Interview des Monats HANIX No.36

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»ZAUBERN KANN ICH LEIDER NICHT«

Seit Anfang September regiert Bürgermeisterin Agnes Christner unter anderem die Bereiche Soziales und Kultur in der Stadt. Wir sprachen mit der ausgewiesenen Sozialexpertin über die kommenden großen Aufgaben, die auf die Stadt zukommen und warum sie trotzdem keine eierlegende Wollmilchsau ist. Außerdem sprachen wir die Kulturdezernentin bezüglich mangelnder Kommunikation mit und Wertschätzung für die freie Kulturszene an. Sie gelobte Besserung.

Agnes Christner

HANIX – Frau Bürgermeisterin, inzwischen sind Sie fast ein halbes Jahr im Amt und wohnen sogar ein paar Tage länger hier in Heilbronn. An welche Heilbronner Eigenarten müssen Sie sich als ehemalige Stuttgarterin und nach fast 30-jähriger Tätigkeit beim Spitzenverband »Städtetag Baden-Württemberg« privat und beruflich noch gewöhnen?

Agnes Christner — Ich nehme fast nur positive Veränderungen wahr. Ich schätze die Heilbronner Kleinräumigkeit, die kurzen Wege in der kleinen Großstadt sehr. Ich wurde in der Stadt und im Rathaus gut aufgenommen und fühle mich hier sehr wohl und was mir besonders auffällt: Die Leute werden stolzer auf Heilbronn und merken, dass sich hier Vieles entwickelt.

HANIX – Fehlt Ihnen die Landeshauptstadt ab und an? Heilbronn ist schließlich in allen Bereichen eine Nummer kleiner.

Agnes Christner — In einzelnen Bereichen fehlt mir Stuttgart natürlich schon, mein ganzer Freundeskreis lebt dort. Es ist ein größerer Aufwand, sich zu treffen, aber auch gut leistbar und meine Freunde kommen auch gerne nach Heilbronn.

HANIX – Als Diplom-Verwaltungswirtin mit beruflichen Stationen beim Stuttgarter Sozialamt und beim Städtetag Baden-Württemberg, dort zuletzt als Dezernentin für Soziales, Jugend, Arbeit und Beschäftigung, haben Sie immense Erfahrung im Verwaltungssektor. Was macht für Sie persönlich der Reiz des Verwaltens aus?

Agnes Christner — Der große Reiz – und was ich immer an meiner Arbeit geschätzt habe – ist, dass man etwas gestalten und entwickeln kann. Auch die Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Akteuren und Institutionen finde ich sehr bereichernd.

HANIX – Sie sind ausgewiesene Fachfrau für Soziales mit jahrzehntelanger Berufserfahrung. Vor allem aufgrund dieses persönlichen Schwerpunktes, und dass man Sie bei den Verbänden der Sozialpolitik in Baden-Württemberg kennt und Sie beste Kontakte zum Landtag und zu den Ministerien haben, waren ausschlaggebend für Ihre Wahl in Heilbronn. Sind Sie im Bereich »Soziales« die sogenannte »eierlegende Wollmilchsau« für die Stadtverwaltung?

Agnes Christner — Zaubern kann ich leider nicht, aber die meisten Themen, Zusammenhänge und Hintergründe waren mir bekannt. Bei meinen früheren Tätigkeiten konnte ich breite Erfahrungen sammeln und diese mitbringen. Ich habe schon den Anspruch mit den vorhandenen Ressourcen und Rahmenbedingungen das Bestmögliche zu erreichen.

HANIX – Die sozialen Themen, die gelöst werden müssen, sind ein dickes Brett, das Sie und Ihre Mitarbeiter bohren müssen. Welcher Aufgabenbereich nimmt hierbei momentan die größte Aufmerksamkeit und Kraftanstrengung in Anspruch?

