Titelthema Die 11 wichtigsten Heilbronner Juni-Juli 2014

»Die Platzierungen 8-11 der 11 wichtigsten Heilbronner«

Platz 8: Das Käthchen von Heilbronn

DIE uneheliche Tochter des Kaisers

Ein reales Käthchen-Vorbild hat es nie gegeben. Das Käthchen ist eine Phantasiefigur, Protagonistin einer aberwitzigen, märchenhaften Geschichte, die Heinrich von Kleist um 1807/08 erfunden hatte und die als »großes historisches Ritterschauspiel« 1810 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde. Der Inhalt lässt zwar unterschiedliche Deutungen zu, fest steht, dass es das Unterbewusste ist, das die Handlung der beiden Hauptfiguren wesentlich bestimmt.

Der Heilbronner Arzt Eberhard Gmelin war einer der Ersten, der um 1790 neben dem Bewusstsein eine unterbewusste »Persönlichkeitsschicht« entdeckte. Und er hat als Erster die wichtige Rolle dieses Un-Bewusste, des nicht vom Verstand Beherrschbaren, »Irrationalen« im Handeln der Menschen beschrieben. Mitten in der streng rational geprägten Epoche der Spätaufklärung machte er sich damit keine Freunde. Heinrich von Kleist hat ihm wohl, indem er sein unterbewusst handelndes, starkes Käthchen aus Heilbronn kommen ließ, ein Denkmal gesetzt.

Dass die eher nüchternen, sachlich und rational denkenden Heilbronner um 1840 nun gerade das Käthchen als Repräsentationsfigur akzeptierten, lag wohl genau an diesem Pragmatismus: Warum sollte man die zahlreichen romantischen Neckarreisenden enttäuschen, die in Heilbronn Halt machten und die neben dem wackeren Götz von Berlichingen zunehmend auch nach dem lieblichen Käthchen fragten? Und etwas Romantik tat dem Image der schon damals von Handel, Gewerbe und Industrie geprägten Stadt auch gut.

Platz 9: Lothar Hesser

Alkohol und Algorithmen -Die Wunder des Heiligen Hessers

Beim immer noch ausstehenden medialen Supercontest »Deutschland sucht den Super-Heilbronner« wird er voraussichtlich den Sieg davontragen – oder jedenfalls im vordersten Feld zwischen Nachrichten-Fachkraft Sibel Kekili und Ex-Pornostar Thomas Roth siegesgewiss mitmischen. Die Rede ist von Lothar Hesser, Kult- und Erbwirt in nur einer Person, Inhaber, Manager und Repräsentant der Alt-Heilbronner Stammwirtschaft »Hessersbeck«.

Auch wenn das Schild überm Eingang die alte Weinwirtschaft noch immer stur als »Kernerhöhe« ausweist, so ist sie doch allen nur unter ersterer Bezeichnung bekannt. Weil 1919, als das Lokal eröffnete, dort auch gebacken wurde. Es liegt strategisch geschickt auf einer Anhöhe über der Stadt, hinter der Hesserwirtschaft endet jäh alles Leben – da kommt nur noch der Hauptfriedhof.

Heimat ist da, wo man in Ruhe gelassen wird. Wer hier sitzt, tut nichts anderes. Mag die Globalisierung da draußen auch noch so toben – im Geviert des kärglichen Schankraums ist seit Adenauer alles gleich geblieben. Jenseits vom Tresen hat sich eine weitgehend eigenständige Zeitrechnung etabliert, in der das Dezennium als kleinste Recheneinheit gilt. Entschleunigung ist nicht vonnöten, man hat ja schon bei der Beschleunigung der Welt kaum mitgemacht. Der Hessersbeck ist ein Zeitfenster zum Drinsitzen.

Die Küche offeriert ein niedrigschwelliges Nahrungsangebot, dessen Höhepunkt der schwäbische Rostbraten bildet. Frau Helga, die mildtätige Kellnerin, reicht dazu einen blutroten Lemberger im Viertelesglas mit Henkel – alles andere wäre überkandidelt. Ist das Glas leer, füllt es sich wieder auf wundersame Weise.

Gleich vorne links über Tisch eins, an dem ausschließlich routinierte Regressionstrinker geduldet sind, wird in einem Fotoschrein des Altwirtes Heinz Hesser gedacht. Früher, heißt es, habe er sich drüben, auf dem Friedhof, unter Trauergemeinschaften gemischt, um sie dann wie zufällig in sein Lokal zu lotsen. Vor ein paar Jahren wurde er selbst nach gegenüber geschafft, gefolgt von seiner Gattin Helene.

