Deutsches Zweirad- und NSU-Museum Neckarsulm HANIX-Magazin No.37

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»Wir haben 350 Männerträume im Haus«

Mit seit 2012 zwei komplett neu konzipierten Ausstellungsräumen will das Deutsche Zweirad- und NSU-Museum in Neckarsulm neue Besuchergruppen gewinnen. Wir sprachen mit Museumsleiterin Natalie Scheerle-Walz über den Erfolg des neuen Konzeptes, Männerträume und den gesteigerten Testosterongehalt der Museumsbesucher beim Verlassen der Ausstellungsräumlichkeiten.

Deutsches Zweirad- und NSU-Museum Neckarsulm

HANIX: Frau Scheerle-Walz, wir sind neidisch auf Ihren Dienstwagen, einen NSU Ro 80, die legendäre Limousine mit dem Wankel-Motor von 1967. Haben Sie auch ein historisches Dienst-Zweirad, mit dem Sie zur Arbeit fahren können?

Natalie Scheerle-Walz: Das Museum hat mehrere historische Zweiräder die noch unterwegs sind, darunter eine wunderschöne, knallrote Hirth, Baujahr 1924 und eine NSU 500 SS aus den 30ern, die regelmäßig von uns auf dem Hockenheimring gefahren wird.

HANIX: Besitzen Sie denn einen Motorradführerschein?

Natalie Scheerle-Walz: Das darf ich jetzt eigentlich gar nicht sagen, aber ich habe keinen. (lacht)

HANIX: Unglaublich, der gehört doch für die Leiterin des Deutschen Zweirad- und NSU-Museums eigentlich obligatorisch dazu! Wollen Sie denn wenigstens noch einen machen?

Natalie Scheerle-Walz: Ja, eigentlich gehört das dazu. Ich überlege auch regelmäßig, aber eigentlich bin ich leidenschaftliche Fahrradfahrerin. Motorisiert nur mit E-Bike. (lacht)

HANIX: Das Motorrad wird dieses Jahr 130 Jahre alt, das Fahrrad, bzw. der Vorgänger, die Draisine feiert in zwei Jahren den 200. Geburtstag und das Patent für den Pedalantrieb feiert nächstes Jahr 150. Jahrestag. Sicherlich ereignisreiche Jahre für ihr Haus. Sind in diesem Jahr, 2016 und 2017 Besonderheiten aufgrund der Jubiläen geplant?

Natalie Scheerle-Walz: Für nächstes Jahr ist unser 60-jähriges Hausjubiläum geplant; dazu wird es eine schöne NSU-Ausstellung geben. Zu den anderen Jubiläen haben wir schon permanente Ausstellungsstücke in unserem Haus. Es gibt immer Hinweise, dass ein bestimmtes Jubiläum stattfindet, aber große Sonderausstellungen brauchen wir dazu keine. Wir versuchen aktuelle Themen immer in unsere Präsentationen aufzunehmen.

HANIX: Mit zwei neu konzipierten Ausstellungsräumen will die städtische Kultureinrichtung seit drei Jahren neue Besuchergruppen gewinnen. Motorradfans kommen im Forum mit Erlebniskino, das im Erdgeschoss eingerichtet wurde, auf ihre Kosten. Vornehmlich an junge Besucher und Schüler richtet sich der neu gestaltete Fahrradraum im ersten Obergeschoss. Sind die Umgestaltung und das neue Konzept schon abgeschlossen oder wird in nächster Zeit noch Einiges passieren?

Natalie Scheerle-Walz: Wir haben unser NSU-Museum kürzlich saniert und in diesem Zuge manche Bereiche neu konzipiert und die Präsentation geändert. Mit dem Kinoforum haben wir jetzt einen Raum, in dem wir Gruppen empfangen oder eine Veranstaltung machen können. Der Fahrradausstellungsraum ist neu und unser Sonderausstellungsraum wird jedes Jahr komplett neu bespielt. Für dieses Jahr ist eine Optimierung der Beschilderung geplant, es passiert also immer etwas.

HANIX: Ernten Sie inzwischen die Früchte in Form neu generierter Besuchergruppen, die durch die Umgestaltung und neue museumspädagogische Ansätze gesät wurden?

Natalie Scheerle-Walz: Ja, wir merken eine klare Veränderung. Im letzten Jahr hatten wir schon zwölf Prozent mehr Besucher. Durch die Harley- und davor die Maico-Ausstellung haben wir neue Besuchergruppen erschlossen. Als ich 2009 hier angefangen habe, dachten viele Gäste, dass sich hier nicht viel ändern würde. Inzwischen wissen die Leute aber, dass sich unser Angebot immer wieder ändert und sich mehrere Besuche lohnen.

