600 Sekunden im Hanix-Magazin No.39

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Foto: Ulla Kühnle (www.freiraumphotos.de)

Mann in Grün

600 Sekunden lang dauert Nicolai Köppels ganz persönlicher, subjektiver Heilbronn-Eindruck an dieser Stelle. Diesmal: Von ganzkörpergrünen Hirnverzichtern in der Fuzo, die es so nur in Heilbronn gibt.

Nicolai Köppel

Ich weiß nicht mehr, was mich am Dienstagmorgen vor drei Wochen dazu brachte, um halb zehn Uhr morgens in der Fußgängerzone herumzulaufen. Hatte ich einen Termin und war zu früh? Und warum kann man in dieser neuen Kolumne keine Lacher einspielen? Nachbesserungsbedarf von bislang Nichtbewährtem entsteht oft schon beim ersten Gebrauch. Die Heilbronner Fußgängerzone gibt es aber doch schon seit vielen Jahren! Nur: herumgesprochen hatte sich das an diesem Dienstagmorgen noch nicht ausreichend – meine alte Angst, jemandem zu begegnen, dem ich nicht begegnen will, konnte sich prima ausbreiten: Die Fuzo war so übersichtlich leer, dass es unmöglich schien, auch nur einen einzigen Passanten zu ignorieren. Außer natürlich, man wäre abgelenkt – im Nachhinein weiß ich aber nicht mal mehr, was ich hier verloren hatte. Bin ich froh, dass ich jetzt hier am Schreibtisch sitzen kann!

Etwa in Höhe Hafenmarktpassage sah ich es. Ein Mann kam auf mich zu. Er war nicht zu übersehen, denn er war – grün. Nicht in Uniform, nicht Schnittlauch, nicht nur Hemd und Hose – dieser Mann war …  total grün. Leuchtend grün wie ein Irlandurlaub-Schnappschuss vor der automatischen Photoshop-Farbkorrektur, grün wie ein Chlorophyll-Neon-Smoothie. Ich kapierte: Dieser Vollkoffer trug einen nahtlos wirkenden Ganzkörperanzug ohne Sehschlitz. Das war eigentlich kein Mann (wennschon das Einzige, was man sauber erkennen konnte, war, dass es sich nicht um eine Frau handelte), es war ein vollverkleidetes humanoides Etwas, nur in seiner geschmeidigen Alienhaftigkeit bizarrer als ein Möbelhaussympathieträger-Walking-Act in Gestalt dessen, was sich irgendwelche Idioten eine Etage höher als zum Beispiel putzigen Bären vorstellten. Der hier war nichts, er war nur grün. Und er war nicht etwa artistisch oder gar anatomisch ansehnlich unterwegs. Er hatte krumme Beine und eine ganz leichte Wampe, die knapp über seinem deutlich sichtbaren Bauchnabel begann.

Im Näherkommen klärte sich auch die Natur seines Zickzackkurses, der eben genau jener erwähnten relativen Leere der morgendlichen Fußgängerzone geschuldet war: Dieser arme Irre drückte jedem, dessen er habhaft werden konnte, einen Flyer in die Hand, und davon hatte er einen gehörigen Stapel dabei, den er sich nicht scheute, Behelfs eines aus der Vogelperspektive geistesgestört wirkenden Laufpensums loszuwerden, indem er unablässig zum nächsten Passanten rannte, der ihm entgegenkam – was er aber mangels Masse nicht hinkriegte. Deswegen kam er auf mich zu, dieser in Vollgrün verpackte Hirnverzichter. Hatte man ihm erzählt, es sei cool, so was zu machen? Oder hatte er keine Freunde, die ihm rechtzeitig das Gegenteil erzählten?

Längst hatte ich mich an den Rand irgendeines Gebäudes gedrückt und wollte so durch offensive Untätigkeit dem Aktionismus seines Treibens immerhin so weit Einhalt gebieten, dass er einsehen konnte, dass ich nicht interessiert war. Erzwingen kann man so was nicht, aber mein psychoenergetischer Grundzustand war hoch – ich hatte ja sonst nichts zu tun und zweifle heute daran, dass ich zu diesem Zeitpunkt wirklich wusste, warum ich in der Fußgängerzone war.

Er kam auf mich zu. Er steuerte mich an, eilig und direkt, den Flyer (natürlich war der auch grün) in der schon schier ausgestreckten Hand. Jedoch einen knappen Meter vor mir hob er den Kopf, vermutlich trafen sich unsere Blicke … Da schüttelte er plötzlich den Kopf und drehte bei, schnurstracks auf eine alte Frau mit Gehhilfe zu, die sich wehrlos in der Mitte der Fußgängerzone fortbewegte. Weil die keine Hand freihatte, legte er ihr seinen Flyer in den Gehhilfenkorb und eilte weiter. Als die alte Frau an mir vorbeikam, sah sie mich an und sagte: »So was gibt es auch nur in Heilbronn!«

Infobox zu Nicolai:

Nicolai Köppel hat sich 2008 in Heilbronn verliebt. Mittlerweile haben sie geheiratet und wohnen hier. Er denkt sich diese Kolumne »600 Sekunden« nicht aus, sondern lässt sie jedes mal extra passieren. Mehr gibt’s hier: www.nicolaikoeppel.de

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