Laptoptasche HANIX No.36

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»Vom Computer um den Verstand gebracht / An der Schnittstelle von Geist und Gehirn / Offline ist der neue Luxus «

Manfred Spitzer plädiert für »Mentale Stärke gegen digitale Demenz«

»Bücher werden in Schulen bald obsolet sein. Es ist möglich, jeden Wissenszweig der Menschheit mit Hilfe von Filmen zu lehren. Unser Schulsystem wird innerhalb von zehn Jahren vollkommen verändert sein«, das schreibt Thomas Edison bereits 1913. Der Erfinder von Glühlampe, Kinetograph (Vorläufer der Filmkamera) und Kinetoskop (Wiedergabegerät) ist vom didaktischen Wert seiner technischen Neuerungen euphorisiert, schließlich wurde das Filmgeschäft durch den 1897 erfundenen Projektionsapparat zu einem seiner größten finanziellen Erfolge. Als 50 Jahre später das Fernsehen aufkommt, werden ähnlich optimistische Stimmen laut: Nun könne man den Bildungsstand rund um den Globus verbessern, Kultur, Wissen und Werte in jeden Winkel der Welt senden.

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Das pädagogische Sendungsbewusstsein reißt nicht ab. 50 Jahre später sollen Computer, Whiteboard und virtuelles Klassenzimmer das Lernen revolutionieren – das zumindest wünschen sich Bildungspolitiker. Die Medienfront ist breit aufgestellt, von oben runter ist es ein Leichtes den Druck auf Pädagogen zu erhöhen. Beispielsweise so wie www.lehrerfreund.de: »Computernutzung ist an deutschen Schulen völlig unterentwickelt. Deutschland hält im internationalen Vergleich die Rote Laterne, was den Computereinsatz im Unterricht betrifft. (…) Nirgendwo werden Computertechnologien seltener eingesetzt, als in Deutschland. Außerdem sind deutsche Lehrer/innen schlecht ausgebildet und medienskeptisch. Die IT-Ausstattung der Schulen ist mangelhaft.« Anonyme Texte und Wehklagen, so fett aufgetragen, dass man dahinter getrost ein Heer von Lobbyisten vermuten darf.

Hinter den Kulissen tobt ein Glaubenskrieg: Pro oder Contra E-Medien? Eltern, Lehrern und Erzieher sind verunsichert. Das zeigt die Debatte, die der Hirnforscher und Autor Manfred Spitzer mit seinem jüngsten Buch »Digitale Demenz« losgetreten hat. Spitzer, Jahrgang 1958, ist Professor für Psychiatrie. Er promovierte in Medizin (1983), in Philosophie (1985) und habilitierte sich im Fach Psychiatrie 1989 mit der Arbeit »Was ist Wahn?«. Der Gehirnforscher, der die psychiatrische Universitätsklinik in Ulm sowie das von ihm 2004 gegründete Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen leitet, forscht und arbeitet an der Schnittstelle von Geist und Gehirn.

Seine These ist griffig: »Computer schaden Kindern mehr, als sie nützen«, seine Rede eloquent, sein Temperament hitzig und so befeuert er die Debatte mit harten Argumenten, die ihm hunderte von Studien zur Sinnhaftigkeit intensiver Mediennutzung liefern. Für die Befürworter von Informationstechnologie und E-Learning ist der Professor ein rotes Tuch – und genau aus diesem Grund ein begehrter Gast in TV-Talkrunden, wo er freimütig bekennt, dass auch er Handy und Computer nutze, aber in Grenzen. Es kommt, wie immer, auf die Dosis an. Die Überdosis macht das Gift und die ist erreicht, wenn Acht- bis 16-Jährige durchschnittlich 7,5 Stunden am Tag (mit steigender Tendenz) durchs Netz surfen, an Spielkonsolen hängen und sich in der »World of Warcraft« tummeln. Das Suchtpotential dieser Medien ist dann kaum zu leugnen.

Was tun? »Mentale Stärke gegen digitale Demenz« so Spitzers Vortragsthema, das er auf Einladung engagierter Pädagogen in Güglingen, via Powerpoint, präsentiert. Über 600 Besucher sind zu Spitzers Vortrag in die Blankenhorn-Halle geströmt.

»Mentale Stärke, wie jeder sie erlangen kann und wodurch sie gefährdet ist«, beginnt der Ulmer Professor und erläutert die Entwicklung des Gehirns, ein Organ aus 100 Milliarden Nervenzellen, die, über Synapsen vernetzt, elektrische Impulse weiterleiten. Mit jeder Handlung und jedem Denkvorgang finden im Gehirn Umstrukturierungen statt. Lernvorgänge, bei denen alle Sensorien beteiligt sind, seien effektiver, als stumpfsinnig zu klicken oder über eine glatte Oberfläche zu wischen. Spitzer bringt es auf die Formel »Lesen und Schreiben bildet, herumklicken nicht«.

Besonders lernfähig seien Kleinkinder. »Spielen Sie mal mit einem Vierjährigen Memory«, empfiehlt er und folgert: Wenn mehr in die frühkindliche Bildung investiert werden würde, blieben uns viele Probleme erspart. Auch die Hartnäckigkeit kindlichen Lernens sei vorbildlich: »Wenn Sie wissen wollen, was Frustrationstoleranz ist, dann gucken Sie mal einem Baby beim Laufen zu. Ich hab noch nie ein Baby gesehen, das sagt: Mit dem Laufen klappt’s nicht, das schmeiß ich jetzt! Wie lernt ein Baby laufen: von Fall zu Fall.«

Laut Spitzer hört die Lernfähigkeit im Erwachsenenalter nicht auf: Wer viel speichert, beispielsweise vier Sprachen spricht, lernt leichter und schneller eine fünfte. Sei der Speicher gut trainiert, bilde sich das Gehirn durch Benutzung ständig weiter. Der Job der Synapsen sei eben, sich zu ändern. Selbst wenn sich irgendwann die mentale Leistungsfähigkeit nicht mehr steigern lasse, verlangsame sich der Abbauprozess je mehr Synapsen vernetzt sind. Zweisprachigkeit verzögere die Demenz um fünf Jahre, Medikamente bestenfalls um drei Monate.

Mit der Welt in Kontakt kommen, hantieren, begreifen, erfassen und erfahren sind wichtige Voraussetzungen für mentale Stärke. Ein Kinderwagen oder Töpfchen mit Tablet für Kleinkinder sei ein aktiver Beitrag zur Verdummung. Steve Jobs, der Erfinder von Apple, hat seinen Kindern kein iPad gegeben, Spitzer weiß auch warum: »Offline ist der neue Luxus!«

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