HANIX: Zu ihren Angestellten gehört auch eine Museumspädagogin …

Natalie Scheerle-Walz: Diese Stelle ist sehr wichtig für uns, da sie das gesamte Schulklassensegment abdeckt, aber auch Events im Haus mitplant. Mit dem Zweiradmuseum sind wir als außerschulischer Bildungsort etabliert und eng mit den Schulen vernetzt, da hier auch ein Teil der Fahrradprüfung für die Schüler abgelegt werden kann. Neben der eigentlichen Fahrprüfung soll nämlich auch die Geschichte des Fahrrads präsentiert werden. Und wer ist dazu besser geeignet als wir? Unsere Pädagogin kümmert sich darum und das zeigt sich an den Zahlen.

HANIX: Wie müssen die Angebote aus Ihrer Erfahrung gestrickt werden, damit auch jüngere Leute das Museum besuchen? Schließlich bietet das Museum spannende Themen, gerade für junge Menschen.

Natalie Scheerle-Walz: Für ein technisches Museum ist Edutainment ein wichtiger Faktor. Deshalb haben wir jetzt einen kostenfreien Audioguide und das Kinoforum für unsere Besucher. Der Audioguide zeigt den Gästen, dass es neben den technischen Details unserer Ausstellungsstücke auch Geschichten um die Technik herum gibt. Über die Motorräder kann man viel mehr als nur die Technik erzählen. Unser Anspruch ist, das in einer modernen Präsentation deutlich zu machen, die auf die Bedürfnisse der Besucher eingeht. Wir wollen noch mehr Medien einsetzen, ohne dabei einen Overkill zu haben. Das Medium muss die Ausstellung unterstützen und die Faszination am Motorrad aufrechterhalten. Wir haben rund 350 Männerträume im Haus, die aber nicht nur für Männer, sondern auch für deren Frauen interessant sind.

HANIX: Verlässt man das Haus also testosterongeschwängerter, als man es betreten hat?

Natalie Scheerle-Walz: Das will ich doch schwer hoffen! (lacht)

HANIX: Wie viele Sonderausstellungen gibt es bei ihnen pro Jahr zu bewundern?

Natalie Scheerle-Walz: Wir haben eine große Sonderausstellung pro Jahr, die immer zum Start der Motorradsaison im April startet und bis Januar andauert. Parallel dazu haben wir mehrere kleinere Ausstellungen, die ein spezielles Thema abdecken. Seit diesem Jahr gibt es eine weitere kleine Ausstellungsfläche, auf der wir ganz exklusive Themen präsentieren. Momentan zeigen wir dort Modelle von Brough Superior, dem »Rolls Royce of Motorcycle«. Darauf sind wir besonders stolz, da es einmalig ist, dass acht Stück auf einmal gezeigt werden. Das gab es noch nie!

HANIX: Fällt es Ihnen schwer, diese besonderen Angebote zu kommunizieren? Was wird unternommen, damit es wahrgenommen wird?

Natalie Scheerle-Walz: Wir haben natürlich mit einem städtischen Etat zu arbeiten, was die Werbemaßnahmen angeht. Wir werben über Printanzeigen und Pressearbeit mit Motorradzeitschriften. So erreicht man zumindest ein Fachpublikum. Auch auf regionalen Messen und Oldtimertreffen sind wir vertreten. Auf dem Hockenheimring sind wir beispielsweise immer in der klassischen Vettelbox zu finden, und wenn wir dort mit unseren Modellen fahren, ist das ein großes Spektakel.

HANIX: Jetzt haben sie ebenfalls die Chance, Werbung zu machen: Welche Erlebnisangebote können die Besucher in Ihrem Museum wahrnehmen?

Natalie Scheerle-Walz: Wir bieten auf über 2000 Quadratmetern Deutschlands größte Zweiradsammlung. Für jeden Besucher ist etwas dabei: Sei es Design, Technik oder Geschichte. Für Kinder bieten wir eine Museumsrallye an, durch die unser Maskottchen Brumm führt. Im Kinoforum gibt es die Möglichkeit, auf Motorrädern zu sitzen und einen Film zu genießen, der erlebbar macht, was Motorradfahren bedeutet, egal, in welchem Alter man ist. Durch unsere Zweiradausstellung wollen wir außerdem zeigen, dass es eine schöne Alternative zum Auto gibt.

