KenFM August 2014

Kurz Zeit? Gedächtnis?

Im Irak ist aktuell die Hölle los! Was ist an dieser Feststellung falsch? Das Wort “aktuell”. Im Irak ist die Hölle los, seit wir uns erinnern können. Woran wir uns nicht erinnern wollen ist, dass der Irak ein Konstrukt ist. Er wurde von Kolonialmächten “erdacht” und in den arabischen Sand gesetzt. Ohne Rücksicht auf Stämme, natürliche Grenzen oder die Jahrtausende alte Geschichte der Region. Der Irak ist Teil der Wiege der Menschheit. Hier, zwischen Euphrat und Tigris, begannen die ersten städtischen Strukturen. Die Stadt Ur liegt im Irak. Die Anfänge dieser Stadt reichen bis 4000 vor Christus zurück. Aber davon hört man nichts in unseren Medien, wenn es um diesen Landstrich und seine Einwohner geht. Man wird auch nicht daran erinnert, das der Irak, wie er sich heute in völligem Chaos präsentiert, zwei mal von NATO-Soldaten in einen verheerenden Krieg verwickelt wurde. Erster Golf-Krieg und Zweiter Golf-Krieg. Bestimmt schonmal von gehört … Beim Golf-Krieg Zwei wurde nicht nur Saddam Hussein zerstört. Mit dem Krieg gegen ihn wurde das ganze Land in die Steinzeit zurück gebombt. Dabei kam im großen Stil Uran-Munition zum Einsatz, mit bösartigsten Folgen für kommende Generationen. Riesige Areale unter anderem um Bagdad sind radioaktiv verstrahlt und damit unbewohnbar. Dennoch müssen dort Menschen leben. Wer die höchsten Missbildungsraten bei Neugeborenen weltweit sucht, Zahlen, die Tschernobyl oder Fukushima weit in den Schatten stellen, muss nur in den Irak fliegen und dort ein Kinderkrankenhaus aufsuchen. Der radioaktive »Todesstaub« ist die einzige Massenvernichtungswaffe, die im Irak je zu finden war. Gab es je andere? Was es definitiv gab, waren Lügen, Plural, die als Kriegsgrund gegen den Irak herhalten mussten. Z.B. die von einer amerikanischen Werbeagentur lancierte “Brutkastenlüge”, die zum ersten Krieg gegen den Irak führte. Beim zweiten Krieg gegen Saddam wurde vor dem UN-Weltsicherheitsrat behauptet, Hussein, den die USA selber erst zum gefährlichen Spinner aufgebaut hatten, wäre in der Lage, binnen Minuten mobile Abschussrampen mit Raketen in Stellung zu bringen. Diese Raketen könnte er mit Giftgas bestücken und wäre so sogar in der Lage, Europa zu erreichen. Nichts davon entsprach auch nur in Ansätzen der Wahrheit, und Collin Powell, der damalige US-Außenminister, nennt diesen Teil seiner Karriere einen Schandfleck. Nur macht diese bittere Erkenntnis die über 100 000 direkten Todesopfer des Krieges nicht wieder lebendig. Vor allem aber reinigt es die Region nicht von den radioaktiven Zerfallsprodukten, die – jeden Tag – noch ungeborenes Leben schädigen. Die Halbwertzeit dieser durch den Einsatz von DU-Munition entstandenen radioaktiven Isotope beträgt 4,5 Milliarden Jahre. Fast so lang wie unser Sonnensystem existiert. Fakt ist: Der Irak ist nach dem Golf-Krieg 2 zu einer völlig chaotischen Region verkommen, in der man nur sicher sein kann, wenn man für eine große amerikanische Ölförderfirma arbeitet. Während alle paar Tage irgendwo eine Autobombe Marktplätze zu menschlichen Schlachthöfen macht, sehen wir nie völlig zerstörte Pipelines, Bohrtürme oder Benzinabfüllstationen. Warum ist das so? Weil all diese Anlagen massiv geschützt werden. Allein 100 000 Polizisten wurden dafür im Irak abgestellt. HIER fließt die US-Aufbauhilfe hin. HIER wird Wert auf Stabilität gelegt. Der Irak ist auf Platz 3 der ölreichsten Länder der Erde. Auf Platz zwei finden wir den Iran, auf Platz 1 Saudi-Arabien.

