Interview Integrationsbeauftragte HANIX No.35

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»Ich habe Verunsicherung bei Lehrern gespürt«

Roswitha Keicher erarbeitet als Integrationsbeauftragte der Stadt Heilbronnaktuell ein Papier zur städtischen Willkommenskultur. Welche Ziele sich die Stadt und Frau Keicher dabei gesteckt haben, erzählt die Heilbronnerin im ausführlichen Gespräch. Unter anderem spricht Roswitha Keicher darüber, wie sie versucht Vorurteile abzubauen, welche Zielsetzung der interkulturelle Garten hat und weshalb ein Augsburger Projekt für sie sehr spannend klingt.

Roswitha Keicher

HANIX: Frau Keicher, wie beurteilen Sie die Integrationsarbeit in Heilbronn? Sind Sie zufrieden mit den Maßnahmen, oder sehen Sie Verbesserungsbedarf? Gibt es hier eventuelle Modelle, die Sie sich als Vorbild nehmen?

Roswitha Keicher: Wir haben in den vergangenen Jahren schon viel erreicht, aber ich sehe trotzdem weiteren Handlungsbedarf in Heilbronn. Uns fehlt noch ein roter Faden für Zuwanderer oder eine Begleitung, wie es sie für Migranten schon in Skandinavien gibt. Wir haben Impulse aus anderen Städten und dem Ausland aufgenommen, um zu schauen, was wir hier konkret verbessern können. Resultat ist ein Eckpunkte-Papier mit dem Thema »Willkommenskultur«, welches wir in den kommenden Monaten umsetzen werden. Es ist in drei Rubriken unterteilt: Print, Internet und persönliche Betreuung. Bei den Printmedien planen wir, eine Neubürgerbroschüre zu erstellen, die mehrere Themen abdecken wird. Darunter solche für alle Neubürger und solche für Zuwanderer aus dem Ausland. Letzteres umfasst einen Überblick über Sprachfördermaßnahmen oder die Anerkennung des Berufs. Alles soll natürlich mehrsprachig sein, da die bisherigen Infomaterialien schwer verständlich für Menschen sind, die gerade erst angefangen haben Deutsch zu lernen. Auch bei unserer Homepage soll die Darstellung verbessert werden, da wir auf ihr weiterführende Informationen bereitstellen wollen, die aus Platz- und Übersichtlichkeitsgründen nicht in die Broschüre passen. Für den Bereich persönliche Betreuung haben wir Ende letzten Jahres einen kleinen Aufruf in der Zeitung gestartet, dass wir sogenannte ›Welcome Guides‹ ausbilden möchten. Das sind Muttersprachler, die neue Zuwanderer bei behördlichen Angelegenheiten unterstützen. Neben vielen Muttersprachlern haben sich auch jede Menge hilfsbereite Deutsche gemeldet, was mich positiv überrascht hat. Eine Förderung von der Baden-Württemberg-Stiftung für die Ausbildung dieser Guides haben wir auch erhalten. So werden wir im Zeitraum von drei Jahren zwischen 50 und 60 Menschen ausbilden können, die Migranten beim Gang zu den Behörden unterstützen. Zudem sind ein Mentorenprogramm für interessierte Einheimische, sowie Informationsveranstaltungen für neu Zugewanderte geplant. Unsere schon etablierten Netzwerke helfen uns hier sehr; in den letzten Jahren konnten wir bei mehreren tausend Einsätzen Erfahrungen auf dem Gebiet sammeln.

HANIX: Man kann also sagen, dass beim Thema Integration und Willkommenskultur auf alle beteiligten Seiten – sprich auf Zuwanderer, alteingesessene Heilbronner sowie die Stadtverwaltung – ein ähnlich hoher Berg Arbeit zukommt, bis das Thema zufriedenstellend entwickelt sein wird. Was ist Ihr Ziel und wann wollen Sie es erreicht haben?

Roswitha Keicher: Das Programm »Willkommenskultur« soll innerhalb von zwei bis drei Jahren umgesetzt sein. Die Fertigstellung der Neubürgerbroschüre planen wir für Ende diesen Jahres zeitgleich mit dem Internetauftritt, da sich beide ergänzen. Die ersten Kurse für die Welcome Guides starten am 13. Februar, sodass wir Mitte des Jahres die ersten einsetzen können. Erste Infoveranstaltungen sind für Herbst geplant. Wir arbeiten also schon kräftig an der Umsetzung, allerdings ist alles viel Detailarbeit.

