Vaterkolumne HANIX-Magazin No.37

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Nach dem Kindergarten

Unser Vaterkolumnist macht es wieder mal allen recht.

Der Kleine nervt. Wenn man der Erzieherin im Kindergarten glauben darf, hat er das den ganzen Vormittag durchgezogen, was schon morgens beim Frühstück begann.

»Ich will ein Brot mit dem Käse mit dem Löwen drauf!«

»So?«, hatte ich gefragt, »der hat dir aber nicht geschmeckt, du hast das Brot letztes Mal stehen lassen, deshalb hab ich ihn nicht mehr gekauft.«

Die Vaterkolumne HANIX-Magazin No.37

Er überhört das nur scheinbar: »Du hast gesagt, manche Sachen schmecken beim ersten Mal noch nicht, weil man sie noch nicht kennt. Ich kenn den Käse jetzt und ich will ein Brot mit dem.«

»Okay«, sage ich, »beim nächsten Mal kauf ich ihn wieder.«

Er, ausrastend: »ICH WILL ABER JETZT EIN BROT MIT DEM!«

Ich, sanft, aber entschieden: »IST NICHT DA DENK DIR WAS ANDERES AUS!«

Blick zur Gattin. Die stillt selig das kleinere von den beiden Kindern, ein Zustand, in dem sie so ansprechbar ist, als hätte sie schalldichte Kopfhörer mit Wohlfühlmusik auf. Ich bin alleine. Ich schmuggle ein Salamibrot in seine Vesperbox und trage ihn zum Anziehen ins Kinderzimmer.

»DER PULLI MIT DEM ELEFANTEN DRAUF!«

»Der ist dir zu klein. Du bist schon ganz groß geworden«, sage ich möglichst aufmunternd. Aber er ist ja schon aufgemuntert. Ich lerns nicht.

»ICH WILL DEN PULLI MIT DEM ELEFANTEN UND WENN DER ZU KLEIN IST MACH IHN GRÖSSER!«

»Geht nicht. Das kann ich nicht.«

»HOL DIE MAMA DIE KANN DAS!«

»Kann sie nicht«, sage ich und rufe in meiner Not in Richtung Küche: »Liebste, kannst du das?« »Nei-hein!«, moduliert die Liebste zurück. Ich bin also doch nicht allein. Der Kleine tobt, und während er sich tränenblind auf dem Boden rollt, verpasse ich ihm einen Pulli mit Rennwagen drauf und hoffe, dass er sich bereits was anderes zum Ausflippen ausgesucht hat, wenn er den Rennwagen bemerkt. Inzwischen bringe ich ihn zum Kindergarten.

»ICH WILL IM AUTO DAS LIED VON DEM MANN HÖREN!«

»Welchem Mann?«

»DER DAS LIED SINGT!«

»Ich brauchs genauer. Kannst du es vorsingen?«

»MACH DAS LIED DER MANN KANN ES VORSINGEN!«

Ich beschalle ihn mit David Bowie. Das ist zwar ganz offensichtlich der falsche Mann, aber ich drehe ordentlich auf. Auf der Sitzbank vor seiner Kindergartengruppe ist er verdächtig ruhig und lässt sich anstandslos die Hausschuhe anziehen. Man nimmt ihn in Empfang. Ob er gleich ein Bild malen wolle?

»NEIN ICH WILL EIN BILD MALEN IM GARTEN MIT DEN WASSERFARBEN AN DEM TISCH AUF DAS PAPIER MIT DEM PINSEL IN DEM GLAS MIT DEM RAND MIT DEN BLUMEN UND DEM GELBEN WASSER DRIN!«

»Viel Spaß«, sage ich zu der Erzieherin, »das geht schon den ganzen Morgen so.«

Sie nickt und lächelt mich an. »Das ist vielleicht eine Phase. Wird schon werden.«

Auf dem Rückweg nach Hause höre ich den Bowie zu Ende und überlege, wie sich die Berlin-Phase von Bowie (Low/Heroes/Lodger) wohl auf den Medikamenten anhört, die die Erzieherin eigentlich nehmen muss, um so gelassen drauf zu sein. Kann auch sein, sie ist ein Ausnahmetalent wie Bowie. Ich frage mich weiterhin, wie Bowie meine Kinder erziehen würde und komme zu keinem Schluss, weil ich den Mann ja noch weniger gut kenne als die Erzieherin.

