Kunst im Hanix-Magazin No.41

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Artists Special

Vorweg
Fast jeder stellt bei der Lektüre eines Ausstellungskataloges oder während einer Führung etwa im Museum die Frage: „Hat der Künstler das auch so gesagt?“ Leider wird mit dieser Frage nicht erklärt, was man sich von den Worten eines Künstlers bei der Betrachtung seiner Arbeiten erhofft: Etwa einen Hinweis darauf, wie man Bilder in Worte oder Worte in Bilder übersetzen kann? Vielleicht vermutet man in der namentlich und physisch gegebenen Einheit des Künstlers auch eine Einheit von Sprechen und künstlerischer Tätigkeit? Weil ein Mensch ein Werk schafft, hat er auch ein Wort dafür? Und wenn dem so wäre, woher wüssten wir, dass das Wort eben so aussieht, wie der Künstler seine Arbeit gestaltet? Wahrscheinlichen müssten wir einen solchen Transfer von Wort zu Bild und umgekehrt lernen wie die Vokabeln einer fremden Sprache.
Um hier einmal nachzuforschen, hat HANIX zwei Maler aus der Region besucht. Was teilt ein Künstler von seinem Werk so mit, was wäre in seiner Arbeit zu sehen und was dazu sagen?

Der Maler und Plastiker Nathan Richardson
Begegnet man dem heute bald 60jährigen Nathan Richardson, so steht man einem Mann gegenüber, der bereits 100 Leben gelebt und drei eigene Häuser mit den eigenen Händen gebaut hat. Sein jetziges ist „definitely my last one“. Richardson lebt seit 1994 in Lauffen, wo auch sein Haus steht, in der diesseits des Neckars gelegenen Altstadt direkt am Flußufer. Geboren ist er in Pontiac, Michigan nahe Detroit, unweit der kanadischen Grenze, einer mittleren Stadt, die von General Motors abhängig ist. Seine Kindheit ist so ziemlich anders geprägt als die der hiesigen Jugend. Schon als 13jähriger war er mit dem Gewehr auf der Jagd „to get us some food“. Seine Mutter liebte es übrigens, indianische Motive mit großem Talent in Öl zu malen. Auch war sie eine ambitionierte Schriftstellerin. Während seines vierjährigen Militärdienstes bei der Amerikanischen Kriegsmarine ging Richardson gleichzeitig einem Kunststudium u.a. am Oakland C. College, am Brooklyn College nach. Bis jetzt fühlt er sich maritimen Themen herzlich verpflichtet. Überhaupt gilt sein engagiertes Interesse seiner alten Heimat Amerika auch noch nach über 20 Jahren hier in Deutschland. Ich glaube, von den sechs Stunden Dauer unseres Gesprächs haben wir über die Hälfte mit Debatten über die aktuelle politische Weltsituation und die Rolle Amerikas darin verbracht. Und ich kann sagen, eine solche Diskussion mit Richardson ist Kampf im besten Sinne des Wortes. Ein gutes Argument ist nicht billig zu haben. Dabei geht Richardson strategisch vor wie ein erfahrener General, der seinen Feldzug genau plant: Die Entgegnungen kommen nicht nur aus der Breite des aktuellen Geschehens, sie werden zudem aus der Tiefe von Raum und Zeit unterstützt. Die Wucht seiner argumentativen Salven speist sich dabei nicht allein aus seinem enormen geschichtlichen Wissen, sondern auch aus seinem unglaublich kraftvollen Temperament. Es gibt kaum eine Erklärung, die Richardson nicht bereits kennt und mit den entsprechenden Mitteln zu beantworten weiß. Diese Gespräche sind zweifellos kein Small Talk. Hier geht es um etwas. Ein Individuum, so Richardson, das verantwortlicher Teil einer demokratischen Gesellschaft und nicht bloß von den Zeitläuften hinweggespült sein will, muss umfassend informiert sein und ständig seine Urteilskraft schärfen; das hätte ihm schon sein Vater gelehrt. Die Diskussionen mit Richardson sind sparrings, keine Wettkämpfe, denn es geht nicht um den Sieg, sondern darum, die eigenen politischen Fähigkeiten wie die des Gegners zu verbessern.
Natürlich sprachen wir auch über Kunst, über seinen jüngsten Wechsel von der in Deutschland begonnenen Acryl- nun zurück zur Ölmalerei. Ein Maler, auch ein abstrakter, müsse sich, so Richardson, in den alten Techniken auskennen, müsse gegenständlich malen können, wissen, wie Licht und Schatten zu verteilen sind. Hände seien wegen der vielen Verkürzungen schwer zu malen. Und man erkenne einen guten Maler daran, wie die Hände gestaltet seien. Er stehe morgens sehr früh auf, um an seinen Bildern zu malen. Er müsse malen, wisse aber nicht warum. Er wisse nur: Wenn er nicht malen würde, würde er depressiv. Wichtig sei für sein Arbeiten, in den ‚groove‘ zu kommen; eine schwere Aufgabe, je älter man werde.
Auf meine Frage, wie sich denn nun sein politisches Temperament und seine gewiefte Rhetorik in seinen tonigen Arbeiten, von ihm oft ‚novels‘ genannt, abbilde, ging er wortlos in das Lager seines ‚studios‘ und holte ein kleinformatiges Bild hervor: „Actually, that’s me!“ Ob er damit die ganze Komposition meine oder den Mann im Hintergrund, von dem man nicht wisse, ob er komme oder gehe, ließ er offen. Es sei nicht die Aufgabe, über seine Werke zu sprechen. Er male sie. Wer die Arbeiten und den Künstler live erleben möchte, ist dazu am 10.01.2016, ab 17.00 im hiesigen Künstlerbund eingeladen.