HANIX: Ist das Thema »Willkommenskultur« im Gemeinderat und der Stadtverwaltung ein Thema, das hohe Priorität hat oder stehen andere Projekte, wie z.B. die BuGa, im Vordergrund?

Roswitha Keicher: Es ist nicht so, dass das Thema unter »ferner liefen« gelistet wird oder gar untergeht. Überhaupt nicht. Die jeweiligen Ämter kommen von sich auf uns zu und möchten Verbesserungen. Man spürt, dass die Dynamik stärker wird, da man von der Theorie endlich zur Praxis möchte. Beispielsweise ist die Bereitschaft, sich interkulturell schulen zu lassen in den letzten Jahren erheblich gestiegen.

HANIX: Der schwäbische Mythos lautet, dass es »Neig’schmeckte« hier im Ländle nicht einfach haben, Anschluss zu finden. Sie als Integrationsbeauftragte müssen es wissen: Sind die Heilbronner unbekannten Menschen gegenüber aufge- oder eher verschlossen?

Roswitha Keicher: 49% unserer Einwohner haben eine Zuwanderungsgeschichte, bei den Kindern und Jugendlichen sind es 67%, Tendenz bei beiden steigend. Das verändert eine Gesellschaft natürlich und so herrscht hier eine gewisse Offenheit. Eine strukturiert agierende Verwaltung, die die Integrationsarbeit vorantreibt, hat sich erst in den vergangenen sechs Jahren mit der Einrichtung der Stabsstelle Integration richtig ausgebildet. Bis dahin lief das »nur« über die Migrationsberatungsstellen. Heilbronn würde anders aussehen, wenn es nicht diese ehrenamtliche Unterstützung gegeben hätte. Darauf bauen wir auf und daher kommt auch die Bereitschaft, Flüchtlinge zu unterstützen. Das heißt aber nicht, dass es keine Berührungsängste gibt. Man hat es mit einer großen Vielfalt zu tun, die auch überfordern kann. Da hilft nur sehr viel Information: Hintergründe erklären oder Situationen filtern. Wenn man aber ständig am Arbeitsplatz oder im täglichen Leben mit Leuten aus anderen Kulturen zu tun hat, dann bauen sich diese Vorurteile durch das Miteinander meist von selbst ab. Man fragt eben seinen Kollegen zum Islam oder besorgt sich kroatische Rezepte von Eltern, die ihr Kind im selben Kindergarten haben, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

HANIX: Haben es Mitbürger moslemischen Glaubens nach der medialen Islamhetze die hier im Westen seit den Anschlägen von New York betrieben wird – und gerade vor den ganz frischen Eindrücken der jüngsten Anschläge auf Satiriker in Paris – schwerer herzlich willkommen geheißen zu werden und von den Einheimischen integriert zu werden? Bemerken sie hier eine größere Skepsis und Abwehrhaltung oder ist Heilbronn hiervon nicht betroffen?

Roswitha Keicher: Ich habe Verunsicherung bei Lehrern gespürt, die sich beispielsweise schwertun, das Verhalten einzelner Schüler einzuschätzen. Auch bei Angelegenheiten zu Moscheen gibt es viele Fragezeichen. Hier werden wir oft aufgefordert, Dinge genauer zu erläutern und ich beteilige dann Leute vom islamischen Dachverband, die uns helfen, Berührungsängste abzubauen. Leider wird die Thematik sehr stark von den Medien geprägt.

HANIX: Wie haben Sie persönlich die Berichterstattung in den letzten Jahren wahrgenommen?

Roswitha Keicher: Mit den regionalen Medien haben wir sehr gut zusammengearbeitet, da dort differenzierter berichtet wurde. Beispiele für gut funktionierende Integration wurden präsentiert, um dafür zu sorgen, dass dieses verzerrte Bild von Migranten, wie es beispielsweise Sarrazin darstellt, so nicht stehen bleibt. Sobald sehr stark polarisierende Thesen aufgestellt werden, ist dies für Medien ein interessantes Thema, wie es jetzt bei Pegida wieder der Fall ist. Wir merken, dass bei Leuten, die wenig Kontakt zu Zuwanderern haben, sehr starke Vorurteile herrschen. Gerade in den ländlichen Gegenden gibt es Unsicherheiten.

HANIX: Bemerken Sie deshalb bei der muslimischen Gemeinde Verunsicherung oder Frustration? Werden diese Menschen im Alltag vielleicht sogar angegangen?

