Vaterkolumne HANIX No.33, Nov. 2014

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Kurzzeitgedächtnis

Ein Vater muss immer auf der Hut sein – neue Eindrücke stürmen tagtäglich auf ihn ein. Manche verfolgen ihn sogar bis in einsame Nächte am Computer. Gar nicht wenige kommen sogar daher.

Nicolais Vaterkolumne

Ein Kind denkt vielleicht, ein Mann ist einer, der immer mal wieder eine ziemlich wichtige Aufgabe bewältigt und sich nicht vor dem Fernseher (oder heute eben: dem Computer) rumdrückt. Ein Vater (meiner drückte sich oft vor dem Fernseher rum, ich schätze, weil es noch keine Computer gab) ist aber nach meiner Erfahrung sozusagen ein Mann 2.0. Denn es ist immer was. Nix ist nie. Und wenn man nur nachdenkt. Über das, was heute war.

So auch jetzt – die aktuelle Herausforderung ist: nachdem das herrliche Wesen, mit dem mein Leben untrennbar verbunden ist, endlich für heute schläft und im Traum leicht zuckt, als jagte er Häschen auf dem Felde (unser Sohn schläft übrigens auch schon), kann ich mich an die neue Vaterkolumne setzen. Kann doch nicht so schwer sein. Irgendwas ist schließlich immer. Stimmt, da war was. Aber kann man das aufschreiben?

Klären wir mal zu Beginn, warum das Kind so selig schläft. Wir waren heute im Schwimmbad, und weil wir vorher nicht zu Abend gegessen haben (erstens war’s noch zu früh, zweitens soll man das ja angeblich vor dem Schwimmen nicht … gilt das eigentlich mit Schwimmflügeln auch?), konnte ich ein schnelles Einschlafen nach dem Badbesuch verhindern, indem ich leckere Brote in Aussicht stellte. Mit der Stulle in der Hand war dann aber fix Schluss mit dem Tag. »Das schmeckt sehr gut« war schon kaum mehr zu verstehen, da er mit vollem Mund gesprochen hat, um Zeit zu sparen, außerdem war das letzte Wort von dem Sound überlagert, den ein Kindskopf macht, wenn er sanft den eigenen Unterarm hinuntergleitet und auf der Tischplatte andockt. My work is done, dachte ich und zog ihn bettfertig an. Die Liebste folgte bereitwillig aufs weiche Lager. Aber Papa muss noch arbeiten. Ja, bist du denn nicht auch erledigt nach einem Schwimmbadnachmittag? Doch, bin ich. Nur schlafen ist jetzt noch nicht drin. Dazu bin ich von den Erlebnissen im Schwimmbad noch zu aufgewühlt. Und die Kolumne muss raus. Und zum Schwindeln bin ich zu schlapp. Also los, solange ich mich noch an Details erinnere. Details sind schwer zu erfinden. Die Liebste lächelt: »Vergiss die Details. Behalt das große Ganze im Auge.« Recht hat sie. Sie übersieht aber leider, dass es viele große Ganze gibt, die alle parallel ablaufen. Stimmt vielleicht gar nicht, das. Bin ich eben zu blöd. Oder zu schlau. Wenn letzteres stimmte, wüsste ich das aber wahrscheinlich.

