Titelthema Marketing Mai 2014

Rote Linie

Im Frühsommer steigt RB Leipzig in die zweite Bundesliga auf. Rechtlich ist die Filiale des Brauseherstellers Red Bull nicht mehr zu stoppen. Für die Fußballkultur ist der Klub jedoch eine schallende Ohrfeige.

Wer in Leipzig den vollen Namen des größten örtlichen Fußballvereins sucht, muss lange suchen. Im Stadion ist er nicht zu finden, selbst im Impressum der Webseite wird er abgekürzt, nur wer tatsächlich in der Geschäftsstelle am Neumarkt vorbeischaut, findet ihn auf einer Wegetafel. Dritter Stock: Rasenballsport Leipzig e.V. Dass der Verein seinen Geburtsnamen gerne unter den Tisch fallen lässt, hat nachvollziehbare Gründe. Schließlich dient das Wortungetüm stets nur dazu, das Kürzel »RB« herzustellen. RB für Red Bull, den Finanzier des 100-Millionen-Euro-Projekts in der größten Stadt Sachsens. 2009 tritt der Getränkehersteller aus dem österreichischen Fuschl am See in Leipzig ein und entwarf am Reißbrett einen Klub der neuen Generation. Spitzenfußball und familienfreundliches Entertainment nach amerikanischem Vorbild, alles immer im Dienste der Marke Red Bull. Im sechsten Jahr seines Bestehens gerät nun das unscheinbare Kürzel »e.V.« für »eingetragener Verein« ins Zentrum einer Debatte um den Klub und seine Zukunft im deutschen Profifußball. Weil sich RB, obwohl vollständig von einem Konzern gesteuert, mühsam ins Korsett des deutschen Vereinsrecht gezwängt hat, um so geschickt die 50 + 1-Regel zu umkurven, wird derzeit über marginal anmutende Passagen der Klubstatuten gestritten. Formell könnten ein derzeit noch viel zu hoher Mitgliedsbeitrag und die ebenfalls unüblichen Hürden für einen Vereinsbeitritt zur Lizenzverweigerung für RB Leipzig führen. Hinter dem juristischen Hickhack verbergen sich zwei grundsätzlichere Fragen. Die erste betrifft das Verhältnis des sächsischen Kunstvereins zu seinen Mitbewerbern in den Bundesligen. Verstößt das Red-Bull-Modell in neuer Qualität gegen Schrift und Geist der 50 + 1-Regel oder ist RB Leipzig nur die konsequente Weiterentwicklung konzerngelenkter Klubs, wie sie in Wolfsburg und Leverkusen ohnehin schon existieren? Die zweite Frage ist noch fundamentaler: Was bedeutet es für die Kultur des Fußballs, wenn sich Klubs im Profifußball tummeln, deren zentrales Anliegen die Profitmaximierung ist? Ist inzwischen ohnehin alles egal, weil der Profifußball bereits heute vom Kommerz bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden ist? Oder gibt es einen kulturellen Konsens jenseits der Geldmacherei, für den es sich zu kämpfen lohnt?