Roswitha Keicher: Angegangen werden sie nicht. Aber sie spüren, dass sie selbst mehr informieren müssen und sich nicht zurückziehen dürfen. Man realisiert, dass man offen auf die Menschen zugehen und den Dialog suchen muss.

HANIX: Willkommenskultur ist ein schönes Wort, das Migranten signalisieren soll, dass sie erwünscht sind. Doch an wen soll sie sich richten? An Fachkräfte, die wir dringend benötigen oder auch an die Flüchtlinge und Asylbewerber? Müssen Sie da auf die Wirtschaft zugehen und »Lobbyarbeit« für Asylbewerber betreiben?

Roswitha Keicher: Gott sei Dank haben wir starke Partner, die das Bewusstsein der Menschen schärfen und zeigen, dass über Flüchtlinge Facharbeiter ins Land kommen. Man setzt sich in Expertenkreisen zusammen und diskutiert, wie man Bewerber, die schon sehr gut Deutsch oder Englisch können, in den Arbeitsmarkt integrieren kann. Hier ist die Agentur für Arbeit zu nennen, die ein starker und toller Partner für uns ist. Es gibt aber auch noch Unsicherheiten bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen.

HANIX: Interessiert man sich hier nur für Menschen, die man glaubt, innerbetrieblich »verwerten« zu können?

Roswitha Keicher: Nein. Gut ausgebildete, Deutsch lernende ausländische Fachkräfte stellen die Unternehmen schon ein. Wenn die Personen aber noch eine Anpassungsfortbildung benötigen oder noch nicht gut genug Deutsch sprechen, dann ist die Hemmschwelle gerade bei den kleineren Unternehmen unheimlich groß. Auf der einen Seite wollen sie Fachkräfte, auf der anderen haben sie starke Bedenken wegen möglicher Kosten und dem Aufwand. Das passt nicht ganz zusammen. Deshalb ist hier ein Umdenken nötig. Die großen Unternehmen haben aber durch ihre internationale Arbeit weniger Probleme mit der Thematik.

HANIX: Wie kann man diese Unternehmen denn zum Umdenken bringen? Muss man da immer wieder nachfragen oder lernen es manche nur auf die »harte Tour«? Stellen Sie sich vor, ein Unternehmen hat plötzlich keine einzige Fachkraft mehr…

Roswitha Keicher: Ich hoffe nicht, dass es so weit kommt, dass Unternehmen erst durch einen großen Leidensdruck aktiv werden. Dann würde es nur noch schwieriger werden, da eine Firma in der Krise noch mehr Aufwand hat, sich umzustellen und auch eher selten neue Mitarbeiter einstellen kann. Deshalb versuchen wir es jetzt über Wirtschaftsverbände und bieten Seminare an. Auch politische Parteien widmen sich dem Thema, da sie oft mit den Verbänden kooperieren. Aber selbst die Resonanz auf solche Veranstaltungen ist derzeit noch gering.

HANIX: Woran liegt das?

Roswitha Keicher: Die kleinen Unternehmen schrecken vor der zusätzlichen Arbeit zurück, da ihnen oft einfach die Ressourcen und Manpower fehlen. Oftmals wissen sie gar nicht, dass es hier Experten gibt, die ihnen dabei helfen könnten. Es muss einfach stärker den Impuls geben, sich Informationen zu holen. Dann kann ja immer noch entschieden werden, ob man aktiv wird oder nicht.

HANIX: Natürlich will niemand gerne Flüchtling sein. Hierzulande kann man sich auch kaum vorstellen, was für ein Gefühl das sein muss, auf der Flucht aus der Heimat zu sein. Aber angenommen, Sie wären verzweifelt nach Deutschland geflohen: Wäre Heilbronn ein guter erster Ort, um in Deutschland anzukommen?

Roswitha Keicher: Für Flüchtlinge ist es entscheidend, wo sie in Deutschland ankommen, da es regional riesige Unterschiede gibt. Ich glaube, in kleineren Strukturen, wo es ehrenamtliche Netzwerke gibt, fühlen sich die Leute eher willkommen. Dort arbeiten die Akteure untereinander stärker zusammen. Heilbronn ist mittlerweile ein guter Ort um anzukommen, obwohl wir von den Strukturen her noch nicht perfekt aufgestellt sind. Daran arbeiten wir ja momentan. Bei einem Treffen mit Ehrenamtlichen sagte mir vor Kurzem ein Zuwanderer, dass man sich glücklich schätzen kann, wenn man hier in Heilbronn und nicht anderswo in Deutschland landet. Im Vergleich schneiden wir also gut ab, was aber noch lange nicht heißt, dass hier alles perfekt ist. Wir haben noch Arbeitsbedarf.

