Köppels Kurzgeschichten Juni-Juli 2014

Sündenbock

Am Sonntag, den 14. Mai hat man bei meiner Oma die Balkontür aufgebrochen. Mitten in der Nacht, meine Oma hört nicht mehr so gut. Hochhaus, Erdgeschoss, nix gemerkt erstmal. Geschlafen, im Alter ist man ja froh um die paar Stunden. Der Typ ist über die Brüstung, mit nem Stemmeisen wahrscheinlich knack die Balkontür auf und stand mitten im Wohnzimmer. Fernseher natürlich mitgenommen, das alte Ding, den hat er sicher in so nen Verbrecherkleintransporter geladen. Die Halskette, die meine Oma 1943 zur Konfirmation bekommen hat – ich bitte sie, was hat man denn 1943 zu verschenken gehabt an ne Konfirmandin, das die dann ein Leben lang aufbewahrt hat? Na? Das war ne gute Halskette. Und jetzt? Weg, für immer. Und die Freddy-Quinn-Platten meiner Oma. Über vierzig Stück. Das einzige, was meine Oma je gesammelt hat. Und auch richtig gehütet, so augapfel-mäßig. Jede einzelne Platte in ner eigenen Schutzhülle. Und jetzt? Alle noch da. So ein Einbruch ist ja auch eine Sache der Kränkung.

Meine Oma ist dann nachts irgendwann aufs Klo, schwache Blase, und da hat sie’s dann gemerkt. Ich hab am nächsten Tag von der Sache gehört. Da muss man was unternehmen! Unternehmen, unternehmen! Hieß es. Ja was denn? Schon klar. Anzeige gegen Unbekannt. Aber meine Oma hat sich nicht beruhigt, hat angefangen von Altersheim und so, da wäre sie sicherer. Sagt mein Vater, eine Idee muss her! Eine Idee wäre jetzt gut! So, jetzt kennen sie auch meinen Vater. Und dann kam die Idee von Tante Sophie. Wir haben gesagt, das geht doch nicht, und Quatsch ist es irgendwie auch gewesen, aber das hat natürlich niemand sich zu sagen getraut. Und also haben wir‘s einfach gemacht. Ich zitiere aus der Marbacher Zeitung vom 18. Mai.

»Der Mann, der am 14. Mai durch seinen Einbruch in ihrer Wohnung einer alten Frau unter anderem auch den Glauben an die Menschheit geraubt hat, wird hiermit gebeten, sich bei ihr zu entschuldigen und ihr das Vertrauen in die Welt wiederzugeben. Behalten Sie die Sachen. Keine Anzeige. Tun sie es, es ist das Richtige. Chiffre.«

Und, was glauben Sie? War ja klar, keine Sau meldet sich. Wenn Bargeld geklaut worden wäre, wären wir weniger ungeduldig gewesen, weil dann hätte es ja sein können, er fährt davon in Urlaub und dann muss man natürlich warten, bis er wieder zurück ist. Und jetzt komme ich. Im Nachhinein völlig logisch, weil mit mir rechnet keiner an dem Punkt. Ideale Voraussetzungen, dachte ich, und deshalb hab ich auch keinem was erzählt davon. Von meiner Idee. Gar keinem. Nur einem, aber den musste ich, weil selber konnte ich’s nicht machen. Der Nobby musste ran. Nobby, ganz alter Kumpel, aber eher so aus Kneipen und von Feten, also niemand, den meine Oma kennen könnte. Ich erzähl ihm alles, ich lad ihn zum Bier ein, ich hab sogar die Anzeige ausgeschnitten und dabei und zeig sie ihm, und er fragt, und was soll ich jetzt da machen? Und ich sag, du gehst jetzt zu meiner Oma und entschuldigst dich. Ich sag dir, wo sie wohnt, gehst du einfach hin und sagst, was weiß ich, es tut dir leid, und du nimmst Drogen, aber du glaubst, dass du es schaffen kannst, und dass dir irgendwas die Augen geöffnet hat, Jesus oder so, der alte Optiker, und dass du jetzt keine Drogen mehr nimmst, nie mehr, und dass es dir total leid tut.

Und was soll ich sagen, der Nobby? Nach drei Bier hatte ich ihn soweit. Ich meine, es war von vornherein klar, dass er‘s macht, aber er wollte eben drei Bier trinken. Und ich frag ihn, wann machst du’s? Und er sagt, das sagt er nicht. Das käme voll unauthentisch. Und das fand ich gut, weil er ja auch gesagt hat, wenn er nicht auf die Anzeige antwortet sondern einfach hingeht, ist das ja auch viel besser, weil dann weiß sie gleich, das kommt von Herzen, so spontan und impulsiv, wie so Verbrecher halt auch sind, und ich sag super, und er sagt, also dann.

