungsänderung wegen der Vereinsräume vorlag. Wenn die Nachbarn gravierende Einwände gehabt hätten, dann hätte der Kauf gar nicht durchgeführt werden können.

JOSHUA – In der W 47 leben manche Bewohner schon seit zehn Jahren. Die waren total begeistert von dem Kauf, weil das für sie bedeutet, dass sie eigentlich unbegrenzt dort wohnen bleiben können, da die Miete unter dem Mietspiegel bleibt.

LENA – Wir mussten vorher schon schauen, wo wir ein solches Projekt aufbauen und etablieren konnten. Wenn hier ein reines Wohngebiet wäre, dann hätte das vermutlich nicht funktioniert. Dadurch, dass aber sowieso Kneipen in der Umgebung sind, war die Nutzungsänderung des Hauses auch baurechtlich abgesichert.

LUkas – Dadurch, dass wir hier Veranstaltungen und Konzerte machen, kann es für die Nachbarn schon mal etwas lauter werden. Es gab aber nur vereinzelt Beschwerden; eher kommen die Nachbarn vorbei und feiern mit uns!

LENA – Zu unserem Sommerfest kamen die verschiedensten Leute aus der gesamten Nachbarschaft, die eher unpolitisch wirken, zu uns, haben sich auf die Bierbänke gesetzt und sogar den veganen Kuchen probiert.

LUkas – Das war eine Bestätigung, da wir so erfahren haben, dass wir keine großen Fehler mit unserem Projekt gemacht haben und die Leute nicht durch unsere politischen Inhalte abschrecken. Wir sind auf dem richtigen Weg.

HANIX – Bei euch gibt es Veranstaltungsräume und einen Infoladen. Wie viele Menschen sind an dem Projekt beteiligt und haben damit zu tun?

LENA – Viele. Momentan haben wir in beiden Häusern zusammen 18 Bewohner und Bewohnerinnen. Im Erdgeschoss liegt der politische Veranstaltungsraum, wo zum Beispiel einmal im Monat ein offenes antifaschistisches Treffen stattfindet. Da sind dann 25-30 Leute da, die sich aktiv beteiligen. So haben wir über die ganze Woche verschiedene Gruppen zu Gast, die unsere Räume nutzen. Da kommt eine hohe Zahl zusammen. Zum Sommerfest kamen etwa 100 Leute.

LUkas – Dadurch, dass wir verschiedene politische Spektren – antifaschistische, antimilitaristische oder antisexistische – bedienen, halten sich hier verschiedenste Leute auf.

LENA – Es kommen auch ständig neue Leute dazu, die wir noch nie gesehen haben. Das finden wir richtig gut.

LUkas – Als wir 2009 angefangen haben, kannten wir jeden, der hier in Heilbronn linkspolitisch aktiv war. Und jetzt sind wir so viele, dass wir nicht mehr alle kennen. Wir sind quasi eine Anlaufstelle in Heilbronn geworden.

LENA – Wir wollen als politischer Veranstaltungsort dienen und Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Deshalb macht es uns echt glücklich, dass die Menschen, die sich aktiv beteiligen wollen, auf uns aufmerksam werden und zu uns kommen.

LUkas – Das sind übrigens nicht nur junge Leute, sondern Menschen aller Altersstufen. Hier tauchen Leute auf, die schon vor 30 Jahren gegen Pershing-Raketen demonstriert haben.

LENA – Oder Menschen, die vor 25 Jahren die »Rote Hilfe«, eine linke Soligruppe, in Heilbronn gegründet haben. Da war ich noch im Kindergarten! Es ist total schön, dass wir von denen – nicht nur finanziell – unterstützt werden und Anerkennung bekommen.

HANIX – Ihr wollt beide Häuser komplett sanieren. Wie lief beziehungsweise läuft das ab?

LUKAS – Das erste Haus, also Nummer 49, haben wir 2012 gekauft. Anfang 2013 wurde dann begonnen, das Haus zu entkernen und zu sanieren. Das Ganze war im September fertig, also haben wir weniger als neun Monate benötigt. Im September 2014 haben wir dann das Haus nebenan, Nummer 47, gekauft und sind jetzt gerade dabei, auch dort zu sanieren.

