Martin Wörner Hanix No.43

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Der VfR Heilbronn ist ein erloschener Stern am Fußballhimmel. Einst strahlte er bis in die zweithöchste Spielklasse und lieferte für Heilbronn den Stoff, der Fußballerherzen höher schlagen lässt. Diese Zeiten sind lange vorbei, ein alter Hut. Dennoch weht mehr als ein Hauch von Wehmut über das Gelände an der Badstraße. Ein Besuch bei Zeugwart MARTIN WÖRNER zeigt die Zerrissenheit der Heilbronner Fußballseele. Von Florian Damaschke Fotos: Meli Dikta

Für Martin Wörner sind die Rasenplätze und Kabinen an der Badstraße das, was der Schrebergarten für Kleingärtner ist. Hier gibt es keinen Grashalm, den er nicht schon einmal mit weißer Kreide in ein Spielfeld verwandelt hätte. Und keine Kachel, die seinem Kehrbesen entkommen würde. Er trägt eine weite Jeans und hat einen gestreiften Pullover sauber in den Hosenbund gesteckt. Ein Gürtel hält die Kombination über dem Bauchansatz zusammen. Ordnung muss sein. Auf und neben dem Platz. So hat er das schon immer verstanden. 1979, in seiner ersten Saison als Betreuer beim VfR Heilbronn, hat er der 2. Mannschaft aus eigener Tasche einen neuen Satz kurze Hosen gekauft. »Die 900 Mark siehst Du nie wieder!«, hat seine Mutter damals zu ihm gesagt. Viel Geld für einen, der ohne Lehre bei Läpple Autoteile anstreicht. Sei es drum! Wichtig war nur, dass seine Mannschaft sonntags in sauberen Hosen zum Bezirksligaspiel antreten kann. Nachdem der Waschsalon mehrfach zu heiß gewaschen hatte, nahm er die Wäsche bald selbst in die Hand. Seither landen höchstens sieben oder acht Oberteile pro Waschgang in der Trommel. Da geht der Schmutz von den weißen Leibchen am ehesten wieder raus. Stutzen und die schwarzen Hosen werden selbstverständlich immer getrennt von den Trikots gewaschen. Wegen der Verfärbung. Eiserne Regeln, die Martin Wörner seit bald vierzig Jahren jeden Tag mit stoischem Pflichtbewusstsein befolgt. Seitdem die Aktiven durch den Zusammenschluss mit der Fußballabteilung der Union Böckingen auf der anderen Neckarseite spielen, wäscht Martin Wörner an der Badstraße nur noch die Leibchen der Jugendspieler des FCUnion Heilbronn. Zehn Mannschaften in E-, D-, C- und B-Jugend: Das sind
immer noch genug, findet er. VfR und Union, das ist für einen wie ihn wie Feuer und Wasser.