Besonders blöd an der Idee war, dass sie so gut war. Sie war so brutal gut, weil sie so zärtlich war. So konnte ich, das war immerhin der Plan, mein Leben lang denken, was auch geschehen möge, ja, aber wenn ihr wüsstet, dass Oma nur meinetwegen den Glauben an die Menschheit wiederbekommen hat, dass sie nur deshalb mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen ist … das war wie sich vorzustellen, dass wenn man mal tot ist, alle um einen weinen, aber ohne dass man deshalb sterben müsste. Super Plan. Jetzt heißt es ja, wenn du willst, dass Gott lacht, dann erzähl ihm deine Pläne. Genau deswegen erzähl ich’s ja nicht, dachte ich. Außer Nobby eben, aber Nobby war ja auch ein ganz normaler Mensch. Zumindest bis zu dem Treffen mit meiner Oma.

Es dauerte eine Weile, bis sie nach dem Klingeln an die Tür kam. »Guten Abend«, sagte Nobby und lächelte meine Oma schüchtern an, »wir kennen uns nicht. Ich komme wegen ihrer Anzeige.«

Zack! Meine Oma schlug die Tür ohne ein Wort wieder zu. Na, das war ja eine kurze Angelegenheit gewesen, dachte Nobby. Konnte er schon wieder gehen? Und was war mit den Entschuldigungen, die er sich auf dem Weg hierher vorformuliert hatte, mit der herzzerreißenden Geschichte seiner verpfuschten Jugend, an die er sich extra für meine Oma erinnert und da und dort sogar ein bisschen übertrieben hatte? Nobby wurde mulmig. Und wenn sie die Polizei rief, um ihn festnehmen zu lassen? Den genauen Zeitpunkt des Einbruchs bei ihr wusste er gar nicht und hatte also keinen Schimmer, ob er überhaupt ein Alibi für die fragliche Nacht vorweisen konnte. Nobby begriff, dass Verbrecher ein Beruf war, den Vollidioten ergriffen – oder eben genialische Hirne auf der Suche nach Kitzel. Und was war er? Und was bedeutete es, dass er nicht wusste, was von beidem er war?

Die Tür meiner Oma öffnete sich wieder und knarzte dabei, als hätte sie schlechte Laune. »Kommen sie rein, junger Mann!«

Nobby war eingeschüchtert, aber jetzt weglaufen war irgendwie blöd, und es galt auch nicht als Entschuldigung. Und er sagte sich: eingeschüchtert ist nicht toll, aber eingeschüchtert ist auch nicht schlecht, das treibt mich mehr in meine Rolle hinein, die des reuigen Missetäters. Das gefiel ihm, und er bekam gleich bessere Laune und folgte meiner Oma mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht.. Sie führte ihn durch den Flur. »Ich hab Tee gemacht. Setzen sie sich schon mal aufs Sofa«, und ein bisschen schärfer fügte sie hinzu: »Sie kennen sich ja hier aus!«

Tee hatte sie gemacht, während er draußen gewartet hatte. Nichts ist so süß wie eine alte Frau. Im Wohnzimmer lief von Freddy Quinn das Lied mit dem brennend heißen Wüstensand. Nobby setzte sich aufs Sofa.

»Gefällt ihnen die Musik?«, fragte meine Oma.

»Ja, schön«, log Nobby.

Meine Oma goß Nobby eine Tasse Tee ein. »Dann hätten sie hier mal besser alles gründlicher durchsucht.«

»Ich, äh«, sagte Nobby, »wissen Sie, ich nehm Drogen«

»Zucker und Milch, mehr hab ich nicht«, sagte meine Oma und beobachtete ihn. »Sie sehen gar nicht aus wie ein Verbrecher.«

»Naja«, sagte Nobby, »das ist ja auch nicht Sinn der Sache, sonst könnte man ja jedem gleich ansehen, ob er ..«

»Das meine ich nicht«, sagte meine Oma, »im Fernsehen, also jedenfalls in meinem alten, ich weiß nicht, ob sie mal reingeschaut haben, da sind die Bösen die Interessanten, die mit Ausstrahlung, mit Charisma, mit Verve, mit Esprit. Sie sind doch nur ein großer Junge.«

Nobby wollte irgendwas antworten, aber die Türklingel unterbrach ihn. »Aha!«, sagte meine Oma, »da ist jemand an der Tür!« Sie erhob sich und ging aufmachen. Nobby konnte jedes Wort der folgenden Unterhaltung verstehen.