Längst verwaltet Erbwirt Lothar Hesser, der sich seinen Ruf als Original zäh erarbeitet hat, mit einem Fluidum aus edler Einfalt und stiller Größe das Institut. Er ist seit je Nachrichtenzentrale und Informationsbörse der Stadt, hier laufen alle Fäden zusammen, und das sind längst nicht nur die gelegentlich sich abseilenden Speichelfäden der Regressionstrinker, sondern durchaus alle wichtigen Nachrichtenkanäle der aufgeregt da unten vor sich hin wurschtelnden Stadt.

Hesser kennt alles, denn er ist rastlos auf Recherche. Tagsüber durchstromert er unerkannt, nur mit einer Plastiktüte voller Prospekte bekleidet, die Stadt – des Abends bringt er im Lokal seine Erkenntnisse unter die Leute. Virtuos spielt das Vernetzungsgenie Lothar Hesser dabei auf der modernen Kommunikationsklaviatur. Ohne dass er selbst auch nur ein Händchen angelegt hätte, ist der »Wegbereiter der Heilbronner Erlebnisgastronomie«, wie ihn sein Stammgästeverein »Tisch 5« ehrfürchtig nennt, mit der eigenen Website hessersbeck.de im Netz vertreten (installiert und gepflegt von eben jenem »Tisch 5«), eine Saal-Webcam für verhinderte Stammgäste ist bereits angedacht, außerdem steht im Schankraum ein hochmodernes Selbstwahl-Fernsprechgerät zur Verfügung. Aber bitte keine Ferngespräche! Wer wissen will, wie es da draußen, jenseits von Wartberg und Neckar, zugeht, der frage einfach den Wirt. Er ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen und weiß jederzeit den Eindruck zu erwecken, er wisse alles. Oder jedenfalls die Hälfte. Ukraine-Krise, Europawahl, Weltspartag – Lothar Hesser weiß bescheid. Konkrete Fragen werden allerdings nie konkret beantwortet – das wäre ja langweilig! –, sondern von Lothar nach einem bis heute nicht gänzlich entschlüsselten Algorithmus leicht zeit- und themenversetzt gegeneinander ausgespielt. Dabei weiß er seinen Gesprächspartner durch ein raffiniertes System von Scheinfragen (»Wellet Sie noch was?«), vermeintlich affirmativen Interjektionen (»Ha freile!«) und Androhungen (»I will Ihne mol was sage!«) zu verwirren, ja letztlich zu zermürben. So dass über kurz oder lang nur die Flucht in den Alkohol bleibt. Bis schließlich Erbwirt Hesser selbst zur Flucht treibt. Wenn nämlich auch der letzte Gast gefragt wird, ob er eigentlich keine Bleibe habe, oder gar »dem Bettschonerverein« angehöre.

Außerdem arbeitet Lothar Hesser unentwegt an seiner postmortalen Heiligsprechung. Wunder gibt es immer wieder, vor allem beim Hessersbeck. Freilich sind das nicht die großen, spektakulären, sondern eher die kleinen, ganz alltäglichen Wunder, die der Kneipe ein Flair außerweltlicher Gebenedeitheit verleihen. Erst neulich konnte ein stark rotgesichtiger Herr, der zuvor über Stunden hinweg an seinen Stuhl gefesselt schien, ganz plötzlich wieder gehen – wenn auch nur stark schwankend. Dem bald schon Hl. Lothar sei Dank.

