600 Sekunden im Hanix-Magazin No.40

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STAMMLOKAL

Diesmal über einen Abend voller 600-Sekunden-Begegnungen. Länger dürfen zwei frisch gezapfte Biere auch nicht dauern.

Von Nicolai Köppel, Foto: Ulla Kühnle

Montagabend. Eine Heilbronner Kneipe in der Nähe einer Brücke. Trotz herb-herbstlicher Außentemperaturen ist draußen noch »eingedeckt«, drinnen steht eine einsame rauch­freie Thekenkraft bei leiser Musik. Ich setze mich. Es wird schon noch jemand kommen. Was ist eigentlich die Mehrzahl von jemand? Ich werde von jemandem mit Bier eingedeckt, aber bevor das kommt, kommt schon ein anderer Jemand. Ich kenne ihn. Sonst wäre es ja auch nur irgendjemand. Das ist ein Un­terschied. Nach ein paar Bier wird auch der vergehen, und die anderen Unterschiede mit ihm. Die nächsten fünf, die sich im Abstand von fünf bis zehn Minuten für ein oder zwei Stunden an den Tisch setzen, kenne ich. Die nächsten zehn auch. Und die kennen sich. Von einem weiß ich den Namen nicht mehr, der kam wohl letztes Mal erst gegen später. Schließlich ist der Außenbereich voll. Drinnen steht die rauchfreie Thekenkraft alleine herum und zapft. Man redet. Selten zu dritt oder viert, das Vieraugengespräch dominiert als Kommunikationsform, sodass man bei Getränkenachbestellungen des Gegenübers immer mal kurz alleine ist. Es ist ein multiples Reise-nach-Je­rusalem-Spiel: Geht einer pinkeln, wechselt einer den Platz, muss einer nach Hause – schon hat man zack einen Neuen zum Sichvolllabernlassen. Oder zum Volllabern. Oder du schaltest dich in eins der Zweiergespräche ein und ermöglichst einem der beiden, sich kurz zu sammeln. Oder pinkeln zu gehen. Oder neues Bier zu bestellen. Oder sich zu überlegen, woher er dich kennt, weil du letztes Mal erst gegen später kamst.

Es sind auch Frauen dabei. Aber die Männer hier sind nicht auf Freiersfüßen. Hier kann jeder jedem auf dem Weg zum Klo oder zu einem neuen Platz durchs Haar wuscheln, ohne zudringlich zu wirken. Im Lauf des Abends fällt einem man­ches wieder ein, was bei einem der letzten Male erzählt wurde, und das unsichtbare Netz von Sozialfäden wird immer dichter. Wir auch. Hatte nicht Z erzählt, dass er früher mal dem Y die X ausgespannt hat, nachdem sie mit W wegen V Schluss gemacht hatte? W und Y sitzen da drüben mit E und L, die früher mal jeder für sich mit R und P zusammen waren – und dass A letz­ten Sommer bei D offiziell auf dem Sofa übernachtet hat, als J gerade mit C und F im Urlaub in LA waren, darf eigentlich nie­mand wissen. Aber jeder weiß es. Man redet nur nicht darüber. Falls es einer doch nicht mitbekommen hat. Es muss immer was für später übrigbleiben. Wo ist eigentlich B? Und wo sind G bis K? Die werden doch nicht etwa?

Es ist ein Dorf. Es ist sogar noch mehr als das, es ist die Sehnsucht nach einem Dorf. Man redet über Filme, Fußball, Fernsehen, Familie und Freunde von früher. Das beruhigt. Man tauscht Tipps und Bücher und schickt via Satellit Links an den, der neben einem sitzt, und findet immer jemanden, der genau das hat oder weiß, was einem fehlt oder was man gerade im Sinn hat. Und wenn mal nicht, hat man ein paar neue Sachen im Sinn, wenn man zum Nächsten geht. In einem Dorf sind es auch immer die gleichen, die abends in der einzigen Kneipe sit­zen, die Schlauen und die Deppen zusammen, die sich nach der Arbeit gegenseitig updaten. Aber das hier ist nicht die einzige Kneipe. Die Deppen müssen woanders sein. Das beruhigt noch mehr. Mit Bier hält die Beruhigung länger an. Vielleicht sogar bis morgen.

Tief in der Nacht spazieren einige nach Hause. Einer, der noch fahren könnte, aber um die Ecke wohnt, tauscht seinen Fahrradschlüssel gegen den Autoschlüssel von einem, der nicht um die Ecke wohnt und nicht mehr fahren kann. Morgen trifft man sich wieder hier. Das ist praktisch. Und schön. Man wird über andere Filme, tagesaktuellen Fußball, neues blödes Fern­sehen reden, über die jungen Leute, die immer älter werden. Und über Freunde, die früher auch hier waren. Manchmal kommt einer von denen vorbei. Das ist auch schön. Und prak­tischerweise ist immer ein Platz frei. Weil immer gerade jemand pinkeln ist. Wenn es nur irgendjemand war, noch besser.

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