Interview Katrin Lehr (viel-unterwegs.de) im Hanix-Magazin No.42

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»Ich habe keinen Wecker mehr«

Katrin Lehr hat ihren gutbezahlten Bürojob gekündigt, um sich voll und ganz ihrem Hobby, dem Reisen zu widmen, was mittlerweile zu ihrem Beruf geworden ist. Wir sprachen mit der erfolgreichen Reisebloggerin über Gorillas, Fernweh und die Tourismusregion Heilbronner Land.

Hanix: Katrin, du hast deinen sicheren Agenturjob aufgegeben, um als Reisebloggerin die Welt zu bereisen. Wieso der Verzicht auf Sicherheit?

Katrin Lehr: Eigentlich hatte ich nie vor, zu kündigen und nur von meinem Blog zu leben. Aber als ich letztes Jahr von meiner Tadschikistan-Reise zurückgekehrt war, konnte mich nicht mehr mit den Problemen der Kunden identifizieren. Mein Fernweh wurde von Reise zu Reise immer größer, bis ich den Punkt erreicht und mir gesagt habe: zur Hölle mit der Sicherheit! Als Grafikerin und Online-Marketing-Spezialistin kann ich sowieso von überall auf der Welt aus arbeiten.

Hanix: Wie viele Reisen hast du in letzter Zeit unternommen?

Katrin Lehr: Die letzten beiden Jahre waren exzessiv. Es waren über 30 Reisen, darunter allerdings viele Kurztrips, da ich nur 30 Tage Urlaub im Jahr hatte.

Hanix: Über diese Reisen berichtest du in deinem Blog »Viel unterwegs«. Was können Reiseenthusiasten darauf finden, und was nicht?

Katrin Lehr: Auf dem Blog findet man jede Menge Berichte über meine vergangenen Reisen der letzten vier Jahre. Hauptsächlich Texte über individuelle Roadtrips oder meine Rucksackreisen. Ich gebe Infos zu Reiseruten, denn bei nur zwei bis drei Wochen Urlaub im Jahr möchte man schließlich so viel wie möglich sehen. Ich schreibe über die Highlights; aber auch die Lowlights, die mich enttäuscht haben, kommen nicht zu kurz. Dabei sind das immer persönliche Eindrücke, garniert mit kleinen Tipps.

Hanix: Wie viele Besucher hat dein Blog?

Katrin Lehr: Seit Januar habe ich über 100.000 Besucher beziehungsweise Leser im Monat. Für einen deutschen Blog ist das eine gute Zahl. Da bin ich stolz drauf!

Hanix: Wie sieht dein Alltag aus? Ständig im Netz, um nach neuen Zielen zu suchen? Wie viel Zeit verbringst du tatsächlich mit dem Reisen? Organisation und Nachbereitung nehmen viel Zeit in Anspruch …

Katrin Lehr: Es gibt keinen Alltag mehr für mich. Es gibt nur noch reisen oder zu Hause sein. Bin ich zu Hause, stehe ich wie jeder andere auch morgens auf, allerdings habe ich keinen Wecker mehr. Dann beantworte ich Mails oder schreibe an meinen Artikeln und bearbeite Fotos. Ein Tag zu Hause nimmt also auch immer mindestens acht bis zehn Stunden in Anspruch.

Hanix: Klingt ja gar nicht so entspannt …

Katrin Lehr: Dafür nehme ich mir diese Zeit auf meinen Reisen. In Tadschikistan hatten wir für fünf Tage weder Internet noch Handyempfang. Im ersten Moment ein Schock, aber dann lernt man schnell, komplett abzuschalten und das Internet auf einer Reise zwar nice to have, aber kein Must-have ist.

Hanix: Zu deiner Arbeit gehört auch der Besuch von Reisemessen.