LENA – Dass wir mit dem W 47 ein Haus, welches komplett bewohnt ist, gekauft haben, ist übrigens ein Novum im Mietshäuser-Syndikat. Normalerweise sind die Objekte leerstehend. Wir möchten jetzt die Bewohner der W 47 nach und nach in die Selbstverwaltung »überführen«. Denn selbstverständlich wollen wir niemanden rausschmeißen; die »alten« Mieter bleiben alle dort wohnen, da das Ziel des Syndikats eben genau die Erhaltung von bezahlbarem Wohnraum ist.

JOSHUA – Die Renovierung in W 47 geschieht jetzt Stück für Stück. Die Wohnung im Erdgeschoss, in der meine WG wohnt, ist fertig und wir hatten vor Kurzem schon ein Bewohner/innentreffen, bei dem wir allen das Projekt nähergebracht und gefragt haben, was den Bewohnerinnen und Bewohnern wichtig ist und was am Haus getan werden muss. Dann wird geschaut, was die höchste Priorität hat und wie die Finanzen stehen.

LUkas – Man muss sich bewusst sein, dass die Mieten steigen, wenn man Geld aufnimmt. Wird viel am Haus gemacht, dann wird es teurer. Und dass die Miete steigt, möchte normalerweise niemand.

LENA – Hier im Haus »Käthe« sieht es etwas anders aus, da wir ein politisches Zentrum aufbauen wollten. Ein Vorteil war, dass das Haus leer stand und wir uns hier voll »austoben« konnten. Da haben wir schon viel investiert und alles in einem Jahr renoviert und umgebaut.

HANIX – Bei der Sanierung gab es bestimmt Aufgaben, die ein Laie nicht so einfach selber erledigen kann. Wurde dann professionelle Hilfe in Anspruch genommen, oder habt ihr das selber erledigt?

LENA – Wir hatten natürlich professionelle Hilfe. In unseren Veranstaltungsraum zum Beispiel haben wir Stahlträger einziehen lassen und einen Architekten gefunden, der hier alles betreut hat. Der war ein echter Glücksgriff, da er so wie wir solidarisch denkt. Wir haben ihn in eines unserer Plena eingeladen und ihm unsere Vision vorgestellt und er sagte nur: »Richtig gut, ich mache mit!«

LUKAS – Er ist jetzt Feuer und Flamme für unser Projekt und die Idee vom solidarischen Wohnen!

LENA – Im Mietshäuser-Syndikat, das mittlerweile über 80 Projekte in ganz Deutschland betreut, sitzen allerdings auch eine Menge Profis. Da steckt eine Unmenge an Wissen drin, was durch einen eigenen Berater an uns weitergegeben wird.

LUKAS – Natürlich haben wir alles, was wir machen konnten, in Eigenleistung getan.

LENA – Allerdings hat das richtig viel Geld gekostet. Wir haben alleine ins Projekt »Käthe« eine halbe Million gesteckt. Mit beiden Häusern zusammen liegen wir, grob geschätzt, bei etwa 850 000 Euro.

HANIX – Was ist das Besondere am Wohnprojekt Käthe und dem W 47? Was unterscheidet euch von »normalen« WGs im Hinblick auf das Zusammenwohnen?

LUKAS – Zum einen sind wir keine Mieter, wie es die Bewohner der meisten WGs sind, sondern Mieteigentümer und verwalten uns selbst. Zum anderen setzen sich die WGs der »Käthe« alle aus politisch aktiven Menschen zusammen. Wir sind politisch aktive Menschen, die in einem politischen Zentrum wohnen.

LENA – Die Menschen, die hier wohnen, haben sich zusammengefunden, weil sie zusammen politisch arbeiten wollen.

JOSHUA – Genau, deshalb bin ich auch hierher gezogen.

LUKAS – Wir haben hier eine Win-Win-Situation: Wir können zusammen politisch arbeiten aber auch zusammenleben.

HANIX – Neben bezahlbarem, sozialem Wohnen bietet euer Hausprojekt auch Raum für Veranstaltungen. Ist das von Anfang an geplant worden, oder nur ein schöner Nebeneffekt? Und welche Veranstaltungen finden bei euch statt?