Iran und Irak haben aktuell etwas gemeinsam. Eine schiitische Regierung. Im Iran liegt das auf der Hand, denn der Iran ist der einzige Staat in Middle East, in dem die Minderheit unter den Moslems, die Schiiten, die traditionelle und aktuell auch die absolute Mehrheit stellen. Im Irak sind 60% der Bevölkerung Schiiten. Ihnen stehen 37% Sunniten gegenüber. Diese aber fühlen sich durch die von den USA eingesetzte schiitische Regierung unterdrückt. Um Unterdrückung geht es den USA immer. Sie wird nur als Grund für einen Krieg erklärt, wenn die Unterdrücker nicht nach der Pfeife des Pentagons tanzen. Was die Vereinigten Staaten aber immer noch nicht begriffen haben ist der Umstand, dass der Orient ein derart komplexes Gebilde ist, dass man ihn mit Zuckerbrot und Peitsche auf Dauer nicht friedlich “verwalten” kann. Aber der Hebel der Intrige generiert auch immer häufiger das, was man einen Blowback nennt. Die derzeitige Situation wird uns von den Westmedien jetzt so erklärt, dass es einer im Kern übersichtlichen Gruppe von rund 8000 Terroristen, die sich unter dem Kürzel ISIS präsentieren, gelungen sei – ohne dass das irgendwer hätte auch nur erahnen können – die größten Teile des Iraks unter die eigene Kontrolle zu bringen. ISIS steht für einen Islamischen Gottesstaat, der den Irak kontrolliert und die Region gerne mitübernehmen möchte. Allem voran Syrien. Die ISIS-Truppen sind ein Spin-Off von “Al-Kaida-Taliban-GmbH”, also ein Terrorkonsortium, das es ohne die USA nie gegeben hätte. Erinnert sich noch jemand an den Besuch Brzezinskis in Pakistan, April ‘79, als er den Gotteskriegern dort den Auftrag erteilte, sich Richtung Afghanistan zu bewegen? Als Anreiz gab es dann reichlich modernstes Kriegsgerät, Ausbildung an diesem und rund 250 Millionen Dollar. Später wurden in den Islamischen Terror viele Milliarden »investiert«

Was daraus wurde, ist den meisten nicht mehr wirklich bekannt, oder sie haben es erfolgreich verdrängt. Für die UdSSR wurde Afghanistan zu einer Art Vietnam, und die USA erhielten nach diesem Sieg über den Feind, der final im Zusammenbruch des Sowjet-Imperiums endete, den dann etwas zu freien radikalen Osama bin Laden und Al-Kaida als Metastasen bildendes Terrornetzwerk, in dem jede Zelle ihr eigenes Süppchen kocht. Hat auch Vorteile. Solange der selbst angeschobene Terror da draußen existiert, kann die USA die West-Welt hinter sich scharen, um diesen zu bekämpfen. Mit einem stetig wachsenden Militärbudget. Diese Ausgaben aber können sich die USA auf Dauer gar nicht leisten. Was also tun? Nun, eine mögliche Taktik wäre z.B., Dritte davon zu überzeugen, amerikanische Präsenz zu übernehmen. In etwa im Großraum Middle East. Aber wie soll das gehen? Jahrzehnte lang haben die USA alles dafür getan, dass sich die Völker untereinander nie zu grün wurden. Nur wer teilt, herrscht auch. Wie also soll man aktuell Iraker, Iraner, Türken und Kurden an einen Tisch bringen, um ausgerechnet für amerikanische Interessen zu kämpfen? Das ginge nur, würde sich am Horizont ein Feind auftun, der all diesen Ländern parallel schaden könnte. Exakt das ist mit ISIS der Fall. ISIS will die Irakische Regierung vernichten. Da es sich um Schiiten handelt, wäre ein Sieg über die irakischen Schiiten auch als ein Wink an Teheran zu verstehen. Somit wäre es aktuell möglich, dass der Iran dem Irak hilft, obwohl dieser seinerzeit einen bösartigen Krieg gegen Teheran geführt hatte, der die Perser rund eine Millionen Menschen kostete. Power by USA. Hassan Rohani, der Präsident des Iran, denkt jedenfalls schon laut über einen Einmarsch im Irak nach um dort schiitische Heiligtümer vor ISIS-Vandalismus zu schützen. Iran und Irak könnten also demnächst zusammenarbeiten.

