Die Oliver Maria Schmitt-Kolumne im Hanix-Magazin No.41

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Oliver Maria Schmitt: Heilbronn – A nice place to come from

Arabertorte im Heilbronner Bernsteinzimmer

Bei jeder Reise nach Heilbronn komme ich in eine andere Stadt. Straßen verlaufen plötzlich verkehrtherum, vertraute Verkehrshindernisse fehlen, dafür steht Neues im Weg, und wo vorher alte hässliche Häuser ragten, stehen jetzt neue hässliche Häuser. Das will ich aber nicht! Heilbronn ist meine Heimat, und die steht unter meinem ganz persönlichen Denkmalschutz. Heimat ist ja vor allem eine mentale Konstruktion, ein alter Erinnerungsrucksack, den man ein Leben lang mit sich herumschleppt, und in dem immer alles so bleiben soll, wie es irgendwann mal war. Sonst kommen ja keine Heimatgefühle auf.

Oliver Maria Schmitt

Ich erinnere mich noch genau an den Moment größter Niedergeschlagenheit, als ich unlängst, von der Hafenmarktpassage kommend, hinüber zur Harmonie wollte. Eine gute Stunde lang suchte ich diese kleine, scheußliche Unterführung, die ich als Robert-Mayer-Gymnasiast so oft durchquert hatte. Bis mich ein Passant aufklärte, dass der fragliche Fußgängertunnel unter der Allee schon vor Jahren zugeschüttet worden sei, Stadtbahn und so weiter.

Mindestens viertausend Mal war ich durch diese deprimierende Betonröhre getapert, und kein einziges Mal hatte ich es gerne getan. Obwohl – einmal doch, ein einziges Mal! Das war eines schönen Frühlingstages, ich war in der achten Klasse, als ich dort meine alte Grundschulliebe Andrea Ahnert traf. Nach all den Jahren! Ich hatte sie gleich erkannt, obwohl sie inzwischen noch schöner geworden war. Langes, braunes Haar umspielte ihr ebenmäßiges Antlitz, die braunen Rehaugen funkelten wie geheimnisvolle Gemmen. Wir unterhielten uns kurz und intensiv: „Ich bin jetzt in der Achten.“ – „Ich auch.“ Dann trennten sich unsere Wege und ich habe sie nie wieder gesehen. Doch seit jenem unvergesslichen Tag hatte der triste Tunnel unter der Allee für mich eine besondere Aura. Bei jeder Durchquerung hoffte ich, die Begegnung möge sich wiederholen. Und nun ist nicht nur Andrea verschwunden, sondern auch der Ort meiner letzten Begegnung mit ihr.

Aber ich wollte ja was ganz anderes erzählen, nämlich: Das Romann ist weg! Das älteste Café Heilbronns, ja vielleicht sogar Deutschlands, gegründet 1696! Seit 319 Jahren produzierte die Familie Romann in Heilbronn Kuchen und Torten und das beste Vanilleeis der Stadt, und genauso alt war auch die Inneneinrichtung. Was für ein Verlust! Doch müßig ist es, zu begreinen, dass die Welt sich ändert. »Sterben und geboren werden ist das stete Tun der Erden«, räsonierte schon der Barockdichter Paul Fleming. Café Janssen, Café Käthchen, Café Noller – alle längst perdu, und nun gab eben auch das Romann auf. Wir freuen uns schon auf den nächsten Gourmet-Burger-Brutzler oder Ein-Euro-Ramscher, der die Ladenlücke in der Sülmerstraße glanzlos füllt.

Jammern will ich nicht, aber warnen: Wenn jetzt zu viel verschwindet, wird es irgendwann zu spät sein. Eine der erfolgreichsten Zeitungsserien, die der preisbehangene Stimme-Starjournalist Uwe Jacobi startete, hieß »Die vermissten Ratsprotokolle«. Sie beschäftigte sich mit den Protokollen der Stadtratssitzungen zur Nazizeit. Sie hatten den Krieg wohl überlebt, waren dann aber irgendwann verschwunden, weil mächtige Heilbronner Kreise ein sehr großes Interesse daran hatten, nicht in diesen Protokollen aufzutauchen. Jahre später suchte die ganze Stadt danach, aber nichts war zu finden. Die Ratsprotokolle waren sozusagen das Bernsteinzimmer Heilbronns.

Und nun ist es eben die Harmonie-Unterführung. Zack – weg, über Nacht verschwunden. In ein paar Jahren werden Zeitzeugen sich mühsam erinnern: »Ich glaube, im Sommer 2008 bin ich da ganz normal durchgelatscht. Oder war sie da schon gesperrt?« Andere werden sogar behaupten, die Harmonie-Unterführung habe es nie gegeben und Fotos davon seien in amerikanischen Filmstudios entstanden.

Daher fordere ich: Buddelt diese vermisste Unterführung sofort aus und macht sie wieder passierbar! Und lasst sie uns diesmal ein wenig wohnlicher gestalten! Zum Beispiel könnte Familie Romann dort ja ein Café eröffnen – das erste und gleichzeitig älteste Unterführungscafé Deutschlands. Was für ein Superlativ! Dann könnte ich tagaus, tagein in diesem Café sitzen, die legendäre Romannsche Arabertorte in mich reinstopfen – und darauf warten, dass Andrea Ahnert endlich durch dieses unterirdische und zugleich überirdisch schöne Heilbronner Bernsteinzimmer spaziert.

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