Vaterkolumne HANIX No.36

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Die Stadt ist groß genug für uns

Unser Vaterkolumnist stellt sich seiner Verantwortung und macht den Nachwuchs fit für die große Sause

In dem kleinen Kaff, in dem ich großgeworden bin (ein später digitalisiertes Foto des Türrahmens zur damaligen Küche lässt sich auf dem Rechner bequem so hochzoomen, dass mein Höhenzuwachs in jenem zweiten Stock des Sechsfamilienhauses anhand von dokumentarischen Bleiststiftstrichen belegbar wird: von 1 Meter 17 bis 1 Meter 74 – vorläufige Endgröße) war nichts los. Klingt jetzt erst mal unwahrscheinlich. War aber so. Es wurde natürlich gebaut, geboren und gestorben und einen Büchereiausweis hatte ich auch, die machten manchmal kindgerechte Lesenachmittage … aber sonst? Von Sportvereinen mal abgesehen (aus dem Kinderturnen bin ich bald wieder raus, weil die Neunjährigen mich Siebenjährigen von der geliebten Sprossenwand verjagten und ich einen Ball zwar geil weit werfen, aber nicht fangen und dann auch noch Punkte für die Mannschaft erzielen konnte) war für Kinder nichts geboten. Glaubte ich. Ging ich von aus. Das war normal und deshalb auch nicht weiter schlimm. Denn so sind Kinder, sie nehmen das, was vorliegt, als Normalität an – erst wenn sie erkennen, dass es auch anders geht … naja, dann gehen sie aber eh meistens studieren und sind raus aus dem Kaff. Lou Reed hat gedichtet »The only good thing about a small town/You know you want to get out«.

Vaterkolumne HANIX No.36

Aber mein Sohn soll es einmal besser haben als ich. Und dieses eine Mal setzte ich für den Frühling an, damit das Aufknospen und Blühen und Erwärmen (Reihenfolge alphabetisch) seine Entsprechung in dem findet, was ich ihm – bezüglich einer ungeahnt breiten Angebotspalette – als Normalität vorzusetzen plante. Gut, es hatte auch damit zu tun, dass der Kindergarten ebenfalls so eine Aktion im Kalender hatte, ich aber der Institution Kindi nicht die Ehre geben wollte, diese Art Event quasi in den Augen meines Sohnes erfunden zu haben. Und schwierig war das Vorhaben ja nicht: man sagt ja auch, wenn etwas leicht und mühelos machbar ist, »Kinderfasching« dazu.

Im Kindergarten waren die sogenannten »Verkleidungstage« auf Rosenmontag und Faschingsdienstag gesetzt – ich musste also einfach früher dran sein. Wissen ist Macht, und Macht ist Verantwortung. Der entsprechende Termin in der großen Veranstaltungshalle unserer Stadt war Montag nachmittag – das ging also schon mal nicht. Ich klickte mich durchs Internet und wurde fündig: in einem nahegelegenen kleinen Kaff, nicht unähnlich sicher dem, in dem ich großgeworden war, wurde auch so was gegeben. Hatte ich das als Kind verpasst? Oder meine Mutter? Oder war das einfach Fortschritt? Es nannte sich »Kinderfasching in der kleinen Turnhalle, 14-17 Uhr«, und der Eintritt sollte einen Euro fünfzig kosten. Ich versuchte, mich und den Kleinen anzumelden. Ging nicht. »Kommen Sie einfach«, sagte die Frau am Telefon. Und es war Samstag. Das ist jetzt kein Peter-Maffay-Zitat, es war einfach die einzige Chance, dem eigentlichen Faschingstrubel zu Wochenbeginn zuvorzukommen. Also übermorgen.

Kein Kostüm. Verdammt. Zwei Tage vor Fasching, und kein Kostüm. Problem. Man kann einem kleinen Jungen im ersten Kindergartenjahr nämlich nicht mehr vorschreiben, als was er sich verkleiden soll. Ein Vierjähriger ist ein Haushaltsmitglied mit eigenem Willen, ein sozusagen mündiger Bürger in der »kleinsten Keimzelle des Staates«. Also muss man zu anderen Mitteln greifen und sich etwas aussuchen, was es ganz sicher gibt und ihm dann einreden, dass das das Coolste ist, was in der besten aller Welten aufzutreiben wäre. Aber vorsicht: wenn ein Kinderwunsch einmal geäußert ist, kann man nicht mehr zurück oder schräg dran vorbei. Das merken die. Also dürfte ich nie fragen »Als was willst du denn gehen?«, sondern nach stattgefundener Recherche einfach zielgerichtet drauflosmanipulieren. Spiderman ist dieses Jahr die große Nummer, weiß jeder, deshalb will keiner als Spiderman gehen, weil das ja vielleicht alle machen, also liegen die Kostüme sicher wie Blei in den Regalen. Ich will unbedingt vermeiden, dass er sich sowas Simples wie »Cowboy« aussucht, da hat er keinen Spaß dran, weil er all das, was am über ein Jahrhundert lang entstandenen popkulturell verfremdeten und überfrachteten und zwangsvereinfachten Cowboy-Image dranhängt, in seinem Alter noch gar nicht erfassen kann. Für diese Schlussfolgerungen habe ich meinen freien Vormittag geopfert, der endet, als die herrliche Frau, die mich ihr eigen nennt, mit dem Kleinen im Schlepptau durch die Tür nach Hause kommt. Ich presche vor, und folgender Dialog entsteht:

