Köppels Kolumne Hanix No.44

Unser Kolumnist muss nachts raus und hört was.
Von Nicolai Köppel, Foto: Ulla Kühnle

THIS IS NOT A LOFSONGÜR

Heilbronn hat zweitausend Einwohner weniger als Reykjavík. Der durchschnittliche Heilbronner Sommer ist sechs Grad wärmer als einer in Reykjavík, wo dafür im Jahr ca. drei Zentimeter mehr Regen niedergehen. Steht im Internet. Nach dem Angucken des EM-Gruppenspiels Island-Portugal hatte ich all das im Kopf, als ich gegen elf Uhr nachts zur Hunderunde aufbrach. Es regnete nicht. Vielleicht regnete es gerade in Reykjavík. Ich habe niemanden, den ich fragen kann. Und um elf Uhr nachts begegnet man im tiefen Heilbronner Osten auch niemandem, der das weiß. Man begegnet eigentlich normalerweise gar niemandem mehr. Knapp hinter dem Gartentor fing der Hund an zu schnüffeln, ich blieb stehen und wartete. Der Hund weiß ja nicht, dass man bloß seinetwegen draußen ist und ihn logischerweise sein Ding machen lässt, der hält mich für einen netten Menschen, weil ich mich nicht einmische und blöde Fragen stelle. Während ich so dastehe, höre ich was. Da kommt einer. Und er singt. Man hört ja, ob da einer auf seiner Heilbronn-Ost-Terrasse beim Singen quasi unbeweglich steht (obwohl die Terrassen gerade in Heilbronn-Ost ganz schön groß sein können) oder ob sich der Sänger bewegt, also läuft. Ich weiß nicht, warum man das hört, aber man hört es. Muss was Archaisches sein, irgendein Jagd-Ding. Der Gesang kam näher, nicht grölig, nur so etwa Zimmerlautstärke und ganz sauber gesungen, schätzungsweise eine große Terz höher als die zugrundeliegende Sprechstimme. Ich war bzw. blieb beruhigt stehen. Da machte einer sein Ding, und da ich einige meiner sozialen Fähigkeiten auf Hund gelernt habe, ließ ich ihn machen. Der Sänger – inzwischen sah ich ihn auch in einiger Entfernung näherkommen – war noch gut hundert Meter von mir, als ich merkte, woran mich seine Art zu singen erinnerte. Wer noch Poltergeist II im Gedächtnis hat, erinnert sich bestimmt an den vom glatzköpfigen Julian Beck gespielten, ausgemergelten irren Sektenführer, der im schwarzen Anzug an einem Zaun entlang geht und dabei im Zimmerlautstärke »Er bringt uns alle in seinen heiligen Garten« singt. So klang das jetzt auch hier, mitten im Heilbronner Osten. Inzwischen war ich schon etwas unberuhigter, immerhin froh, einen Hund dabei zu haben und noch kurz hinter dem eigenen Gartentor zu stehen. So weit, so creepy. Aber was sang der Mann? Seinem Gang nach zu urteilen war er jünger als ich, er trug keinen schwarzen Anzug und hatte Haare. Sicher also was aus den Charts. Oder hatte er einen Musikgeschmack, gar einen, den ich ansatzweise teilte oder gar vollrohr? Kam da einmir persönlich noch nicht bekannter Instant-Kumpel anstrawanzt? Ich glaube ja an Zufälle und an Vorsehung gleichzeitig, da hat man die besten Chancen, »keine Ahnung« zu sagen und sich dabei sicher zu fühlen bzw. abzuwarten. Der Sänger kam immer näher,ich hörte längst, dass es immer dieselbe Melodie war, die er unablässig wiederholte. Trug er Ohrstöpsel und sang einen hochrepetitiven Refrain mit? Solche Musikrätsel mag ich ja voll. Es war immer nur dieser Takt: die G-Dur-Tonleiter in vier Tönen abwärts. Fünf Noten, eine punktierte Viertel, eine Achtel, dann ein Bogen aus zwei Achteln, schließlich die letzte Viertel. Die punktierte Viertel ein G, die letzte Viertel ein D, dazwischen die drei Achtel in der G-Dur-Tonleiter runter. Kennt man sofort. Vor allem, wenn der Text dazukommt: »Blüh im Glanze«, aber das war nicht alleine, was der Typ sang, er sang immer abwechselnd »Blüh im Glanze« und »dieses Glückes«, aber die Melodie war dieselbe. Was ja falsch ist, das muss ja beim zweiten Text tiefer sein, sonst alles gleich, nur eben tiefer. So ging er an mir vorbei. Kurz überlegte ich, was ich wohl mit der Einmischung »Stopp! Ein guter deutscher Junge singt seine Hymne korrekt!« erreicht hätte, und an der richtigen Antwort merkte ich, warum ich so einen Quatsch natürlich nicht gesagt hatte: Ein Gespräch bekommt man da nämlich. Dabei war es gar kein Deutschlandspiel- Abend, das für viele unbefriedigende 0:0 gegen Polen war erst zwei Tage später. Vielleicht, so dachte ich auf der folgenden Hunderunde, handelte es sich bei dem Sänger um einen Isländer, der mit seinem 1:1 gegen Portugal ganz zufrieden war und der deswegen irgendwas halbwegs Staatstragendes singen musste. Im Internet steht nun aber, dass die isländische Nationalhymne »Lofsongür« in ihrer Choralhaftigkeit einen so weiten Tonumfang hat, dass sie stimmlich nicht jeder hinkriegt, und dass es zur Feierlichkeit der Hymne beiträgt, dass sie aus diesem Grund nicht, Zitat, »im Alltag zersungen « werden kann. Finde ich beispielhaft nett von dem unbekannten Isländer, dass er auf dieser historischen Grundlage auch einer geliehenen Hymne solch pflegliche Schonung angedeihen lässt. Oder es war ganz anders. Müsste man in der Wiederholung und aus anderen Kamerawinkeln nochmal gucken und natürlich hören. Er verschwand Richtung Südviertel. Da hat um die Zeit noch was offen. Obwohl: In Reykjavík ist es immer genau so spät oder früh wie in Heilbronn. PS: Irre: Mein Kumpel D. aus B. berichtet mir, dass die Melodie der deutschen Nationalhymne in Island tatsächlich als Trinklied verwendet wird. ◆

Facebook Posts

This message is only visible to admins.

Problem displaying Facebook posts.
Click to show error

Error: Server configuration issue