Titelthema Die 11 wichtigsten Heilbronner Juni-Juli 2014

»Die Platzierungen 1-3 der 11 wichtigsten Heilbronner«

Platz 1: Die Heilbronner Bürger

SIE sind keine Krämerseelen!

Heilbronn mag auf den ersten Blick wie eine x-beliebige schwäbische 08/15-Stadt wirken, die weder Charme noch Sexappeal hat und der es an

urbanem Leben und kultureller Vielfalt fehlt. »Leck mich am A…, Du Stadt

der Krämerseelen«, schrieb der ehemalige Bürgermeister Paul Hegelmaier im

Unfrieden, als er aus seinem Amt schied. Meist sind es Eingeborene, die ihre Stadt kritischer wahrnehmen als zugereiste Bewohner.

Dabei erschaffen Heilbronner schon immer Außergewöhnliches und es geschehen Dinge in der Stadt, die sich im nationalen Gedächtnis einnisten.

Wenn ein Heilbronner auf Reisen gefragt wird, wo er denn herkomme, wird die Antwort meist leise und ohne stolzes Timbre in der Stimme gegeben. Ein fast flüsterndes »Heilbronn, nördlich von Stuttgart« antworten viele und hoffen, dass nicht weiter nach ihrer Stadt gefragt wird. Irgendwie schämt man sich ein bisschen für Heilbronn, weil man denkt, es gibt hier wenig bis nichts Interessantes und weil der Ur-Heilbronner meist tatsächlich der Meinung ist, er lebe tatsächlich in der Stadt der Krämerseelen. Natürlich zählt er sich selbst nicht zu den Krämerseelen. Und wenn man sich einmal wirklich mit den Bewohnern, ihren gesellschaftlichen Leistungen und ihrem Engagement für die Stadt beschäftigt, merkt man schnell, dass dieses Heilbronn und seine Bewohner ja eigentlich gar nicht mal so scheiße sind. Eigentlich sind die Heilbronner sogar ein richtig geiles Völkchen. Schon Mark Twain beschrieb die Heilbronner in seinem Buch »Bummel durch Deutschland« als geselligen, weltoffenen Schlag Menschen. Man munkelt sogar, das der berühmte US-Literat auf einer Floßfahrt von Heilbronn nach Heidelberg zu seinem Welthit »Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn« inspiriert wurde. Wahrscheinlich kam ihm die Idee beim Genuss einer Flasche Heilbronner Weines. Dass die Heilbronner ein besonderes Volk sind, zeigt schon das bürgerliche Engagement für die Stadt. In kaum einer zweiten deutschen Großstadt ist es so ausgeprägt, wie in Heilbronn. Egal, ob es um die Rettung des Heilbronner Tierheimes geht oder darum den Standort der Kinderonkologie am Heilbronner Klinikum zu erhalten. Wenn es um die Stadt und städtische Institutionen geht, sind die Heilbronner bereit, ihr letztes Hemd zu spenden und sich für ihre Mitbürger über das normale Level hinaus zu engagieren. Ein Beispiel dafür sind auch die Beschützenden Werkstätten, die durch den Einsatz einer Bürgerinitiative entstanden. Der Heilbronner Kunstverein hat in der Kunstszene nationale Relevanz erlangt (siehe Interview mit Anselm Reyle) und Heilbronner fegen mindestens einmal im Jahr gemeinsam die Stadt sauber. Man kümmert sich hier um seine Stadt. Sie ist den Heilbronnern nicht gleichgültig. Das ist in Großstädten keine Selbstverständlichkeit. Auch die Leistungen einzelner Heilbronner sind aller Ehren wert. Der Architekt Adolf Cluss ist einer der Hauptverantwortlichen für das Stadtbild und einige der wichtigsten Gebäude der US-Hauptstadt Washington DC. 1872 war er offizieller City Engineer und Mitglied im Ausschuss für öffentliche Bauten. Er hatte damit die Aufsicht über zentrale Arbeiten, die das Gesicht Washingtons in den 1870ern veränderten. »Der König der Konstrukteure« Wilhelm Maybach hat mehr oder weniger das Auto erfunden und zur Serienreife entwickelt und Physiker Robert Mayer formulierte als einer der ersten den Ersten Hauptsatz der Thermodynamik. Herausragende Leistungen und besondere Persönlichkeiten werden bis heute in Heilbronn geboren oder sie leben hier. Da wäre beispielsweise Thomas Roth, der Anchorman der Tagesthemen oder Sibel Kekilli, die es inzwischen bis zur »Tatort«-Komissarin und mit »Game of Thrones« sogar nach Hollywood geschafft hat. Tomislav Maric hält einen aktuellen Rekord in der Fußballbundesliga und Dieter Schwarz ist nicht nur unfassbar reich und der Macher und Mastermind des inzwischen größten deutschen Handelsunternehmens sondern auch ein Stadtmäzen, wie man ihn in Deutschland, vielleicht sogar weltweit , kaum ein zweites Mal findet. Carina Bär erruderte sich olympisches Edelmetall und Doris Haug war jahrzehntelang im weltberühmten Pariser Moulin Rouge die künstlerische Leiterin. Oliver Maria Schmitt hat es zum hochdekorierten Satiriker und Journalisten, zum Bundeskanzlerkandidaten und zum Chefredakteur der Titanic gebracht und Thomas Strobel ist nach Angela Merkel der zweite starke Mann in der Bundes-CDU. Und nur die wenigsten Heilbronner wissen, dass der Beifahrer bei James Deans Todesfahrt, Rolf Wütherich, ein Heilbronner war. Und wer hätte gedacht, dass einer der aktuell angesagtesten und teuersten Künstler auf dem internationalen Parkett, Anselm Reyle, in Horkheim aufgewachsen ist? Es gibt noch unzählige Beispiele für Heilbronner und Heilbronnerinnen, die dafür taugen, ein bisschen stolz auf Heilbronn und seine Bewohner zu sein.