Und die Türkei? Die kann kein Interesse an einer Eskalation haben. Wenn man ihr dafür mehr Einfluss in Syrien verspricht, wäre auch sie an den Tisch zu bekommen. Genau wie die Kurden, die mit den Türken nicht wirklich können. Ihnen könnte man Teile des wieder »befreiten« Irak übergeben. Dann wären die Türken auf jeden Fall mit im Boot. Und Syrien? Bashar al Assad wird von ISIS ebenfalls bekämpft. Mit Hilfe der USA! Der von den USA unterstütze Krieg gegen Bashar al Assad wäre konkret ohne diese ISIS-Truppen nie voran gekommen. All die Waffen und das Know-How der Kämpfer war bis vorgestern noch willkommen. Die ISIS von heute war eben noch Teil der FSA, der »Freien Syrischen Armee«, und die wurde bekanntlich vom Westen massiv unterstützt. Oder ist das auch nicht im Langzeitgedächtnis angekommen? Als der FSA-Sieg ausblieb stiegen viele der »freien« Kämpfer einfach um und schlossen sich dem neuen Arbeitgeber ISIS an. Aus im Westen gefeierten »Rebellen« wurden so über Nacht fiese Terroristen, die offensichtlich vom Himmel gefallen sein müssen. Und die Presse hält die Fresse, denn sie ist Teil der NATO-Propaganda. Bis auf wenige Ausnahmen, und die findet man eher in der Schweiz. Arnold Hottinger z.B oder Helmut Scheben. Glaubt man dem Nahostexperten und Orientkenner Jürgen Todenhöfer, so wird die Rolle von ISIS im Westen zudem komplett überschätzt. Nicht ISIS würde hinter den massiven Unruhen im gesamten Irak stecken, sondern eine Organisation, die sich FNPI nennt und von den Amerikanern seit Jahren totgeschwiegen würde. FNPI steht für den »Nationalen Panarabischen und Islamischen Widerstand« und würde sich vor allem aus Personen zusammen setzen, die unter Saddam Hussein als Staatsdiener für Stabilität gesorgt hätten. Nach dem Sturz des Diktators hätten diese Menschen keine Chance bekommen, sich an einem neuen Irak zu beteiligen. Die Mitglieder von FNPI haben schon einmal sehr erfolgreich gegen die US-Streitkräfte im Irak gekämpft. Was sie von den ISIS-Kämpfern unterscheidet ist die Tatsache, dass sie einen säkularen, keinen Gottes-Staat wollten. Die momentane Allianz zwischen FNPI und ISIS-Truppen ist höchst fragil, so Todenhöfer. Das Dümmste, was die USA tun könnten, wäre, dem Land erneut militärisch zu begegnen. Im Moment hat sich ein US-Flugzeugträger Richtung Irak in Bewegung gesetzt. Er trägt den Namen Bush.

Und jetzt?

Jetzt könnten die USA & Co. zumindest versuchen, die ISIS-Truppen aus dem Irak zu vertreiben und wieder vollkommen auf Damaskus zu konzentrieren. Wenn diese dort mit Assad fertig wären, würde man sie zerstören. Z.B., indem man sie einfach nicht weiter unterstützt. Damit wäre der Plan dann aufgegangen. Türken, Kurden, Iraner und Iraker arbeiten mit den USA und damit indirekt auch mit Israel zusammen, und das Syrienproblem wäre auch vom Tisch, nur dass man später sagen könnte, radikale, aus dem Nichts kommende Moslems hätten den Syrischen Staatschef umgebracht. Auch der Iran würde dabei seinen Einfluss in Syrien verlieren, was Israel freuen würde, aber er bekäme als Gegenleistung für das Wiederherstellen von Stabilität eine amerikanische Hand gereicht. Das Embargo würde weiter gelockert werden, was dem Land wirtschaftlichen Aufschwung bringen würde. So könnte sich der u.a. in den USA sozialisierte iranische Präsident Rohani als Mann des Erfolges im Iran präsentieren. Er würde aufsteigen und könnte so dem eigentlichen Kopf des Landes, Chamenei, dessen Festhalten am Atomprogramm als schädlich für die Gesamtsituation des Landes vorhalten. Das wäre eine Option, die Atompläne Teherans vom Tisch zu bekommen. Es gäbe in diesem Middle-East-Szenario viele kleine Gewinner am Katzentisch der Macht, aber es gäbe weiterhin den einen üblichen “Big Boss”. Die USA. Die USA sind dringend darauf angewiesen, aus alten Feinden neue, echte Freunde zu machen, zumal sie diese brauchen werden, um den Aufstieg Chinas mit Partner Russland zumindest zu entschleunigen. Hier tickt eine Zeitbombe, da Russland angefangen hat, seinen Öl- und Gashandel vom Dollar abzukoppeln, was die amerikanische Währung massiv unter Druck setzt. Wie überzeugend ist es, dass der Irak, der von den USA militärisch jederzeit erneut platt gemacht werden kann, und der via Satelliten und Drohnen vollkommen und permanent überwacht wird, dass dieser Irak von gerade mal 8000 ISIS-Irren in einer Nacht- und Nebelaktion übernommen werden konnte, ohne dass die USA auch nur den Hauch einer Ahnung hatten? Der Irak ist groß, ca. 437.000 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Die BRD breitet sich auf einer Fläche von 357.000 Quadratkilometern aus. Könnte man die BRD über Nacht mit 8000 Mann übernehmen, ohne dass es dafür zumindest Anzeichen geben würde?