»Guten Abend, Frau Hinrich, Kriminalobermeister Kottke. Frau Hinrich, ich komme nochmal wegen des Einbruchsdeliktes in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai bei Ihnen vorbei. Ist Ihnen in der Zwischenzeit noch irgendetwas eingefallen?«

Nobby im Wohnzimmer überlegte fieberhaft. In der Nacht vom 14. auf den 15. also, da hatte er den ganzen Abend online Grand Theft Auto III gespielt – und die Netzwerknasen kannte man ja nicht persönlich, also war es Essig mit dem Alibi. War es demzufolge nicht schlauer, jetzt möglichst unauffällig über den Balkon zu verschwinden, wo doch am anderen Ende der Wohnung gerade die Polizei in Gestalt von Kriminalobermeister Kottke an der Tür stand und nach einem Verbrechen fragte, das man dem Opfer gerade so gut wie gestanden hatte? Es ging alles so schnell. Nobby hielt den Atem an und hörte, wie meine Oma sagte:

»Nein, Herr Kommissar, am besten hören Sie gleich auf zu sichen. Man findet diese Leute doch nicht. Die sind doch organisiert und erbarmungslos. Da kann doch eine alte Frau wie ich nichts ausrichten.«

»Na, so schnell geben wir nicht auf, Frau Hinrich. Rufen Sie uns einfach an, wenn was ist. Hier unsere Karte. Und immer schön die Balkontür zuschließen.«

»Das mach ich, Herr Kommissar. Vielen Dank.«

Tür zu. Oma wieder zurück im Wohnzimmer. Nobby wusste nicht, was er sagen soll und sagte deshalb einfach »Danke«, aber meine Oma verzog angewidert das Gesicht. »Pah! In Stammheim drei Mahlzeiten am Tag, und mir kürzen sie die Rente. Und am Ende biste noch ne feige Sau und verpfeifst deine Komplizen, das kann ich mir nicht leisten.«

»Ich verpfeif niemanden, garantiert!«, rief Nobby aus, auch weil er zeigen wollte, dass in ihm als Kleinkriminellem eigentlich ein total integerer Typ steckte. Meine Oma ignorierte das und sagte: »Lass uns zusammen beten!«

Nobby sah das sofort ein, so liebe-deine-Feinde-mäßig und so. »Ja klar, warum nicht?«

»Kannst du das Vaterunser?«

Nobby zuckte innerlich die Achseln. Was hatte er denn gedacht? Herkommen, ne Show abziehen, Tee trinken und tschüss? Also sagte er: »Ja klar, kann ich.«

»Ich höre«, sagte meine Oma.

Nobby atmete durch und faltete die Hände: »Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt – «

»Nein«, unterbrach meine Oma, »mit den Augen zu. Und langsamer. Und lauter! Ich hör nicht mehr so gut. Und nicht so leiern!«

»Vater unser der du bist im Himmel geheiligt werde dein Name dein Reich komme dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere AAAAH!«

Meine Oma ist 79 Jahre alt. Und sie hat nicht immer im Erdgeschoss gewohnt. Die meiste Zeit ihres Lebens hat sie – 42 Jahre Ehe mit ihrem Leopold – im vierten Stock eines Hauses ohne Aufzug verbracht. Soll heißen, da war Kraft in den Beinen. Und auch wenn sie inzwischen in einer zentralgeheizten Wohnung lebte und nicht mehr ständig Kohlen aus dem Keller holen musste, war sie – alte Leute sind sentimental – immer noch im Besitz des Schürhakens für ihren früheren Kohleofen, mit dem sie in der höllisch heißen Glut gestochert und die Dinge, die sie im Ofen verfeuerte, in die richtige Position geschubst hatte, damit die auch gut und gerecht abbrannten. Den Schürhaken hatte sie neben dem Sofa versteckt, als Nobby draußen gewartet hatte.