Auch wenn besonders die Stadt- und Polizeiverantwortlichen nicht erpicht darauf sind, diese Geschichte zu hören, ist das »Phantom von Heilbronn« in die deutsche Kriminalgeschichte eingegangen. Es hat die Heilbronner Polizisten bis in den Wahnsinn und Burnout getrieben, um am Ende festzustellen, dass kontaminierte Wattestäbchen für jahrelange Ermittlungen in die falsche Richtung verantwortlich waren. Auch war Heilbronn durch die auf der Waldheide stationierten Pershing-II-Raketen, einem damit verbundenen beinahe Super-Gau und darauf folgende, wochenlange Friedensdemos auf der Landkarte der Weltgeschichte verzeichnet. Dies waren nur einige wenige Gründe dafür, dass man als Heilbronner, wenn man demnächst nach der Heimatstadt gefragt wird, voller Selbstvertrauen viele wunderbare Geschichten von Heilbronn und seinen Bewohnern erzählen kann. Die Leute werden staunen!

Platz 2: Anselm Reyle

Schrill, bunt und virtuos

Anselm Reyle ist ein weiteres Glückskind in der Runde der elf wichtigsten Heilbronner der Stadt. Ob wir uns wegen seines seltenen Vornamen für ihn entschieden haben? Hm, eher nicht. Obwohl er eine schöne Bedeutung hat: Nämlich »unter dem Schutz der Götter stehend«. Anselm Reyle gilt als Darling der Kunstsammler, für dessen Werke mitunter Millionen hingelegt werden. Reyle ist in Tübingen geboren und in Heilbronn aufgewachsen. Er brach die Schule, wie auch seine spätere Ausbildung zum Landschaftsgärtner ab, um sich für ein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe zu bewerben. Prompt wurde er aufgenommen. Nach erfolgreichem Abschluss zog er 1997 nach Berlin, um sich dort weiterer Schaffenskunst zu widmen. Gemeinsam mit Dieter Detzner, John Bock, Berta Fischer und Michel Majerus gründete er eine Ateliersgemeinschaft. Ab 1999 führte Reyle drei Jahre lang mit Claus Andersen und Dirk Bell die Produzentengalerien »Andersen’s Wohnung« und zusammen mit Dirk Bell und Thilo Heinzmann die »Montparnasse«. Es folgten Gastprofessuren an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und an der Universität der Künste Berlin sowie zahlreiche Ausstellungen in Berlin, Kopenhagen, New York, Brüssel, Hamburg und Glasgow. 2009 wurde Anselm Reyle als Professor für Malerei und Zeichnen nach Hamburg berufen. Es läuft gut für den gebürtigen Schwaben, dessen Besonderheit unserer Meinung nach, sein feines Gespür für Formen und Effekte mit stets experimenteller Note, ist. Reyle ist ein unbändig kreativer Geist, der am liebsten aus bestehenden Gegenständen etwas völlig Neues entwickelt. Kein Wunder also, dass er heute »als einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Gegenwart« angesehen ist, so