Vaterkolumne HANIX No.35

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Timing, Tipps und Tempo (und die bucklige Verwandtschaft)

In unserer Vaterkolumne dreht sich heute alles. Und zwar um den richtigen Zeitpunkt.

Die Verwandtschaft ist immer voller guter Ratschläge. Man nehme einen beliebigen Verwandten und schüttele ihn lange genug – da sind die Eltern und Geschwister und deren Eltern und angeheiratete Typen so schlimm wie die in etwa gleichaltrigen Cousins und Cousinen. Freunde wissen auch, was gut für einen ist, die behalten das aber für sich und helfen einem nachher wieder auf die Beine, wenn was schiefgegangen ist. Verwandte sagen, was sie denken, damit sie nachher sagen können: »Sollen ihm doch seine Freunde aufhelfen, ich hab ihn gewarnt!«

Vaterkolumne

Steuererklärung rechtzeitig machen, Preise vergleichen, Augen auf bei der Berufswahl – und vor allem eins. Gilt jetzt eher für Männer. Ist ja aber auch ne Vaterkolumne hier und wird von Vätern gelesen oder denen, die es noch werden könnten. Sicher auch von Frauen, sogar Mütter sollen dabei sein. Ist ja keine Zielgruppenabfertigung hier, sondern was für alle. Trotzdem ganz familiär. Man trifft sich hier und liest staunend, was man schon weiß, aber nicht zugeben würde – oder man lernt etwas und behält das schön für sich. Das macht man nämlich so mit Gelerntem. Man behält es. Ich habe vor allem diese eine Warnung aus dem Familienkreis behalten, geäußert von wohlmeinenden Männern und noch wohlmeinenderen Frauen, und es ging los, als ich aus meinem Konfirmandenanzug rausgewachsen war und meine jahrelang kieksgeplagte Stimme endlich ihren hormonell bedingten vorläufigen Tiefstand erreicht hatte. Sie sinkt seitdem trotzdem weiter ab, die Stimme, nur langsamer, alle paar Jahre um einen Halbton, völlig normal bei Männern, und irgendwann vibriere ich nur noch und man hört mich nicht mehr. Das wird schön. Die Leserschaft möge mit mir vibrieren, wenn ich die einstige Zentralwarnung der Verwandtschaft bekanntgebe:

»Pass auf: Vater wird man ganz schnell!«

Das ist gut, was? So verdirbt man einem in Hoffnung auf unverbindlichen Geschlechtsverkehr Heranwachsenden die Freude. Das ist so ähnlich wie mein Vierspurgerät, mit dem ich in den 90ern meine ersten Songs aufnahm, in dessen Bedienungsanleitung stand: »Dieses Gerät bietet bessere Technik, als die Beatles bei ihren ersten beiden Alben zur Verfügung hatten.« – da winkt man dann gerne mal ab. Nicht dass später einer sagt: »Hab ich dir doch gesagt gehabt!«

Als ich mit 38 Jahren zum ersten Mal Vater wurde, waren einige der familiären Warner schon verstorben, vielleicht ein bisschen zufrieden, weil ich bis zum Ende auf sie gehört zu haben schien. Andere zogen die Augenbrauen hoch, als wollten sie wortlos mitteilen, dass es sich bei so später Vaterschaft ja sicher um einen Unfall gehandelt haben muss (mitnichten übrigens!). Man kann es den Verwandten schwer rechtmachen, auch ein Punkt, in dem sich die Blutsverwandten von den Freunden unterscheiden, denn den Freunden ist alles recht, mit denen streitet man dann rum und kommt dann wieder klar, weil’s doch Freunde sind, die man nicht loswerden will. Mit Verwandten streitet man nicht, weil man sie ja nicht loswird. Das ist unspannend. Dann bleibt alles ungesagt und dauert bekanntermaßen ewig. Weil es darum ja geht bei Familie: dass es bleibt und dauert.