Katrin Lehr: Jetzt sind die Messen ein Business für mich, die ich dazu nutze, mein Netzwerk zu pflegen. Dazu gehört, sich mit anderen Bloggern zu treffen, den Austausch mit Destination- und PR-Agenturen zu pflegen um über mögliche Kooperationen zu sprechen, oder bei den Messeständen anderer Länder nach interessanten Zielen Ausschau zu halten. Dabei checke ich, ob und was für ein Marketing-Budget die Länder haben und ob eine Kooperation möglich ist. Für die nächsten zwei Jahre habe ich so eine lange Liste mit Reisezielen aufgestellt, die ich Schritt für Schritt abarbeite. Messen bieten eine einzigartige Möglichkeit, Informationen über meine Ziele einzuholen, über die es oftmals kaum gute Reiseführer gibt.

Hanix: Du suchst nicht gerade Luxusresorts als Unterkünfte bei deinen Reisen auf und bereist durchaus exotische Länder, die der Ottonormalreisende nicht als Fernziele in der Top 10 hat.

Katrin Lehr: Ich bin mit vielen anderen Reisenden in Kontakt, und wenn ich auf Facebook zehn Mal einen Bericht über ein Land lese, verliert es für mich seinen Reiz. Ich bin auf der Suche nach etwas Neuem. Meine Ziele müssen mich interessieren und kulturell sowie landschaftlich etwas zu bieten haben. In Uganda und Ruanda waren das zum Beispiel die Gorillas, die ich unbedingt in freier Wildbahn sehen wollte, solang es sie noch gibt. Bei der Recherche habe ich festgestellt, dass es dort noch viel mehr zu entdecken gibt. Und so ergibt es sich dann, dass aus einer Reise ein vierwöchiger Roadtrip wird.

Hanix: Welche Reisen sind dir am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben?

Katrin Lehr: Von meinen letzten Reisen war es die nach Uganda und Ruanda. Landschaftlich der Wahnsinn. Dort haben mich diese uns völlig fremden Kulturen und die unglaubliche Gastfreundschaft beeindruckt. Die Einwohner dort wissen genau so wenig über uns, wie wir über sie, da es dort so wenig Tourismus gibt. Am meisten beeindruckt haben mich die Stunden, die ich mit Gorillas verbringen durfte. Das war unbeschreiblich.

Hanix: Was macht einen perfekten Trip für dich aus?

Katrin Lehr: Der perfekte Reisepartner, mit dem ich mich verstehen muss. Ich will meine Erlebnisse mit jemandem teilen können. Außerdem brauche ich ein gutes Buch, gute Musik und natürlich eine Kamera. In Uganda hatten wir oftmals keinen Radioempfang und für solche Fälle, in denen man stundenlang auf üblen Pisten unterwegs ist, ist gute Musik ein Muss.

Hanix: Und mit wem reist du?

Katrin Lehr: Das ist unterschiedlich, ich habe keinen festen Reisepartner, da ich deutlich mehr als 30 Tage im Jahr unterwegs bin. Mal sind es Familienmitglieder, mal Freunde oder andere Blogger. Wichtig ist, dass mein Partner genau so große Lust auf das Land hat wie ich.

Hanix: Wir nehmen an, dass Fernweh ein ziemlich stark ausgeprägtes Gefühl bei dir ist.

Katrin Lehr: Nach etwa zwei bis drei Wochen zuhause kommt diese innere Unruhe und ich fange an zu planen. Auf den Reisen freue ich mich auch auf zu Hause, die Familie und die Freunde. Ich bin glücklich in Heilbronn und froh, nah am Wald zu wohnen, aber auch sofort in der Stadt sein zu können.

Hanix: Und umgekehrt: Wie schnell kommt bei dir Heimweh auf?

Katrin Lehr: Heimweh kenne ich nicht. In der heutigen Zeit kann man relativ einfach Hallo zu Bekannten sagen und muss dafür nicht nach Hause fliegen. Natürlich habe ich nach zwei, drei Wochen Lust auf ordentlichen Kaffee oder gutes Brot, aber das sind kleine Dinge, die nicht ins Gewicht fallen.

Hanix: Schon mal Urlaub hier in der Region gemacht?

Katrin Lehr: Klar. Sei es aus Geldmangel oder weil ich aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Ferne reisen konnte. Ich kann hier gut Urlaub machen.

