Groundhopper Markus Rössel Hanix No.43

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MARKUS RÖSSEL ist Fernreisender in Sachen Fußball. Weil ihm der heimische Heilbronner
Fußball emotionale Fanfreuden versagte, fand seine Fußballseele in Irland, in Buenos Aires,
bei 1860 München und Celtic Glasgow und in Sandhausen eine Heimat. Aber auch spontane
Auswärtsfahrten nach Frankfurt, zum Elsassderby Straßburg gegen Colmar oder zum FC St.
Pauli, um den Weltpokalsieger zu besiegen, gehören seit mehr als 20 Jahren zu den Fußballrouten
des Heilbronners. Warum er so ballverliebt ist, erzählt er hier.
Text und Foto Markus Rössel

Versteckt in der unteren Ecke meines Kleiderschrankes steht ein alter, abgewetzter Schuh-Karton. Der ursprüngliche Inhalt: das magische »Superstar«-Modell einer geläufigen Herzogenauracher Schuhfabrik. Dieser einfache Pappkarton, der vor vielen Jahren meinen ganzen Stolz behütete, dient nun schon seit zwei Jahrzehnten als Aufenthaltsort einer unsortierten Masse ganz persönlicher Erinnerungen. Seit mehr als 20 Jahren ist diese Schachtel die finale Heimat meiner Fußball-Eintrittskarten. Siege, Niederlagen und Unentschieden finden sich hier wieder. Massenhaft Emotionen und Begegnungen, die ich, alleine oder mit Freunden, in der ganzen Welt erfahren durfte. Das Innere dieser anmutigen Schachtel ermöglicht Stoff für zahllose Geschichten. Schon früh in meiner Jugend musste ich erkennen, dass professioneller
Fußball mit mehr als 1000 zahlenden Zuschauern nicht in meiner geliebten Heimatstadt gespielt wird. Beim samstäglichen Studium der »Sportschau« drängte sich mir bereits im Kindesalter die augenscheinliche Frage auf: Warum schafft es kein heimischer Verein in eine TV-taugliche Liga? Nachforschungen dieser Art trugen nur beschränkt zur positiven Stimmung meines Vaters bei.
Noch heute kann ich seine Ausführungen zu dieser Thematik sorglos unter der Abteilung »Galgenhumor« in unseren Diskussionen einsortieren. Denn nicht nur die fortwährende Nutzlosigkeit seines geliebten Heimatvereines, die glanzvolle Union aus Böckingen, reizte seine Sinne, sondern eine grundlegende Geringschätzung des vermeintlichen fußballerischen Aushängeschildes unserer Stadt – des Vereins für Rasensport. Mein Zukunftsglaube in eine unmittelbare Genesung dieses Zustandes wurde über all die Jahre beständig und zuverlässig bitter enttäuscht. Nicht nur meine pubertären Ausflüchte, sondern auch der Sportteil der heimischen Tageszeitung waren Auslöser der ersten grauen Haare auf dem Kopf meines Vaters. Wiederkehrendes Kopfschütteln und höhnisches Gelächter wollten seine fortwährende Enttäuschung über die Situation bei schwarz-weiß, rot-weiß sowie den anderen Vereinen der Käthchenstadt nicht tarnen. Und so ging es mir wie all den anderen Fußballfans aus meiner Heimat: Von der anhaltenden Nutzlosigkeit der beheimateten Vereine getrieben, musste ich meine Stadt verlassen, um ansehnlichen Ballsport zu sehen zu bekommen. Vor dem Stuttgarter Neckarstadion war es dann endlich so weit. Ende der Achtziger Jahre hielt ich dort meine erste Eintrittskarte in den Händen. Der Gegner des VfB an diesem heißen Samstagnachmittag war Borussia Dortmund. Seite an Seite mit meinem Vater nahm ich auf den betagten Holzbänken der Gegengerade Platz. Hingerissen vom Gesamtkunstwerk Fußball war das eigentliche Spiel nur Nebensache. Die durchdringenden Gesänge der Fans, stürmische Fahnen, laute Trommeln gepaart mit fettiger Stadionwurst kreierten für mich einen bizarren und zugleich faszinierenden Mikrokosmos. Im Kern das Spiel, als Fundament all dieser eigentümlichen und nachdrücklichen Emotionen. Bereits auf dem Heimweg erkundigte ich mich nach der nächsten Reise. Es sollten viele weitere Partien folgen. Beim Blick in meinen kleinen Karton finden sich hauptsächlich Karten mit der Aufschrift »TSV München von 1860«. Nicht genug gebeutelt vom heimischen Fußball verliebte ich mich früh in den blau-weißen Arbeiterverein von Giesings Höhen. Es wird behauptet, man suche sich seinen Verein nicht aus, er findet einen. Als meine Löwen 1994 als erste deutsche Mannschaft den direkten Durchmarsch von der dritten in die erste Liga schafften, konnte ich mein Glück nicht fassen. Mit dem Gewinn des DFB-Hallen-Pokals 1996 wurde zudem der unsagbare Traum vom Europapokal Wirklichkeit. Es folgten 10 Spielzeiten in der Bundesliga sowie einige sagenhafte Auftritte in Europa. Mein bester Freund, ein St.Pauli Anhänger, und ich verbrachten unsere Wochenenden mit dem »Tramper Ticket«, um unseren Vereinen durch Deutschland zu folgen.