Ob es dieses richtige Fanleben im falschen gibt, wird sich jederAnhänger schon einmal gefragt haben, dessen Herz an einem Verein hängt, der telefonbuchdicke Fankataloge veröffentlicht oder seine Trikotbrust an einen skrupellosen Hähnchenschlachter verhökert. Dass diese Frage nun am Beispiel von RB Leipzig diskutiert wird, hat mit dem nachweisbaren Erfolg des Projekts zu tun. Mittlerweile ist der Klub aus der Oberliga zweimal aufgestiegen und klopft als Tabellenzweiter der Dritten Liga an die Tür zur zweiten Bundesliga. Was der Debatte über RB und seine Rolle im deutschen Fußball eine plötzliche, gleichwohl durchaus vorhersehbare Dynamik gegeben hat. Den Startschuss gab DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig im Februar auf dem Berliner Fankongress, als er Schwierigkeiten bei der Lizenzvergabe andeutete und dabei insbesondere auf die Vereinsstrukturen bei RB Leipzig abhob. Ein nachvollziehbarer Hinweis, denn die Lizenzierungsordnung der DFL verpflichtet in Paragraf 4 die Klubs ausdrücklich, die Rechte der Mitglieder bei der Berufung des Vereinsvorstandes sicherzustellen. Schon ein flüchtiger Blick auf die Satzung von RB macht jedoch klar, dass in Leipzig nichts weniger gewünscht ist als ein aktives Vereinsleben. Der Rasenballsport e.V. ist eine einzige Farce. Der Ehrenrat: ein Trio aus alteingesessenen Red-Bull-Prokuristen aus Fuschl. Der Vorstand: ebenfalls ein Trio aus langjährigen Gefolgsleuten des Firmengründers Mateschitz. Der Verein: hatte früher sieben und inzwischen elf stimmberechtigte Mitglieder, alle sind mit Red Bull verbandelt. Der Mitgliedsbeitrag: 800 Euro pro Jahr plus 100 Euro Aufnahmegebühr. Kaum verwunderlich, dass es seit der Gründung 2009 keinen einzigen Beitrittsantrag gab. So offensichtlich hier österreichische Kulissenschieber am Werk waren, so unproblematisch gestalteten sich in der Vergangenheit die Lizenzvergaben des Deutschen Fußball-Bundes und des sächsischen Landesverbandes.

Das mochte daran liegen, dass der DFB dem Klub in den letzten Jahren stets wohlgesonnen war. Das muss bei den vielfältigen Verbindungen zwischen RB Leipzig und Verband nicht verwundern. DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock war zuvor Geschäftsführer bei Red Bull Salzburg. Ulrich Wolter wiederum, der aktuelle Geschäftsführer des Klubs, kam von der Otto-Fleck-Schneise nach Leipzig. Als er bei seinem Amtsantritt gefragt wurde, ob der Verein mit ihm auch ein Netzwerk hin zum Verband eingekauft habe, antwortete Wolter: »Gute Verbindungen sind nie abträglich.« Wobei zunächst nicht einmal gute Beziehungen notwendig waren, so willfährig erwies sich 2009 der Sächsische Fußballverband gegenüber RB Leipzig. Es bleibt bis heute ein veritabler Skandal, dass der Klub damals nicht gezwungen wurde, das Wappen den Regularien des Verbandes anzupassen, in denen es unmissverständlich heißt: »Die Neugebung (…) von Vereinszeichen zum Zwecke der Werbung sind unzulässig.« Das Emblem des Klubs enthält das zentrale Erkennungsmerkmal des Konzern aus Fuschl, zwei brünftige Stiere. Das konnte nur der nicht erkennen, der gerade einen tiefen Diener vor den neuen Investoren machte. Heute ist das Wappen überhaupt kein Thema mehr, nicht bei der DFL und nicht beim Fußball-Bund.