Abgesehen davon gibt es noch den Yinon-Plan. Kaum einer kennt ihn, aber das ist gewollt.

Der Yinon-Plan, 1982 von Oded Yinon verfasst, sieht vor, den Mittleren Osten vollkommen von Christen zu »säubern« . Anstelle der gemischten Religionsgruppen soll hier eine rein islamische Region entstehen, in der dann aber auch Sunniten und Schiiten in vollkommener Trennung voneinander zu leben hätten. Das altbekannte Prinzip. Teile und herrsche. Käme es erneut zu »Konflikten« in der Region, beispielsweise mit Israel, wäre es sehr viel einfacher, den Westen für einen kollektiven Waffengang zu »begeistern«, da er dann in jedem Fall nur Moslems treffen würde. Also jene Menschengruppe, die seit 9/11 als vollkommen rückständig dargestellt wird. Nicht geeignet, um die Zukunft zu erleben. Die finale Landkarte des Yinon-Plans lässt klar erkennen, dass der Irak und Syrien zugunsten eines deutlich größeren Israels einem »Change« unterworfen werden müssten. Der Yinon-Plan ist ein Strategiepapier aus Jerusalem, dass die Balkanisierung des Nahen und Mittleren Ostens anstrebt. Es geht darum, vor allem alle arabischen Staaten in derart kleine Stücke zu zerlegen, dass es nie zu einem kollektiven Aufstand kommen könnte. Diese Politik ist im Kern die Fortsetzung imperialer Politik, wie sie seinerzeit vom Britischen Empire erdacht wurde, um die Region, die damals noch Teil des Osmanischen Reiches war, unter die eigene Kontrolle zu bringen. Israel wurde damals auf dem Papier als Stachel im arabischen Fleisch erdacht, um die Region sukzessive zu unterwandern und final zu kontrollieren. Der Cyces-Pikot-Plan und im Anschluss das Balfour-Abkommen haben die ölreiche Region bis heute maßgeblich gestaltet. Geschichte wird in Hinterzimmern geplant und dann über Dekaden umgesetzt. Geschichte ist wie Schach. Nur wer einen verdammt langen Atem hat, kann es sich leisten, auch mal eine Partie zu verlieren, sofern er das Schachturnier final für sich entscheidet. Es ist unwahrscheinlich, dass die USA die ISIS-Truppen in die Spur geschickt haben, zumal diesen auch schweres amerikanisches Kriegsgerät in die Hände gefallen ist.

Ebenfalls unwahrscheinlich ist, das die USA gar nichts von den ISIS-Truppen gewusst haben. Sie lassen sie wohl eher kontrolliert zündeln. Und am unwahrscheinlichsten ist es, dass die USA aus der aktuellen Situation im Irak nicht versuchen, das Beste zu machen. In ihren Think-Tanks werden jetzt die Köpfe rauchen und man wird sämtliche Optionen durchspielen, die sich aus der derzeitigen Situation für die gesamte Region ergeben. Der ISIS-Terror könnte sich als ein echtes Ass für die Vereinigten Staaten erweisen, um Gruppen, die sich bisher eher aus dem Weg gingen, an einen von den USA verwalteten Tisch zu bringen. Die USA sind auf die Stabilisierung und damit langfristige Kontrolle der Region angewiesen. Ohne die Golfstaaten bricht die amerikanische Energieversorgung und damit die Mobilität der Steitkräfte zusammen. Um diese Sicherung auch in Zukunft zu gewährleisten, fallen klassische Kriege als einziges Druckmittel aus Kostengründen mittelfristig weg. Die USA benötigen für die eigene Zukunft andere Tools der Macht, und sei es die Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Feinden. Neu daran ist, dass diese »Freundschaftsanfragen« zeitgleich geschehen müssen. Komplett synchronisiert. In der aktuellen Situation mit einem von ISIS-Kämpfern stark erschüttertem Irak, werden die USA sich an die Message halten, die aus einem iranischen Sprichwort hervorgeht: »Die Hand, die Du dem Feind nicht abschlagen kannst, musst Du zum Gruß ergreifen.«

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