LENA – Das war der Haupteffekt.

LUKAS – Wir hatten ja schon vor den beiden Projekten ein kleines Vereinsheim, in dem wir unsere politischen Aktivitäten gemacht haben. Von daher war uns in erster Linie wichtig, dass wir hier im Erdgeschoss einen großen Veranstaltungsraum mit Infoladen schaffen konnten.

LENA – Es gab auch nichts in diese Richtung in Heilbronn. Man konnte schon Räumlichkeiten mieten, aber oftmals hat man für eine politische Veranstaltung dann keinen Raum bekommen. Ohne die politische Motivation gäbe es hier auch keine Wohnsituation. Die politische Arbeit finanziert sich durch das Wohnen, da durch die Mieten der Direktkredit der Bank abbezahlt wird. Unsere Veranstaltungen posten wir übrigens auch regelmäßig auf unserer Facebookseite www.facebook.com/sozialeszentrum.kathe?fref=ts

HANIX – In beiden Häusern wohnen momentan jeweils neun Leute. Kommt es bei 18 Bewohnern manchmal nicht zu Meinungsverschiedenheiten? Habt ihr eine gewisse Hierarchiestruktur oder werden alle Entscheidungen gemeinsam getroffen?

LUKAS – (lacht) Da gibt es schon Lernprozesse. Gerade der Übergang ins selbstverwaltete Wohnen birgt auch Schwierigkeiten. Aber als Konflikt würde ich das nicht bezeichnen.

LENA – In der »Käthe« machen wir es so, wie es schon immer bei uns lief: Es gibt monatliche Plena, zu denen alle Bewohner und Menschen, die hier Veranstaltungen machen, kommen können. Da besprechen wir dann alle Themen rund um das soziale Zentrum. Alles wird basisdemokratisch entschieden. Nebenan versuchen wir, das gerade auch zu etablieren. Dass man plötzlich sein eigener Vermieter ist, ist für die Bewohner/innen dort etwas total Neues. Die finden das richtig gut und haben damals sogar gehofft, dass wir das Haus kaufen können. Falls es mal Stress geben sollte, dann gibt es auch »neutrale« Leute, die nicht hier wohnen aber durch ihre politische Arbeit mit dem Haus verbunden sind und dann schlichten können.

JOSHUA – Es ist eine Umstellung. Wenn die Heizung kaputt ist, ruft man normalerweise den Vermieter an, der sich dann kümmert. Jetzt schaut man zuerst, ob es jemanden im Haus oder Bekanntenkreis gibt, der das kann. Findet man niemanden, muss man gemeinsam schauen, wie viel Geld zur Verfügung steht und wer den günstigsten Preis bietet.

HANIX – Seht ihr die Wohnform eures Projekts als etwas Längerfristiges oder habt ihr im Hinterkopf, irgendwann wieder »klassisch« zu Wohnen?

LUKAS – Die WG in der »Käthe« besteht aus sieben Leuten, ist also relativ groß. Deshalb denke ich, dass das mit Fluktuation behaftet sein wird. Meine Freundin und ich haben uns hier aber schon für länger eingerichtet.

JOSHUA – Ich möchte mindestens bis zum Ende meines Studiums hier wohnen bleiben. Die anderen Bewohner meines Hauses haben glaube ich auch keine Pläne, demnächst auszuziehen.

LENA – Ein Bewohner ist stellvertretender Leiter eines Baumarkts und ist richtig froh, dass er hier weiter wohnen kann. Neben uns waren nämlich auch Investoren, die das Haus abreißen oder die Zimmer an Studenten für 400 Euro vermieten wollten, an der Immobilie interessiert.

HANIX – Kann bei euch jeder mitmachen oder sollte man gewisse Voraussetzungen mitbringen? Wie sieht es mit neuen Mitbewohnern aus, habt ihr viele Anfragen und eine Warteliste?

LENA – Wir haben zig Anfragen und die Warteliste ist voll.

LUKAS – Die Bewohner entscheiden immer gemeinsam, wer einziehen kann, damit kein Streit entsteht. Schließlich sind sie ja ihr eigener Vermieter.

