Die Unsichtbaren, oder: Das ABC freier Kulturarbeit

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Mit der neuen Bürgermeisterin AGNES CHRISTNER und der noch neueren Kulturamtsleiterin bahnt sich
in Sachen Freie Kulturarbeit ein Dialog auf Augenhöhe an. Von Leonore Welzin, Fotos: Memo Filiz

Apparat 34 (Austraße), Basementizid, Complex23, das Kreativzentrum Heilbronn (alle Salzstraße), das Popbüro Heilbronn-Franken (Schützenstraße) und last, not least die Zigarre (Achtung-Straße) – freie Kreativ-Initiativen florieren in Heilbronn. Nicht erst seit gestern. Zu den Altvorderen gehört beispielsweise der Distel-Verlag, die DistelLitLounge, das Kaffeehaus Hagen, Le Café-Théatre, das Theaterschiff, der Kulturkeller und auch die Handgewandt, eine jährliche Kunsthandwerkmesse in der Innovationsfabrik. Sie und einzelne Künstler, Autoren, Filmer und Fotografen bereichern und befruchten mit unterschiedlichen Schwerpunkten das Kulturleben am Neckar. Kleiner Schönheitsfehler: die meisten rackern sich fast mittellos ab, sind oft vereinzelt, leiden an Raummangel und drohen im Schatten der etablierten Big Five – den Museen, der Stadtbibliothek, dem Stadt-Archiv, dem Stadt-Theater und dem Württembergischen Kammerorchester – zu verkümmern. Das will Agnes Christner ändern. Ziel der Bürgermeisterin
ist: die freie Kulturszene als wichtiger Teil der Heilbronner Kulturlandschaft besser sichtbar zu machen.

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen des Schul-, Kultur- und Sportamts wolle sie eine Kultur-Konzeption bzw. eine Kultur- Entwicklungsplanung für die Stadt Heilbronn erarbeiten und die Förderrichtlinien entsprechend anpassen. Im ersten Amtsjahr hat die Nachfolgerin von Harry Mergel bereits einige Akteure der freien Kulturarbeit kennengelernt und mit ihnen Gespräche geführt. Dabei seien »durchgängig Themen wie Unterstützung der freien Kulturarbeit, Förderung der Kultur- und Kreativ- Wirtschaft sowie geeignete Veranstaltungsräume erwähnt und diskutiert« worden. Um Genaueres über »die Interessen, Bedürfnisse, den Unterstützungsbedarf und die erforderlichen Rahmenbedingungen« zu erfahren, hat sie im vergangenen Herbst zum ersten runden Tisch geladen.Die sieben Köpfe – Philipp Kionka (Kreativzentrum-Heilbronn /Azubifilm.tv), Nicolai Köppel (Autor), Natalis Lorenz (Künstler), Christian Marten-Molnár (Regisseur), Sandra Miassar (Complex23), Robert Mucha (Hanix) und Daniel Schütt (Popbüro) – haben sich mittlerweile dreimal getroffen, formlos die Interessengemeinschaft der Freien Kulturschaffenden Heilbronn (genannt IG) gegründet und Daniel Schütt zum Schriftführer und
Sprecher gewählt.

Daniel Schütt

Als Leiter des Popbüros Heilbronn-Franken ist Schütt seit Jahren für die Jugendkulturarbeit zuständig. Er hat vielfach Festivals, Wettbewerbe, Poetry-Slams und Ähnliches organisiert. Er weiß bürokratische Hürden zu nehmen, Projekte strukturiert darzustellen und Probleme – sei es Raum-, Material- oder Finanznot, sei es fehlende Expertise oder Manpower – zu lösen. Das Popbüro ist vieles: Anlaufstelle, Beratungsort, Servicestelle und Sprachrohr, habe oft auch Lotsenfunktion. Erfahrungswerte aus der Berufspraxis der Jugendkulturarbeit seien auf die Organisation der freien Kulturarbeit übertragbar. In einer Powerpoint-Präsentation erläutert er beim dritten runden Tisch, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellt, die sich aus der Schnittmenge von »Kultur«, »Wirtschaft« und »Jugend« ergeben.

