Köppel Kolumne im Hanix-Magazin No.41

direkt zum Hanix-Magazin No.41

Mutprobe

Nicolai Köppel findet Heilbronn eigentlich nicht allzu gruselig. Aber er macht auch mal eine Ausnahme.

Nicolai Köppel

Ruft mich mein Kumpel T. an. Ihm ist langweilig. Das finde ich spannend. Eben war mir nämlich auch noch langweilig gewesen, aber dann rief ja mein Kumpel T. an und zack war’s vorbei mit der Langeweile. Ich schlage Kumpel T. vor, er solle sich doch von jemandem anrufen lassen, das hilft gegen Langeweile, weiß ich aus eigener Erfahrung. Er sagt, nein, lieber was unternehmen. Und ich so: okay. Wo fahren wir hin? Nirgendwohin, sagt er, von dir aus können wir laufen. Da Kumpel T. ursprünglich aus Lauffen kommt, verstehe ich ihn falsch und sage, das sei mir zu weit, und was wir denn da wollen könnten – einfach irgendwohin und dort das mitgebrachte Bier trinken, dafür bin ich zu erwachsen, und es ist zu kalt draußen und ich hab meinen letzten Sechserträger neulich am Wartberg vergessen. Da sagt Kumpel T: Lerchenberg, und ich denke an die ZDF-Serie, die von einem ehemaligen Kommilitonen von mir mitgeschrieben wird und sage, weil mir das Bild von Roberto Blanco, das der Kommilitone neulich in dem Zusammenhang gepostet hat, in den Kopf kommt: „Ein bisschen Spaß muss sein“, und Kumpel T. sagt „Genau“, und wir verabreden uns für den frühen Nachmittag bei mir. Und dann realisiere ich nach dem Auflegen, dass ich keine Ahnung habe, was hier vorgeht, und dass Kumpel T. auch keine Ahnung haben kann, was ich jetzt denke. Das sind hervorragende Voraussetzungen, finde ich, denn jetzt ist uns beiden nicht mehr langweilig.

Von mir aus kann man laufen. Wir parken in der Nähe des hinteren Friedhofseingangs und stehen unvermutet bald auf Schienen. Dicke Stahlschwellen mit Walzzeichen von 1925 bis 1933 in einem Abstand, der es uns unmöglich macht, nicht auch mal mit dem Schuh in nassem Laub zu versinken. Das ist aber unbequem. So kommt man in eine stolpernde Schrittfolge und eine komische Stimmung: will der Tunnel, dessen Eingang sich da am Ende der sichtbaren Scheinen abzeichnet, gar nicht betreten werden? Sollten wir uns gewarnt fühlen? Der Lerchenbergtunnel ist als Teil der Bottwartalbahn seit 1966 nicht mehr mit Personenverkehr befahren worden, Rübenbahn hat man die Strecke genannt, wegen der Zuckerfabrik in Heilbronn, Entenmörder hieß sie auch, weil … naja, weil es den zahlreichen Enten am Gleisrand nicht so gut bekam, wenn man über sie drüberfuhr.

Gruselig. Nicht die Enten oder der Gedanke an 378 poltergeistige Entenseelen, die keine Ruhe finden und irgendwie rachsüchtig drauf sind, sondern die gesprayte Schrift in der Nähe des Tunneleingangs „Death inside“, über deren angebliche Existenz mich Kumpel T. jetzt aufklärt. Knappe 400 Meter, eine leichte Rechtskurve, was bedeutet, dass man eine Weile lang komplett im Dunkeln steht. Aber Kumpel T. hat eine Taschenlampe dabei. Nur eine. Wir betreten den Tunnel. Alle 50 Meter eine Nische, in der theoretisch jemand stehen könnte, ein Wahnsinniger, ein Übeltäter, ein Mordbube oder ein (man will ja das gender mainstreaming auch mitmachen) vielleicht eine Furie. Die Schwellen sind jetzt aus Holz. Hier drin regnet es ja nie. Es tropft nur von der Decke. Nachdem ich Kumpel T. mehrmals auf Kleinigkeiten hingewiesen habe, die sein Taschenlampenkegel erfasst, verbietet er mir, Sätze mit „Achtung“, „Vorsicht“ oder „Oh mein Gott“ zu beginnen. Hat er auch Angst? Ich habe Angst, ihn zu fragen. Wo war nochmal „Death inside“? Sind wir schon vorbei? Sollen wir zurückgehen und gucken? Nützt das jetzt noch was?

Es hallt hier drin. Ein bisschen klingt es wie der immer mit reichlich predelay ausgestattete John Lennon, wenn man hier singt. Tontechniker könnten das erklären oder zumindest erklären, dass das so nicht stimmt. Auf einmal, wir sind in der Mitte des Tunnels und sehen kein Licht mehr, als Kumpel T. die Taschenlampe ausknipst, um diesen seltenen Moment natürlicher Stockfinsternis zu genießen – hören wir Stimmen! Kinderstimmen! Es ist wie bei Stephen Kings es, dem großen Horrorjugendroman, wenn der böse Clown Pennywise einen der Protagonisten in die Kanalisation zu locken versucht. Da giggeln auch Kinderstimmen im Hintergrund Wir sind viele hier, komm doch zu uns … Kumpel T. hat das Buch nicht gelesen und ist fein raus. Ich habe das Buch gelesen und bin wieder mittendrin. Wenn jetzt ein Luftballon angeschwebt kommt, kriege ich einen Schreikrampf. Da! Schon wieder eine Nische! Aber weil man auf dem ständigen Holzschwelle-Steine-Holzschwelle-Steine-Zeug nicht gut stehenbleiben kann, gehen wir weiter, und siehe da: da kommt der Ausgang in Sicht, und da sind drei Jungs, die irgendwie spielen oder so was. Wieder Stephen King, aber eher so Stand-by-me-mäßig, mit Baumhausbau und … Leichen in der Nähe von Eisenbahnschienen! Dass ich aber auch keine besseren Assoziationen hinkriege.

Als wir raus sind (die Jungs grüßen uns höflich und ignorieren uns dann, sie hauen lieber mit einem beinlangen Ast auf ein verbeultes Hofbräu-Fässchen ein und wirken zufrieden), wird uns klar, dass wir an diesem Ende nicht herausklettern können. Zu matschig, zu steil und außerdem brombeerig zugewuchert. Wir müssen also zurück. Sechs Nischen, John-Lennon-Kinderlachen im Hintergrund, es tropft von der Decke, man stolpert die ganze Zeit, das ist ja witzig – und schon sind wir wieder am Friedhofseingang. Beim nächsten Mal nehmen wir jemanden mit, der hier noch nie war. Aber kein Bier, dafür sind wir zu erwachsen. Glühwein wäre ganz gut. Ein bisschen Spaß muss sein.

This message is only visible to admins.

Problem displaying Facebook posts.
Click to show error

Error: Server configuration issue