Ich kenne sie aber doch gut genug, um beim Abholen zu merken, dass sich heute im Lauf des Vormittags in der Phasenbewältigung meines Sohnes wenig getan hat. Er nölt und fordert weiterhin. Ich trage ihn ins Auto, schließe die Türen möglichst schalldicht und frage ihn:

»Was willst du machen? Wir machen, was du willst« – und noch bevor er vorschnell irgendwas antwortet wie »ICH WILL NACH HAUSE«, betone ich die Essenz meines Angebots:

»Alles. Was du willst. Überleg dir das gut. Wir machen es. Jetzt sofort.«

Das scheint auf den ersten Blick ein gewagtes Spiel zu sein. Aber ich habe nachgedacht. Ich habe nichts zu verlieren. Er schon. Das wird ihm klar, ich sehe es im Rückspiegel. Der Chauffeur hat gefragt, wo es hingehen soll. Wo geht es also hin?

»Pommes«, sagt er schließlich. »Ich will Pommes.«

»Wo?«, frage ich, denn er kennt mindestens fünf verschiedene Orte, wo man Pommes essen kann, und ich will ihm nichts unterjubeln.

»Da wo das grüne Hühnchen auf dem Fenster ist.«

»Sehr gut. Schnall dich an, es geht los.«

»Du hast mich schon angeschnallt«, sagt er noch, aber seine Worte gehen im Aufheulen des zweiten Gangs unter.

Wir bestellen Pommes. Er will eine Cola. Kriegt er. Er will ein Eis. Kriegt er. Er will im Kaufhaus auf das Wackelauto. Wir fahren in die Tiefgarage, parken, latschen drei Treppen hoch ins Kaufhaus. Er will auf die Schultern. Machen wir. Er will neue Turnschuhe. Kriegt er. Er hat das Wackelauto vergessen. Ich erinnere ihn. Er will ins Hallenbad. Wir kaufen zwei Badehosen und ein Handtuch und machen es einfach. Er will vom Dreier springen. Ich gehe mit ihm auf den Turm. Er traut sich nicht alleine. Ich biete ihm an, dass er auf meinem Arm sitzen kann, während ich springe. Wir springen. Er erschreckt und verschluckt sich und heult. Großes Eis. Haarewaschen ist doof? Dann kommt das natürlich nicht in Frage. Nicht nach Hause, sondern in den Spielzeugladen? Klare Sache. Eine Wasserpumpgun? Ist ein sehr sinnvolles Geschenk. Noch eine große Tüte Gummibärchen? Hier ist sie.

»Papa, können wir alles machen?«

»Alles, mein Sohn.«

»Dann will ich nach Hause.«

»Und was machen wir da?«

»Ist schon Abend?«

»Fast. Wir können ins Kino gehen.«

»Nein, nach Hause. Ich bin müde.«

»Müde? Aber wir können alles machen.«

»Ich will ins Bett.«

»Wir können in ein Hotel gehen und die ganze Nacht fernsehen.«

Er schweigt. Dann: »Papa?«

»Ja?«

»Was ist los?«

»Was soll los sein?«

»Ist was mit Mama?«

»Ich wüßte nicht, ich glaube, der geht es gut. Warum?«

»Ich will nach Hause.«

»Na, wie du willst. Sollen wir auf dem Heimweg im Auto das Lied von dem Mann hören?«

»Welcher Mann?«

Als ich auf dem mp3-Player von David Bowie endlich das Lied mit der Zeile »We can be heroes, just for one day« gefunden habe, ist er im Kindersitz eingeschlafen. Ich halte noch kurz beim Supermarkt und kaufe den Käse mit dem Löwen drauf. Die Liebste zuhause fragt mich, während ich das ratzende Bündel ins Bett lege, ohne ihm die Zähne zu putzen, wie es war. Hätte nicht besser laufen können, sage ich und denke dabei: nicht besser, aber billiger.

Am nächsten Morgen liegt das Brot mit dem Wunschkäse schon auf seinem Brettchen, als er mit den neuen Turnschuhen an seinen Füßen auf seinen Stuhl klettert.

»Den Käse will ich nicht«, sagt er. »Ich will ein Salamibrot.«

Das Salamibrot kommt und wird gegessen. Die Liebste und ich sehen uns an. Für heute sind wir einigermaßen safe. Keiner weiß, was morgen ist. Zum Beispiel nach dem Kindergarten.

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