Köppels Kolumne im Hanix-Magazin No.42

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Zwergenaufstand

Von Nicolai Köppel Foto: Ulla Kühnle

Der Blick meiner Frau ist kalt. Ich lasse mir nichts anmerken. Gute Strategie. Ich habe keine Ahnung, was sie will – und Frauen beziehen immer alles auf sich.

Sie sagt: »Ich hätte dir so einen schlechten Geschmack nie zugetraut.«

Verdammt, denke ich, sie hat beim Putzen diese meine eine Eros-Ramazzotti-CD gefunden, in dritter Reihe, hinter den Pornos. Das nenne ich mal ordentlich geputzt. Ich höre mich schon sagen ›Glaub mir, ich bewahr die nur auf, für einen Freund, einen geistig behinderten Freund‹ … Aber ich höre sie auch sagen ›Welcher von denen allen?‹, und so halte ich meinen Mund. Aber nicht lange. Meine Kinnlade senkt sich, als meine Frau hinter ihrem Rücken etwas hervorzieht und mir entgegenhält.

»Was macht das da in unserem Garten?«

Es ist ein Gartenzwerg. Kein altmodisch zufriedener mit Schaufel und Tabakspfeife, der auf einem Pilz sitzt und sich darüber freut, auch keiner von diesen Gänsefüßchen-ironischen, die sich mit dem gleichen pilzfreumäßigen Gesichtsausdruck gerade einen runterholen oder mit einem Messer im Rücken einfach nur rumliegen. Ha ha ha. Nein. Es ist der scheußlichste Gartenzwerg aller Zeiten. Der, der zufrieden auf einem Holzstumpf sitzt und liest. Der ist schlimm. So schlimm, wenn er eine Eros-Ramazzotti-Biographie läse, würde es das noch nicht Mal schlimmer machen.

»Keine Ahnung, wo der herkommt«, sage ich wahrheitsgemäß. »Den hat uns einfach jemand in den Garten gestellt.«

Sie glaubt mir nicht. Ich hole aus. Soll heißen, ich verspreche, den Übeltäter büßen zu lassen. Der kriegt Besuch vom Dreschebär. Der sammelt mit gebrochenen Händen seine Zähne auf und schwimmt dann im eigenen Blut nach Hause. Meine Freundin ist beeindruckt. Oder befremdet. Aber sie packt ihre Koffer. Ich gehe und verstecke die Eros-Ramazzotti-CD noch ein bisschen besser. Falls sie wiederkommt.

Wenige Stunden später komme ich allerdings wirklich drauf, wer hinter dem Lesezwerg stecken muss. Es kann nur Jonas gewesen sein. Na warte, Bürschchen. Ein schrecklicher Plan keimt in mir. Schon am nächsten Tag sehe ich Jonas von Weitem an der Bushaltestelle. Er telefoniert. Ich schleiche mich hinter ihn. Jonas spricht eine halbe Oktave höher als sonst. Das heißt, er telefoniert mit seiner Freundin. Ich stelle mich dicht hinter ihn und sage anderthalb Oktaven höher als sonst:

»Komm zurück ins Bett, mir ist kalt.«

In diesem Moment kommt der Bus lärmend eingefahren und ich ducke mich nach hinten weg. Jonas sieht sich verwirrt um, aber nach unten sieht er nicht. Er hat mich nicht bemerkt. Am Abend ruft er mich an. Seine Freundin hat mit ihm Schluss gemacht. Oh ja, denke ich, und das war nur der Anfang. Meine Rache wird fürchterlich. Beide unvermutet solo geworden, mache ich (sehr naheliegend) eine WG mit meinem alten Kumpel Jonas auf und – jetzt kommt’s – dort spüle ich dann nie ab! Haha!

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