LENA – Hier im sozialen Zentrum »Käthe« gibt es auch nur politische Bewohner. Ein Kriterium für den Einzug ist, dass man hier politisch mitarbeitet.

LUKAS – Gerade auch, um unseren Treffpunkt mit Leben zu füllen.

LENA – Das gesamte Projekt funktioniert auch nur über Vertrauen untereinander. Wir haben gemeinsame Ziele und die gilt es, gemeinsam zu erreichen. Wir wollen die Gesellschaft verändern und das schweißt zusammen. Es muss also passen.

HANIX – Man hört immer wieder von neuen, alternativen Wohnformen wie beispielsweise Senioren-Wohngemeinschaften. Glaubt ihr, dass Projekte wie eure dort eine gewisse Vorreiterrolle eingenommen haben?

LENA – Innerhalb des Syndikats gibt es schon solche Projekte für das Wohnen im Alter.

LUKAS – Hier in Heilbronn wohnt ein älteres Ehepaar, das jetzt in Berlin ein solches Projekt aufziehen will. Die informieren sich bei uns. Denn der Gedanke des entkommerzialisierten Wohnens schlägt einfach Wellen. Nicht nur, weil es keinen klassischen Besitz mehr gibt, sondern gerade auch wegen der Gemeinschaft.

LENA – Die Idee zeigt, dass in unserer kapitalistischen Ellbogengesellschaft durch diese Wohnform zumindest eine Basis geschaffen wird, damit man so wohnen und leben kann, wie man möchte. Das tut den Menschen einfach gut und man merkt, dass es funktioniert.

LUKAS – Wir beobachten, dass immer mehr Menschen, die viel Geld haben, in die Städte drängen. Früher ist man ja eher aufs Land gezogen. So werden Menschen mit weniger Geld aus der Stadt verdrängt. Diesem Vorgang der Gentrifizierung versuchen wir, entgegenzuwirken.

LENA – Wir verfügen inzwischen über so viel Know-How, dass wir auch andere, in diesem Fall das ältere Paar, beraten können. Die möchten auf einem Gutshof in Berlin ein Mehrgenerationenprojekt starten. Da sind wir natürlich richtig froh, dass wir helfen können.

HANIX – Wie sieht die Zukunft für eure Projekte aus? Habt ihr schon etwas Neues in Planung? Wollt ihr eventuell die ganze Wollhausstraße kaufen?

LENA – Unser Motto lautet »Rücke vor bis zur Schlossallee.« Und bis zur Allee ist nicht mehr ganz so weit!

LUKAS – Wir haben auf jeden Fall gemerkt, dass sich die Idee immer weiter herumspricht. Wir hoffen, dass es noch ein paar Nachahmer in Heilbronn geben wird und so immer mehr Wohnraum dem kapitalistischen Markt entzogen werden kann. Das würden wir gut finden.

LENA – Wir haben Energie für mehr. Aber wir müssen bedenken, dass wir erst vor zwei Monaten die W 47 gekauft haben: Das, was wir jetzt haben, wollen wir erst mal aufbauen und erhalten. Mal sehen, wo es in den nächsten Jahren hingeht!

HANIX – Gibt es sonst noch wichtige Infos, die ihr unseren Lesern mitteilen wollt?

LENA – Ja, da gibt es noch das Konzept des Solidarbeitrags. Jedes Haus zahlt einen kleinen Betrag der Mieten in einen »Solidartopf« des Mietshäuser-Syndikats.

LUKAS – Darüber werden neue Projekte finanziert und das übergreifende Projekt wächst bundesweit immer mehr. Letztes Jahr kamen zehn neue Projekte dazu und so gibt es jetzt fast 100 in ganz Deutschland, Tendenz stark steigend. Das Schöne ist, dass die ganze Sache auch jenseits eines kapitalistischen Ansatzes funktioniert und es so viele Leute gibt, die einen solchen Ansatz voranbringen wollen.

LENA – Man muss auch ganz ehrlich sagen, dass wir da am Anfang nicht wirklich dran geglaubt haben, aber positiv überrascht wurden. Wer sich über unser Projekt informieren möchte, der kann das gerne auf unserer Webseite

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