Agnes Christner — Momentan stehen zwei Themen im Vordergrund. Zum einen die Schulentwicklungsplanung mit einer ehrgeizigen Zeitplanung. Das Konzept muss bis Ende Februar stehen. Wir wollen nicht abwarten, bis beispielsweise die Klassengrößen in den Werkrealschulen so schrumpfen, dass das staatliche Schulamt einschreitet, sondern die Entwicklung für eine leistungsstarke und zukunftsfähige Schulstruktur selbst vorgeben. Zum anderen müssen wir die hier ankommenden Flüchtlinge gut unterbringen. Wir arbeiten daran, die Menschen nicht mehr nur am Stadtrand, sondern in der ganzen Stadt mit Wohnraum zu versorgen.

HANIX – Sind die Bürger dafür offen? Als beispielsweise die Frage in Hamburg aufkam, dass Flüchtlinge in ein schickeres Viertel kommen sollten, gab es sofort Protest der Anwohner …

Agnes Christner — In Heilbronn gibt es eine ausgesprochen große Hilfsbereitschaft, die ich in diesem Umfang nicht erwartet hätte. Teilweise ist das Hilfsangebot der Bürger überwältigend, sodass wir die Notwendigkeit einer Koordinierung sehen. Deshalb entwickeln wir momentan ein Konzept mit den Wohlfahrtsverbänden. Wir hoffen, dass die Menschen weiter so hilfsbereit bleiben, denn der Flüchtlingszustrom wird weiter zunehmen.

HANIX – Um noch einmal auf den Schulentwicklungsplan zu sprechen zu kommen: Welche Veränderungen kommen hier auf die Schulen, Schüler und Eltern zu?

Agnes Christner — Wir wollen dem Gemeinderat vorschlagen, die Zahl der Werkrealschulen zu reduzieren, da wir von einer weiter zurückgehenden Nachfrage ausgehen. Zwei der acht Schulen wollen sich zu Gemeinschaftsschulen weiterentwickeln, wobei wir sie unterstützen. Weiter geht es um eine Optimierung der Schulstandorte. Allerdings ist unser Anliegen nach wie vor, dass jedes Kind in zumutbarer Entfernung den gemischten Bildungsabschluss erreichen kann. Auch der Ganztagsbetrieb in den Schulen ist eine Entwicklung, die wir weiter vorantreiben werden.

HANIX – Sie sind auch für den Bereich Kultur zuständig. Die Kulturlandschaft soll und – so die Meinung vieler – muss, gerade im Hinblick auf die BUGA 2019 und bezüglich urbaner Lebensqualität entwickelt werden. Wie empfinden Sie die Kulturlandschaft in Heilbronn und das kulturelle Angebot in der Stadt? Ist es in vielen Bereichen so provinziell, wie es Anfang des Jahres in der Rhein-Neckar-Zeitung geschrieben stand?

Agnes Christner — Wir haben einen ausgezeichneten und etablierten Kulturbetrieb. Für eine Stadt unserer Größe ist es nicht selbstverständlich, dass es ein international agierendes Kammerorchester, ein Sinfonieorchester oder ein Theater mit drei Sparten gibt. Ich glaube, wir haben ein sehr gutes Angebot, das durch unsere vielfältige freie Szene komplettiert wird. Hier bin ich mir allerdings bewusst, dass es noch Nachholbedarf gibt. Wenn der Schulentwicklungsplan auf dem Weg ist, kann ich mir vorstellen, dass wir dem Gemeinderat vorschlagen, ein Kulturkonzept zu entwickeln.

HANIX – Der städtische Kulturbetrieb arbeitet hervorragend, das ist überhaupt keine Frage. Wie haben Sie davon erfahren, dass es im Bereich der freien Szene noch Nachholbedarf gibt?

Agnes Christner — Natürlich ist die Problematik den Fachleuten im Kulturamt bekannt. Und die generelle Entwicklung in anderen Städten nehme ich auch wahr, ebenso dass sich lokale Künstler und Künstlerinnen bei uns melden, die einen Mangel an Räumlichkeiten beklagen und besser wahrgenommen werden möchten. Auch der Wunsch nach einer stärkeren Zusammenarbeit und besserer finanzieller Förderung ist uns bekannt. Die Stadt gibt hier zwar schon Unterstützung, aber das könnte sicher noch optimiert werden.