Sie trat Nobby mit voller Wucht und zu den Klängen von Freddy Quinns »La paloma ohe« gegen das Schienbein, und als er sich aus der Gebetshaltung löste und im Sofasitz aufbäumte, haute sie ihm den Schürhaken vor die Brust. Mit dem ungefährlicheren Ende, das nicht zu einem Haken gebogen war, das muss man dazusagen. Sie brach ihm dennoch zwei Rippen schon mit dem ersten Schlag. Dann trat sie einen Schritt nach hinten, um einen Sicherheitsabstand zu haben, weil sie nicht ahnen konnte, wie Nob-by seine Gegenwehr organisieren würde. Vielleicht war es das Christliche in der vorherigen Gesprächsatmosphäre, das Nobby dazu brachte, sich ganz spontan auf Bitten und Betteln nach Gnade und Barmherzigkeit zu verlegen. Vor dem nächsten Schlag, den meine Oma nun führte, wich er unbeholfen zurück und stürzte dabei so unglücklich gegen den gläsernen Sofatisch, dass er sich die linke Schulter auskugelte, böse Sache, ich hab die Röntgenbilder gesehen. Er kroch Schutz suchend unter ebenjenen Sofatisch. Nach dem nächsten Schlag hatte er das Gesicht voller Glassplitter und meine Oma hatte keinen gläsernen Sofatisch mehr. Nobby robbte ins Freie auf den Teppich, gerade recht, denn so kriegte er das Bücherregal voll ab, das meine Oma jetzt in seine Richtung umkippte. Als er sich eine halbe Minute später darunter befreit hatte, war meine Oma gerade auf dem Klo, schwache Blase, und mal ein bisschen sitzen nach der ganzen Anstrengung. Nobby rüttelte an der Balkontür: abgeschlossen. Er schlich durch den Flur und öffnete die quietschende Wohnungstür, als gerade die Spülung ging. Seine Schulter schmerzte teuflisch, und er humpelte in der kalten Frühlingsluft über den Rasen, nur etwa zwanzig Meter vom Balkon meiner Oma entfernt, als ihn eine Teetasse nur knapp verfehlte.

»Hau ab und lass dich hier nie wieder blicken!«

Nobby schaffte es noch bis zu einer nahen Sitzbank, ließ sich dort fallen und kramte mit dem unlädierten Arm nach seinen Zigaretten, als er merkte, dass er nicht alleine war. Hinter dem Busch, von dem aus man das hell erleuchtete Zwölffamilienhaus gut überblicken konnte, trat jetzt ein dunkel gekleideter Mann hervor, der Nobby musterte. Oli guckte zurück. Der Mann hatte einen Zeitungsausschnitt in der Hand, den er jetzt zerknüllte und unauffällig wegwarf. Vom Balkon meiner Oma kam ein Schrei: »Helfen sie dem bloß nicht! Die Drecksau hat bei mir eingebrochen!«

Der Dunkelmann sah, dass Nobbys Jacke ramponiert und blutig war. Und Nobbys auch. Der Dunkelmann warf einen nervösen Blick rüber zum Balkon, auf dem der Umriss meiner von hinten beleuchteten Oma mit einem Besenstiel herumfuchtelte. Dann ging die Balkontür zu und meine Oma drehte drinnen ihren Freddy Quinn auf volle Lautstärke. Gedämpft hörten die beiden sich draußen das Intro von »Junge, komm bald wieder« an, und Nobby hielt dem Dunkelmann angebotsmäßig seine Zigaretten hin.

Der Dunkelmann erschrak. »Nein, Mann«, sagte er, »ich … ich nehm keine Drogen. Echt. Nie mehr!«

Mit einem Satz verschwand er wieder hinter dem Busch. Nobby musste den Kopf recken, um zu sehen, wie der Mann in Richtung eines Kleintransporters lief, der am Straßenrand geparkt war. Nobby murmelte »Halleluja« und schleppte sich dann nach Hause. Eine halbe Schachtel Ibuprofen später rief er mich nachts um drei an, und ich fuhr ihn ins Krankenhaus. Da schlief meine Oma längst, vermutlich mit einem Lächeln auf den Lippen. Im Krankenhaus gab Nobby auf mein Drängen an, von einer dunklen Gestalt überfallen worden zu sein. Also wieder Anzeige gegen unbekannt, und Vertrauen in die Menschheit verloren auch irgendwie. Geschichte wiederholt sich.

Seitdem gehe ich nicht mehr so oft abends weg. Nobby und ich haben einen Deal gemacht: wir gehen uns für ein Jahr aus dem Weg, aber wenn wir uns zufällig treffen, muss ich ihm was ausgeben. An einem Dönerstand einen Döner, im Kino die Kinokarte und so. Fand ich fair. Seit neulich ist es mir aber zuviel. Da ist er mir vor dem mediamarkt über den Weg gelaufen, am Tag, als die PS4 erschien. Und ich wollte doch nur eine Best-Of-CD von Freddy Quinn für meine Oma zu Weihnachten kaufen. Nicht, weil da was drauf gewesen wäre, was sie noch nicht kennt, sondern damit sie sieht, dass ich weiß, wie sie tickt. Das mögen Omas gern.

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