Die Oliver Maria Schmitt-Kolumne Hanix No.43

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OLIVER UNSER!
Der du dich drehst auf dem Marktplatz: wie Heilbronn mit Buenos Aires gleichziehen kann.

Auch wenn man 11.465 Kilometer von der Heimat entfernt ist – entrinnen kann man ihr nicht. Neulich war ich in Buenos Aires. Im Großraum der argentinischen Hauptstadt wohnen dreizehn Millionen Menschen, nach einer Woche hatte ich mir einen groben Überblick verschafft, wenigstens über die Innenstadt. Verblüffendes Ergebnis: Buenos Aires ist genauso wie Heilbronn!

Die Stadt hat Straßen, Häuser und jede Menge Menschen – und sie ist weder ans IC- noch ans ICE-Netz angeschlossen. Allerdings sind die Straßen mindestens fünf Mal so breit, die Häuser zwanzig Mal so hoch und die Menschen hundert Mal besser gekleidet. Eines Abends saß ich in einer Bodega im Stadtteil Palermo, eine Verkostung argentinischer Rotweine stand an. Die konnte ich mir nicht entgehen lassen, schließlich stamme ich aus dem Zentrum des größten deutschen Rotweingebietes, und wer mit Trollinger groß wurde, dem schmeckt ja jeder Rotwein. Hauptsache kein Trollinger. Der junge Mann, der mir einen sagenhaft würzigen Malbec aus Mendoza nach dem anderen eingoss, erkundigte sich nach meiner Herkunft, und da er nach meinen Antworten »Germany«, »Southern Germany« und »near Heidelberg« immer weiterfragte, sagte ich schließlich mein Geburtsstädtchen auf, worauf sich sein Antlitz weißweinfarben aufhellte. Natürlich kenne er Heilbronn, er habe schließlich einen Teil seiner Weinbautechnikerausbildung an der staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau zu Weinsberg gemacht. Das sei zwar schon ein paar Jahre her, aber er erinnere sich gern an seine Zeit im Unterland. Dann begann er, mir, dem von Buenos Aires und Malbec gleichermaßen berauschten, von Heilbronn vorzuschwärmen. Minuten später diskutierten wir die oftmals stark schwankende Qualität des Presutti-Eises und er empfahl mir zwei Restaurants in der Umgebung, die ich gar nicht kannte. Dass die Neckarstadt mit der Weltmetropole am Rio de la Plata vergleichbar sei, stritt er allerdings ab, schon allein, weil man in Buenos Aires guten Wein zu schätzen wisse, während man in Heilbronn ja Trollinger
trinke. »Außerdem wurde in Buenos Aires eine neue Religion gegründet«, meinte er, da könne Heilbronn ja wohl nicht mithalten. Dann erzählte er von der Iglesia Maradoniana, der »Kirche des Maradona«. Sie
hat schon 40.000 Anhänger, Maradonas Geburtstag, der 30. Oktober, ist höchster Feiertag, seine Autobiographie ist ihre Heilige Schrift, und beim Gottesdienst beten sie das Diego nuestro: »Diego unser, der du bist auf dem Fußballplatz, geheiligt sei deine linke Hand, die uns den Zauber bringt, an deine Tore erinnern werden wir uns im Himmel wie auf Erden…« usw. usf. Da wurde ich sofort neidisch. Warum hat Heilbronn bis jetzt keine eigene Religion hervorgebracht? Mit welcher Heilbronner Sportlerpersönlichkeit könnte man eine Konfession begründen? Mit der Ruder-Weltmeisterin Carina Bär? Nee, noch viel zu jung, zu sympathisch, zu unpeinlich. Vielleicht mit Eberhard Gienger? Als 36-facher Deutscher Meister eine echte Turnerlegende, und als langjähriger CDU-Abgeordneter bringt er fraglos die erforderliche Grundpeinlichkeit mit. Aber der Mann ist gebürtiger Künzelsauer, das braucht natürlich kein Mensch. Und Supertorwart Eike Immel? Der war immerhin mal VfR-Trainer, war als Apostel im RTL-Dschungel und hat zusammen mit Bata Illic die wegweisende Platte »Wie ein Liebeslied« aufgenommen. Hervorragende Peinlichkeitswerte. Leider ist er gebürtiger Hesse, also auch nix. Hmm. Gar nicht so einfach. Nun gut, dann nehmen wir eben den Peinlichsten von allen – mich selbst. Ich bin zwar aus ethischer Überzeugung unsportlich, aber im Taschenbillard oder beim Teebeutelweitwurf könnte ich bestimmt noch was reißen. Außerdem wäre ich ein bescheidener Religionsstifter. Ich wäre schon mit der Aufstellung einer hundert Meter hohen Oliver-Maria-Schmitt-Monumentalstatue in meiner Geburtsstadt zufrieden, einer goldenen Statue, die sich in 24 Stunden einmal um sich selbst dreht, so wie Heilbronn ja auch. Damit zur BUGA-Zeit auch ein paar Leute nach Heilbronn kommen, müsste sie bis spätestens 2019 stehen. Einmal im Jahr würde ich dann persönlich einen großen Gottesdienst zu meinen Ehren auf dem Marktplatz abhalten. Das spirituelle Highlight wird sein, wenn ich feierlich vor aller Augen Wein in Wasser verwandle. Da ich zuvor ein paar Gläser Trollinger getrunken habe, ein Kinderspiel. Ist ja fast kein Unterschied. ◆

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