In die Karten spielte RB Leipzig zudem die Laxheit im Umgang mit vergleichbaren Klubs. Denn das Thema der Klubstrukturen steht natürlich nicht zum ersten Mal auf der Agenda. Schon die TSG Hoffenheim hatte zunächst Statuten für den Verein und die ausgelagerte Spielbetriebs-GmbH vorgelegt, die nur den Buchstaben nach die Anforderungen erfüllten, in der Praxis aber den Einfluss des Geldgebers Dietmar Hopp zementierten. Letztlich wurden sie aber durchgewinkt. »Folgt man dem juristischen Grundsatz der Gleichbehandlung, darf die Messlatte für RB Leipzig nun nicht willkürlich höher gehängt werden als bei anderen Klubs«, sagt Dr. Rainer Koch, für Recht und Satzung zuständiger Vizepräsident des DFB. Der Verband hatte dem Klub nach intensiven Gesprächen signalisiert, durch Satzungsänderungen etwaige Bedenken gegen eine Lizenzerteilung ausräumen zu können. Bis die DFL klarstellte, dass sie sich im Falle eines Aufstiegs eine eigene strenge Prüfung der Vereinsstrukturen vorbehalte. Es offenbarte sich hier erstmals eine Kluft zwischen DFB und DFL, die zuvor, Rainer Koch zufolge, die Gespräche mit Leipzig im Einvernehmen geführt hatten. Die Äußerungen Rettigs auf dem Fankongress machten nun unmissverständlich klar, dass beim Ligaverband die Frage des Einflusses der Mitglieder deutlich schwerer gewichtet wird als beim DFB. »Wir nehmen die 50 + 1-Regel sehr ernst«, sagt Rettig. »Und wenn ein Klub als Verein und nicht als Kapitalgesellschaft auftritt, muss er seinen Mitgliedern die Möglichkeit der Mitbestimmung geben. Das ist der Geist der 50 + 1-Regel und ein hohes Gut!« Rettigs Ankündigung muss bei RB Leipzig eine gewisse Betriebsamkeit ausgelöst haben. Jedenfalls wurde alsbald nach Frankfurt gekabelt, man habe auf einer Mitgliederversammlung Ende Januar bereits die vom DFB geforderten Satzungsänderungen auf den Weg gebracht. Eine Senkung des horrenden Jahresbeitrags war jedoch dem Vernehmen nach nicht darunter. Das Hin und Her zwischen der DFL und dem Leipziger Klub gleicht derzeit einem Pokerspiel, das beide Seiten mit hohem Einsatz spielen. Klar ist, dass weder Ligaverband noch RB ein gesteigertes Interesse an einer gerichtlichen Auseinandersetzung haben. Auf die würde jedoch eine Lizenzverweigerung für den Klub unweigerlich hinauslaufen. Und vor Gericht würde die DFL haushoch verlieren, das weiß man auch in Frankfurt. Zugleich ist aber auch kaum vorstellbar, dass RB Leipzig sich seine horrenden Mitgliedsbeiträge gerichtlich bestätigen lassen möchte und dafür die DFL vor den Kadi zerrt. Denn es war stets strikte Politik von Red Bull, allein sportliche Schlagzeilen produzieren zu wollen. Ein schlagzeilenträchtiger Rechtsstreit widerspräche dieser Strategie. Ein klassisches Patt also, das beide Seiten zur Bewegung zwingt. Am Ende wird, soviel ist heute schon klar, RB Leipzig an seinen Statuten so weit herumschrauben, dass am Ende die Lizenzerteilung für die zweite Bundesliga steht.

Ein dramatischer Effekt wäre dem Showdown vor Gericht allerdings sicher. Erstens würde noch einmal gerichtsfest dokumentiert, wie unverfroren die Leipziger derzeit das Vereinsrecht dehnen und spreizen. Zweitens würde klar werden, dass die 50 + 1-Regel in ihrer derzeitigen Verfassung ein Höchstmaß an Rechtsunsicherheit birgt und allenfalls noch den Charakter eines Agreements unter Gentlemen trägt. Nur zur Erinnerung: Vor zwei Jahren hatte sich die Liga mit dem langjährigen Präsidenten von Hannover 96, Martin Kind, auf eine Aufweichung der Investorenbremse geeinigt, langjährige Partner dürfen demnächst die Mehrheit an deutschen Profiklubs übernehmen, so sie seit mindestens zwanzig Jahren als Sponsor den Verein unterstützen. Im Falle von Hannover 96 könnte Martin Kind, der seit 1997 als Sponsor aktiv ist, in drei Jahren problemlos die Mehrheit an der Lizenzspieler-KG erwerben. Die im Herbst 2011 formulierte Regelung ist jedoch derart schwammig und ungenau gefasst, dass sich inzwischen eine Arbeitsgruppe gebildet hat, die bis Ende des Jahres belastbare Paragrafen formulieren wird. Wie hoch das Thema im Ligaverband aufgehängt ist, zeigt die prominente Besetzung des Gremiums. Neben den DFLGeschäftsführern Rettig und Christian Seifert sind Karl Hopfner vom FC Bayern, Fürth-Präsident Helmut Hack und Stephan Schippers von Borussia Mönchengladbach dabei. Klar ist aber auch: Die schleichende Übernahme der Klubs durch Investoren und Konzerne werden auch die neuen Regelungen nicht aufhalten.