HANIX – Können Sie – trotz Ihrer kurzen Amtszeit – eine Vermutung anstellen, warum der Bereich der freien Szene bis dato stiefmütterlich behandelt wurde? Gegenüber uns gab es die Aussage eines Gemeinderates, dass von 40 seiner Kollegen und Kolleginnen vielleicht fünf wahrnehmen, dass es eine freie und aktive Kulturszene in der Stadt gibt.

Agnes Christner — Ich halte den Gemeinderat insgesamt für sehr informiert und interessiert, da alle Stadträtinnen und Stadträte sehr gut in der Stadt verankert sind. Alle waren bereit, die freie Kulturförderung um 10.000 Euro aufzustocken und unsere Ankündigung, die Förderrichtlinien überarbeiten zu wollen, stieß auch auf große Zustimmung. Die Sensibilität ist also da und ich denke, dass man das Thema mit unserem Gemeinderat auf jeden Fall gut diskutieren kann.

HANIX – Wie kann ein solcher Dialog gestartet werden? Muss hier die Initiative aus den Reihen der freien Kulturszene kommen oder ist es originär die Aufgabe der Stadtverwaltung und der städtischen Kulturpolitik, solch einen Dialog zu starten?

Agnes Christner — Die Bereitschaft muss von beiden Seiten da sein und man sollte offen aufeinander zugehen. Für die Verwaltung ist es einfacher, wenn sie Ansprechpartner hat und die Vorstellungen kennt. Ich denke, ich kann für alle meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sprechen, wenn ich sage, dass wir uns wünschen, besser in Kontakt treten zu können und die notwendigen Entscheidungen gemeinsam auf den Weg zu bringen.

HANIX – Die Rhein-Neckar-Zeitung schrieb, dass die Kommunalpolitik diesbezüglich vieles ändern könnte, sich aber schwer mit diesen Themen tut. Beleg dafür sei die jüngste Entscheidung des Gemeinderates, keine Extramittel für nötige Umbaumaßnahmen an der ABX-Halle zu genehmigen, um die Halle als kommunikativen, kulturellen und gastronomischen Platz in Heilbronn zu entwickeln. Woran hat das Ihrer Meinung nach gelegen? Wurde der Gemeinderat nicht gut genug oder zu spät informiert?

Agnes Christner — Ich sehe kein Informationsdefizit des Gemeinderats. Ich hatte eher den Eindruck, dass die Entscheidung aus grundsätzlichen finanzpolitischen Erwägungen heraus getroffen wurde. Aber bis zur BUGA, für die die ABX-Halle ja genutzt wird, ist noch Zeit; es ist also nichts verloren.

HANIX – Dort, wo sich das kulturelle Angebot wirklich sehen lassen kann, wie in der Kunsthalle Vogelmann, wird es in der Stadt und erst recht über die Stadtgrenzen hinaus kaum wahrgenommen. Erkennen die Heilbronner die Vielfalt ihrer Stadt zu wenig?

Agnes Christner — Das ist sicher etwas, woran wir noch arbeiten müssen. Trotz der renommierten Künstler, die in Heilbronn ausstellen, haben wir nicht immer die Besucherresonanz, die wir uns wünschen. Hier setze ich große Hoffnungen auf die neue Struktur der Heilbronn Marketing Gesellschaft. Heilbronn darf auf jeden Fall selbstbewusster auftreten, da wir alle auf das Angebotene stolz sein können.

HANIX – Abschließend eine Frage nach dem Motto »Wünsch dir was«: Welches Profil soll Heilbronn als Stadt am Ende Ihrer Amtszeit haben und welche Spuren möchten Sie in der Stadt hinterlassen?

Agnes Christner — Unser bestehendes, breites Kulturangebot soll erhalten bleiben und gleichzeitig die freie Kunst-, Kreativ- und Kulturszene ausgebaut werden. Bestandssicherung des Bewährten und Realisierung von Innovation also – nicht nur im kulturellen sondern genauso im sozialen Bereich, dem Sport usw.. Generell wünsche ich mir, dass die Stadt sich so entwickelt, dass es weiterhin gute Lebensbedingungen für alle Menschen – in jedem Alter in allen Lebensformen, ob mit oder ohne Handicap oder Zuwanderungsgeschichte – gibt und Heilbronn eine soziale Stadt bleibt.

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