Lutz Hübner: Dann gehen sie ein Stück und denken “oh shit”

Der in den Theaterspielzeiten 2011/2012 sowie 2013/14 meistgespielte lebende Autor auf deutschen Bühnen kommt aus Heilbronn. LUTZ HÜBNERS Stücke sind in über ein Dutzend Sprachen übersetzt worden und werden auf der ganzen Welt aufgeführt. 2016 erhielt er den Preis der Autoren. Aus der Begründung der Jury: »Das Theater von Lutz Hübner ist zeitgenössisch, lebendig und relevant. In seinen klug recherchierten Stücken greift Hübner Themen der Zeit auf und macht sie über Genre- und Altersgrenzen hinweg für ein breites Publikum erfahrbar.« Nicolai Köppel hat Lutz Hübner anlässlich der Kinder- und Jugendliteraturtage in seine Heimatstadt eingeladen und ihn beim Kaffeetrinken für uns ausgefragt.
Von Nicolai Köppel, Polaroids: Ulla Kühnle

Hanix: Lutz, wie hast du zu deiner Zeit in Heilbronn – du hast bis 1983 hier gelebt und deine gesamte Jugend hier verbracht – eine freie Kunst- und Kreativszene wahrgenommen? Gab es da was, wo du gesagt hättest: ›Das ist wild, das ist frech, das ist frei, die machen, was sie wollen – und es ist Kunst‹?
Lutz Hübner: Also, erinnern kann ich mich am ehesten an den Jufi-Filmclub – also was jetzt Kommunales Kino ist. Das war das Fenster nach draußen, wo man Filme gesehen hat, die man sonst nicht zu sehen bekam. Weiter den Jazzclub Cave, den es ja wohl immer noch gibt. Da ist man mal hingegangen. Relativ spät auch Theater, also Stadttheater, das war in der Alten Kelter. So direkt mit einer Kunst- und Kulturszene hatte ich gar nicht so viel zu tun. Es war ja eher so, dass das eine Jugend im Weinsberger Tal war. Man war also eher so Landfreak. Man ist ab und zu mal nach Heilbronn gefahren, hat sich amüsiert. Kunst haben wir hier nicht wahrgenommen. Das war nicht der Schwerpunkt. Man ist für sowas eher nach Heidelberg oder Stuttgart gefahren, für Konzerte oder wenn man mal einen draufmachen wollte. Deswegen weiß ich nicht, wie viel hier los war. Ich war ein eifriger Büchereibesucher, die war damals im Deutschhof. Da hab ich mich orientiert.
Bist du an deinen Wirkungsorten ein Teil der freien Szene, oder siehst du dich anders?
Als Autor kann man das nicht definieren. Natürlich arbeite ich für Institutionen (als Hausautor in Dresden am Staatstheater und in Bochum am Schauspielhaus) und bin Teil der staatlichen Theater. Dadurch, dass Stücke von mir in der freien Szene gespielt werden – wie jetzt in Hagen ein Projekt mit zwanzig Jugendlichen aus zwölf Nationen, oder in Paris letztes Jahr hab ich ein Projekt in der Banlieue gemacht – sowas ist nicht immer gleich ›freie Szene‹, aber es ist auf jeden Fall abseits der Institutionen. Ich versuche, zwischen beidem unterwegs zu sein und die Freiheiten und Sicherheiten zu nutzen, die die Institutionen geben – und dort zu experimentieren, wo es interessant ist.
Wie wichtig ist die freie Kulturszene für die Lebensqualität in einer Stadt?
Extrem wichtig, das ist der Humus, aus dem alles kommt. Es ist für die Institutionen im sehr positiven Sinn eine Provokation. Ohne solche Kontrapunkte läuft eine Institution immer Gefahr, behäbig
zu werden. Eine freie Szene, die Impulse gibt, die auch mal widerständig Räume besetzt, die eine Institution nicht besetzen kann, das wirkt sich extrem fruchtbar aus, und zwar für alle.
Verfolgst du die Entwicklung in Heilbronn? Berichtet man dir von Heilbronn?
Da ich keinen Kontakt habe zu Leuten, die in Heilbronn wohnen, krieg ich da eigentlich nichts mit. Wenn ich nicht in einer Stadt arbeite, bekomme ich auch wenig mit von der Stadt. Ich bin – von einem Kurzbesuch letztes Jahr abgesehen – nach zehn, wenn nicht fünfzehn Jahren zum ersten Mal wieder länger
hier. Also für ein paar Tage.