HANIX: Wie viele Flüchtlinge bzw. Plätze für Flüchtlinge gibt es im Stadtkreis Heilbronn?

Roswitha Keicher: Momentan gibt es 300 mit steigender Tendenz. Diese Zahlen ändern sich jedoch von Tag zu Tag. Der letzte Stand ist, dass wir 54 Flüchtlinge pro Monat aufzunehmen haben. Die können wir momentan aber gar nicht alle zentral unterbringen, weshalb jetzt dezentrale Wohnungsmöglichkeiten für die Erst- und Anschlussunterbringung gesucht werden.

HANIX: Wie ist der Ablauf des Ankommens in Heilbronn für Flüchtlinge? Können Sie uns hier einen Einblick geben?

Roswitha Keicher: Flüchtlinge kommen mit dem Bus in der Austraße an, dort werden die Erstanträge gecheckt und man kümmert sich um eine erste Unterbringung und Versorgung. Je nachdem wo dann noch Plätze frei sind werden die Menschen weitervermittelt. Dann gibt es den Austausch mit der Ausländerbehörde, um den Leuten ohne Pass oder Anträge zu helfen. Wenn die Flüchtlinge dann im »System« erfasst wurden, kann man sich um weitere Maßnahmen kümmern: Schulplätze für die Kinder, lebensnotwendige Sachen für die Wohnung. Dann folgen zumindest rudimentäre Sprachkurse, damit die Menschen hier zurechtkommen. Das zuständige Amt für Familien, Jugend und Soziales verbessert gerade sukzessive die Strukturen, um das Ankommen zu erleichtern. So gibt es jetzt zum Beispiel eine Busverbindung in die Austraße.

HANIX: Gab es in Heilbronn in der Vergangenheit auch unschöne Szenen? Wurden Flüchtlinge angepöbelt oder angefeindet?

Roswitha Keicher: Vom Flüchtlingsheim hieß es vor einiger Zeit, dass es keine solchen Vorfälle gab. Allerdings war das Flüchtlingsheim auch mit einem Tor und Sicherheitsdienst »ausgestattet«, um solche Übergriffe zu verhindern. Das war die Reaktion auf die Übergriffe vor einigen Jahren in anderen Städten. Man muss aber auch deutlich sagen, dass sich die gesellschaftliche und politische Lage in den letzten Jahren verändert hat. Jetzt engagieren sich die Einheimischen stark und bieten Wohnungen, Stadtführungen, Elterncafés und Sprachkurse an. Sammelaktionen für Kleider werden organisiert. Dieses breite Spektrum an Hilfe war in den vergangenen Jahren nicht zu spüren. Jetzt sind wir natürlich positiv überrascht und sehr froh darüber. Allerdings muss man auch aufpassen, dass die vielen Hilfsangebote nicht ins Chaos ausarten, da das Amt das alles erst strukturieren muss.

HANIX: Die Stadtsiedlung errichtet für die Stadt ein neues Flüchtlingsheim. Unser üblicher Reflex auf die Unterbringungsfrage für Asylbewerber heißt ja meist: Wo können wir die Container hinstellen oder wo ist ein leerstehender Gasthof, den man sonst zu nichts mehr brauchen kann. Sieht es hier in Heilbronn ähnlich aus? Wo wird das Heim Verortet sein und welchen Unterbringungscharakter wird es haben?

Roswitha Keicher: Hier kann das betreffende Amt mehr Auskunft geben. Aufgrund der Prognosen des Landes wissen wir, dass wir neue Unterbringungen brauchen. Familien mit Kindern sollen zum Beispiel eher in der Nähe von Schulen untergebracht werden, damit sie gut dorthin kommen.

HANIX: In Augsburg gibt es das Grandhotel Cosmopolis. Dort wurde ein schmuckloser 60er-Jahre-Bau wieder aufgemöbelt, mitten in der Stadt im Domviertel. Und da gibt es eben ein Hotel und Cafe, die Zimmer für die Flüchtlinge und das Kulturzentrum mit den verschiedensten Angeboten – alles unter einem Dach. Es ist eine Begegnungsstätte geworden, in der Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen zusammenkommen. Natürlich gelten auch hier die strengen deutschen Asylgesetze, kommt es auch immer wieder einmal zu Abschiebungen. Aber, so sagen die Initiatoren dieses »Grandhotels«, wir haben diesen Menschen zumindest ein menschlicheres Leben bereiten können, als es in vielen anderen Unterkünften der Fall ist. Und wer ein Bleiberecht in Deutschland erhält, der konnte bereits hier gute Integrationserfahrungen machen. Auch ein Projektansatz für Heilbronn oder hier undenkbar?