Derweil tragen die Bemühungen der Verantwortlichen bei RB Leipzig, die Öffentlichkeit vergessen zu lassen, welch knallharte Kalkulation hinter dem Projekt steht, erstaunliche Früchte. Der Unterstützung durch die Lokalpolitik und die ortsansässigen Medien konnte sich der Konzern ohnehin von Anfang an sicher sein. Manch ein Bericht der »Leipziger Volkszeitung« oder des MDR wäre dem RB-Pressesprecher nicht schmeichelnder aus der Feder geflossen. Kein Wunder also, dass Dietrich Mateschitz der »LVZ« auch prompt eines seiner seltenen Interviews gab, bei dem Redakteur Guido Schäfer feststellen durfte, dass die Fans den Klub immer besser annähmen, um dann buckelnd zu fragen: »Ist diese Resonanz eine Abstimmung mit den Füßen, die den Kritikern des Bundesliga-Projekts den Wind aus den Segeln nimmt?« Gerne stimmte Mateschitz dieser Einschätzung zu. Daneben tummeln sich in den Reihen der Fußballprominenz zahlreiche Befürworter des Projekts. Franz Beckenbauer etwa, ein alter Duzkumpel von Mateschitz, rühmt sich gerne, den Standort Leipzig erst ins Gespräch gebracht zu haben. Nicht minder wortgewaltig, gleichwohl mit dünnen Argumenten trommelt seit Jahren Dampfplauderer Reiner Calmund für die Red-Bull-Filiale in Leipzig.

Wer sich in Talkshows und Interviews für das Projekt in die Bresche wirft, bemüht in der Regel drei wiederkehrende Argumente. Gerühmt wird gerne die segensreiche Wirkung des RB-Projekts für den Fußballstandort Leipzig, der Spitzenfußball doch so sehr verdient habe. Und wer sich einmal von Geschäftsführer Wolter das bis 2015 entstehende Leistungszentrum erklären lässt, dessen Skizzen in der Geschäftsstelle an der Wand hängen, kann in dem 30 Millionen Euro teuren Neubau ein überzeugendes Bekenntnis zum Standort Leipzig sehen. Auch ist es das gute Recht ortsansässiger Oberbürgermeister und Landräte im Leipziger Speckgürtel, diese Investitionen zu bejubeln. Aus dem Munde von Fußballfunktionären klingen die Lobeshymnen jedoch merkwürdig, suggerieren sie doch, es gäbe ein natürliches Recht ausgewählter Städte auf Profifußball und die Bundesliga sei letztlich ein verkapptes Konjunkturprogramm für strukturschwache Regionen. Ist dem so, erfahren demnächst sicher auch die Großstadt Essen, immerhin seit der Saison 1976/77 ohne Erstligisten und das bedauernswerte Bundesland Schleswig-Holstein, seit 1963 ohne Spitzenfußball, Aufmunterung und Unterstützung durch die Funktionäre.