beschreibt ihn die Vogue in einem Interview mit ihm am 13. November 2013. Die Kunstwerke des 43-Jährigen sind inspirierend. Fesselnd. Man kann schwer von ihnen absehen. Mal ist es eine wild verschlungene Skulptur aus Chrom, dann eine Lichtinstallation aus bunten, superschrillen Neonleuchten oder eine Kollage aus unterschiedlichen, silberfarbenen Gegenständen, wie einer Tastatur, einem Zahnrad, einer Sägeplatte, vielen Metallketten und irgendwelchem Elektroschrott. Es ist virtuos, wie er diese Dinge zusammenfügt. Am meisten nutzt Reyle die Medien, Malerei, Skulptur oder Installation, um seiner Kunst Ausdruck zu verleihen. Bekannte Werkegruppen sind unter anderem die mit Folie bespannten und in farbigen Plexiglasboxen eingebauten »foil paintings«. Der Berliner Künstler provoziert gern, mag es schrill, bunt und glänzend. Wenngleich Reyle wegen seines auffälligen Stils von manchen Kritikern als Kitsch-Künstler gesehen wird, scheint ihm der Erfolg recht zu geben. Es ist gut, wie es ist. Und, liegt Kunst nicht immer im Auge des Betrachters?

Platz 3: Julius Robert Mayer

EIN UNVOLLENDETES PHYSIKGENIE

Der narrische Mayer – oder größter Sohn der Stadt. Zwischen diesen beiden Polen schwankt das Bild, das man in Heilbronn schon zu Lebzeiten von Julius Robert Mayer hatte. Wer er wirklich war? Ein Mensch, der in keine Schublade passte: lebhaft, phantasievoll, sensibel einerseits, andererseits heftig und ungerecht während seiner manisch-depressiven Phasen, ein engagierter Mediziner, liebevoller Familienmensch, ein Grübler und ein kluger Kopf. Jemand, der schon in jungen Jahren den Dingen auf den Grund ging und verstehen wollte, was »die Welt im Innersten zusammenhält«. Mit der Erkenntnis, dass Energie (in geschlossenen Systemen) nicht verloren geht, sondern in unterschiedlichen Erscheinungsformen auftritt – umgewandelt in Bewegung, Wärme, »Arbeit« – ist ihm das zum Teil gelungen. Der junge Heilbronner Arzt, der erst 28 Jahre alt war, als er das Prinzip von der Erhaltung der Energie im Mai 1842 veröffentlichte, musste lange auf die Anerkennung durch die wissenschaftliche Fachwelt warten. Dem Nicht-Physiker ohne Anbindung an eine Universität und ohne Rückhalt durch einen entsprechenden Kollegenkreis machten andere sein Prioritätsrecht streitig. Erst um 1860 setzte sich durch, dass Julius Robert Mayer als Erster eine wichtige Grundlage der Naturwissenschaften erkannt hatte. Heute, im Jahr seines 200. Geburtstags, ist uns mehr denn je bewusst, dass Energie zwar nicht verloren geht, wir aber immer noch davon entfernt sind, sie optimal und ressourcenschonend auszunutzen.

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