Titelthema Urlaub daheim im Hanix-Magazin No.42

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Liebe auf den ersten Blick

Reisen in ferne Länder ist aufregend. Die neuen Eindrücke geben uns ein gutes Gefühl. Wir kommen raus aus unserem Alltag, nehmen andere Menschen und eine andere Umgebung wahr. Doch manchmal passiert es, dass sich der Urlaubstraum zu einem Albtraum entwickelt. Es gibt eben viele Gründe, vielleicht doch lieber Urlaub Daheim zu machen. Auf einem Wohnmobilparkplatz in Heilbronn treffen wir Reisende, die uns erzählen, warum sie so gerne nach Heilbronn kommen. Von Maria Sanders, Fotos: Meli Dikta

Samstagmorgen in der Neckarhalde. Kalt ist es. Bestimmt minus zehn Grad. Bis auf ein modernes Wohnmobil und einen älteren Kleintransporter ist der Wohnmobilstellplatz neben dem Freibad wie leergefegt. Verständlich. Denn eigentlich ist ja noch Winter. Im Sommer sieht das hier schon ganz anders aus. Da sind meist alle zwanzig Stellplätze belegt.

Unser Blick schweift von links nach rechts über das helle, mit Tau bedeckte Grün des angrenzenden Wertwiesenparks, weiter über den kleinen Teich, entlang zum Kiosk und bleibt am Fenster eines modernen Campingwagens stehen. Das Fenster hat keinen Vorhang. Dahinter sitzt ein Mann ganz entspannt und mit angelehntem Rücken auf dem Sitz. Er hat noch seinen Pyjama an. Blau mit roten Querstreifen. Seine Augen sind geschlossen. Als würde er sich von den Sonnenstrahlen wärmen lassen, die durch das Fenster scheinen. Glücklich sieht er aus. Das verraten die leicht nach oben gezogenen Mundwinkel. Woher der Reisende wohl kommt, fragen wir uns? Wir klopfen an, die Tür öffnet sich und der Mann lächelt uns verwundert an. »Kann ich Ihnen weiterhelfen?«

»Wir kommen aus Heidelberg«, sagt Michelhans Werner mit äußerst sympathisch-badischem Dialekt. In den vergangenen drei Jahren sind sie zum vierten Mal nach Heilbronn gekommen. Er und Ehefrau Monika. Warum? »Heilbronn hat ein schönes Ambiente. Wir sind gern hier«, sagt der 68-jährige Rentner. »Heidelberg ist uns zu stressig.«

Werner macht einen so zufriedenen Eindruck, dass sich uns die Frage aufdrängt, was bisher das Beste in seinem Leben war. »Meine Frau«, antwortet er ohne Luft zu holen und hält einen Moment lang inne. Wir sehen sie nicht. Michaelhans erzählt offen wie sie sich kennengelernt haben: 1968, auf einem Tanzball. Sie war etwas schüchtern. Er fragte, ob er sie zum Tanzen einladen dürfe. Im Wohnwagen drinnen ist es still. »Es war Liebe auf den ersten Blick«, sagt er dankbar. Seither sind 46 Ehejahre vergangen und neben zwei Kindern vier Ekelkinder entstanden.

»Ich verstehe die meisten Menschen nicht. Warum sie so unglücklich sind«, sagt er. »Wir haben doch alles.« Bemerkenswerte Einstellung, wenngleich auch ihm das Leben seinen Tribut zollte. Nach zwei Herzinfarkten, 19 Operation an seiner Frau und gut 50 Arbeitsjahren »ist es an der Zeit, dass wir uns um uns kümmern.« Die Wohnung haben sie verkauft. Am liebsten wollen sie nur noch »auf Achse sein«. Da biete sich Heilbronn sehr gut an. »Wir können hier drei Tage bleiben, kostenlos«, sagt er begeistert, »Wasser und Strom ist auch da.« Sie sind schnell auf der Autobahn, die sie in alle Richtungen führt. Morgen geht es für das Paar weiter in die Eifel, nach Trier und danach in den Süden gen Bodensee. Was sie mit dem Heilbronner Ambiente meinen, fragen wir noch mal nach: Am Neckar entlang zu laufen und in einem kleinen Café einen Cappuccino zu trinken, das gefalle ihnen sehr. Heilbronn hat schöne Ecken, die müsse man genießen. Ansonsten »sollte man das Leben nehmen, wie es kommt«, sagt er und wendet sich langsam wieder seiner Frau und dem gedeckten Frühstückstisch hinter ihm zu.