Die zweite Argumentationslinie hält RB Leipzig nur für eine Spielart ohnehin vorherrschender kommerzieller Strukturen im Profifußball. Was ist in Leipzig anders als in Wolfsburg und Leverkusen, wo keine Entscheidung gegen die Konzerne Volkswagen und Bayer getroffen wird, und in Hoffenheim, wo der ganze Klub vor Geldgeber Dietmar Hopp die Hacken knallen lässt? Und gibt es nicht in jedem Profiklub Funktionäre, die Fans routiniert als Kunden ansprechen und denen gesteigerte Umsätze im Fanshop mehr Wohlbehagen verursachen als ein glücklicher Sieg am letzten Samstag? Ja, lautet die Antwort, all das gibt es, und es macht den Anhängern das Leben oft schwer. Aber wer die Zustände in Leipzig kritisiert, muss die Verhältnisse in Wolfsburg und Leverkusen nicht befürworten. Und er kann sehr wohl unterscheiden zwischen Klubs, in denen die Identität durch allzu viel Geschäftemacherei beschädigt wird und Klubs, deren Identität die Geschäftemacherei ist.

Das dritte Argument war ursprünglich einmal eines der Gegner und kreist um das Schlagwort »Tradition«. Kaum ein ursprünglich mal positiv besetzter Begriff wird heute in der Debatte so abwertend benutzt wie dieser. Er steht in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen für gewalttätige Ultras, halbseidene Funktionäre und querulatorische Ex-Spieler. Er steht nicht mehr für das, was ein Klub den Menschen bedeutet und was ihn im Innersten zusammenhält, übrigens ganz unabhängig davon, ob er nun 1905 oder 1949 gegründet wurde. Und nur deshalb darf Dietrich Mateschitz sein lächerliches Werbesprüchlein »Unsere Tradition ist die Zukunft« aufsagen, eine Floskel, die vor ihm bezeichnenderweise schon Dietmar Hopp für sein aseptisches Hoffenheimer Projekt bemüht hat. Letztlich verdichtet sich die Suche nach einer Position im Fall von Red Bull in der Frage, wie eine lebendige Fußballkultur aussieht und wie sich RB Leipzig dazu verhält.

Über die Fußball- und Fankultur ist in den vergangenen Jahren häufig gestritten worden. Wenn es dabei einen Konsens gab, dann den, dass diese Kultur nur aus Leidenschaft, aus tiefer Passion für den Fußball entstehen kann. Diese Leidenschaft lässt 12 000 Frankfurter unter der Woche nach Bordeaux reisen und ebenso viele Gladbacher nach Rom. Sie lässt Fans schon Stunden vor dem Spiel vor den Stadiontoren ungeduldig auf Einlass warten. Und sie lässt Kiebitze bei Wind und Wetter zum Trainingsplatz pilgern, um dem Ersatzkeeper bei Dehnübungen zuzuschauen. Fans tun all das, weil sie sich sicher sind, dass ihr Verein diese Anstrengungen wert ist. Weil sie das Gefühl haben, gebraucht zu werden. Weil sie glauben, dass es solch einen großartigen Klub wie den eigenen kein zweites Mal gibt, selbst wenn es sich nur um Arminia Bielefeld oder den VfL Bochum handelt. Und weil sie wissen, dass alle Akteure im Klub etwas Grundlegendes zusammenhält. RB Leipzig hat von Beginn an mit all dem nichts am Hut gehabt. Kalkül ersetzt hier konsequent Passion. Emotionen stehen hier im Dienste der Marke, was nicht ausschließt, dass die RB-Angestellten ihrem Tagewerk mit Leidenschaft nachgehen. Sportdirektor Ralf Rangnick kann überzeugend von den Perspektiven des Leipziger Standorts schwärmen. Chefcoach Alexander Zorniger ist eines der großen Trainertalente hierzulande. Sie fühlen sich nur offenbar nicht dem verpflichtet, was den Fußball so besonders macht, seiner Kultur. Von den herrschenden Verhältnissen bekommt jeder einen Eindruck, der ein Drittligaspiel in der Leipziger Arena besucht. Beim am Ende mit 0:1 verlorenen Kick gegen den Tabellenletzten Wacker Burghausen bevölkern etwas mehr als 7000 Menschen das ehemalige Zentralstadion, was für die Liga und den Gegner eine ordentliche Zahl ist, was gleichwohl angesichts leer gebliebener 35 000 Plätze auch nicht gerade den Eindruck überschwappender Euphorie vermittelt. Im Fanblock fehlt es nicht an Zaunfahnen, Schwenkfahnen, Schals und Gesängen.