Während ich in unsere Schwimmbadtasche die Sachen sortierte, die man dabeihaben muss (Schwimmflügel, Handtuch, Wasserflasche – dass auch das Wasser im Schwimmbad vom Aggregatzustand her trinkbar ist, weiß er schon, soll er aber nicht), murmelte ich, den Abgabetermin meiner diesmonatlichen Vaterkolumne unaufhörlich wiederholt pochend im Schuldgedächtnis, halblaut vor mich hin: »Nicht über das Schwimmbad schreiben, nicht über das Schwimmbad schreiben« … aber warum eigentlich nicht? Darum, verdammt: unser Sohn ist ein bedächtiger, beobachtender, gelassen agierender, aber scharf beobachtender kleiner Kerl und setzt sich angenehm von den rabaukigen Kindern ab, an die ich mich aus lebenslangen Schwimmbadbesuchen erinnere. Es ist also zu vermuten, dass ich derart gefärbte Eindrücke sammle und meine Kolumne ein einziges Schmähen von Kindern wird, die alle nicht so dolle sind wie natürlich meiner. Das mache ich nicht. Alle Kinder sind spitze. Aber nach einem Schwimmbadtag wird mir wenig mehr einfallen, dachte ich, da schreib ich sicher nur so einen Quatsch wie ‚Alle Kinder sind spitze‘ oder so. Hm. Und das haben wir alle nicht verdient. Jetzt kann ich’s ja zugeben. Es war nämlich ganz anders. Sag ich mal so. Und verdient hab ich’s auch.

Menschen interessieren sich füreinander. Warum sonst lesen Sie diese Kolumne? Stellen sie sich vor, wir wären Kinder in einem angenehm warmen Schwimmbecken. Nach einiger Zeit nähern wir uns an, kommen rüber, gucken, spritzen mit Wasser, grinsen, probieren uns aus, suchen zeitgleich der Lösung der Fragen näherzukommen, wer wir selber sind und wer der andere. Nach ein paar Glotzereien und Anspritzungen hatte mein Sohn allerdings genug, und ich hörte auf, es zu ignorieren: da stand ein etwa vierjähriger Knabe an der mit lauwarmem Wasser gespeisten stationären, MG-artigen Großwasserpistole und hielt sein fingerdickes Gepladder direkt auf uns. Und seine wohlweisliche Mutter stand daneben, sah aber nach draußen auf den dampfenden Außenbereich. Anders als in sonstigen Privatbegegnungen zwischen Frau und Mann hat man hier weniger Hemmungen, einander anzusprechen, wenn man sich nicht kennt: deswegen rät man ja auch Singles, sich entweder Hunde anzuschaffen oder Kinder auszuführen: mit Schutzbefohlenen an der Seite hat man immer ein Gesprächsalibi, und wenn das Gespräch nur aus »Kann dein mieses Mistbalg mal die Wasserwumme von meinem Wunderkinde weghalten, Mädchen?« besteht.

Nur hier war es anders, wie gesagt. Ich kannte die Frau nämlich. Und war dementsprechend gehemmt. Sogar doppelt, denn mir fiel erst nicht gleich ein, woher. Dann aber doch, während mein Sohn ein ebenso wie die Wasserkanone festinstalliertes Reittier entdeckte, auf dem zu sitzen augenblicklich zu seinem Lebensinhalt wurde. Der Vierjährige ließ ab von uns. War wohl langweilig geworden, uns zu belästigen. Die Frau allerdings, die konnte ich nicht aufhören, anzustarren. Normalerweise hat man ja Schwierigkeiten, Menschen, die einem aus anderen zivilen Begegnungen bekannt sind, im Badeanzug so schnell wiederzuerkennen. (Ach, das ist der Gregor? Stimmt ja – diese großbritannienförmige Brustbehaarung hat mich im ersten Moment abgelenkt. Grüß dich, Gregor – how do you do?) – diese Frau hatte ich sofort erkannt. Wieso bloß?

Wir waren die einzigen Elternteil-Kind-Kombis im Planschbereich, und ich hatte Zeit genug, mein Beäugen auszudehnen. Erstens, weil mein Kleiner ganz selig auf dem Reittier blieb, und weil sie weiter nach draußen sah. Ich konnte kaum ihr abgewandtes Gesicht sehen. Woran erkannte ich sie eigentlich? Die Erkenntnis traf mich wie ein unerwartetes Pop-up-Fenster. Und hier wird’s peinlich. Für wen, sollen die HANIX-Leser entscheiden.

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