Mit seinem Camping-Nachbarn hatte er dieses Mal nicht viel am Hut. Vielleicht, weil er dachte, dass es ein Franzose sei. Darauf ließ zumindest das französische Kennzeichen an dem weißen Ford Transit schließen. Die Fensterscheiben sind abgedunkelt, überall ein paar Macken am Wagen.

Auf dem Wohnmobilstellplatz ist es still. Im Sommer kann es tagsüber aber schon mal lauter werden. Nämlich dann, wenn im Park nebenan die Musiker auf der halb überdachten Bühne ihre Konzerte spielen. Wem das zu wenig ist oder wer doch lieber shoppen will, folgt einfach den Schildern in die Innenstadt. Nach zwei Kilometern und etwa fünfzehn Minuten Fußmarsch ist die City erreicht. Und wer nicht laufen mag, nimmt einfach den Bus.

Im Internet fallen die Stimmen über den Stellplatz positiv aus. »Finde den Platz gut«, schreibt Ralph Schulz-Steding auf Labby’s Blog. Monika Steiger ergänzt: »Etwas bedauerlich, dass die Toilette nicht rund um die Uhr geöffnet ist. Gehört zu einem Kiosk. Der Platz ist ideal.« Eine Stelle, an der man vielleicht noch was machen könnte?

Auf einmal wendet sich unser Blick vom Park ab, wieder hin zum weißen Kleintransporter, als wir das laute Geräusch hören. Ein Mann in Jeans und dicker Jacke öffnet die Schiebetür des Wagens. Dicht an seiner Seite ein Hund. Das Fell grau meliert. Wir lernen Thomas Lüter kennen, einen Heilbronner, den es eher ins Ausland zieht. Das liegt wohl an seiner Geschichte.

Das eingefallene Gesicht, der magere Körper und die weiten, blauen Augen des 60-Jährigen sprechen Bände. »Ich war drogenabhängig«, sagt Lüter, »35 Jahre lang.« Um sich seine Sucht zu finanzieren, dealte er mit Drogen. Dafür kam er damals ins Gefängnis und wurde dort schwer heroinsüchtig. »Im Knast bekommst du alles, was du draußen auch bekommst«. Da ist Einiges schief gelaufen in seinem Leben, das ihn anfällig für die Drogen machte. Wenig Halt in der Kindheit und Jugend. Mittlerweile ist er seit acht Jahren clean und stolz darauf. Dennoch, sein Körper ist ausgezehrt. Regelmäßiges Arbeiten oder länger als vier Stunden in einer Wohnung verweilen kann er nicht mehr. Er lebt draußen auf der Straße von handgemachtem Schmuck, manchmal vom Betteln. Im Wagen seine überschaubaren Habseligkeiten. Thomas Lüter ist mal hier, mal dort. Frankreich, Spanien, Portugal – überall und doch nirgendwo.

Während er erzählt, liegt Hundedame Denise vor ihm. Er hatte sie in Südfrankreich gesehen. »Hab ihr hundert Zecken rausgemacht und ihr gesagt, wenn du magst, kommste mit.« Seither ist sie treu an seiner Seite. Seine wohl engste Vertraute. »Wenns mir nicht gut geht, zwickt sie mich und sagt mir damit: Hey, ich bin auch noch da!«

An die guten, alten Zeiten erinnert sich Lüter trotzdem gerne. Gleich neben dem Wohnmobilparkplatz gibt es die »Neckarhalde«, ein Freibad. »Als Kinder waren wir immer dort«, so Lüter. Und zum ersten Mal sehen wir ihn lächeln, als er uns von damals erzählt.

Auf einen Blick

Wohnmobilstellplatz Neckarhalde
74074 Heilbronn

Hunde erlaubt, Stellplatz kostenlos, 365 Tage geöffnet, Auf drei Tage befristet, 20 Wohnmobilstellplätze, WC vorhanden, keine Dusche , TV-Empfang über DVBT möglich, Strom und Wasser gegen Münzgebühr (0,50 Cent/ 1 Euro), Direkt neben Wertwiesenpark und Freibad »Neckarhalde« , Nahe am Neckarufer, 15 Minuten Fußweg in die Innenstadt

Weitere Infos

Tourist-Information Heilbronn für allgemeine Fragen, Tel. 07131 562270
Stadt Heilbronn für technische Fragen, Tel. 07131 562238
Stellplätze im In- und Ausland: labbys.wordpress.com

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