Draußen fordert gar ein Schild Spenden für die nächste Choreografie ein. Es ist alles fast so wie überall sonst. Aber eben nur fast. Denn letztlich ist das, was sich da alle zwei Wochen in Leipzig abspielt, nur eine leidlich ausgefeilte Simulation von Fankultur. Echte Fankultur ist eine Kultur, die von Teilhabe und Kreativität lebt, von Witz und Spontaneität, und bisweilen auch davon, dass Grenzen ausgetestet werden. Womit ziemlich genau umrissen wäre, was der Klub nicht will. Aktive Fans, Ultrakultur, Mitbestimmung der Fans – all das kann gerne in Halle, Jena, Berlin stattfinden, nicht aber in Leipzig. Der Klub steht stattdessen für fusselfreies, cleanes Entertainment für die ganze Familie, planbar und überraschungsarm wie ein Musicalbesuch.

Wer die Atmosphäre in der Arena elektrisierend findet, hält sicher auch beim siebten Besuch von Starlight Express die Spannung kaum aus. Nun argumentieren RB-Gefolgsleute, es könne sich doch auch in Leipzig eine Fankultur entwickeln. Kann sie das wirklich? Gibt es eine authentische Fankultur, deren Referenz ein Klub ist, der seine Existenz ausschließlich der unternehmerischen Entscheidung eines österreichischen Getränkemoguls verdankt? Ein Klub, der sich schon deshalb nicht für einzigartig halten kann, weil es ihn in New York und Salzburg noch ein zweites und ein drittes Mal gibt, wobei der Salzburger Klon bei seiner Gründung obendrein den Traditionsverein Austria Salzburg plattgemacht hat? Ein Klub, dessen Name »Rasenballsport« nicht von ungefähr an die kruden Konstruktionen erinnert, mit denen Quizsender früher den Zuschauern das Geld aus der Tasche zogen? Ein Klub, dessen eigentlicher Vereinszweck ist, Emotionen konsequent zu kapitalisieren?

Wer all das ignorieren will, kann das tun. Er kann den Gedanken verscheuchen, wie es eigentlich wäre, wenn die ganze Liga nur noch aus Klubs wie RB Lepizig bestehen würde. Er kann behaupten, dass er wegen des schönen Fußballs zu RB Leipzig geht, wobei dessen Spielkultur derzeit gerade ausreicht, um mäßig ambitionierte Drittligisten in Schach zu halten. Er kann auf Lok Leipzig und die BSG Chemie schimpfen, die ja ihre Chance gehabt hätten. Er kann sich einreden, dass RB Leipzig ein Klub wie jeder andere ist. Er kann versuchen, das Vereinsleben aktiv mitzugestalten. Als Erstes kann er ja mal versuchen, Mitglied zu werden.

DER TEXT STAMMT AUS 11FREUNDE – MAGAZIN FÜR FUßBALLKULTUR. CHEFREDAKTEUR PHILIPP KÖSTER BESCHÄFTIGTE SICH MIT RB LEIPZIG, EINEM VEREIN, DER AM REIssBRETT ENTWORFEN WURDE UND SCHWAMMIGKEITEN IM VEREINSRECHT ZU NUTZEN WUSSTE, UM DIE 50+1 REGEL IM DEUTSCHEN FUßBALL ZU UMSCHIFFEN. MITGLIED ZU WERDEN BEI RB LEIPZIG IST GAR NICHT EINFACH UND AUCH NICHT GEWÜNSCHT.

 

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