Als er das erste Mal mit seinem Bruder als Fan ins Frankenstadion zum Fußball gucken ging, da war der VfR in Heilbronn das, was der VfB für Stuttgart ist. Der Verein in der Stadt, mit dem man durch dick und dünn geht, in guten wie in schlechten Zeiten. Damals, in den 70ern waren es meistens gute Zeiten. Die beiden
Brüder widmeten ihrem Verein jede freie Minute. Sie bemalten Fahnen und Banner mit dem schwarz-weißen VfR-Emblem, fuhren gemeinsam mit anderen Hardcore-Fans jedes zweite Wochenende quer durch den Süden der Republik, um ihren Verein auch bei den Auswärtsspielen in der Oberliga oder in der Regionalliga Süd, so hieß die zweithöchste deutsche Liga damals, zu unterstützen. Auch den ersten Fan-Club des VfR, den Glück- Auf 96, gründeten sie mit. Der Nachbarclub aus Böckingen konnte da nie mithalten. Weder sportlich noch beziehungstechnisch. Seit der Fusion zum FC Union Heilbronn sind die beiden ehemaligen Vorzeigevereine zu einem Club ohne Identität geworden. Für Martin ist das schwer zu verstehen, was die Urviecher und Großkopferten da oben aus seinem Verein gemacht haben. Den Auftritt des Vorstands auf der letzten Mitgliederversammlung im März kommentiert er nur lapidar: »Die häba wieder zu heiß gewäscha!« Er spricht dabei wie jemand, den das alles nicht mehr so richtig etwas angeht. Innerlich geht ihm der Niedergang des Vereins aber immer noch sehr Nahe. Der größte Fehler war seiner Meinung nach die Fusion des VfR mit dem HSV zum FC Heilbronn im Jahr 2001. »Seither isch nix mehr wie frühers«, wiederholt er kopfschüttelnd und mit belegter Stimme. Der Gedanke an seine alte Liebe VfR treibt dem sonst so gefassten Original von der Badstraße die Tränen in die Augen. Der VfR das war sein zu Hause und die Trauer über den Verlust der Heimat steht ihm in diesem Moment ins Gesicht
geschrieben. Trotzdem geht es weiter, immer weiter. Es ist Mitte März und die ersten warmen Tage locken Martin auch an spielfreien Tagen wieder öfter aus seiner Wäschekammer im Kabinentrakt des Frankenstadions hinaus ins Freie. Die Arme hinter dem Rücken verschränkt, schreitet er mit leicht schaukelndem Schritt über das Trainingsgelände. Auf seinem Rundgang hält er immer wieder inne, schüttelt Hände von Eltern und Betreuern, fängt hier ein Gespräch an oder wird von jungen Kickern, die mit bunten Fußballschuhen über den Rasen dribbeln und ihren Idolen Messi und Ronaldo nacheifern wie ein guter alter Bekannter beim Vornamen gegrüßt. »Martin, ist mein Trainingsanzug gekommen?«, ruft ihm einer vom Spielfeld zu. Martin schüttelt den Kopf und erwidert auf seine unwiderstehlich schnodderige Art, mit der er auch immer halb zu sich selbst spricht: »Noi, da isch heut noch nix komma«, nur um im nächsten Moment seinen Schlüssel fürs Büro aus der Hosentasche zu ziehen und sich dort zu vergewissern, dass tatsächlich noch nichts geliefert wurde. Sicher ist sicher. Im Kabinengang angekommen wirft er einen prüfenden Blick in den Wäscheraum und mustert den Berg Trikots, der schon auf dem Boden bereitliegt. Er hält kurz inne und geht im Geist die nächste Wäscheladung durch. So wie er das zuvor schon Tausende Male erledigt hat. Seine bedächtige und sorgfältige Art hat auf den ersten Blick etwas Einfältiges. Die Menschen, die ihn tagtäglich bei der Arbeit im Verein erleben, haben ein anderes Bild von ihm. Der Martin, heißt es da, weiß alles. Kann alles. Ist immer da! Für viele der talentierten Jungs, die an der Badstraße den Weg in den Profi- oder gehobenen Amateurfußball gesucht haben, ist Martin Wörner die wichtigste Identifikationsfigur im Klub. Bei ihm fühlen sie sich aufgehoben. Er kümmert sich um alles und jeden. Das hat auch Dennis erfahren. Er spielte von 1995 an neun Jahre beim VfR und FC Heilbronn, bevor er sein Glück bei den Stuttgarter Kickers suchte. Heute ist er zum ersten Mal seit Jahren wieder an der Badstraße, um sich mit einem Betreuer zu treffen. Als er Martin sieht, geht er sofort auf ihn zu und streckt ihm wie unter Fußballerkollegen üblich, die rechte Hand entgegen. In seinem Blick liegt eine Mischung ausEhrfurcht und der Freude, einen guten alten Bekannten wiederzusehen. »Das ist mein VfR-Papa«, sagt er mit stolzer Stimme. Gemeinsam reden sie über die guten alten Zeiten und dass ein Verein mit dem Umfeld und der Infrastruktur mindestens in der Regionalliga oder in der dritten Liga spielen
müsste. Wohlwissend, dass die Herrenmannschaft weiter davon entfernt ist, als jemals zuvor. Platz Fünf in der Bezirksliga Unterland. Weit, weit weg von jeglichem Glanz vergangener Tage. Die Wehmut hängt wie Blei über dem Gelände an der Badstraße. Martin Wörner ist jetzt 54 Jahre alt. Seitdem er als Teenager am alten Holztor im Frankenstadion die Karten abgerissen hat und den Spielern in der Halbzeit beim Gang in die Kabine eine Flasche Sprudel zusteckte, hat er keinen Arbeitstag an der Badstraße verpasst. Noch immer steigt er an jedem Werktag nach Schichtende bei Läpple um 15 Uhr auf sein Fahrrad und fährt vom Gewerbegebiet im Norden Heilbronns zum ehemaligen VfRGelände.

Nur einmal hat er gefehlt, als ihm 2004 ein Magengeschwür entfernt wurde. Und einmal ist er früher heim, wegen einer Grippe. Auch samstags und sonntags vormittags steht er auf der Matte und richtet die Plätze für den Spielbetrieb am Wochenende. Abends um 18 Uhr fegt er dann nochmal die Umkleidekabinen durch, damit auch nach den Spielen wieder alles seine Ordnung hat. Lange Zeit konnte er sich nichts anderes vorstellen, als am Wochenende und nach der Arbeit mit seinem Fahrrad an die Badstraße zu radeln. Seit seine Mutter vor vier Jahren ins Heim kam, hat sich etwas verändert. Etwas, das ihn mehr beschäftigt, als die ständigen
Abstiege des VfR oder die Fusionen mit dem HSV und mit der Union aus Böckingen. Bis dahin hatte er mit
seiner Mutter zusammengewohnt. Jetzt lebt er in Böckingen, weil ihm die gemeinsame Wohnung in der
Neckarsulmer Straße alleine zu groß wurde. Anstatt wie früher am Wochenende die Heimspiele anzugucken, verbringt er die Nachmittage mit seiner kranken Mutter. Den Weg nach Leingarten legt er mit dem Rad und der Stadtbahn zurück. Es ist komisch, aber zum ersten Mal in seinem Leben scheint er das Gefühl zu haben, dass er sich nicht auf immer und ewig um alles kümmern kann. Noch ertönt das monotone Geräusch der rotierenden Waschtrommel täglich an der Badstraße. Den Spielern und Betreuern beim FC Union Heilbronn wird bewusst sein, dass ein Verstummen der Waschtrommel mehr bedeuten würde, als ein Haufen schmutziger Trikots. Es wäre, als würde der Verein nach dem sportlichen Ansehen auch seine Seele verlieren. ◆

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