Gaudiwurm von Plattfuß bis Bierhölle – Die Schmitt-Kolumne

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Alle feiern, nur einer muss reihern. Mit einer wahnwitzigen Wortmeldung hat sich Nico Weinmann quasi aus dem Nichts an die Spitze der regionalen Unbeliebtheitsskala katapultiert. Nun steht der Heilbronner FDP-Lokalpolitiker und Landtagsabgeordnete einsam in der Pole-Position und wundert sich. Nachdem es bereits in der Vorrunde der Fußball-Europameisterschaft zu endlos hupenden Staus in der Heilbronner Innenstadt gekommen war, den sog. »Autokorsos«, nahm Weinmann all seine liberale Kraft zusammen und regte im Stadtrat an, »künftig in der Vorrunde von Fußball-Großereignissen Autokorsos zu verbieten« (Heilbronner Stimme v. 22. 6.). Auf seiner Webseite tritt der gelernte Bankkaufmann zwar mutig ein
für »Vielfalt und selbstbestimmte Lebensentwürfe« – doch wenn die Vielfalt feiert, will er lieber selbst bestimmen, wer das wie genau zu tun hat.

Nun also diese selbstmörderische Initiative! Ausgerechnet in der Autostadt Heilbronn! Ist es doch gerade hier das vornehmste Recht der Enthirnten und Debilen, gemeinsam mit Gleichgesinnten hupend durch die Gegend sich zu stauen. Die zutiefst menschlichen Interessensgebiete Fußball und Autofahren bilden nicht umsonst eine Schnittmenge, die zu 81 Prozent männlich und unterbelichtet ist. Und die Nummernschilder der Beteiligten sind die Visitenkarten der feiernden Creme de la creme: Da böllern, knattern und brüllen Dorftrottel aus Künzelsau, Hinterodenwäldler aus Mosbach und natürlich der gute, alte bodenständige
Bauerntölpel vom Heilbronner Land, da gehen Männerträume in Erfüllung: Nur im nächtlichen Autokorso kann Mann endlich auch nachts entlang der Weinsberger Straße im Stau stehen, im Stop-and-Go-Verkehr an der lokalen Spitzengastronomie von »Plattfuß« bis »Bierhölle« vorbeidefilieren und dabei hupen, feiern und Fahnen schwenken. So gehen die drei Hauptinteressen des mobilisierten White Trashs – Fußball, Autos und Nationalismus – eine vorbildlich fruchtbare Liaison ein.Und das konsequenterweise in der Unterländer Autopartymetropole Nummer eins! Ja, es wird vermutet, dass Heilbronner Männer nur deswegen heiraten, weil sie nach der Zeremonie wild hupend durch die Gegend gurken dürfen.

Außerdem erzählt jeder neue Autokorso die Geschichte einer rundum gelungenen Integration. Denn nicht nur der Deutsche sehnt sich nach einem hupenden Gaudiwurm aus Gleichgesinnten, auch für den Migrationshintergründler ist der Krachmacher-Korso schlichtweg der Himmel mobiler Partyträume. Kaum hatte die HSt Weinmanns Vorstoß auf Facebook gepostet, beteiligten sich gleich Hunderte an der Diskussion: »Die wo es stört einfach mal Ohrenstöpsel kaufen und gut is es«, riet nonchalant ein gewisser Dave, der wo bestimmt keine Stöpsel braucht, während ein Abdul fragte: »Wo bleibt dann der Flair einer EM?« Ein Bahti hingegen buchstabierte mühsam: »Mimimimi, richtige Schnösel hier. Zum weinen gehts in den Keller«, und eine wohl leider tatsächlich so getaufte Jasmin-Nino gab angesichts der für Korsos gesperrten Allee zu bedenken: »Ich wäre für die Hauptstraße. Die soll geöffnet werden. Dafür die
Seitenstraßen gesperrt. Wer in der Stadtmitte bzw. an der Hauptstraße wohnt, kriegt auch immer alles mit. Ob Fest, Feier etc. Gestern war alles gesperrt und die Korso musste durch Wohngebiete. Bildeten extremen Stau und so dauerte es länger wie sonst …« Ach, wer da mitfeiern könnte! Einzig ein gewisser Salvatore macht angesichts Weinmanns Verbotsinitiative einen Vorschlag zur Güte: »Der soll sein Gesicht verbieten lassen.« Mein Vorschlag zur Güte: Natürlich darf in einer Motorcity wie Heilbronn das Feiern in Autokorsos keinesfalls verboten werden, weder in der Schluß-, noch in der Vorrunde einer Meisterschaft. Gerade da ist es ja wichtig, sich schon mal warm zu hupen. Strenggenommen sticht der Autokorso nur deswegen aus der Fülle der anderen Heilbronner Partyereignisse heraus, weil er als hupsignalgestütztes Einzelereignis noch neu, noch ungewohnt ist. Deshalb sollten starre und immobile Festivitäten wie Weindorf und Weihnachtsmarkt ebenfalls auf die Straße verlagert werden. Das wäreeiner Autostadt angemessen und würdig. Und nicht nur Audi wird bestimmt gerne sponsernd beistehen, wenn im Herbst und an Weihnachten Hunderte mobiler Food- und Drinktrucks permanent hupend um die Innenstadt kreisen, vierundzwanzig Stunden am Tag, rund um die Uhr und die Stadt. Die begehrten Fahrerplätze werden natürlich nur an Heilbronner mit Migrationshintergrund vergeben, damit die auch ihren Spaß haben – während die Ur- und Altheilbronner als Fahrgäste in den Wagen mitfahren und feiern. Das ganze Jahr hindurch und bei Welt- und Europameisterschaften sowieso. Momente der Ruhe gäbe es aber natürlich auch – zum Beispiel während wichtiger Fußballspiele. ◆

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