Der Maler und Performer Udo Großklaus

Großklaus hat sein Atelier in Bad Rappenau. Es ist ein riesiger Raum innerhalb einer ausgemusterten Fabrik für Bademoden. Das ist praktisch, denn hier haben auch andere Künstler und Holzdesigner ihre Werkstatt. Man hilft und unterstützt sich gegenseitig. Bevor Großklaus 2009 nach Heilbronn kam, lebte er in Maulburg bei Basel. Er stammt aus der Gegend des südlichen Schwarzwald, aus Schopfheim, unweit von Schönau, woher Joachim Löw stammt. Vielleicht mag diese Nähe erklären, warum Udo Großklaus ein solcher Fußballfan ist. Es ist ungemein lehrreich und inspirierend sich auch als Nichtkenner der Materie mit ihm über diesen Sport zu unterhalten. Fußball ist für Großklaus weniger Starkult, mehr ein ästhetisches Ereignis; wobei die Ästhetik nicht allein aus schönen Pässen und Torschüssen besteht, sondern in der interaktiven Gesamtanlage des Spiels, den Strategien der Trainer, die für Großklaus nicht nur für das Spiel selbst entschieden werden, sondern sich auch aus der Tiefe von Sportlerschicksal, Medienkritik und Vereinsgeschichte ergeben. Mit Großklaus Übertragungen im Fernsehen zu sehen ist auf humorvolle Weise lebendig und wirklich. Ähnlich verhält es sich auch mit den anderen großen Themen von Großklaus, der Politik, der zwischenmenschlichen Beziehung. Dabei verlaufen die Gespräche meist weniger über Argumente als viel mehr schillernd assoziativ von Pointe zu Pointe, auf das Gegenüber reagierend; das Gespräch als aphoristische Übung aus dem Handgelenk, ein interaktiver Tanz mit dem Partner. Die Anschaulichkeit seiner Vergleiche und Äußerungen ist zweifellos seiner ausgiebigen Belesenheit geschuldet. Übrigens schreibt er selbst auch kleine Gedichte. #In diesen Bereich das Bild: Ein bisschen Reden#
Udo Großklaus wurde 1962 als Sohn eines Schäfers geboren und hat als Bub selbst Schafe gehütet; eine für sein künstlerisches Schaffen motivgebende Erfahrung. „Eigentlich erzähle ich Geschichten von Schafen und anderen Menschen“, so eine Äußerung des Künstlers. Vor der endgültigen Entscheidung zur Kunst stehen die Ausbildungen zum Maschinenschlosser, Betonbauer. Vor allem letzterer Beruf ist ihm bis heute in vielerlei Hinsicht nützlich und mag vielleicht eine Erklärung bieten für die oft sandig-poröse Oberfläche seiner Bilder. Einem künstlerisch-philosophischen Jahr in der Anthroposophen-Hochburg Goetheanum in Dornach schließt sich ein Studium der Malerei u.a. an der Assenza-Kunstschule Münchenstein bei Basel an. Dort unterrichtet er mittlerweile selbst als Dozent.
Als Maler bewegt er sich, will man diese Bezeichnungen aus dem Kalten Krieg denn unbedingt beibehalten, zwischen Figürlichkeit und Abstraktion. Er fertigt seine Farben und Substanzen selbst aus Pigmenten, aus Harz- und Dispersionsbinder, vermischt zuweilen mit Acryl und – je nach Bedarf – auch mit Sand, glitzerndem Staub oder anderen Effektträgern. Am Liebsten malt er Landschaften oder Frauen, oder beides in einem. Oder er widmet sich den Beziehungen von Mann und Frau in all ihren Facetten. Zwar sind seine Malereien abgeschlossene Werke, die man fertig an die Wand hängen kann, doch eigentlich geht es ihm eher um den Gestaltungsprozess selbst, um eine elegante Linienführung aus der Hand, um die flüssig-fließende Gestaltung von Flächen. Zentral für diesen Vorgang sei das Reagieren auf das, was schon da sei. Die Hemmung vieler Künstler vor dem weißen Malgrund ist deshalb für Großklaus weniger eine Angst, als vielmehr das Fehlen von etwas, auf das man antworten könne. So malt Großklaus auch gern mit anderen zusammen, etwa bei seinen Malperformances zu den Vernissagen seiner Ausstellungen. Übrigens will der Künstler seine Eröffnungen in Zukunft selbst einleiten, allerdings nicht mit einer Rede, sondern mit einer Predigt: Kunst sei doch recht eigentlich eine Religion und die Künstler seien ihre Priester. Seine Arbeiten sind noch bis 21.01.2016 in der Galerie der VHS-Neckarsulm (neben der Ballei) zu sehen.

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