Hanix: Welche Spots und Ausflüge kannst du hier in der Stadt oder im Umland empfehlen?

Katrin Lehr: Heilbronn und die Region haben sehr viel mehr zu bieten, als die meisten Leute denken. Ich mache gerne Fahrradtouren; von Heilbronn kann man wunderbar zur Heuchelberger- oder der Greifenwarte fahren. Auch das Fünfmühlental ist immer einen Besuch wert, ebenso Burg Stettenfels, der Breitenauer See oder die Löwensteiner Berge. Hier gibt es viel zu entdecken!

Hanix: Heilbronn und das Heilbronner Land wollen in Zukunft auch im Tourismus aufholen und sich als attraktive Reiseregion positionieren. Wie siehst du als fernreisende Heilbronnerin die Chancen, dass es gelingt und die Stadt in Zukunft mehr touristische Übernachtungen zählen kann?

Katrin Lehr: Wenn die Stadt zeigt, was sie zu bieten hat und alle an einem Strang ziehen, kann ich mir gut vorstellen, dass es vorangehen wird. Andere deutsche Städte sind hier viel aktiver, was Eigenmarketing angeht. Schließlich ist die Stadt durch den Bildungscampus und die Studenten gewachsen und lebendiger geworden. Ich wünsche mir das für Heilbronn, denn die Lage ist super und die Stadt wird unterschätzt.

Hanix: Wie beschreibst du auf deinen Auslandsreisen deine Heimatstadt und -region, wenn dich Menschen danach fragen?

Katrin Lehr: Lustigerweise kannten viele die Stadt und waren schon mal hier, zum Beispiel in verschiedenen Museen. Ich beschreibe Heilbronn immer als zentral gelegene Stadt zwischen den großen Städten Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe und Heidelberg. Ein Ort mit Autobahnanschluss und perfekter Lage am Neckar in den wunderschönen Weinbergen. Ich finde es traumhaft hier.

Hanix: Gucken wir in die Zukunft: Was steht für »Viel unterwegs« 2016 an?

Katrin Lehr: Ich konzentriere mich voll auf meine Selbstständigkeit. Ich werde nach Kapstadt fliegen, danach die Reisemesse in Berlin besuchen und im Anschluss ab nach Kanada zum Snowboarden. Soll ich noch weitererzählen? (lacht)

Hanix: Klar!

Katrin Lehr: Wenn es zeitlich klappt fliege ich danach nach Uganda, um unser Wasserprojekt vor Ort zu unterstützen (Anm. d. Red.: Katrin hat mit Freunden Geld für einen Brunnen gesammelt). Eventuell steht eine Reise nach Honduras und Panama auf dem Plan; im Sommer ist Island an der Reihe, eines meiner Traumziele. Danach werde ich überlegen, ob ich den Winter in Australien oder Neuseeland verbringe oder mich wieder nach Lateinamerika begebe. Mein großes Ziel ist, einen vierwöchigen Spanischkurs zu machen, um die Sprache endlich fließend sprechen zu können. Dazwischen unternehme ich den ein oder anderen Kurztrip in Europa.

Hanix: Wie sieht es mit der Antarktis oder Spitzbergen aus?

Katrin Lehr: Das steht auf jeden Fall auf dem Plan. Eine Freundin war zuletzt in der Antarktis und hat tolle Bilder mitgebracht, dass ich dort auch hin möchte. Mir würde allerdings der Kontakt zu den Einheimischen fehlen, da man doch die meiste Zeit auf einem Schiff gemeinsam mit anderen Touristen ist.

Hanix: Was ist dein absolutes Traumziel und wo möchtest du überhaupt nicht hin?

Katrin Lehr: Mich interessiert alles und ich möchte die ganze Welt sehen. Dass ich also irgendwo überhaupt nicht hin möchte, gibt es nicht. Mein größter Wunsch ist es, Afghanistan zu besuchen. Die unglaubliche Landschaft am Hindukusch hat es mir angetan.

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