Ohne Internet ließen die beschwerlichen und langen Reisen mit Regional-Bahnen viel Zeit für die Lektüre der neuesten fachspezifischen Magazine und Fanzines aus dem In- und Ausland. Informationsgewinnung war nicht einfach und so dienten gut sortierte
Bahnhofskiosks, unabhängige Fanshops oder befreundete Fans aus anderen Städten als wertvoller Ausgangspunkt für unsere Ausflugs-Konzeptionen. Als wegweisende Quelle diente uns lange der »Groundhopping Informer«, eine Art Register aller Vereine Europas mit Anschriften und Kontaktdaten. Leidenschaftlich machten wir uns auf in andere Länder um noch mehr Spiele zu besuchen. Die Anziehungskraft des Fremden war gewaltig und noch heute werden Urlaube nicht selten nach dem Spielplan der jeweiligen regionalen Ligen angepasst. Das Innere meines Schuhkartons wuchs unaufhörlich. Die Begeisterung für den schottischen Traditionsverein Celtic F.C. aus Glasgow motivierte uns zum ersten Irland-Urlaub. Celtics Wurzeln liegen auf der grünen Insel. Gegründet von irischen Mönchen in Schottland beherbergt das Eiland im Norden Europas seit jeher massenhaft Fans der sogenannten »Bhoys«. Sofort verliebte ich mich in Land und Leute und entschloss mich Jahre später meinen Lebensmittelpunkt nach Dublin zu verlegen. Dort wurde ich Zeuge eines Fußball-Märchens. Enttäuscht und frustriert von der kommerziellen Entwicklung in vielen deutschen und europäischen Stadien war der bescheidene irische Fußball eine Wohltat. Die Shamrock Rovers aus Dublins Arbeiterviertel Tallaght überzeugten mich schnell. Von dubiosen Investoren zugrunde gewirtschaftet befand sich der Verein am Boden, als die Fans der »Hoops« Verantwortung übernahmen. Mein erstes Spiel verfolgte ich im treibenden Schnee-Regen neben einem lehmigen Dorfsportplatz – wohlgemerkt in der zweiten irischen Liga. Spieler und Fans wuchsen zusammen und so dauerte es nur wenige Spielzeiten bis zur Meisterschaft. Es folgten beispiellose Reisen nach Belgrad, Kazan, Saloniki und ein unfassbares Spiel bei den Tottenham Hotspurs. Nach fast fünf Jahren in Irland erfüllte ich mir einen Traum und zog weiter in die Fußball Welthauptstadt Buenos Aires. In keinem anderen Land der Erde wird Fußball so achtbar und konsequent geschätzt wie in Argentinien. Die Stimmung in den sagenhaften Stadien von River Plate, San Lorenzo, Independiente, Racing oder Boca Juniors hielten meinen hohen Erwartungen Stand. Ich zog weiter durch Südamerika und erlebte in allen durchreisten Ländern imposante Spiele und Fans. Höchstwahrscheinlich der beste Weg Land und Leute wahrhaftig kennenzulernen.
Zurück in Heilbronn wuchs der Inhalt meiner Kiste um ein vielfaches. Wieder in meiner alten Heimat angekommen waren die ersten Stadionbesuche eine Qual. Heimspiele meines Lieblingsvereines in der unbeachteten Allianz Arena waren seit jeher eine moralische Schranke. Desillusionierenden 1860-Auswärtsspielen folgte Enttäuschung. Die kommerzielle Entwicklung drängte mich weg von Sitzplätzen, teuren Eintrittskarten und Pre-Paid Zahlsystemen. Doch auf den Stadion-Besuch verzichten konnte und wollte ich nicht. Durch einen Freund fand ich den Weg nach Sandhausen. Trotz inexistenter Stimmung konnte mich der Besuch im Hardtwald Stadion umstimmen. Seitdem pendeln meine Freunde und ich regelmäßig Richtung Heidelberg. Eine liebenswert kämpfende Mannschaft gepaart mit einem bodenständigen Verein überzeugen und bezaubern. Es gibt sie also doch noch, die kleine Fußball-Oase. Zumindest kurz vor den Toren meiner Heimatstadt – achtbar, aufrecht und ansehnlich. In den letzten Spielzeiten sind neben Karten diverser Spiele im Ausland viele weitere Tickets des SV Sandhausen in meiner zwischenzeitlich überwuchernden Box gelandet. Doch es finden sich noch immer keine Karten von
Heilbronner Vereinen in meiner Box. Jammerschade. ◆

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