Vater werden dauert übrigens auch, und ich meine nicht die drei Minuten oder die neun Monate oder die Wehen, die nicht kommen wollen. Aber das ist alles nicht der Punkt. Es gibt einen Punkt? Ja, gibt es. Hätte ich auch nicht gedacht, aber der Punkt ist der: So unrecht haben die Verwandten gar nicht gehabt, mit der Warnung von wegen Schnelligkeit. Nur wie Familie eben so ist: Die Themen stimmen immer, nur absolut alles andere ist Quatsch. Was will uns der Autor damit sagen? Er will sagen: Das mit der Schnelligkeit hört nicht mehr auf. Gar nicht. Wenn man dann mal Vater ist. Vorher ist eine Weile lang Geduld und Einfühlungsvermögen, dann plötzlich Abruptizität und Überschlag angesagt, danach aber zählt nur noch Tempo. Aber eben erst danach, und damit meine ich währenddessen. Seid ihr noch da? Dann hört mich an, und zwar jetzt. Oder wartet besser noch einen … nein, jetzt! Einsatz orchestraler Musik, ein dickes altes Buch wird aufgeschlagen und eine knorzige Erzählerstimme hebt an:

Timing ist die wesentlichste Komponente guter Unterhaltung. Was da fehlt, kann nicht kompensiert werden. Und wenn es nicht Amüsiersucht ist, die das Publikum unerbittlich macht, ist es in den ersten Monaten der Vaterschaft zuerst mal Hunger. Der muss vermieden werden. Dann fütter doch dein Kind, du Trottel, höre ich mich selbst sagen. Das ist aber nicht alles. Das Kind kann ja nicht nur essen, das kann auch gucken und greifen und Mama vermissen (Ohropax immer im Haus haben, ein Paar reicht, man kann das bis zur Einschulung drinlassen!) – wer mit den Fähigkeiten seines Kindes zu jonglieren versteht, ohne es zu täuschen oder zu manipulieren, hat total viel Stress, aber gleichzeitig viel weniger Stress, weil das Gefühl, das Richtige zu tun. Also mit flauschiger Rasselschnecke ablenken, bevor der Blick in die Ecke geht, wo Mama gerade noch stand und jetzt nicht mehr steht, Zweitlöffel in die Hand drücken und das mundoffene Staunen über die eigene Greiffähigkeit (»Boah, was geht hier ab? Ich habe einen Löffel in der Hand! Selber! Sobald ich meine Fassung wiedergewonnen habe, raste ich aus.«) ausnutzen, um den Kürbis-Hühnchen-Brei in den dafür vorgesehen Stauneschlitz zu applizieren. Und auch mal aus dem Raum gehen, damit das Objekt all meiner Liebe auch mal merkt, wie das alleine ist – aber je nach Bewegungsradius des Nachwuchses alle 5 bis 30 Sekunden nach dem Eintreten völliger Stille doch lieber mal nachgucken, ob noch alle da sind. In solchen Freizeitintervallen muss dann auch mal was erledigt werden. Da wird man schnell. Und cool. Ich erinnere mich, dass ich, bevor ich säuglingsbedingt funktionalparanoid wurde, früher mal schreckhaft war. Da zuckte ich vor einem herabfallenden Glas zusammen, noch bevor es den Boden erreichte (normal) und musste mich nach dem lautstarken Zersplittern erstmal wieder ein paar Sekunden lang sinnesmäßig berappeln, während mir das Blut in den Schläfen pochte wie ein Technotrack auf Acid (normal auch das). Heute ist das anders: Glas fällt, ich erschrecke (normal), hechte über den Tisch, kriege das Glas drei Zentimeter vor Kontaktaufnahme mit dem Steinboden zu fassen, stelle es wieder hin … und setze die für 1,2 Sekunden unterbrochene Konversation nahtlos fort (während mir das Blut in den Schläfen pocht wie der computergenerierte Synthiebass eines Rolf-Zuckowski-Songs). Und was sagt der Nachwuchs? Er lacht, applaudiert und sagt »Nochmaal«, und weil sich das wie »Normal« anhört, mache ich es natürlich nicht, sondern warte, bis er das nächste Mal wieder irgendwas (fast) herunterwirft. Wenn das mal nicht klappt, bin ich übermüdet (kein Ohropax im Haus gewesen in der vorangegangenen Nacht).

Heute ist mir also klar, dass die Verwandtschaft mich damals nicht mit dem Satz »Pass auf – Vater wird man ganz schnell!« vor unverhoffter lebenslanger Verantwortung in möglicherweise unerwünschter Konstellation gewarnt, sondern mir, dem pathologisch trantütigen Pubertätsopfer, den wohlmeinenden Vorschlag gemacht hat: »Pass auf: Als Vater wird man ganz schnell!« Hätte ich damals auf diese Nasen gehört, wären meine Kinder heute schon aus dem Haus. Und wenn ich so um mich gucke und mein Ohropaxstöpselchen ganz nebenbei nachjustiere wie andere Superhelden auch, bin ich heute überglücklich, dass sie nicht schon aus dem Haus, sondern noch da sind. Weil das mit dem Großwerden ja so schnell geht.

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