HANIX: Im Internet ist jede Information, im besten Fall mit zugehöriger Animation, einen Mausklick entfernt. Auch den Sound der Maschinen kann man sich in Sekundenschnelle anhören. Machen es die Neuen Medien dem Haus schwer, junge Besucher zu ziehen?

Natalie Scheerle-Walz: Natürlich erwarten die Besucher heutzutage bestimmte Dinge. Ich denke, die erfüllen wir mit den uns gegebenen Möglichkeiten. Das Gefühl auf einem Motorrad zu sitzen und dabei den Sound zu hören, kann man hier erleben. Außerdem sieht man an einem Motorrad noch die Technik im Vergleich zu einem Auto. Wenn ich dort die Motorhaube öffne, sehe ich nur einen Block, an den ein Laptop angeschlossen wird. An unseren Motorrädern kann man noch den Erfindergeist sehen.

HANIX: Werden bei Ihnen auch Spielfilme, beispielsweise Easy Rider, gezeigt?

Natalie Scheerle-Walz: Ja, das hatten wir auch schon, genauso wie Theaternächte, die sogenannten »Mords-Museums-Nächte«, die wir bald wieder aufleben lassen wollen. Wir versuchen immer, Crossover-Veranstaltungen zu machen, um Menschen, die nicht motorradaffin sind, zu begeistern. Unser Museum zeigt die technischen Wurzeln Neckarsulms und die Entwicklung der Region.

HANIX: Zumindest das Fahrrad ist zum trendigen und hochpreisigen Lifestyle-Accessoire geworden, es gehört zum guten umweltbewussten und urbanen Ton. Jeder urbane Mensch, der etwas auf sich hält, besitzt ein stylisches Velo. Sei es ein Fixie, ein geländefähiges Downhill-Bike, ein Bullit, um Größeres und Sperriges transportieren zu können, oder ein modernes E-Bike. Spüren Sie ein Interesse bei den Leuten, die sich gerade für viel Geld ein Trendrad ohne Gangschaltung und Bremse zugelegt haben?

Natalie Scheerle-Walz: Bisher leider noch nicht. Ich denke aber, dass sich das noch entwickeln wird. Gerade weil der urbane Mensch durchaus designaffin ist, was ein großes Thema bei uns ist. Zusätzlich sind wir eine Fahrradservicestation des Neckarradwegs, der im Sommer von vielen Touristen befahren wird, die wir als Besucher gewinnen möchten.

HANIX: Gerade im Zusammenhang mit Umweltbewusstsein und Verkehrspolitik rückt das Fahrradfahren immer mehr in den Vordergrund. Macht es aus Ihrer Sicht Sinn, sich auch in dieser Richtung – beispielsweise der Fahrradprotestform Critical Mass, die für Rechte der Radler im Straßenverkehr eintritt – vermehrt zu präsentieren?

Natalie Scheerle-Walz: Ein interessanter Ansatz, der sicherlich eine Überlegung wert ist. Danke für den Hinweis! Dieses Jahr werden wir uns beispielsweise auf der großen Veranstaltung beim Landestag zur Verkehrssicherheit der Polizei in Heilbronn präsentieren.

HANIX: Haben Sie Ihr »fliegendes Haus« noch, durch das Sie temporäre Museumsfilialen in anderen Städten eröffnen können? Und erklären Sie doch kurz, worum es sich bei diesem Konzept handelt.

Natalie Scheerle-Walz: Unser »fliegendes Haus« wurde bisher zweimal eingesetzt. Es wurde von einem Designer, Peter Keilbach, entworfen und bietet Platz für verschiedene Motorräder. Es ist das kleinste Motorradmuseum der Welt. Wir würden es natürlich gerne öfter einsetzen, aber die Finanzen machen uns leider einen Strich durch die Rechnung. Durch die BUGA erhoffen wir uns aber mehr Aufmerksamkeit für das Projekt.

HANIX: Zum Abschluss noch die Frage nach Ihren Traumexponaten, die Sie gerne hier im Haus ausstellen würden: Gehört das Rennrad des Dopers Lance Armstong dazu?

Natalie Scheerle-Walz: Das wäre sicher schön, allerdings würde ich wohl doch eher ein Motorrad nehmen. Vielleicht das von Arnold Schwarzenegger aus Terminator? (lacht) Auf jeden Fall muss es eine Geschichte erzählen.

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