Roswitha Keicher: Das hört sich wirklich spannend an. Hier in Heilbronn ist das Bewusstsein, für solche Begegnungen zu sorgen und ein gutes Verhältnis zu sichern, in den letzten Jahren sehr, sehr stark gewachsen. Die persönliche Beziehung ist nun einmal ein wichtiges Element zur erfolgreichen Integration. Von der Stadt können die Strukturen geschaffen werden, wenn es aber diese Begegnungen nicht gibt, dann haben wir ein Problem. Momentan versuchen wir, an Flüchtlingsheimen sogenannte »Gärten der Vielfalt« zu initiieren, wo die einheimische Bevölkerung mit den neuen Kulturkreisen zusammenkommen kann. Hier wird nicht nur gemeinsam gegärtnert, die Projekte dienen auch als Treffpunkt und zur Informationsvermittlung. Zusätzlich wird ein schönes Ambiente geschaffen, oftmals gibt es ja Ängste bei Einheimischen vor Müll und einem kargen Charakter der Gegend rund um die Heime. Die Idee wurde in Erstbesprechungen sehr gut aufgenommen, allerdings muss natürlich auch die Bereitschaft der Bevölkerung für so etwas da sein. Deshalb wollen wir Netzwerke mit anderen Initiativen in Heilbronn aufbauen. Wir wollen etwas initiieren, was das Miteinander und die Beteiligung der Bevölkerung forciert. Es geht also nicht nur um das Thema »Willkommen«, sondern vor allem um das Thema »Begegnung«. Willkommenskultur wird oftmals nur mit den ersten Schritten assoziiert, dabei ist das, was danach unternommen wird, mindestens genau so wichtig. Viele Flüchtlinge sind unheimlich froh, dass sie es ins sichere Deutschland geschafft haben und dann trifft sie plötzlich eine große Ernüchterung, wenn sie hier nicht gut zurecht kommen und das System nicht verstehen. Auch, weil es ihnen vielleicht niemand erklärt. Hier wollen wir eingreifen und eben durch Begegnungen dafür sorgen, dass Zuwanderer auch langfristig glücklich sein können.

HANIX: Welche Willkommenskultur würden Sie sich für Heilbronn wünschen? Und welche Einstellung der Heilbronner zum Thema Willkommenskultur streben Sie persönlich an?

Roswitha Keicher: Unser Ziel ist, dass der Integationsprozess möglichst reibungslos verläuft. Wir brauchen gute Strukturen und Rückmeldung von Zuwanderern, damit wir die Begebenheiten immer wieder anpassen können. Ein funktionierendes Team an Begleitern ist ebenso essentiell. Für die Heilbronner Bevölkerung wünsche ich mir, dass die Unsicherheit im Umgang mit verschiedenen Kulturkreisen abgebaut wird. Wir wollen noch stärker informieren. Wir erhoffen uns von den Leuten in unserem Netzwerk, dass sie unsere Anliegen auch in ihre »privaten« Netzwerke weitertragen und so für ein höheres Bewusstsein für die Thematik sorgen. Die haben nämlich richtig Spaß an ihrer Arbeit und erzählen das natürlich auch herum. Über diese Art der Werbung bekommen wir dann weitere Anfragen. In den Medien müssen wir gar nicht mehr so massiv präsent sein, das Bewusstsein kommt durch einfaches Vorleben zustande. Wo wir auf jeden Fall Nachholbedarf haben, ist bei den Kindern und Jugendlichen, da wir oftmals nicht wissen, was diese für Bedürfnisse und Wünsche haben. Hier leben viele Jugendliche in der zweiten oder dritten Generation: Bei denen geht es nicht mehr ums Thema Integration oder Begegnung, die fühlen sich bei solchen Fragen eher ausgegrenzt. Die Frage »Woher kommst du?« ist ganz schlimm für viele dieser Jugendlichen, da sie nicht (wieder) in den Zwiespalt hineinkommen wollen, welcher Kultur sie denn angehören. Diese Jugendlichen sind schon weiter als wir, weshalb wir aufpassen müssen, sie nicht wieder in den Prozess einer Identitätsfindung zurückzuwerfen. Denn viele sehen sich zum Beispiel als Musikerin, Rapper oder einfach nur als Heilbronner und Heilbronnerinnen.

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