»Als Experten haben wir ein Ohr an der Szene, das andere an der Stadtverwaltung«, sagt er.Die IG soll einerseits personell schlank bleiben, um handlungsfähig zu sein, andererseits kein geschlossenes System sein, sondern ein Netzwerk, das gut gespannt die kulturellen Aktivitäten in Schwingung versetzt, möglichst so, dass sich auch Einzelkämpfer angesprochen fühlen. »Wenn du als Veranstaltungsort bekannt bist, der offen ist für Programme, wirst du auch von unterschiedlichen Künstlern wahrgenommen und sie kommen auf dich zu«, sagt Sandra Miassar, die das Kulturangebot im Complex23 und damit das Spektrum der Zielgruppen sukzessiv erweitert hat. Deutlich wird beim runden Tisch, dass kreative Ressourcen ein kultureller Roh- und Treibstoff sind, der für die Stadtentwicklung nutzbar gemacht werden kann und
sollte. Vernetzung von Expertenwissen, Aufklärung über und Anwendung dieser Potentiale wären ein Gewinn für beide Seiten. Da sind Übersetzer mit Geduld und betriebswirtschaftlichem Know-how gefragt wie Philipp Kionka, der sich als »Dolmetscher zwischen freier Kultur, Verwaltung und Wirtschaft« sieht. Oder der theatererfahrene Christian Marten-Molnár, der bis vor kurzem eine feste Stelle als Dramaturg am Stadt-Theater hatte, nun als Freier eigene Stücke entwickelt und als Lobbyist für sich und andere Anschubarbeit leisten will, indem er sich »vor den Karren spannen lässt«, wie er bekundet.Noch sind die Gespräche mit der Stadt in der Annäherungsphase. »Wir wissen lange nicht genug über das kulturelle Innenleben der Stadtverwaltung«, gesteht Nicolai Köppel und vermutet dass auch umgekehrt der Gemeinderat und die neue Kulturamtsleiterin Charlotte Mischler (seit Mai im Amt), nicht viel über die Freien Künstler und lokalen Kulturarbeiter wissen. Die 31-Jährige äußerte gegenüber der Heilbronner Stimme »Kulturmanagement ist das, was ich schon immer machen wollte«. Keine schlechte Voraussetzung, um den Austausch weiter voranzutreiben, sodass die Lust der Stadt wächst, die Propheten im eigenen Land, will heißen die freien Kunstschaffenden und Kulturarbeiter, kennenzulernen, das professionelle Potential zu erkennen und anzuerkennen. Dem kulturellen Profil täte es gut.
Man wünscht sich beispielsweise mehr Öffentlichkeit für ein umtriebiges Multitalent wie Nicolai Köppel. Seit zwei Jahrzehnten, in denen er schreibt, singt und filmt, ist der Autor nur im Rahmen der Lesebühne get shorties in die Stadtbibliothek eingeladen worden. Er stellt ernüchtert fest: »Es gibt hier keine Literaturszene im Wortsinn. Die Stadt hätte sicher gern literarisches Renommee, es ist eine Geldfrage, so etwas am Leben zu erhalten. Dass das nicht ohne Ideen, Initiative und natürlich auch Gelder geschieht, weiß die Stadt. Es ist ein Teil zukünftiger Gespräche, gemeinsam zu bestimmen, wer was hat und geben
kann – an Ideen, Initiative, Geld oder geldwerten Dingen. Hier in Heilbronn muss sich das erst entwickeln. Vielleicht ist das mithilfe der angedachten IG-Strukturen möglich.«Klar, dass da Pragmatiker gefragt sind, die vielfach ihr Verhandlungsgeschick bewiesen und gelernt haben mit Totschlagargumenten umzugehen: »Alles schön und gut, aber das ist eine Freiwilligkeitsleistung. Dafür gibt es kein Geld!«, hat Daniel Schütt in der Vergangenheit immer wieder gehört und entgegnet: »Kultur kostet Geld. Nicht etablierte, also freie Kultur kostet freilich auch Geld«. Zu hoffen bleibt, dass, Geld hin oder her, es nicht am Geld scheitert und der Dialog auf Augenhöhe zum Erfolg führt. Sichtbar machen ist das richtige Motto, denn das Potential kann sich sehen lassen. Heilbronn hat eine blühende freie Kulturszene verdient! ◆

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