Titelthema Naherholung und Tourismus August 2014

Ferien nach anthroposophischen Prinzipien

Auf dem Ökoferienhof von Albert Retzbach dürfen Feriengäste auf Tuchfühlung mit den hofeigenen Tieren gehen. Und nach der anstrengenden, freiwilligen Hofarbeit kann man sich unter Obstbäumen wunderbar erholen. Wir waren vor Ort und haben ein Wochenende mit dem Wohnmobil in der hohenlohischen Idylle verbracht.

Zu behaupten, dass Albert Retzbach ein gemütliches Dasein als Ökoferienhofbetreiber führt, wäre schlicht falsch. Kaum hat er mit seinem Sohn Alexander das morgendliche Melken der 60 Kühe hinter sich gebracht, steht auch schon das Mähen und Einholen des Futters für seine Demeterkühe an. »Fahren Sie mit«, nötigt er den Autor, »dann erzähle ich ihnen etwas über das Hofleben«. In Blaufelden-Naicha im Hohenlohischen unweit von Crailsheim betreibt er mit seiner Familie seit bald 40 Jahren seinen Ökobauernhof. Seit Ende der Neunziger können sich in mehreren Ferienwohnungen, dem Heuhotel oder auf dem hofeigenen zwischen Obstbäumen gelegenen Campingplatz bis zu 120 Feriengäste erholen. »Unsere Philosophie ist es, das Bewusstsein unserer Gäste für ökologische Landwirtschaft und gemäßigten Konsum zu sensibilisieren«, erzählt der Landwirt. Er ist überzeugt davon, dass das aktuelle auf Konsum ausgerichtete System keine zwei Generationen mehr bestand haben wird. »Es wird zusammenbrechen«, ist er überzeugt, während er zentimetergenau seinen Trecker über seine Felder entlang der Durchfahrtsstraße manövriert, um ja keinen Grashalm zu verpassen. Der 64-jährige Landwirt, der seit nun 50 Jahren den Knochenjob macht, bewegt sich aufgrund kaputter Knie nur langsam und schwer über seinen Hof. Aber die Arbeit muss tagtäglich gemacht werden. Kaputte Gelenke und geschwollene Pranken hin oder her. Seine Familie ist natürlich tatkräftig mit dabei, um die anfallenden Arbeiten zu übernehmen. Auch Feriengäste legen gelegentlich Hand an und immer wieder hat Retzbach auch Praktikanten auf dem Hof. Ein mühsamer Job ist es dennoch. Nicht nur muss ausgesät und geerntet werden. Auch die vielen Tiere, neben Kühen bewohnen auch Pferde, Schafe und Ziegen, Fasane, Hühner, Katzen und Laufenten den Hof, müssen gefüttert und gepflegt werden. Dazu kommt die Gästebetreuung und die Instand- und Sauberhaltung der Ferienwohnungen. Immerhin wird sein Sohn den Hof übernehmen und die Familientradition fortführen. Die Nachfolge ist also geregelt. Dass der Demeterhof sich um die Sparte »Landferien« erweitert hat, war einer Not geschuldet. Ende der Neunziger wurde der sich in Familienbesitz befindliche angrenzende Wald von Stürmen heimgesucht. Auf einmal hatte Familie Retzbach Unmengen von Holz, die niemand kaufen wollte. Verarbeitet werden sollte der natürliche Rohstoff dennoch. Also baute Albert Retzbach in Eigenregie ein großes, hölzernes Ferienhaus mit mehreren Ferienwohnungen. Die Leute in Blaufelden hielten Retzbach für verrückt. »Die waren der Meinung, dass niemand im Hohenlohischen seine Ferien verbringen würde.«

Doch Retzbach behielt recht. Mit der Auslastung ist er zufrieden. »Ich möchte durch die Ferienwohnungen nicht reich werden. Aber zum Leben muss es langen und das tut es.« Alleine mit dem Bauernhof, auf dem die Retzbachs auch Demeter-Hofeis produzieren, wäre es schwer, zu überleben. Retzbachs Drang, seinen Gästen seine Philosophie der nachhaltigen Landwirtschaft und des gemäßigten Konsums näher zu bringen, lässt sich auf dem idyllischen Ökoferienhof wunderbar umsetzen. Schon morgens dürfen sich kleine und große Gäste beim Füttern der Hühner, Enten, Gänse und des anderen Federviehs beteiligen. Danach sind die Ziegen, Schafe und Pferde dran. Für Kinder ist dies ohnehin ein aufregendes Erlebnis. Aber auch erwachsene Städter sind fasziniert davon, die Hoftiere und das arbeitsame Leben auf einem Bauernhof hautnah zu erleben. Wer kennt schon das Kaugeräusch einer Kuh oder das euphorische Muhen, wenn die Rinderherde auf die Weide geführt wird? Ganz automatisch freuen sich Retzbachs Gäste mit den Kühen. Und wer einmal geholfen hat, die Kühe zu melken, wird zumindest für eine gewisse Zeit etwas bewusster seine tägliche Portion Milch trinken. Retzbachs Demeterkühe geben circa sieben Liter Milch pro Tag. Dies entspricht der natürlichen Milchleistung einer Kuh. Heute gibt es in der industriellen Landwirtschaft aber Hochleistungskühe, die täglich 50 Liter Milch geben. Gegen diesen Wahn kämpft Albert Retzbach seit Jahrzehnten an. So lautet auch seine sich oft wiederholende Botschaft. Gäste, die mit der landwirtschaftlichen Arbeit während ihres Aufenthaltes nichts zu tun haben wollen, können aber auch einfach nur die wunderbare Natur und Ruhe auf und um den Hof herum genießen. Ob beim Grillen, bei ausgedehnten Spaziergängen und Radtouren oder einfach nur beim Seele baumeln lassen und Demetereis essend im Liegestuhl mit Blick auf Weizenfelder, Apfelbäume und friedlich weidenden Kühen. Retzbachs Ökoferienhof ist ein hohenlohisches Kleinod mit Fernsicht und wenig Verkehr. Der Campingplatz schaffte es sogar in den Kultreiseführer »Cool Camping Deutschland«. »30 % meiner Campinggäste kommen, weil sie auf uns in diesem Campingführer aufmerksam wurden«, freut sich der überzeugte Demeterbauer. Für Camper ist der Platz zwischen Obstbäumen aber auch ein Traum. Nicht parzelliert mit genug Raum für die nötige Intimsphäre geht Zelten oder Campen im Wohnmobil kaum schöner und idyllischer. Und auch für Kinder gibt es neben erleb- und anfassbaren Tieren genug Raum zum Spielen und Toben. Sei es auf dem Spielplatz mit zig Schaukeln, Wippen und einem Trampolin oder im Heuhotel, wo man sich in frisches Heu legen kann. Ab und an kommt Bauer Retzbach vorbei, um einen kleinen Plausch mit seinen Feriengästen zu halten. Dann erzählt er von seinen maladen Gelenken, dem sinkenden Milchpreis oder von der dörflichen Skepsis, die ihm und seiner Familie entgegen schlug, als er sich 1976 entschied nach anthroposophischen Prinzipien biologisch-dynamisch Produkte anzubauen und zu verkaufen. Viel Zeit hat er allerdings nicht, um sich zu unterhalten. Schließlich muss die bäuerliche Arbeit getan werden. Dann schleppt er sich wieder zu seinem Trecker, um die nächste Fuhre Futter einzuholen.

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