Platz 10: Ajax

Der Held vom Dachstein

Da alle technischen Hilfsmittel wie die von den Amerikanern zur Verfügung gestellten Minensuchgeräte nichts bringen, bleibt nur das klassische Suchen mit Sonden. Das Sondieren ist allerdings eine Kunst, die viel Erfahrung erfordert. Es ist nicht ganz so leicht, wie man es den B-Gendarmen wie Josef Sams bei der Ausbildung beizubringen versuchte: »Bei der Einweisung zum Sondieren sagte man uns, dass diese Sonde eine Krone hat, und wenn man auf einen Menschen trifft, muss man die Sonde drehen, damit Fasern des Stoffes hängen bleiben.« Beim systematischen Sondieren stellen sich die Männer in festgelegten Abständen auf, in einer Reihe. Der Gruppenleiter gibt ein abzusuchendes Viereck vor. Die Sonde besteht aus einer zusammengeschraubten Stange, dreiteilig und bis zu vier Meter lang. Mit der sticht man vor sich in den Schnee hinein. Hört man es klingen, stößt man auf Stein. Federt es nach, hat man einen weichen Untergrund. Stößt man durch, ist es ein Ast, bleibt man hängen, wird gedreht und man sieht, ob es eine Latsche ist oder sich ein Stofffaden in der Krone verfangen hat. Dann macht man einen Schritt vor und sondiert wieder Mitte, rechts, links usw. Und so rückt die ganze Gruppe Schritt für Schritt vor, bis das Geviert erfüllt ist. Wenn die Suchmannschaften etwas Verdächtiges entdecken, kommen die Lawinensuchhunde zum Einsatz, allen voran der berühmte Ajax. Und weil die Reporter tagelang nichts Neues zu berichten haben und Tiergeschichten immer gut ankommen, wird Ajax zum Star der Suche. Ihm wird sogar ein Kinderbuch gewidmet. Da Ajax mit seinem Herrchen Schatzl auf der Gjaidalm untergebracht ist, hat Johann Schilcher täglich mit ihm Kontakt: »Ajax war mein Lieblingshund. Sein Herr hat ihm befohlen, mir zu gehorchen. Ich habe ihn betreut, wenn er wegen des vielen Neuschnees nicht mitgehen konnte. Einen im Schnee gefrorenen Menschen kann der Hund ja auch nicht riechen. Im tiefen Schnee brauchte er dann immer wieder Pausen. Und wenn der Hund eine Wurst bekam, bekam ich auch eine.« Nahezu alle im Rettungseinsatz befindlichen Kräfte haben irgendwann mit dem fast allgegenwärtigen Ajax zu tun. Paul Sturm schwärmt: »Das war ein legendärer Lawinensuchhund, der Ajax. Er war unheimlich klug und an vorderster Front immer mit dabei. Er gehörte irgendwie mit zur Familie und war ein menschlicher Teil unserer ganzen Gruppe. Alle haben ihn geliebt und geschätzt. Dass er am Ende nichts gefunden hat, ist sein persönliches Schicksal.« Josef Sams erinnert sich an die Leiden des Hundes, der nahezu täglich Wind und Wetter ausgesetzt ist: »Er war insofern ein armer Hund, weil er durch den harschigen Schnee ganz wunde Pfoten bekommen hat. Man hat ihm dann mit Taschentüchern die Pfoten verbunden, damit er nicht aufgescheuert wird.« Und Johann Jungwirth erinnert sich an eine gemeinsame Fahrt in der Materialseilbahn: »Eines Tages fuhren wir mit der Materialseilbahn nach Krippeneck. In der Gondel waren auch Schatzl und Ajax. Der fauchte alle an, die keine Uniform hatten. Uniformträger konnten alles mit ihm machen, aber gegen Zivilisten war er richtig bösartig.« Um die Schüler abzulenken und von den Reportern fernzuhalten, führt Hans Bastian noch zwei Ausflüge durch, die vor allem die Schüler der 4er-Klassen genießen, die noch alle beieinander sind – wie Herbert Hagner: »Wir waren munter und fidel. Wir haben noch einen Ausflug nach Hallstatt zum Hallstätter See gemacht. Wir haben Halligalli gemacht. Das war eine wunderschöne Zeit. Vermutlich hat man die Ausflüge gemacht, um uns abzulenken. An einen Ausflug mit Herrn Bastian zum Wolfgangsee kann ich mich noch sehr gut erinnern.« Doch als hätte sich alles gegen die Heilbronner verschworen, hat auch dieser Ausflug gegen die nunmehr sensibilisierten Schüler seine Tücken, wie Gunter Isenmann berichtet: »Zu unserem Schutz hat Herr Bastian eine weitere Ausfahrt zum Weißen Rössl an den Wolfgangsee organisiert. Als wir dort ankamen, ist das Wetter wieder einmal gekippt. Wir saßen in der Gartenwirtschaft vom Weißen Rössl. Einige von uns sind mit dem Boot auf den See hinausgefahren. Dabei wäre es fast zu einer erneuten Katastrophe gekommen, weil ein Gewitter aufgezogen ist. Diejenigen, die nicht am Krippenstein dabei waren, waren jetzt durch das Unwetter auf dem See gefährdet. Es ist dann nichts passiert, aber wenn auch dort noch einmal etwas passiert wäre, hätte man uns verdammt.«

Textinformation:

An Ostern 1954 kommen bei einem Schneesturm am Dachstein 10 Schüler und 3 Lehrer aus Heilbronn ums Leben. Die 6-wöchige Suchaktion mit über 400 Bergrettern ist bis heute die größte Rettungsaktion in der Geschichte der Alpen. Mit über 40 Journalisten vor Ort markiert dieses Ereignis zugleich den Beginn des modernen Sensationsjournalismus. Doch trotz der Flut von etwa 2.500 Zeitungsberichten wurden die Ursachen und Begleitumstände dieser Katastrophe nie aufgeklärt – sie sollten es auch nicht. Zunächst um die Eltern zu schonen, später um Verantwortliche aus der Haftung zu nehmen, wurden die Hintergründe mit der »barmherzigen Lüge« zugedeckt.

Der Autor dieses BuchES hat in sechsjähriger Recherchezeit alle aufzutreibenden Akten gesichtet, alle Schauplätze besucht, die Erlebnisse von über zwanzig Zeitzeugen dokumentiert und von der Kriminologischen Zentralstelle den Fall erstmals analysieren lassen. So entsteht neben einer erschütternden Dokumentation dieser Katastrophe zugleich ein eindrückliches Lehrstück darüber, was tatsächlich unvermeidlich war, andererseits aber zu vermeiden gewesen wäre.

Platz 11: CARINA BÄR

Die Frau mit dem Ruder-Gen

Ruderin Carina Bär ist eine Spätstarterin.

Große Erfolge ließen dennoch nicht lange auf sich warten.

Sie ist der leuchtende Stern am sonst eher tristen Heilbronner Sporthimmel. Auch wenn es Olympionikin Carina Bär vor einigen Jahren zum Studieren in den Ruhrpott gezogen hat, wo sie selbstredend auch trainiert. Ihr Sportlehrer auf dem Wimpfener Hohenstaufen-Gymnasium hat sie 2005 mit dem Rudervirus infiziert. Zu diesem Zeitpunkt war Carina Bär schon 15 Jahre und eigentlich zu alt, um sich Ambitionen für den Hochleistungsbereich anzutrainieren. Doch ihr und ihrem Körper war das egal. Schon zwei Jahre später durfte Bär in Peking bei den Juniorenweltmeisterschaften starten. Was sich Ruderer in der Regel über viele Jahre hart antrainieren müssen, fiel der Ausnahmeathletin relativ einfach. Es scheint als sei die Unterländerin, die für die Heilbronner Rudergesellschaft Schwaben startet, mit dem Ruder-Gen geboren worden. Dass es erst so spät für sie losging, findet die sechsmalige Unterländer Sportlerin des Jahres sogar gut. So konnte sie ihre Jugend ausgiebig genießen, ehe der zeitaufwendige Leistungssport in ihr Leben trat. Obwohl Bär mit überproportional viel Talent gesegnet ist, sind die Vorbereitungen auf große Wettkämpfe auch für sie mit riesigen Qualen verbunden. »Es sind Überlebenskämpfe«, hat sie einmal gesagt. Bei den Juniorenweltmeisterschaften 2007 sprang ein noch enttäuschender 5. Platz für die Medizinstudentin der Ruhr-Universität in Bochum heraus. Doch sie sollte sich in den nächsten Jahren kontinuierlich steigern. Inzwischen kann sie sich Europameisterin, Weltmeisterin und Silbermedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen 2012 in London nennen. Vielleicht vergoldet sie 2016 ihre Medaillensammlung bei den kommenden Sommerspielen in Rio de Janeiro noch, ehe sie sicherlich auch als Ärztin eine erfolgreiche Karriere starten wird.

Größte Erfolge

Weltmeisterschaft 2013

1. Platz | Wettbewerb: Doppelvierer | Ort: Tangeum Lake, Chungju

Europameisterschaft 2013

1. Platz | Wettbewerb: Doppelvierer | Ort: Sevilla

Olympische Spiele 2012

2. Platz | Wettbewerb: Doppelvierer | Ort: London

Weltmeisterschaft 2011

7. Platz | Wettbewerb: Doppelzweier | Ort: Bled

Weltmeisterschaft 2010

3. Platz | Wettbewerb: Doppelvierer | Ort: Lake Karapiro

Europameisterschaft 2010

2. Platz | Wettbewerb: Doppelvierer | Ort: Montemor-o-Velho

Europameisterschaft 2009

7. Platz | Wettbewerb: Doppelzweier | Ort: Brest


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