Die Köppelkolumne Hanix No.43

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Unser Kolumnist hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Glaubt er. Aber er weiß vielleicht was. Glauben andere.
Von Nicolai Köppel, Foto: Ulla Kühnle

Mein Telefon klingelt. Unbekannte Nummer. Ich gehe ran, weil ich neugierig bin und die Gefahr liebe, solange sie nicht direkt vor meiner Nase steht.
»Hallo?« Ich sag doch nicht meinen Namen.
»Guten Tag Herr … Köppel?«
Eine herausfordernde Pause.
»Ja?«, sage ich.
»Polizeirevier Heilbronn-Mitte« (oder so ähnlich, weiß ich nicht mehr), »mein Name ist Worden. Geändert
Worden, aus datenschutztechnischen Gründen, und weil Sie ihn längst vergessen haben, wenn Sie die Kolumne hier schreiben.«
»Aha«, sage ich.
Inspektor Worden fährt fort: »Wir würden Sie gern zu uns aufs Revier bitten, um ein paar Fragen zu beantworten.«
»Woher haben Sie meine Nummer?«, frage ich. Und: Wer ist wir? Aber ich kann es mir bereits denken. Beides.
Ich muss vorher anfangen. Zwei Wochen vorher. Ich laufe mit den Kindern durch die Stadt an einer großen Straße entlang und sehe in einiger Entfernung auf der anderen Straßenseite zwei Männer, die sich gegenseitig nicht in Ruhe lassen und beide keinen Spaß an der Situation haben. Sie sind weit weg, die Kinder kriegen nichts mit. Aber ich gucke, weil ich bin ja neugierig (siehe oben). Auf einmal haut der eine den anderen, sodass der hinfällt und mit dem Hinterkopf unglücklich wo aufschlägt – und liegenbleibt,
als hätte man ihm den Stecker gezogen. Die Kinder haben nichts gesehen, und ich denke, wenn der jetzt nie mehr aufsteht, dann hab ich was gesehen, was man sonst nur im Fernsehen sieht. Dem Mann, der noch steht, ist es jetzt irgendwie arg und er kniet sich zu dem anderen. Ich gehe nicht hin, aber weil auf der anderen Straßenseite sonst keiner ist, nehme ich das Handy raus und rufe einen Krankenwagen, aber bis der kommt, warte ich nicht. Nicht ideal, aber ich wollte mit den Kindern an der Hand nicht über die stark befahrene Straße, um mit ihnen bei den zwei Männern zu warten, von denen vielleicht nur noch einer atmet. Nicht ganz unfeige, nicht ganz in Ordnung. Aber deswegen liegt doch noch lange nichts gegen mich persönlich vor. Oder? Darf eigentlich der ärztliche Notdienst einfach so meine Telefonnummer weitergeben? Das frage ich mich, als ich auf dem Revier warte. Und was die wohl eigentlich von mir wollen?
Es stellt sich raus, so berichtet der mit der Angelegenheit befasste Polizist, dass die beiden Männer, denen es soweit beiden gesundheitlich (wieder) gut geht, unterschiedliche Angaben über den Hergang der Situation machen. Ich soll helfen, aufzuklären. Ich erinnere mich an einen Witz: »Wollen Sie Zeuge Jehovas werden?« »Ich hab doch den Unfall gar nicht gesehen!« Kannten sich die zwei Typen oder kannten sie einander nicht? Dazu machen die beiden unterschiedliche Angaben. Das ist seltsam und irgendwie auch interessant, aber das kann ich auch nicht lösen. Ob ich die beiden wiedererkennen würde? Nein, zu weit weg war das Ganze. Man fragt mich, ich antworte. Jemand schreibt mit. Dann muss der Jemand in den Nebenraum und bringt mir das Mitgeschriebene zum Durchlesen, und ich muss
es unterschreiben, weil es genau das ist, was ich gesagt habe, was nicht viel und auch höchstvermutlich kein sinnvoller Beitrag zur Aufklärung des Ganzen war. Ich hatte die ganze Sache eh schon halb vergessen gehabt – jetzt aber, das war mir klar, würde ich mich daran erinnern. Also frage ich, ob ich denn über den weiteren Verlauf der Sache informiert werde. Man macht mir klar, dass seitens der Polizeibehörde keine klare Vorstellung davon herrscht, wozu es gut sein sollte, mich quasi cc zu setzen. Ich stimme innerlich zu, bin aber eben neugierig (siehe ganz oben und ein bisschen weiter drunter auch noch mal) und weiß, dass
ich das einfach fragen musste. Man bedankt sich, dass ich vorbeigekommen bin. Auf dem Heimweg bin ich mir ziemlich sicher, dass ich am Telefon dem ärztlichen Notdienst meinen Namen nicht gesagt habe. Vielleicht aber doch. Vielleicht aber auch nicht. Nehme mir vor, meine eigene Handynummer mal zu googeln. Nachtrag: Das klappt. Aber zwei Sachen werde ich nie erfahren: Die eine ist: Kannten die sich? Und die andere auch nicht.

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