Kunst Hanix No.43

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Der Fotograf SAM SHAW in der KUNSTHALLE VOGELMANN
Wer kennt es nicht, das Foto von Marilyn Monroe, die mit wehendem Rock auf einem U-Bahn-Schacht steht. Es ist die bekannteste Aufnahme, die je von der Schauspielerin gemacht wurde und gleichzeitig eine Ikone der Hollywoodfotografie der 1950er-Jahre. Der Fotograf war Sam Shaw, (1912–1999) dessen Werk nun im Rahmen einer umfassenden Ausstellung entdeckt werden kann. Text: Dr. Bernhard Stumpfhaus

Unsere Klassik das sind die 1950er und 60er Jahre zweifellos. Schon allein dieses Büstenporträt von Marlon Brando könnte im 5. Jahrhundert v. Chr. gemacht worden sein: ebenmäßig, symmetrisch, großflächige Gesichtsformen, melancholisch gesenkter Blick, Verwundungen an der Goodman über Fred Astaire, Clark Gable, Sophia Loreen, Alfred Hitchcock, Woody Allen bis hin zu Debbie Harry; am häufigsten natürlich Marilyn Monroe. Die fotografischen Gelegenheiten verschaffte ihm vor allem seine Karriere als Filmproduzent. 1961 startete er sie mit Martin Ritts ›Paris Blues‹. Das Besondere an diesem Film war, dass er gemischte Liebesbeziehungen beiderlei Hautfarben zeigte. Es folgten Filme vor allem von John Cassavetes etwa ›A Woman under the Influence‹ (1974) oder ›Opening Night‹ (1977). Da Shaw auch als Filmproduzent vor allem Fotograf war, kümmerte er sich um die Filmstills und organisierte die Werbekampagnen seiner Produktionen. Vor allem gelang es ihm, das Genre der Fotografie am Set zu etablieren. Es ist ein Genre von seltsamer Anmutung, zeigt es doch die Stars im Grenzbereich
zwischen Person und Film-Charakter. Es sind diese Lichtbilder von Schauspielern außerhalb des Befehls »and … Action!«, innerhalb eines Fotos zum Film, die uns einerseits die Differenz vergessen lassen, ob wir beispielsweise Fred Astaire als Fred Astaire oder als seinen Filmcharakter Dick Avery (Funny Face, 1957) sehen, andererseits aber uns die Personen im Spiegelkabinett von Foto und Film als Menschen unendlich weit entrücken. Aber nicht nur in diesem Vexierspiel der Medien hat es Sam Shaw zur vorbildlichen Meisterschaft gebracht. Er war auch aufmerksamer Chronist der gesellschaftspolitischen Bewegungen seiner Zeit. Erste Berühmtheit erwarb er sich durch seine Dokumentation How America lives in den 1940er Jahren. Dazu gehört jener Weltkriegssoldat, der den minderjährigen Brüdern sein Gewehr zeigt, ein
Bild großer Ambivalenz, welches ein großes, historisches Geschehen auf einen familiären Moment herunterbricht (Great Smokey Mountains, 1944). Oder er dokumentiert den großen Friedensmarsch in New York City, 1967, in dem, so zeigen es die Fotos, nicht nur gegen den Vietnamkrieg protestiert wird, sondern auch für die Gleichberechtigung der Hautfarben. Auch hier spielen Kinder eine große Rolle als unschuldige Vermittler großer Botschaften. Interessant ist der Vergleich seiner journalistischen Fotodokumentationen und seiner Filmstills. Auch hier zeigt sich sein großer Instinkt für mediale Vermittlung: Es ist prinzipiell kein Unterschied festzustellen, ob Sam Shaw eine Szene aus einem Film oder aus dem ›wahren Leben‹ ablichtet. Folgt man seinen Bildern, so ist das Leben ein Film, ein Film das Leben. Schulter: Achill in der Schlacht vor den Toren Trojas. Marlon Brando ist der Achill, nicht Brad Pitt, sorry. Das liegt aber weniger im direkten Vergleich der Schauspielerkörper; das liegt daran, dass Letzterer eben keinen Sam Shaw als Fotografen an seiner Seite hat. Doch ein Klassiker ist nicht ein Klassiker, weil er Klassisches zitiert. Sam Shaw hat selbst Klassiker hervorgebracht, so etwa einer der Ikonen schlechthin: Marilyn im wehenden Rock. Ich zumindest hatte nur Marilyn in Erinnerung, dunkel noch die Männer dahinter, wie sie belustigt ihr auf die Beine schauen.Nicht jedoch, dass ihre Absätze eigentlich sehr klein sind und es ein Wunder ist, dass sie nicht in den Löchern des Abluftgitters umknickt. Vor allem aber hatte ich die beiden hockenden Fotografen übersehen, die hinter ihr ein Foto von ihrem Hintern machen können – oder ein Bild vom Fotografen, wie er gerade fotografiert. Dieses Bild ist ein Muster an Medientheorie, wie sie uns heute noch beschäftigt, wenn Fotografien gemacht werden von Journalisten, die aus einem bestimmten Blickwinkel ein Ereignis fotografieren, von der Herablassung des männlichen Blicks, von der Inszenierung einer Frau als leuchtendem Engel der Straße mit unsicherem Stand. Jedenfalls hat dieses Bild mehr zu diesen Themen zu bieten als die aktuelle Diskussion über leichtbekleidete Frauen auf Plakaten im öffentlichen Raum. Das Lichtbild ist von 1954! Sam Shaw ist ein Klassiker, weil er
mit seinen Fotografien – wirkungsvoll publiziert als Cover der angesagtesten Magazine seiner Zeit: Look und Live – mitverantwortlich ist für unseren Eindruck der amerikanischen Nachkriegsära, für die jedes Jahrzehnt mit ‚golden‘ gewürdigt wird. Sam Shaw hatte die großen Namen des Showbusiness vor der Linse, von Benny unter dem Titel ›Sam Shaw. Hollywood ungeschminkt‹ in der Kunsthalle Vogelmann vom 18.06. bis 25.09.2016 einen umfassenden Überblick über sein Lebenswerk. Es wird eine Menge zu entdecken geben, Intermediales, Fotografisches, Ikonisches und natürlich zum Schwärmen: Marilyn! ◆

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