»Hey, wie wär’s, wenn wir übermorgen zum Kinderfasching gehen? Tanz, Musik, Bonbons und Pommes?«

»Hm«, sagt der Kleine eher gelangweilt, »okay.«

Gerade will ich im Sinne der allein und einzig glücklichmachenden Kinderverkleidung weiterreden, da drückt sich Mama mit einer Wortmeldung dazwischen.

»Du brauchst noch ein Kostüm, was willst du denn sein?«

Ich schlage innerlich die Hände über dem Kopf zusammen. Und da kommt es auch schon.

»Cowboy.« Der Kleine sitzt auf dem Boden, zieht sich die Schuhe aus, sieht mich nicht an. Mama gibt mir den Machst-du-bitte-alles-was-damit-zusammenhängt?-Blick. Ich forme mit dem entsetzt aufgerissenen Mund unter hochfrequentem Kopfschütteln die stummen Worte NICHT COWBOY NICHT NEIN COWBOY SPIDERMAN SPIDERMAN SPIDERMAN. Dazu lasse ich aus meinen verzweifelt vorgereckten Handgelenken unsichtbare Klebefäden schießen und tänzle ein bisschen Superhelden-mäßig herum, obwohl ich ja eigentlich weiß, dass längst alles zu spät ist.

Mama versteht und kniet sich zu unserem Sohn: »Der Papa meint Spiderman.«

»Ja okay.«

Wir kommen um kurz nach zwei vor der kleinen Turnhalle an, und ich erkenne beim Betreten des Veranstaltungsraums sofort, dass ich nicht der einzige Spidermanpapa bin. Bei der ersten Tanzrunde, die passenderweise vom Kinderschlager »Und ich flieg, flieg, flieg« untermalt wird, zähle ich unter den ungefähr fünf Dutzend Kindern sieben Spidermännchen in verschiedenen Größen, alle in genau dem Kostüm, das wir gestern nachmittag gekauft haben. Das geplante Eierlaufen »Spiderman gegen Cowboy« wird kurzfristig aus Mangel an Cowboys zum Eierlaufen »Prinzessin gegen Spiderman« umgewidmet, und die Prinzessinnen gewinnen, weil die mit ihrem Zauberstab ausbalancieren können und die Spiderbuben unter ihrer Maske nichts sehen und ständig ineinanderrennen. Ich warte auf den unvermeidlichen Moment, in dem sich ein verheulter kleiner Spidersohn neben mich setzt und den Verlust seiner Einmaligkeit beklagt, und damit mir die Zeit bis dahin nicht so lang wird, hole ich mir ein Stück Kuchen. Beim Weg von der Theke zu unserem Platz werde ich von einer Horde Spiderrüpel umgerannt, und wenn ich mich nicht täusche, ruft der letzte und kleinste von ihnen mir ein »Tschuldigung, Papa« zu. Die Jagd geht den ganzen Kinderfasching über, es bleibt unklar, wen sie jagen, aber da sie mittlerweile zu elft sind, darf wohl angenommen werden, dass sie sich einfach selbst jagen. Ich hole mir einen neuen Kuchen und warte, bis es 17 Uhr wird.

Auf der Rückfahrt schläft der Kleine völlig ausgepowert sofort ein, und ich muss bei dem Kostüm, das man ihm (Androhung von Heulkrampf) auf keinen Fall ausziehen darf, unter die Maske lugen, um sicherzustellen, dass ich nicht den falschen mit nach Hause nehme. Das letzte, was er aus seinem Ganzkörperdress hervormurmelt, als ich ihn immer noch schlafend zuhause ins Bett lege, ist »Spiderman ist super. Du bist der beste Papa der Welt.«

Nächstes Jahr gehen wir wieder. Und ich verkleide mich auch. Als Cowboy. Es ist ein einsames Geschäft, aber einer muss es tun.

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