Und wie fühlst du dich?
Ich hab den besten Tag erwischt, den man erwischen kann – es ist sonnigund warm, und ich erkenne einige Ecken wieder. Fühlt sich gut an.
Du hast seit 1994 fast vierzig Stücke geschrieben. Wie findest du noch Themen für neue Stücke?
Man entwickelt mit der Zeit so eine Art Schleppnetz. Man spricht mit Leuten, manchmal kommen die auch direkt und sagen: ›Ich hab da eine Geschichte, die muss ich dir erzählen!‹ – wenn man Zeitung, Bücher liest und merkt, jetzt beschäftigen sich alle mit dem oder dem Thema. Ohne dass man auf die Suche
geht, man kriegt Antennen. Wenn einen was nach einer Woche noch interessiert oder gar empört, setzt man sich hin und versucht, herauszubekommen, warum das so ist und kreist das Thema ein.

Kommst du durch zwischenmenschliche Themen auf gesellschaftliche Zusammenhänge oder machst du das eher umgekehrt?
Man kann es einfach nicht trennen. Wenn ein Thema virulent ist, greift das ineinander.

Du bist erfolgreich geworden – aber das wusstest du nicht, als du ’83 von Heilbronn weg bist. Gehört Glück genauso zum Erfolg wie gute Arbeit? Und in welcher Zusammensetzung hast du das erlebt?
Es ist wichtig, im richtigen Moment die richtigen Leute zu treffen. Ich hatte irgendwie immer die richtigen
Anregungen von außen, Leute, die mir sagten ›Geh mal da oder dahin, mach da weiter‹ oder auch mal ›Hör damit auf‹. Man sucht halb-bewusst auch die Leute, die einem helfen können. Das ist dann kein Glück, diese Suchbewegung ist Teil der Arbeit. Dass man sie dann tatsächlich findet, das ist Glück.

Welche Autoren bewunderst du?
Schwierig. Das wechselt. Die Heiligen Drei, sowas hab ich nicht. Für mich als Theaterautor ist Brecht in seiner Bosheit, seiner Lakonie und seinem Anarchismus prägend gewesen. Über Tschechow und Shakespeare muss man gar nicht reden. Von den modernen Autoren war Tabori sehr wichtig, weil ich bei
ihm begriffen habe, dass man ein Thema umso leichter angehen muss, je schwerer es ist. Wenn die Oberfläche heiter ist – und darunter ist der Abgrund! Das beherrschte er meisterhaft.

Wie hat sich die deutsche Theaterszene verändert, seit du ein Teil von ihr bist?
In den 90ern haben sich Dramaturgen Stücke neuer deutscher Autoren gegenseitig zugeschickt mit dem Vermerk ›Destroy after reading‹. Deutsche Stücke galten als unverdaulich, als zu schwer, als etwas, das man höchstens in einem Studio- Theater verkloppen kann, wo man es dem frustrierten Assistenten zum Inszenieren gibt. Es gab keine Lobby für neue Stücke. Dann kam durch die Brit-Plays, also Ravenhill und später Sarah Kane, ein Sinneswandel. Die Leute sahen, man kann mit neuen Stücken Erfolg haben und ein Publikum für sich entdecken. Im Windschatten dieser Brit-Plays haben deutsche Autoren sich eine Nische geschaffen und ausgebaut. Heute hat keiner mehr ein Problem damit, wenn auf der großen Bühne ein lebender deutscher Autor läuft. Im Großen und Ganzen ist das eine positive Entwicklung, aber der
Markt überhitzt auch schon manchmal und man hat zu viel Neues und es wird zu wenig von dem nachgespielt, was sich eigentlich schon durchgesetzt hat. Aber das ist – verglichen damit, dass man keine Chance hat, überhaupt gespielt zu werden – das schönere Problem.

Und wann kommt der Roman?
Der kommt, wenn ich merke, ich hab ein so hochinteressantes Thema und ich kriege es ums Verrecken nicht in ein Theaterstück. Oder wenn ich den Bogen für etwas einfach so groß erzählen muss, dass es auf der Bühne zu lange dauern würde. Momentan gibt es das Thema aber nicht. Und ich habe eine Art Automatismus entwickelt: Bei mir wird alles zu Dialog und nicht zu Prosa.

Hat es die Kultur schwerer, wenn es allen gut geht?
Eine berüchtigte Frage. Heiner Müller sagte: ›Zeiten der Diktatur sind gute Zeiten für das Theater‹ – aber man darf nicht hoffen, dass bald ein Riesenproblem kommt, nur, damit die Theater wieder relevanter werden. Es geht sowieso nie allen gut. Es gibt immer tektonische Verschiebungen, einen Kältestrom,
der durch die Gesellschaft fließt. Und weil ich nicht versuche, die große Römertragödie zu schreiben, sondern im Alltag anfange, finde ich immer genügend Verdrängtes, Tabuisiertes, was man zur Diskussion stellen kann. Ich brauche keine großen Katastrophen. Es gibt immer die Sehnsucht, bestimmte Sachen
auf der Bühne verhandelt zu sehen. Der günstigste Fall ist ja der, dass alle sagen: ›Alles in Ordnung‹, und dann gehen sie in ein Stück und denken ›Oh shit‹. ◆

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